Ausstellung 28. März 2014 - 30. Juni 2014

"Ich gehe meine eigenen Wege..." Sascha Schneider - Kunst und Homoerotik um 1900

Sascha Schneider lebte in einer Epoche des Umbruchs, in einem Zeitalter der Widersprüche. Das liberale Klima um 1900 machte Berlin zu einem Anziehungspunkt vieler Homosexueller. Gleichzeitig war Homosexualität durch den § 175 verfolgt und die Berliner Polizei schuf dafür ein eigenes Dezernat.

Schneiders künstlerisches Schaffen rückt im Kontext der Freikörperkultur der vorletzten Jahrhundertwende in den Vordergrund. Sein Hauptmotiv ist der männliche Körper. Er wird in seinen Arbeiten zum variationsreichen Thema und zum begehrten Objekt des Betrachters. Schneider greift Motive der klassischen Antike auf, beschäftigt sich mit dem idealen Menschenbild und strebt die reine Darstellung des Menschen an. Es finden sich Darstellungen von fragilen Epheben (der antiken Vorstellung eines schönen Jünglings) genauso wie von kraftstrotzenden Männlichkeiten. Die freimütige Darstellung von männlichen Körpern wurde mithilfe der sogenannten „Hygiene-Bewegung“ forciert. Diese wollte das klassische Konzept des gesunden und starken Körpers – nackt und oft im Freien trainierend – wieder auferstehen lassen. Darin fand Schneider eine kulturell akzeptierte Form für sein Begehren.

Schneiders Oeuvre gilt als Zeugnis früher „schwuler“ Kunstauffassung und ist damit von besonderem historischem Interesse. Er selbst wird heute als einer der ersten selbstbewussten wie selbstverständlich „schwulen“ Künstler verstanden. Obwohl Schneiders Gesamtwerk bedingt durch die Weltkriege und die deutsch-deutsche Teilung als verschollen oder zerstört gilt, sind etliche Arbeiten erhalten geblieben.

Das Schwule Museum* zeigt die Sammlung Röder mit Bildern, Fotografien, Skulpturen und öffentlichen Wandmalereien mit homoerotischen Themen. Der Sammler Hans-Gerd Röder wird zur Ausstellungseröffnung über „Der Sammler und sein Werk – 40 Jahre für Sascha Schneider“ sprechen. Die Ausstellung ist von Jonathan David Katz organisiert und kuratiert worden und war bereits 2013 im Leslie Lohman Museum in New York zu sehen. Katz ist der Vorstandsvorsitzende der Leslie-Lohman Gay Art Foundation und wird bei der Eröffnung in Schneiders Werk einführen (auf engl. mit dt. Übersetzung).

Rudolph Karl Alexander (genannt Sascha) Schneider (1870-1927) war deutscher Maler, Grafiker und Bildhauer. Er entstammte einer dänischen Familie, die 1881 nach Zürich und bald darauf nach Dresden zog. Nach seinem Kunststudium an der Dresdner Kunstakademie bezog Schneider 1893 gemeinsam mit einem Freund ein Atelier in Dresden und bestritt Einzelausstellungen. Seine Freundschaft zum deutschen Bildhauer, Maler und Grafiker Max Klinger vermittelte ihm Kontakte in die etablierte Kunstszene. 1900 eröffnete er sein Einzelatelier in Weimar. Im Jahr 1903 lernte er Karl May kennen, der vom symbolistischen Stil Schneiders beeindruckt war und ein Wandgemälde in Auftrag gab. Kurz darauf beschließt Karl May seine Reiseerzählungen mit neuen Deckelbildern von Schneider gestalten zu lassen.

Schneider wird im selben Jahr zum Professor für Aktzeichnen an die Kunsthochschule in Weimar berufen. Dort gerät er rasch zwischen die Fronten verschiedener Kunstrichtungen und es wird an seinem Privatleben Anstoß genommen. Im Jahr 1908 gab er die Stelle auf und ging ins Exil nach Italien. Hintergrund war ein Erpressungsversuch seines damaligen Freundes, weswegen ihm eine Anklage nach §175 drohte. In Italien etablierte er sich rasch, kam aber immer wieder inkognito nach Deutschland zurück. 1914 kehrte er endgültig zurück, arbeitete ab 1917 im Dresdner Künstlerhaus und gründete 1920 das „Kraft-Kunst-Institut“ in Dresden. Im Jahr 1926 wird er Mitglied des Ehrenausschusses der Internationalen Kunstausstellung Dresden, auf der er mit einem Beitrag auch vertreten ist. Schneider starb 1927 auf einer Rundreise bei Swinemünde an einem Diabetes-Anfall.

Organisiert und kuratiert vom Leslie Lohman Museum