Aktuell 17. Januar 2018

Rede von Vera Hofmann am 17.1.2018 zur Eröffnung des „Jahr der Frau_en“ und der 12-Monde-Filmlounge

Die Rede folgte auf ein Neumondritual, in dem drei Künstlerinnen* in allen Räumen des Museums die neuen Energien willkommen hießen.

Einen wunderschönen guten Abend.

Ich hoffe, ihr freut Euch auf einen tollen gemeinsamen Abend!

Ich möchte kurz zu Euch sprechen als Vorstandsmitglied, Leiterin der Ausstellungsgruppe des Museums, als Ko-Projektleiterin des „Jahres der Frau_en“ und als Initiatorin der „12 Monde“
– das alles aus persönlicher Perspektive von meinem Standpunkt aus als Künstlerin.

Eine Anmerkung zu Beginn: Wenn ich in meinen Ausführungen von Frauen* spreche, meine ich damit explizit alle Weiblichkeiten*, aus Mangel an besseren Begriffen der deutschen Sprache.

Ich habe das Themenjahr „Jahr der Frau_en“ mit Birgit Bosold zusammen konzipiert und mit einem Team des Schwulen Museums ausgearbeitet. Es ist eine radikale Idee, in einem Museum ein Jahr lang ein (queer-)feministisches Programm zu machen und schwerpunktmäßig Frauen* und Feministinnen* kuratieren zu lassen und einzuladen. Es ist noch radikaler, wenn das Museum Schwules Museum heißt, eine hauptsächlich schwule Sammlung, schwule Geschichte und cis-männliche Mitarbeiter hat. Aber Radikalität hat dieses Haus schon immer ausgezeichnet und deshalb ist es hier wunderbar aufgehoben.

Wir wollen in diesem Jahr niemandem seine Diskriminierungserfahrungen absprechen – sondern lediglich das Narrativ erweitern und verändern,
denn Sexismus und Misogynie schädigen auch Männer,
vor allem schwule Männer.

Wie Sara Ahmed sagt,

Solidarität geht nicht davon aus, dass unsere Kämpfe die gleichen sind oder dass unsere Schmerzen die gleichen sind oder dass wir auf die gleiche Zukunft bauen. Solidarität beinhaltet Engagement, und Arbeit, und die Anerkennung, dass auch wenn wir nicht die gleichen Gefühle haben, oder die gleichen Lebensrealitäten oder die gleichen Körper, wir doch auf demselben Boden leben.

Die Zeichen der Zeit stehen auf Umbruch
– mal wieder –
und hoffentlich endlich erfolgreich:

JETZT ist die Zeit, Platz zu machen, neue Allianzen zu bilden und Weichen in Richtung einer radikal queeren Zukunft zu stellen, der Utopie des gewaltfreien, friedlichen Miteinanders aller Menschen, aller Lebewesen, Dinge und Energien.

Dieses Jahr ist ein Projekt.
Queerfeminismus ist ein Projekt.
Genauso wie das gute Leben für alle ein Projekt ist und immer bleiben wird.

Das Jahr wird zeigen,
wie weit wir kommen
und ob wir hinterher kommen

mit allen Wünschen und Anforderungen, die wir an uns selbst richten
und die wir aus den Communities hören, die sich hier noch nicht wiedergefunden haben oder eingeladen fühlten.

Es soll ein diskursives und spannendes Jahr werden, mit vielen neuen Erkenntnissen, Perspektiven und Einsichten, explizit für ein Publikum aller Gender, Sexualität_en, Begehrens- und Lebensformen.

Das Programm des Jahres der Frau_en könnt ihr demnächst auf unserer Website finden, deshalb fasse ich mich jetzt hier kurz, möchte Euch aber dennoch einen kleinen Einblick geben:

Im Frühjahr

freue ich mich auf den Start unserer queerfeministischen Vortrags- und Workshopreihe, die uns über das Jahr hinweg begleiten wird.

Mit dabei ist Prof. Dr. Ulrike Auga, die uns ins queere soziale Imaginäre führt. (Sie ist heute anwesend.)

Im Frühsommer

kuratiert Birgit Bosold und Team eine propädeutische Ausstellung mit dem Titel „Lesbisches Sehen“, die nach der Abbildung lesbischer und bisexueller Lebensrealitäten in der Kunst fragt. (Birgit ist noch nicht zurück aus Java, aber im Februar wieder dabei.)

Der Herbst

gewährt uns intimste Einblicke in die jährlich stattfindende FLT*I BDSM Konferenz in Berlin, die eigentlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Dies ist also sehr besonders, und wir fühlen uns geehrt, dass wir eine Ausstellung darüber hier im Haus beherbergen dürfen. Kuratiert wird sie von Birga Meyer und Luan Pertl.

Die Medienwissenschaftlerin Claudia Reiche wiederum wird mit der Ausstellung „Hijra Fantastik“ die Utopie imaginieren, wie es gewesen wäre, hätte die indische Regierung eine Vertreter_in des Dritten Geschlechtes auf sowjetische Raummission entsendet.

Das Jahr geht im Winter zuende

mit einer utopisch-dystopischen Ambivalenz. Das queerfeministische Kollektiv Coven Berlin zieht Verbindungen zwischen Hexerei und Science-Fiction, beides Sinnbilder für das Anderssein.

In Tapetenwechsel, in der Ausstellung, in der wir gerade stehen und die von der Gründungsmutter des Museums Wolfgang Theis kuratiert ist, wird es Hommagen geben an das LAZ, das Lesbische Aktionszentrum Westberlin, ko-kuratiert von den Frauen des LAZ (Christine Härdel ist heute anwesend) und an Mahide Lein, eines der Urgesteine der Berliner Lesbenszene. (Mahide ist heute auch anwesend.)

Darüber hinaus wird es ein Minisymposium zu Monique Wittig geben, sowie weitere Lesungen, Workshops, Performances und auch in diesem Museumskontext bisher unerprobte Formate.

Ich möchte am heutigen Abend ein paar Intentionen setzen für dieses Jahr:

Niemand von uns hat die Antwort auf alle Fragen. Was die Feminismen und die Kunst eint, ist die lebenslange Suche, weniger nach den Antworten als nach den Fragen.

Lasst uns gemeinsam suchen, und uns FREUNDLICH gegenseitig hinweisen und damit uns sowohl individuell als auch kollektiv empowern!
Ich lade unser Nichtwissen ein!

Jede_r von uns wird Fehler machen. Menschen werden sich nicht gesehen fühlen, manche unterrepräsentiert oder wieder andere erleben Verlustängste. Emotionen werden hochkochen und sich wieder abkühlen.

Lasst uns die Größe kultivieren und pflegen,
gütig zu sein, verzeihend und zuhörend.
Ich lade unsere Verletzlichkeit ein!

Für uns als Mitarbeiter_innen dieses Museums
und für die eingeladenen Programmgestalter_innen wünsche ich mir,
dass wir uns im Hinblick auf die Kapazitäten, die wir haben,
nicht verausgaben und gut miteinander und mit uns selbst umgehen,
uns wertschätzen und uns gegenseitig bestärken in unserer Unterschiedlichkeit.

Ich lade alle Weiblichkeiten* und weiblichen* Energien ein, sich im Museum Raum zu nehmen, sich auszudrücken und zu leuchten!

Das “Jahr der Frau_en” soll ja auch Spaß machen,
deshalb lade ich die Freude und das Lachen ein!

In meinem Selbstverständnis gehe ich davon aus,
dass wir alle,
auch über die Zeiten hinweg miteinander verbunden sind.

Wir trinken alle vom selben Wasser,
das schon seit Geburt des Lebens auf diesem Planeten
den immer gleichen Kreislauf durchläuft.

Der Mond bewegt das Wasser in uns.

Und da sind wir auch schon beim Thema des heutigen Abends,die Eröffnung der Filmlounge 12 Monde!

Heute ist der erste Neumond des Jahres:
Zeit für Erneuerung, Zeit für das Unsichtbare ans Licht zu kommen.

Ich habe uns ein Mondjahr gebaut und einen Raum.

Nicht am 1. jeden Monats
sondern zu jedem Neumond wird das Programm der Filmlounge gewechselt

(mein kleiner Beitrag zur Machtkritik).

Gezeigt werden unterschiedliche filmische Formate und internationale
(queer-)feministische Positionen,
Klassiker   -    Ungesehenes    -    Neues.

Die Suche nach den Filmen ist kollektiv angelegt.

Ich habe zwar thematische Vorgaben im Kopf, suche mir aber Gastkurator*innen, die das Programm mit mir gestalten wollen.

Wir werden Zeitzeug_innen und Expert_innen aus unterschiedlichen Teilen der Welt befragen, besuchen Archive und gehen auf Festivals.

Es wird 12 Programme geben, jeden Mondzyklus ein neues.

Die Daten für den Programmwechsel sind einfach zu merken,
da genügt ein Blick in den Mondkalender.

Ab und an wird es ein Begleitprogramm mit speziellen Screenings und Panels mit den Filmemacher_innen geben, dafür schaut auf unserer Website nach. Es wird nicht jeden Monat eine Eröffnung geben, manche Monde wechseln still.

12 Monde sind eine Menge Filme.
Ich freue mich sehr auf diese Entdeckungsreise.

Ich möchte Euch herzlich einladen, mitzumachen.

Wer selbst Filme macht, Filmemacher_innen kennt,
wer mitarbeiten möchte
oder den einen Film unbedingt ins Museum bringen möchte,
sei herzlich eingeladen, sich bei uns zu melden!

Das Projekt 12 Monde ist aus Liebe entstanden und aus Wut.

Wut auf die sich seit Jahrtausenden täglich reproduzierten Zumutungen, Diskriminierungen und Marginalisierungen von Frauen* und Weiblichkeiten* aller Ausprägungen. Im Film, in Museen, in der Welt.

Ich glaube an Utopien und starke Bilder
An die Imaginationskraft des queeren und weiblichen* sozialen Körpers
Ich glaube an die Frauen* und Queers vor uns und nach uns
Und daran, dass wir alternative Vorbilder dringend brauchen.

12 Monde ist eine Intervention, kein Kino.

Ich möchte, dass im Schwulen Museum
jeden Tag,
jede Minute der Öffnungszeit
mindestens eine weibliche* Stimme zu hören ist.

Deshalb laufen die Filme in der Filmlounge im Loop.
Jeden Tag,
jede Minute,
ein ganzes Jahr lang.

Wut sitzt im Herzen, wie die Liebe.
In dieses Projekt stecke ich viel Engagement, um die Filme zu zeigen,
die mich und so denke ich auch andere, auf unseren Lebenswegen, in unserem Selbstverständnis und unserem Begehren unterstützen, bereichern und bestärken können. Ich wünschte, ich hätte zu meiner Coming-of-Age-Zeit Orte gehabt, die mir einen solchen Zugang ermöglicht hätten.

Ich sehe meine Aufgabe und mein künstlerisches und menschliches Handeln für die „12 Monde“ –­  sowie auch für das gesamte „Jahr der Frau_en“  und im Schwulen Museum – darin,
neue Strukturen zu schaffen,
Platz zu schaffen,
Räume anzubieten,
Atmosphären zu kreieren, in denen wir uns anders, neu oder wieder begegnen können.
Uns in uns selbst und miteinander.

Ich denke, wir haben im Team eine zeitgenössische Art und Weise gefunden, einen multifunktionalen Raum zu schaffen, der es ermöglicht alleine, zu zweit, zu vielen, mal über Kopfhörer im laufenden Museumsbetrieb oder mal über Lautsprecher – so wie heute – Filme zu schauen. Er erlaubt es, über das Jahr hinweg die Betrachtungssituationen, Sitzplätze, Anzahl der Bildschirme und der Perspektiven zu verändern.

Lasst mich nun auf den Ablauf des heutigen Abends eingehen.

Er ist klein, der kleinste des Museums und wir haben ihn sogar noch kleiner gemacht und ihr werdet nicht alle reinpassen. Fühlt euch aber frei, euch überall in diesem Raum hinzusetzen, dafür ist er gedacht. Heute Abend könnt ihr schnuppern, rein- und rauslaufen und zwischendurch die anderen Ausstellung ansehen. Es gibt einen Begleittext zum Programm, der vorne und im Raum ausliegt.

Wir werden 3 Filme auf dem Beamer hintereinander und heute mit Lautsprecher zeigen:

Matriarchy (10 Minuten)
Mothership goes to Brazil (27 Minuten) und
Small Talk (88 Minuten)

Auf den 2 Monitoren über Kopfhörer sind zu sehen:

Mutterstücke
und
I Am

Der erste Mondzyklus ist unseren Müttern gewidmet und heißt
Am Anfang die Mütter.

Ich würde behaupten, dass es keine „gute“ Mutter im falschen System geben kann, und die den Müttern zugedachten Erwartungen und Pflichten überfordern alle Beteiligten. Dies hinterlässt auf allen Seiten Wunden.

Wir sind alle Expert_innen darin, was es heißt, eine Mutter zu haben, in ihrer An- oder ihrer Abwesenheit. Die fünf ausgewählten Filme widmen sich der Sozialbeziehung Mutter-Tochter und laden uns ein, unsere Mutterwunde wieder oder neu zu betrachten.

Wenn ihr alle Filme sehen wollt, kommt gerne wieder. Ihr habt einen Mondzyklus lang Zeit. Die Laufzeit aller Filme zusammen beträgt ca. 6 Stunden.

Schließen möchte ich mit einer Dankesrunde, aber vorher noch kurz zwei Sätze, die ich als Abschluß eines anderen Textes – über meine Mutter übrigens – geschrieben hatte, die ich im Kontext des Schwulen Museums und den aktuellen Debatten aber durchaus auch passend finde.

Übersetzt aus dem Englischen:

Wenn wir immer noch kämpfen müssen, haben wir wahrscheinlich immer noch etwas aus den Wunden zu lernen, die wir kreieren.

Wenn wir aber lernen, wie wir sie heilen können,
müssten wir sie vielleicht gar nicht erst zuvor kreieren.

Mein herzlicher Dank geht an:

zuerst die Filmemacher_innen
für ihre Begeisterung für das Projekt, ihre couragierten Filme und ihre Großzügigkeit:

- Rosa Navarrete & Patricia Zamorano aus Boyle Heights, L.A., für Matriarchy (sie werden uns während der Berlinale besuchen)

- Hui-Chen Huang  aus Taiwan für Small Talk (auch sie wird während der Berlinale zu uns kommen)

- Sonali Gulati aus Virginia für I Am  (sie schickt ganz herzliche Grüße)

- Josefin Arnell für Mothership goes to Brazil
(Josefin is here tonight)

und Michaela Schäuble, Nan Mellinger, Sandra Kulbach and Johanna Straub für Mutterstücke 

(Johanna Straub ist heute Abend hier)

Meinem Assistenten Felix Roadkill für das Raumhalten der weiblichen* Energie

Carolin Gießner und Théo Demans, die Designer*innen für die Szenografie, your super hard and professional work!

Sadie, Nika und Caritia for the ritual and preparing the space for the femininity_ies*

DJ Frizzle für die Musik im Café

Allen Ehrenamtlichen, die Euch an der Bar versorgen

Vielen Dank an alle im Schwulen Museum für Euer Vertrauen und Eure Unterstützung

Ich führe Euch jetzt in den Raum, dann werfen wir die Filme an und die Bar ist eröffnet!

Habt einen schönen Abend und ein tolles Jahr der Frau_en!