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01. Oktober 2009 - Frühjahr 2010
„Gegen Einsamkeit und ‚Einsiedelei’“

Die Geschichte der Internationalen Homophilen Welt-Organisation (IHWO)


Ausstellung

In der 1. Etage des Schwulen Museums
(in den Räumen der Dauerausstellung)

Eröffnung: 30. September 2009, 19 Uhr



Emblem der dänischen IHWO


Axel und Eigil Axgil, Verlobungsfoto von 1950


Die Vorstandmitglieder der Hamburger IHWO Claus Fischdick (links) und Carl Stoewahs (rechts) 1975
Am 1. September 2009 ist es vierzig Jahre her, dass der von den Nazis verschärfte § 175 StGB erstmals reformiert wurde. Der Paragraph, der sexuelle bzw. als sexuell bewertete Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, wurde erst 1994 im Zuge des deutschen Vereinigungsprozesses ersatzlos aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Eine der ersten Homosexuellenorganisationen, die sich nach der Liberalisierung des Paragraphen im Herbst 1969 bildete und für diese Streichung stark machte, war die Internationale Homophile Welt-Organisation (IHWO). Ihr zu Ehren erschien im Sommer 2009 im Hamburger Verlag Männerschwarm ein Buch über die Geschichte der Organisation, und das Schwule Museum Berlin eröffnete am 30. September 2009 eine Ausstellung dazu. Erarbeitet wurden das Buch und die Ausstellung von Raimund Wolfert.

Die Geschichte der IHWO erstreckt sich über einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren. Die Organisation wurde wahrscheinlich 1952 in Dänemark gegründet und fungierte zunächst als Vermittlerin für private Kontakte und als Verkaufszentrale für homoerotisches Bildmaterial. Erst in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre politisierte die Organisation sich und wandte sich entschieden gegen die Zensurbestimmungen in den nordischen Ländern und in Deutschland, weil diese den Versand ihrer Materialien behinderten. Während die IHWO in Dänemark bereits Anfang der siebziger Jahre ihre Arbeit einstellte, gelang ihr 1969 in Deutschland ein bedeutsamer Neuanfang. Er erfolgte in der Umbruchphase von der alten, vor allem auf Anpassung setzenden Homophilenbewegung zur neuen, studentisch geprägten Schwulenbewegung. Die Hamburger IHWO war nie eine internationale, geschweige denn eine Weltorganisation, doch entwickelte sie sich schnell zu einer mitgliederstarken Vereinigung, die aus der eigenen Größe und der fehlenden Konkurrenz einen gewissen Führungsanspruch innerhalb der deutschsprachigen Homosexuellenbewegung ableitete.

Die Gründungsmitglieder der Hamburger IHWO waren in ihrer überwiegenden Mehrheit berufstätige Männer der Mittelschicht, die entweder 30 Jahre bereits überschritten hatten oder zumindest auf diese „magische“ Altergrenze zugingen. Damit hatten sie bei ihren jüngeren Zeitgenossen später keinen leichten Stand. In Ablehnung der homosexuellen Subkultur und weil sie sich selbst und ihre Lebensentwürfe in dieser Subkultur nicht wiederfanden, bildeten sie einen Verein, der schnell an den eigenen, ehrgeizigen Plänen zur Professionalisierung
sowie an Konflikten mit den studentisch geprägten schwul-lesbischen Aktionsgruppen scheiterte. Diese entstanden ab 1971 im Kielwasser des Rosa von Praunheim-Films Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Zentrales Ideal der IHWO war die gleichgeschlechtliche harmonische Dauerfreundschaft, wie sie von den beiden Vorstandsvorsitzenden Carl Stoewahs und Claus Fischdick gelebt und vorgezeigt wurde. Mit der „schwulen Sau am Bahnhof“ wollte man nicht identifiziert werden.

Die Hamburger IHWO war nicht Teil der Schwulen- und Lesbenbewegung, die heute gemeinhin als „dritte deutsche Homosexuellenbewegung“ bezeichnet wird. Sie gehörte einer Zeit an, die stark vom Autoritäts- und Respektabilitätsdenken der fünfziger und sechziger Jahre geprägt war. Ihr dringlichstes Anliegen war der Kampf „gegen Einsamkeit und ‚Einsiedelei’“, Clubzentren sollten Abhilfe schaffen. Die Organisation wollte weder schockieren noch provozieren, sie wollte mit gesellschaftlichen Meinungsträgern wie Politikern, Kirchenvertretern und Wissenschaftlern „hinter den Kulissen“ ins Gespräch kommen, nicht aber „den gemeinen Mann auf der Straße“ ansprechen. Als die neuen Schwulen- und Lesbengruppen um Rosa von Praunheim und Martin Dannecker ganz bewusst auf Konfrontationskurs zur bestehenden Gesellschaft gingen, „scheindemokratische“ Verhältnisse anprangerten und die Diskriminierung Homosexueller in der Gesellschaft massiv zur Sprache brachten, reagierte die IHWO mit Unverständnis. „Sollen wir der Öffentlichkeit noch mehr Anlaß geben, gegen die ‚Schwulen’ zu sein?“ fragte sie 1972 irritiert. Genauso wenig wie ihre Vertreter sich jemals öffentlich als „schwul“ bezeichnet hätten, sahen sie sich jetzt von „radikalen Studenten“ angemessen vertreten – weder im Stil noch in der Argumentation. Zwar bemühte man sich um eine gewisse Zusammenarbeit mit den Studentengruppen, richtig ernst genommen hat die IHWO sie aber nie.

Im „Gegenlager“ sah das nicht viel anders aus. Die jüngeren selbstbewussten Schwulen und Lesben konnten sich mit den meist älteren bürgerlichen Homosexuellen nicht identifizieren.
Nach Martin Dannecker waren die Homosexuellen der fünfziger und sechziger Jahre
„angetrieben von einem glühenden Willen nach Anerkennung und dem drängenden
Verlangen, normal zu erscheinen. In zäher Kleinarbeit versuchten sie das antihomosexuelle Gerede und die Stereotypen der Homosexualität zu widerlegen. Dabei haben sie sich freilich tief in die Antihomosexualität verstrickt. Scham, Sitte und Anstand, in deren Namen Homosexuelle abgewertet wurden, waren für die meisten von ihnen positive Kategorien, die sie dazu einsetzten, sich von denjenigen zu distanzieren, die obgleich ebenfalls homosexuell, mit den je eigenen Vorstellungen von Scham, Sitte und Anstand nicht zu vereinen waren.“
Die Schwulen- und Lesbenbewegung der siebziger Jahre hat mit diesem Taktieren und Lavieren radikal gebrochen: „Nach den Maßgaben der homosexuellenfeindlichen Gesellschaft sind Homosexuelle abartig und pervers. Der politische Geniestreich der Schwulenbewegung lag darin, solche Vorstellungen nicht zu widerlegen, sondern durch die Art und Weise ihres Agierens und mit den von ihr vertretenen Parolen und Theorien scheinbar zu bestätigen.“

Als die IHWO sich 1973 im Rahmen einer Fernsehdiskussion über Rosa von Praunheims Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt in Schweigen hüllte und nur wenige Monate später keinen Vertreter zur bundesweit durchgeführten Unterschriftenaktion gegen den § 175 StGB schickte, machte sie sich selbst überflüssig. Auf die Aktionsformen der neuen Zeit hatte sie keine Antworten. „Sichtbarkeit“ und „Identifizierbarkeit“ gehörten nicht zu ihren Schlagworten. In den eigenen Kreisen machte sich zunehmend Unmut über ausbleibende Gesellschaftskritik, großspuriges Kompetenzgehabe und mangelndes Demokratieverständnis breit, und in der Folge liefen der IHWO die Mitglieder davon. Eine völlig verfehlte Finanzpolitik führte Anfang 1974 schließlich zu dem unrühmlichen Ende der Organisation.

Kurator: Raimund Wolfert




220 Seiten, zahlr. Abb. in S/W, kartoniert
ISBN 978-3-939542-73-5

Begleitbuch zur Ausstellung:
Raimund Wolfert:
Gegen Einsamkeit und „Einsiedelei“, Die Geschichte der Internationalen Homophilen Welt-Organisation
Männerschwarm Verlag in Zusammenarbeit mit dem Schwulen Museum Berlin, 2009
220 Seiten, zahlr. Abb. in S/W, kartoniert
ISBN 978-3-939542-73-5

Verkaufspreis: 16,00 €

Das Buch erzählt von den Wurzeln der Organisation im Dänemark der fünfziger Jahre, der Neugründung der IHWO in Hamburg und den spannenden Kontroversen zwischen Anpassung und Rebellion, an denen sie 1974 zerbrach.

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