Aktuell 06. September 2016

Mehr Sternchen: Das Schwule Museum* leitet Generations- und Perspektivenwechsel ein

Das Schwule Museum* hat einen neuen Vorstand gewählt. Mit der Mitgliederversammlung vom 6. September 2016 erweitert sich das Leitungsteam von fünf auf acht Personen (plus einem kooptierten Sitz), die erstmalig für zwei Jahre statt bisher einem Jahr ins Amt gewählt wurden. Die bisherigen Vorstandsmitglieder Dr. Birgit Bosold (Finanzen & Ausstellungen), Dr. Kevin Clarke (Ausstellungsbetreuung, Veranstaltungen & Öffentlichkeitsarbeit) und Jan-Claus Müller (Personal & Betreuung der Ehrenamtler_innen) wurden in ihren Ämtern bestätigt. Hinzu kommt eine neue Generation von künstlerisch-aktivistischen Positionen, die verstärkt das Sternchen im Namen des Museums mit Leben füllen wollen, insbesondere durch Kompetenzen in den Erfahrungsräumen von Queerfeminismus, Transgender und People of Color.

Ein wichtiger Kernbereich der Aktivitäten der nächsten zwei Jahre wird die Einbindung der verschiedenen Communities durch partizipative Konzepte und Interventionen sein, um das Museum noch mehr als einen einzigartigen, vernetzten und vernetzenden Ort von er-/lebbarer LGBTIQ*- Geschichtsschreibung zu etablieren.

Die künstlerische Leitung des Museums verstärken die international arbeitenden Künstler_innen und Kurator_innen Vera Hofmann, Aykan Safoğlu und Vince Tillotson (kooptiert). Der Sozialwissenschaftler Heiner Schulze verstärkt den Bereich Workshops, Archiv und Veranstaltungen, Kommunikationswissenschaftler, Crowd-Funding-Experte und Leiter einer Fotobuchabteilung, Mischa Gawronski, wird sich u.a. um Sponsoring, Markenentwicklung und internationale Vernetzungen kümmern, der Sozialarbeiter Kai Vetter ums Personalwesen, das Herzstück des Museums, bestehend aus mittlerweile ca. 50 ehrenamtlichen und festangestellten Mitarbeiter_innen. 

KURZBIOGRAFIEN

Aykan Safoğlu geboren 1984 in Istanbul, Künstler und Kurator, lebt und arbeitet in Berlin. Er studierte an der Universität der Künste Berlin und dem Bard College in New York. Seine Arbeiten waren u. a. 2015 im  Ashkal Alwan Beirut, 2014 im Moderna Museet Stockholm, 2013 bei uqbar Berlin, 2012 auf der International Biennale for Young Art Moskau und 2011 in der Konsthall C in Stockholm zu sehen. In seiner künstlerischen Praxis beschäftigt er sich mit Geschichte_n aus marginalisierten Perspektiven, alternativen Lesarten von Kunstwerken, Queer-Politik, zeitgenössischen Identitäten in der Türkei, Nationalismus und Exil. Er entwickelt dabei ein reichhaltiges visuelles Vokabular und eine Stimme, die zwischen Kritik und Lyrik changiert. Sein Film Kırık Beyaz Laleler (Off-White Tulips), für den er 2013 bei den 59. Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen den Großen Preis der Stadt Oberhausen und 2014 den Best On Screen Award des Images Festival in Toronto/Kanada erhielt, bezieht seine Inspiration aus der Populärkultur, aktuellen Ereignissen und historischem Material. Ansonsten ist Freundschaft und ihre zeitgenössischen Formen in heutigen Gesellschaften ist eine inspirierende Landschaft für Safoğlu's Kunst. Er engagiert sich aktivistisch in Istanbul und in Berlin und künftig auch im Vorstand des Schwulen Museums*, damit dort die migrantischen Perspektiven und Positionen besser repräsentiert werden. 

Dr. Birgit Bosold ist seit 2006 (erstes weibliches) Mitglied des Vorstands des Schwulen Museums*. In dieser Funktion ist sie für die Finanzen des Hauses zuständig und war und ist maßgeblich an der strategischen Neuorientierung (neuer Standort und inhaltliche Erweiterung) des Schwulen Museums* beteiligt u.a. auch mit von ihr kuratierten Ausstellungen: 2008 die erste Lesbenausstellung im Hause, 2010 die Kunstausstellung Gender-Gap, 2011 eine Ausstellung mit künstlerischen Positionen zur Frauenfußball – WM (gefördert von der EU und der Kulturstiftung des DFB), 2012 eine Werkschau der Fotografin Petra Gall, deren umfangreiches und zeitgeschichtlich bedeutsames Archiv sie für das Schwule Museum* sichern konnte und 2014 eine Werkschau der international renommierten Fotografin Zanele Muholi in Kooperation mit Amnesty International, die vom Frauenmuseum Wiesbaden übernommen wurde.

Sie ist Projektleiterin und Co-Kuratorin der Ausstellung „Homosexualität_en“, die vom Schwulen Museum* initiiert in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Museum mit maßgeblicher Unterstützung durch die Kulturstiftungen des Bundes und der Länder 2015 in beiden Häusern gezeigt und 2016 vom LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster übernommen wurde. Als für die Gesamtleitung des Projekts Verantwortliche wurde sie zusammen mit dem Präsidenten des Deutschen Historischen Museums, Alexander Koch, 2016 vom Schwulen Netzwerk NRW für ihr Engagement mit der Kompassnadel ausgezeichnet.

Beruflich ist sie im Private Banking zu Hause, war nach Studium und Promotion im Fach Literaturwissenschaften langjährig bei verschiedenen renommierten Banken tätig und arbeitet heute freiberuflich als Beraterin im Bereich Portfoliomanagement für Unternehmen, Stiftungen und private Mandanten_innen sowie als Fachautorin und -dozentin.

Heiner Schulze ist ein in Berlin lebender Sozialwissenschaftler. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und war für Studien- und Forschungsaufenthalte an der Sorbonne Nouvelle in Paris, der New School of Social Research in New York City und der University of Agder in Kristiansand, Norwegen. Schwerpunkte seiner Forschung sind soziale Ungleichheit, HIV/AIDS-Krise, Trauma und Erinnerung sowie queere Geschichte und Interventionen. Er organisiert Veranstaltungen im akademischen und künstlerischen Bereich. Lange Jahre bildungspolitisch aktiv, begann er sich zunehmend auch queerpolitisch zu engagieren. An tuntische Traditionen der Schwulenbewegung anknüpfend ist er sowohl auf Stöckeln auf Demonstrationen anzutreffen als auch auf der Bühne als Teil einer Tuntenkombo. Vor seiner Wahl in den Vorstand des Schwulen Museums* war er ehrenamtlich in der Bibliothek des Museums aktiv. Auf diese Erfahrung aufbauend will er dem mitunter etwas vernachlässigten Bereich Bibliothek/Archiv in seiner Vorstandsarbeit mehr Beachtung schenken und Verknüpfungen zu Community und Wissenschaft stärken. Darüber hinaus sieht er das Schwule Museum* als wichtigen Sozialraum, der vor allem auch durch Veranstaltungen und Workshops belebt wird. In seiner Vorstandsarbeit will er diesen Sozialraum weiter beständig beleben und anderen Personen und Gruppen helfen, diesen Raum zu füllen.

Jan-Claus Müller, geboren 1962, arbeitet seit November 2010 ehrenamtlich im Schwulen Museum*  an der Kasse, als Aufsicht in den Ausstellungen, im Café und bei den verschiedensten Veranstaltungen. Seit 2014 ist er im Vorstand des Schwulen Museum* tätig. Seine Schwerpunkte liegen hier in der Betreuung der ehrenamtlichen Mitarbeiter_innen, dem organisieren und durchführen von Ehrenamtler-Workshops und als Ansprechpartner für  Personalfragen.

Hauptberuflich arbeitet Jan-Claus Müller als stellvertretende Leitung in einer großen sozialen Einrichtung im Sucht- und psychotherapeutischen Bereich.

Dr. Kevin Clarke wurde 1967 in Berlin geboren. Der Publizist und Musikwissenschaftler arbeitete nach dem Studium für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, u. a. Tagesspiegel, Opernwelt, als stellvertretender Chefredakteur bei der Jugendzeitschrift Twist (Bauer Vlg.) und als Ressortleiter für Playboy. Von 2011 bis 2013 war er MÄNNER-Chefredakteur. In seinen Aufsätzen und Büchern setzt er sich immer wieder mit LGBT-Themen auseinander (u. a. Glitter and be Gay: Die authentische Operette und ihre schwulen Verehrer, Porn: From Andy Warhol to X-Tube, The Art of Looking: The Life and Treasures of Collector Charles Leslie). Zum Schwulen Museum* kam er über eine Ausstellung zum Operettenregisseur Erik Charell (Im weißen Rössl); später hat er mit jeweils neuen Teams die Ausstellungen Porn That Way und SuperqueeroesUnsere LGBTI*-Comic-Held_innen kuratiert. Seit 2014 ist Clarke im Vorstand des Schwulen Museum* und hat sich um intensivere Kontakte zur Presse gekümmert, er hat auch versucht, neue Events ins Haus zu holen (u. a. den Black Literature Salon, Vorträge über Indiens Drittes Geschlecht, Diskussionsrunden wie „Was bedeutet es heute jung und queer zu sein?“, Buchpräsentationen mit den CockyBoys). Sein Ziel ist es, das Museum zu einem lebendigeren Ort für verschiedene Communities zu machen und neue Gruppen ans Haus zu holen, z. B. die Kurator_innen von millionaires can be trans* // you are so brave* oder die Kuratoren der Türkeiaustellung 2017.

Hauptberuflich arbeitet Clarke als Autor und Kurator, u. a. fürs Theatermuseum Wien. Er unterrichtet an verschiedenen Universitäten, Graduate Centers und Hochschulen und leitet seit 2006 das Operetta Research Center Amsterdam.

Mischa Gawronski arbeitet als freier Creativ Director für Verlage wie Bruno Gmünder und Werkkraft. Er ist dort für über 20 Bücher im Jahr verantwortlich. Als einer der ersten im deutschen Verlagswesen identifizierte er das Crowdfunding als eine der tragenden Säulen zukünftiger potentieller Geschäftsmodelle und betreute hier in kurzer Zeit Projekte mit einer Gesamtsumme von über 300.000 Euro. Er studierte an der Universität der Künste Berlin Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. Als diplomierter Kommunikationswissenschaftler interessiert ihn, als Mitglied des neuen Vorstandes, die Stärkung der internationalen Beziehungen mit relevanten Wegbegleitern und die Entwicklung passender Erlösmodelle für ein Museum von globaler Bedeutung. Sein Fokus liegt dabei auf der strategischen Konzeption von Marken und Businessmodellen. Neben seiner ehrenamtlichen Tätigkeit für das Schwule Museum*, seiner Tätigkeit als Creative Director und seiner Arbeit als Fotograf entwickelt er zusammen mit schwulen Künstlern Projekte zur Kommunikation und Monetarisierung ihrer Arbeiten.

Kai Vetter wurde 1990 im baden-württembergischen Bruchsal geboren. Seit 2011 in Berlin lebend ist er aktiv in der linken und queerfeministischen Szene und bewegt sich als (Polit-)Tunte auf verschiedenen Bühnen. Über verschiedene Freiwilligendienste, ein Studium der Philosophie, Erziehungswissenschaft und gender studies an der Universität Potsdam führte sein Weg zum dualen Studium der sozialen Arbeit an der Hochschule für angewandte Pädagogik, wo er auch hochschulpolitisch aktiv ist. Seinen beruflichen Alltag bestreitet er als Sozial Arbeiter an einer Charlottenburger Grundschule.

Schon vor der Wahl zum Vorstand war Kai circa zwei Jahre ehrenamtlich im Schwulen Museum* tätig und arbeitete ebenso im Museumsdienst als auch für den Vorstand, wo er sich der Netzwerkarbeit und dem Ehrenamt im Schwulen Museum* widmete.

Vera Hofmann wurde 1979 in Gießen geboren, lebt in Berlin und ist international als Künstlerin tätig. Zuvor arbeitete sie einige Jahre, nach BWL-Studium, als Beraterin in Werbeagenturen wie Scholz & Friends für diverse DAX-Unternehmen und kulturelle Einrichtungen. Ihre multidisziplinären, oft zeit-und ortsspezifischen Projekte zu vielfältigen Themen wie Finanzkrise, Atommüllendlagerung, Ressourcenzerstörung, Krebs, Verlust, Heilung, Empowerment erhielten Auszeichnungen und werden in diversen Ausstellungskontexten gezeigt, beispielsweise im De Appel Arts Centre Amsterdam (2016), Benaki Museum Athen (2015), Haus der Kulturen der Welt Berlin (2013), Palais de Tokyo Paris (2012). Sie studierte Fotografie am Lette Verein Berlin und Bildende Kunst am Sandberg Institut/ Gerrit Rietveld Akademie in Amsterdam. Den Umzug des Schwulen Museums* in die neuen Räumlichkeiten hat sie mit dem von ihr 2011 co-gegründeten Künstler_innenunternehmen ‚Benten Clay’ durch ein fotografisches Tableau aller Mitarbeiter_innen begleitet. Mit ihrem Engagement im Vorstand möchte sie sich schwerpunktmäßig um den Ausbau der zeitgenössischen Kunstsparte des Museums kümmern, an einer strategischen Ausrichtung für die nächsten Jahre mitwirken und die Institution zu einen lebendigen, inklusiven und magnetischen Ort mit relevanter Reichweite über die Communities hinaus weiter entwickeln.