Ausstellung 12. Mai 2017 - 28. August 2017

Tapetenwechsel 2.1 // "Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es"

SIMONE DE BEAUVOIR LESEN! Vernissage: 11. Mai 2017, 19.00 Uhr

Ist Frauenemanzipation ein alter Hut, ein Ladenhüter, ein Projekt von Gestern? Hat sich die Kategorie des Geschlechts nicht längst aufgelöst? Wollen wir denn heute noch wie Beauvoirs Männer transzendieren? Hat sich die Idee des einen, des starken, des übermächtigen Geschlechts nicht überholt? Sieht man sich heute um in Europa, in der Welt, wird dieses Geschlecht gerade re-installiert oder es wurde sowieso nie in Frage gestellt.

Mit der Verneinung der Frauenemanzipation fallen auch die Rechte anderer Minderheiten. Die Emanzipation der Schwulen war eh der Frauenbewegung geschuldet – ohne starke Frauen keine schwachen Schwulen und sind Lesben, wie Monique Wittig bezweifelt, überhaupt Frauen? Zeit also, die Bibel des Feminismus hervorzukramen, in ihr zu blättern, sie zu befragen. Ein wirkmächtiges Buch, die erfolgreichste Verbreitung existenzialistischer Ideen, ein Verkaufsschlager, ein Welterfolg. Wie alle Grundlagentexte zu umfangreich und zu wenig gelesen. Ein Plädoyer für die Freiheit jedes Einzelnen egal welcher wie auch immer gearteten gesellschaftlichen Zuschreibung oder biologischen Determinierung. Eine Aufforderung zur Freiheit, zur Übernahme der Verantwortung für die eigene Existenz. Simone de Beauvoir lesen ist keinesfalls Nostalgie.

Ihre Bestandsaufnahme des Weiblichen ist an manchen Stellen etwas antiquiert, der Text stammt aus dem Jahr 1949, aber in ihrer Argumentation bleibt Simone de Beauvoir aktuell wie eh und je. Nicht vergessen: „Es ist kein Naturgesetz, dass die Seite der Emanzipation gewinnt.“*

Also: Simone de Beauvoir lesen, Simone de Beauvoir beherzigen, Simone de Beauvoirs Freiheit verwirklichen!

* Dieser Satz ist von Volker Weiß geklaut.

Die Ausstellung ist Fräulein Hermine Wagner gewidmet.

Wer war Fräulein Wagner, genauer gesagt ein Blaustrumpf mit Vornamen Hermine? Sie war die erste emanzipierte Frau, die meinen Lebensweg kreuzte. Eine imponierende vierschrötige Frau mit leichtem Damenbart, harte Schale, weicher Kern. Ein herzensguter Mensch, aber stolz und unbeugsam. Der Sage nach soll sie in ihrem Leben mehrere Männer, die ihr dumm kamen, mit ihrem immer verfügbaren Regenschirm, den sie auch als Spazierstock gebrauchte, verprügelt haben. Mann wahrte Abstand. Sie hat mich, ihren damaligen Kochlehrling, vergebens versucht, für die Musik zu begeistern. Sie liebte Opern.

Mit ihr hatte ich meine ersten musikalischen Erfahrungen. Leider war ich schon damals rettungslos ans Kino verloren. Auf der Anrede „Fräulein“ bestand sie mit Nachdruck. Ihrem Andenken ist die Ausstellung gewidmet.