Ausstellung 17. Mai 1997 - 17. August 1997

Goodbye to Berlin? 100 Jahre Schwulenbewegung

Die Ausstellung 100 Jahre Schwulenbewegung widmet sich dem Geburtstag der weltweit ersten homosexuellen Selbstorganisation, dem 1897 in Berlin gegründeten "Wissenschaftlich-humanitären Komitee" (WhK), das zum internationalen Vorbild werden sollte. Schon im 19. Jahrhundert hatte es vereinzelte und isolierte Schriftsteller gegeben, die die Homosexuellenverfolgung, die verweigerte Emanzipation kritisierten. Aber erst nach der spektakulären Verurteilung des Dichters Oscar Wilde im England des Jahres 1895 sollte mit dem WhK in Deutschland eine neue Qualität erreicht werden, die Organisation des "Befreiungskampfes", die Einflussnahme auf die Gesetzgebung und auf die öffentliche Meinung mit dem Ziel, Freiheit und Gleichheit für die Schwulen zu verwirklichen. Die Ausstellung veranschaulicht die Geschichte dieser Selbstorganisation und ihrer Nachfolger, ihrer Kämpfe, Fortschritte und Fehlschläge. Gleichzeitig soll die Diskussion von Homosexualität in der Öffentlichkeit dargestellt werden. Dabei geht es nicht nur um die Äußerungen von Ärzten, Psychiatern, Juristen, der Kirche und Polizei, sondern besonders um die Bereiche Kunst, Literatur, Theater und Film.

Für die ersten fünfzig Jahre bis 1945 wird die deutsche Entwicklung dieser sozialen Bewegung in ihrer vielfältigen Ausprägung im Vordergrund der Ausstellung stehen. Hier gab es bereits im Kaiserreich mehrere Gruppierungen. Nach der Revolution von 1918/19 wurde die Schwulenbewegung zu einem Massenphänomen mit Freundschaftsbünden in fast allen größeren und kleineren Städten des Deutschen Reiches und einer Vielzahl schwuler Zeitschriften und mehrerer Verlage. In keinem anderen Land hat es in dieser Zeit eine vergleichbare Entwicklung gegeben. Nur in Deutschland blühte ein selbst organisiertes schwules leben derartig auf. Die beiden einzigen ausländischen Organisationen, die über mehrere Jahre kontinuierlich bestanden, seit 1911 in den Niederlanden und seit 1913 in England, waren Ableger der deutschen Mutterorganisation WhK. Die versuche in Österreich, den USA und auch Frankreich ähnlich vorzugehen, Gruppen und Zeitschriften zu gründen, scheiterten jeweils an den gesellschaftlichen Restriktionen dieser Länder. Allerdings gab es in fast allen Großstädten der Welt damals schon eine mehr oder weniger tolerierte schwule Subkultur, Treffpunkte, Bars und Bälle. Das Thema Homosexualität konnte unabhängig von einer eigentlichen Schwulenbewegung in diesen Ländern literarisch und künstlerisch umgesetzt werden. So werden beispielhaft England und Frankreich der speziellen Entwicklung in Deutschland gegenüber gestellt. Mit der Zerschlagung der Schwulenbewegung durch die Nazis 1933 endete die in Deutschland besonders fruchtbare Emanzipationsbestrebung. In der Schweiz konnte die 1932 gegründete Gruppe die Zeit bis 1945 überstehen.

Die zweite Hälfte der Ausstellung widmet sich der schwulen Selbstorganisation nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Westeuropa, besonders den Niederlanden, Skandinavien, England, Frankreich, Deutschland und auch den USA. Im Gegensatz zur Zeit vor 1933 stellt der deutsche Anteil in der nunmehr international ausgerichteten Schwulenbewegung ihrem historischen Gewicht entsprechend nur ein bereich unter mehreren gleichrangigen dar. Die internationale Vernetzung nicht nur der einzelnen Gruppen, sondern auch der literarischen, künstlerischen und filmischen Darstellungen stehen hier im Vordergrund: Die jeweilige Orientierung an ausländischen Forschungsergebnissen, beispielsweise von Kinsey, der in Amerika die Forschungstätigkeit von Hirschfelds ehemaligen Institut für Sexualwissenschaft fortführte; die niederländischen Bestrebungen, in den fünfziger Jahren eine schlagkräftige internationale Dachorganisation aufzubauen und internationale Kongresse abzuhalten; die Vorreiterrolle Skandinaviens in der Gesetzgebung und die dortigen Publikationsfreiheiten für erotische und pornographische Werke seit den sechziger Jahren. Spätestens seit Ende der sechziger Jahre wurden England und die USA mit der Gay Liberation zum weltweiten Vorbild einer zumeist studentisch organisierten Schwulenbewegung. Dementsprechend werden die Jahre von Stonewall bis heute, die sexuellen Freiheiten der siebziger Jahre, die Spezialisierung der Schwulenbewegung in den achtziger Jahren und der Kampf gegen AIDS vorrangig an hand dieser beiden Länder im Vergleich mit Deutschland dargestellt.

Kurator: Andreas Sternweiler