News 18 January 2018, 19:00

Schon wieder Freud? Zur Aktualität der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“

Was lässt sich heute – 113 Jahre nach Erscheinen von Sigmund Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1905) – überhaupt noch über diesen Text sagen, ohne lediglich zu wiederholen, was schon längst irgendwo gesagt oder geschrieben wurde? Wenig und doch so einiges: Getreu dem Motto: Wer nichts weiß, der weiß Bescheid, wird gerade wenn es um Sexualität geht immer wieder Bescheid gewusst, normiert, vermessen und sortiert.
Freuds Versuch, sich dem Rätsel der menschlichen Sexualität zu stellen, ist schon deswegen noch heute diskussionswürdig, weil er „erhellend scheiternd“ (Peter Passet) Sexualität entlang des Körpers denkt, ohne sie in Biologie aufgehen zu lassen. Er denkt so zwischen Konstruktivismus und Biologismus hindurch.
Angeregt durch die auf Freuds Konzept der Bisexualität fokussierende Anmerkung Martin Danneckers zu den „Drei Abhandlungen“ (Martin Dannecker 2005) will der Vortrag erörtern, wie das gehen könnte und warum das heute noch interessant ist. Dabei geht es zentral um Freuds Begriff der psychischen Bisexualität der mit Rekurs auf das Konzept der Nachträglichkeit gelesen wird.

Christine Kirchhoff ist Professorin an der IPU, an der unsere Tagung stattfindet.

News 01 February 2018, 19:00

Hans Henny Jahnn und Hubert Fichte mit Martin Dannecker gelesen

In dem Essay Engel des Begehrens von 1985 befasst sich Martin Dannecker mit der „Sexualität der Figuren in Hubert Fichtes Werk“. Der Essay analysiert literarische Texte mit dem Instrumentarium der Sexualwissenschaft marxistischer und psychoanalytischer Prägung, für die Dannecker steht. „Engel des Begehrens“ ist ein exemplarischer Text, der in der Literaturwissenschaft leider kaum rezipiert wurde.
Für die Literaturwissenschaft ist der Essay besonders deshalb interessant, weil er in zweifacher Weise über Zeit reflektiert, über individuelle Lebenszeit und über die Zeit der Geschichte, und an diese Reflexion eine Analyse von Sprechweisen anschließt. Der Vortrag wird gegen die Kontrastfolie der queer temporalities Danneckers Verständnis von Zeitlichkeit als ein dialektisches herausarbeiten. In einem zweiten Schritt werden verschiedene Beispiele der Weigerung zu reifen in Texten Hans Henny Jahnns und Hubert Fichtes in den Blick genommen und ihre Beziehung zueinander analysiert.

Benedikt Wolf ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität (Humboldt-Universität zu Berlin). Er hat zum Thema Penetrierte Männlichkeit. Sexualität und Poetik in deutschsprachigen Erzählungen der literarischen Moderne (1905-1969) promoviert. Derzeit forscht er zu dem schwulen Satiriker und Journalisten Felix Rexhausen. Neben der deutschsprachigen Erzählliteratur des 20. Jahrhunderts und der Kritischen Heteronormativitätsforschung sind deutsch-jüdische Literatur und Antiziganismusforschung seine Schwerpunkte.

News 08 February 2018, 19:00

Marco Ebert - Spuren des Utopischen im Werk von Martin Dannecker

News 15 February 2018, 19:00

Stefan Nagel, "Unvordenklicher Saft“. Zum Sinn von Sexualität

Der Vortrag fragt nach dem Sinn von Sexualität jenseits ihrer biologischen und sozialen Funktionen. Mit dieser Frage nach dem Sinn bewegt er sich, ohne dessen epistemischen Gehalt preiszugeben, außerhalb des naturwissenschaftlichen und auch bestimmter Formen des psychologischen und sozialwissenschaftlichen Denkens. Diesem Denken ist gemeinsam, dass in ihm Sinn und Funktion zusammenfallen oder aber Sinn für eine sinnlose Kategorie gehalten wird. Ohne die Gefahr der Etablierung einer ‚Metaphysik‘ der Sexualität zu verkennen, soll eine Analogie zum Verständnis des Problems beitragen: Die Funktion des Bauens ist die Errichtung eines Hauses, der Sinn des Bauens jenseits dieser Funktion jedoch das Wohnen. Wohnen meint als Zuhause-Sein an einem an sich fremden und womöglich sogar feindlichen Ort mehr, als sich lediglich dauerhaft in einem Haus zu bergen, meint nicht nur Behaust-Sein, es meint eine Veränderung des Zustands des Bewohners, nämlich die Überwindung von Fremdheit und den Übergang in Vertraut- und Verbundenheit, meint die Entstehung von Heimat. Übertragen auf Sexualität behauptet der Vortrag, dass der Sinn von Sexualität darin liegt, die unaufhebbare Fremdheit und Feindlichkeit eines differenten Begehrens und einer differenten Identität in Nähe zu verwandeln, in Beiwohnen. Diese Aufhebung von Differenz durch eine, wenn auch flüchtige Komplementarität des Begehrens und der Identität ist jedoch kein bloß mentales, also letztlich symbolisches Ereignis im Rahmen bestimmter Bedeutungszuweisungen, sondern ein distinkter leiblicher Akt, in dem der Leib mehr ist als die vermeintliche oder tatsächliche Epiphanie eines Symbols. Der Leib ist, er steht nicht für etwas. Das Begehren in all seiner Intensität begehrt kein (System von) Zeichen, sondern einen anderen Leib, und zwar nicht irgendeinen Leib, sondern einen geschlechtlich bestimmten und seinerseits begehrenden Leib, mit dem sich etwas Bestimmtes ereignen soll. Dabei geht es nicht um eine außerhalb der Sexualität liegende Funktion, also um Sexualität als Mittel, sondern um erfüllte Nähe um ihrer selbst willen. Dann fließt unvordenklicher Saft.
Dadurch bietet sich in der Sexualität im Gegensatz zu allen unseren sonstigen Beziehungen eine konkret und eben nicht bloß abstrakt mögliche Emanzipation aus den Banden der Natur und der Gesellschaft, die den Leib beide als Mittel zu ihren fertilen und sonstigen Zwecken verwenden und mit Begehren und Identität eine ‚natürliche‘ oder (vermeintlich daraus ableitbare) soziale Rolle und Beziehung verknüpfen. Diese emanzipatorische Option der Sexualität besteht jedoch nicht ihrer Herkunft nach, also nicht in Bezug auf Begehren und Identität. Hier bleibt Sexualität nicht nur beschränkt und absolut unfrei, sondern gründet sogar in der Bestimmtheit des Begehrens und der Identität, also ihrer Beschränktheit. Der Moment der Freiheit liegt im Selbstzweck des begehrlichen Berührens des und Berührtwerdens durch den zuvor fremden und feindlichen Anderen. Nur in der Kunst ist eine vergleichbare Begegnung möglich, aber dort nicht als sinnlich-unmittelbarer, sondern als sinnlich-mittelbarer Akt, also ohne Saft.

News 22 February 2018, 19:00

Marco Kammholz, "Glücklich, gerecht, sicher" - kritische Bemerkungen zur Sexualpädagogik

Sexualpädagogik wendet sich dem Menschen als sexuelles Wesen in allen Lebensphasen erzieherisch zu. Als Erfolg gilt der sexualpädagogischen Profession die Etablierung ihrer Angebote in die, allem voran, schulische Bildungslandschaft. Gegen eben jene schulische Sexualaufklärung, die weit mehr harmlos als skandalös ist, äußert sich dieser Tage die lautstarke Kritik sog. „Besorgter Eltern“, die jedwede Thematisierung von Sexualität gegenüber Schüler_innen als Übergriff verurteilen. Selbst in der an und für sich noch zu niedlichen Bezeichnung „kindliche Sexualität“ erscheint damit der Eingriff in die als asexuell imaginierte Kindheit. Vor diesem Hintergrund finden sexualpädagogische Angebote, insbesondere die lustbetonenden, unter erschwerten Bedingungen statt.
Für ihre sexuell bildende Wirkung gilt es, die Sexualpädagogik zu würdigen und sie, wie es Martin Dannecker 1987 in „Das Drama der Sexualität“ formulierte, „gegen alle Angriffe, die ihr den Garaus machen wollen, zu verteidigen“. Zugleich lohnt sich ein kritischer Blick auf Sexualpädagogik und die in ihr aufscheinenden Versprechungen, die Sexualität stets mit den zu erreichenden Attributen – glücklich, gerecht, sicher – versieht.
Ist gelingende Sexualpädagogik, wie Dannecker im selben Text schreibt, letztlich nur „die Verwandlung eines größeren sexuellen Elends in ein kleineres“?  Welchen Nutzen hat die ständige Betonung des präventiven Gehalts der Sexualpädagogik? Wann ist aktuelle Sexualpädagogik der Vielfalt nützlich und treffend, und wo wird sie absurd? Der Vortrag bewegt sich mit Blick auf aktuelle Diskussionen und Fachpraxis zwischen Würdigung und Kritik der Sexualpädagogik.

Marco Kammholz ist staatlich anerkannter Jugend- und Heimerzieher, Sexualpädagoge (gsp) und studiert seit Kurzem Erziehungswissenschaft an der Uni Köln.