Dauerausstellung                                                             english

Der Damenimitator Bobby Walden, um 1900, Starfotopostkarte, Berlin,
Sammlung Sternweiler



Peter Martin Lampel, Fürsorgezöglinge, Freunde, um 1929, Öl auf Leinwand, Berlin, Sammlung Sternweiler



Atelier Eberth, Wilhelm Bendow als „Magnesia. Die Tetovirte Dame“, um 1930, Fotografie, Berlin, Schwules Museum



Richard Grune, Kameradschaft, Aus dem Mappenwerk „Passion des XX. Jahrhunderts“, um 1946, Lithographie, Berlin,
Schwules Museum



Zweiter ICSE-Kongress in Frankfurt am Main, 1952, Plakat, Berlin, Schwules Museum, Dauerleihgabe



Don Whitman, Freundschaft, 1950er Jahre, Aktfotografie, Sammlung Sternweiler
Selbstbewusstsein
und Beharrlichkeit —
200 Jahre Geschichte
Die ständige Ausstellung des Schwulen Museums


Unter der Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit eröffnete das Schwule Museum am 6. Dezember 2004 in den neuen Räumen seine Dauerausstellung. Die Anmietung der Räume wurde durch das Vermächtnis von Prof. Dr. Christian Adolf Isermeyer ermöglicht, die Einrichtung der Ausstellung durch eine Zuwendung der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin. So kann parallel zu den Wechselausstellungen ein Überblick über die schwule Geschichte in Deutschland mit Schwerpunkt Berlin präsentiert werden. Vorgestellt wird der Zeitraum von 1790 bis 1990. Er bildet das historische Fundament, auf dem das heutige schwule Selbstverständnis basiert.

Erzählt wird aus der Perspektive der Homosexuellen, von den Möglichkeiten angesichts anhaltender Unterdrückung, Verfolgung und Bestrafung. Die herausgehobenen Momente heißen Selbstbewusstsein und Beharrlichkeit. Diese waren unabdingbar, um Partner oder gleichgesinnte Freunde zu finden und Netzwerke zu bilden. Wie entstand und was stütze ein solches Selbstbewusstsein? Auf diese zentrale Frage kommt die Ausstellung immer wieder zurück. Die Liebesgeschichten der antiken Götter, die seit der Renaissance in Europa allgegenwärtig waren, fanden immer neue Darstellungen in Literatur und Kunst. Geschichten aus der Bibel wie die von David und Jonathan oder Jesus mit seinem Lieblingsjünger Johannes konnten als Beispiele inniger Freundschaften gelesen werden. Aus mündlicher Überlieferung und wissenschaftlicher Forschung ergab sich eine Reihe berühmter Homosexueller, die als Vorbild für das eigene Liebesleben dienten.

Die Sehnsucht nach männlicher Nacktheit fand an den unterschiedlichsten Orten eine Erfüllung. Kunstwerke in Sammlungen und Museen konnten als Reproduktionen ins eigene Heim gebracht werden. In der Öffentlichkeit gab es seit dem frühen 19. Jahrhundert, auch durch den Rückgriff auf die Antike, die Zurschaustellung männlicher Nacktheit beim Sport und von Akrobaten und Kraftmenschen auf der Bühne. Nach der Entdeckung der blauen Grotte wurde ab 1840 die Insel Capri Anziehungspunkt für Homosexuelle. Ferdinand Flohrs Gemälde der Badenden und Wilhelm von Gloedens Fotografien sind Ausdruck dafür. Im Zuge der Lebensreformbewegung um 1900 entstand in Deutschland eine besonders freie Nacktkörperkultur, die dazu beitrug, dass Berlin in der Weimarer Republik zur neuen Insel der Glückseligen wurde. In den 50er und 60er Jahren wurden die Strände Kaliforniens mit den durch Bodybuilding gestählten Männerkörpern zum neuen Ziel fast mythischer Sehnsüchte.

Die Selbstfindung wurde durch die Literatur gestützt, wobei oft ein selektives Lesen Voraussetzung war. Selbst die nicht immer vorurteilsfreien Fallgeschichten in der Psychopathia Sexualis von Krafft-Ebing (1886) konnte entsprechend gelesen werden. Selbstbewusstsein und Beharrlichkeit waren nötig, um Freundeskreise, Netzwerke und Subkulturen aufzubauen, wie sie in den europäischen Metropolen seit 1700 nachzuweisen sind. In Paris, London, Amsterdam, Rom, Wien und Berlin existierten solche Kreise mit eigenen Treffpunkten, Moden und Sprachregelungen.

Um aus diesen Netzwerken politisch motivierte Organisationen entstehen zu lassen, bedurfte es einer Zeitspanne von 50 Jahren, von den ersten Versuchen eines Heinrich Hössli und Karl Heinrich Ulrichs bis zur Gründung des Wissenschaftlich-humanitären Komitees durch den Berliner Arzt Magnus Hirschfeld 1897. Jetzt begann eine Kampagne öffentlicher Aufklärung, die gerade auf die Organe jahrhundertlanger Unterdrückung einwirkte: auf Polizei und Politik, die Kirchen, Mediziner, Juristen und Publizisten. Die Suche nach Bündnispartnern in allen gesellschaftlichen Bereichen war um 1900 bereits erfolgreich. Der zentrale Höhepunkt dieser Entwicklung im Berlin der Weimarer Republik wird in der Ausstellung ausführlich gewürdigt. In den Freundschaftsbünden waren über 40.000 Mitglieder organisiert.

Hirschfeld setzte sich in seinem Berliner Institut für Sexualwissenschaft ab 1919 nicht nur für die Gleichstellung der Homosexuellen ein, sondern auch für eine allgemeine Sexualaufklärung. Peter Martin Lampels Einsatz gegen die katastrophalen Zustände in den Fürsorgeanstalten durch die Veröffentlichung von Interviews mit den Jungen in Büchern, Theaterstücken und Filmen zeitigte Wirkung. Die Galeristen moderner Kunst, Alfred Flechtheim und Fritz Gurlitt publizierten erotische Mappenwerke, die auch schwule und lesbische Themen behandelten. Max Terpis, Harald Kreutzberg oder Anita Berber engagierten sich im modernen Tanz. Wilhelm Bendow und Hans Deppe machten das Thölen im Kabarett gesellschaftsfähig, nachdem Damenimitatoren schon seit 1890 die Variétés mit ihrem Humor beherrschten. Es gab eine schwule und lesbische Beteiligung in allen gesellschaftlichen Bereichen.

Ab 1933 führte die Zerstörung schwuler und lesbischer Selbstorganisationen und der Subkultur zur erneuten Vereinzelung. Die von den Nazis geschürte Hatz gegen Anderslebende bediente sich bürgerlicher, kirchlicher und medizinischer Vorurteile mit lebensbedrohlichen Folgen.


Strafverschärfungen, vermehrte Verurteilungen, Schutzhaft in Konzentrationslagern und Gefängnissen bis hin zur gezielten Ermordung waren die Schritte des staatlichen Terrors. Abschreckung und Zerstörung des Selbstwertgefühls wirkten noch Jahrzehnte nach 1945 weiter. Dennoch lassen sich auch in der Nazi-Zeit schwuler Selbstbehauptungswillen und Beharrlichkeit feststellen.
Beispiele von individuellem Mut und Zusammenhalt werden neben der Flucht ins Ausland, politischer Aktivität gegen das Regime, Anpassung und Mitläufertum oder Verzicht auf privates Glück vorgestellt. Die vielfältigen Versuche, in den Nachkriegsjahren an alte Freiheiten anzuknüpfen, wurden abgeschmettert. Erst in den 60er Jahren brachte die weltweite Aufbruchstimmung auch in Deutschland eine vergleichbare Öffnung der Gesellschaft. Die Flower-Power-Bewegung erzeugte ein neues kämpferisches Selbstverständnis, das seit 1970 eine vielfältige Ausprägung schwuler und lesbischer Freiheiten bewirkt hat.

Für die Dauerausstellung wurde mit dem Architekten Rainer Lendler eine offene Struktur entwickelt, die Veränderungen und Ergänzungen zulässt. Die Objekte werden im Gesamtgefüge platziert, ohne den Eindruck zu erwecken, dies sei die letztendlich gültige Geschichte, vielmehr sollen sie als Bruchstücke sichtbar bleiben. Originale auf Papier werden ebenso regelmäßig ausgewechselt wie die vielfältigen homoerotischen Bildfindungen aus der Sammlung des Museums. Neben der Aktualisierung der Darstellung können so weitere Schlaglichter auf die Entwicklung der schwulen Geschichte geworfen werden. Den biografischen Aspekt, ein Schwerpunkt der Arbeit des Schwulen Museums, vermitteln immer wieder neue Lebensschicksale aus dem Zeitraum 1900 bis 1990.

Biografien in der Daueraustellung
Biografie Nr. 5: Frenchy: Damenimitator, Travestielokal-Besitzer und Kostümschneider

Bisher gezeigt:
Biografie Nr. 4: Visagist am Berliner Ensemble - Heino Hilger
Biografie Nr. 3: Der Künstler Eberhardt Brucks
Biografie Nr. 2: Die Journalistin Elisabeth Leithäuser 1914-2004
Biografie Nr. 1: Robert T. Odeman

Zur Dauerausstellung erscheint eine Katalogbroschüre, die hundert ausgewählte Objekte sowie die Haupttexte vereint.

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Bilder von der Ausstellung bei www.catonbed.de

Pressestimmen



 
Berliner Zeitung, 4. Dezember 2004
Tanz und Terror [...] Die biografische Vielfalt ist jetzt auch eine Stärke der Dauerausstellung. Andreas Sternweiler, der Kurator, holte aus dem Fundus 20-jähriger Museumsarbeit eine Fülle von Lebenssplittern hervor und fügte sie zu einem schillernden Mosaik zusammen. Schmale deckenhohe Stellwände bieten Kurzweil und diachrone Blickachsen. Immer wieder werden einzelne Lebensläufe herausgestellt. [...] Lebensfrohes und Ernstes liegen in diesem kulturhistorischen Kaleidoskop dicht beieinander. Schon der Ausstellungstitel "Selbstbewusstsein und Beharrlichkeit" weist auf die bedrängende Situation, in der Homosexuelle bis in die jüngste Vergangenheit ihr Leben führen mussten. Zugleich wird vorgeführt, wie Schwule zu allen Zeiten - selbst unter dem Nazi-Terror - in einer Vielfalt von Zirkeln, Organisationen, Kulturkreisen, Klubs und Subkultur-Etablissements zusammen fanden. Ein Leitfaden der Ausstellung ist der Kampf der Schwulen gegen die rechtliche Ausgrenzung, vor allem gegen den Paragraphen 175, der Homosexualität mit Zuchthaus bestrafte. Selbst die liberale Weimarer Republik, in der Berlin zum Mekka von Schwulen aus aller Welt wurde, hielt am Schandparagraphen fest. Dass die Bundesrepublik ihn sogar in der verschärften Form der Nationalsozialisten übernahm, gehört zu den dunklen Seiten der Adenauer-Zeit. [...] Sebastian Preuss
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Welt am Sonntag, 5. Dezember 2004
"Ich bin ein Gummibär, und das ist auch gut so" [...] Hier werden die verschiedenen Lebensweisen und das Selbstverständnis der Schwulen in Foto-, Kunst- und historischen Ausstellungen dokumentiert - aber eben nicht in Frage gestellt. Wer am zwei Meter großen Gummibären vorbei die schlichten, weißgekalkten Museumsräume betritt, muß deshalb darauf gefaßt sein, auch mit nackten Tatsachen konfrontiert zu werden.
[...] Zwar gibt es unzählige Studien zur Geschichte der Sexualität, aber kaum Raum, sie zu präsentieren. Selbst das Schwule Museum in Berlin - es ist das weltweit einzige seiner Art, sieht man von Archiven in anderen deutschen Städten sowie in den USA und Niederlande ab - zählt gerade mal 500 Quadratmeter auf zwei Etagen. Die obere wird ab morgen die erste Dauerausstellung zur Geschichte Homosexueller zwischen 1790 und 1990 bergen. Das Erdgeschoß hingegen bleibt ein Ort für Retrospektiven und Hommagen an Kultfiguren der Szene wie Conrad Veit, Gustaf Gründgens, Rainer Werner Fassbinder, Michel Foucault, Greta Garbo, Thomas Mann und Hildegard Knef (die drei letztgenannten sind für 2005 geplant). Das ambitionierte Programm speist sich aus einem riesigen Archiv, in dem 40 000 Abzüge lagern, teils von so berühmten Fotografen wie Wilhelm v. Gloeden, Bruce of Los Angeles und Duane Michals, ferner Zehntausende Schriftstücke, Ton- und Filmaufnahmen. Museale Schätze, die sich größtenteils auf Schenkungen gründen. Denn der 1985 gegründete Museumsverein erhält kaum staatliche Förderungen und finanziert sich überwiegend aus Spenden und Eintrittsgeldern. Und die reichten lange Zeit nur zur Anmietung eines Hinterhauses am Mehringdamm. Heute kommen 12 000 Besucher jährlich, darunter viele Ausländer, die den Tip aus Reiseführern haben; das Museum veranstaltet fünf bis sechs Ausstellungen im Jahr und unterstreicht seinen akademischen Anspruch als Herausgeber von bislang 20 Publikationen, darunter forschungsintensive Arbeiten zur Verfolgung homosexueller Männer in der Nazizeit. [...] Bettina Seipp
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Frankfurter Rundschau (dpa), 6. Dezember 2004
Dauerausstellung öffnet im Schwulen Museum [...] Dass es mit dem guten Ton und der Toleranz für ein Anderssein selbst 1983 noch nicht so weit her war, zeigten die empörten Reaktionen auf eine Ausstellung über homosexuelle Männer und Frauen in Berlin von 1850-1950. Immerhin lockte die Schau "Eldorado" damals auch 45 000 Besucher an. Zwei Jahre später wurde das Schwule Museum gegründet. Mit Wechselausstellungen wie zu Marlene Dietrich oder zu Michel Foucault landete das kleine Haus in einem Kreuzberger Hinterhof echte Publikumserfolge und zog ganze Schulklassen an. Das soll auch so bleiben, heißt es. Die neue Dauerausstellung endet 1990, elf Jahre vor Wowereits mittlerweile sprichwörtlichem "Ich bin schwul, und das ist auch gut so", das noch fehlt. Aber vielleicht werden es die Ausstellungsmacher irgendwann ergänzen.
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Süddeutsche Zeitung, 7. Dezember 2004
Verbrennen und Kuscheln [...] Mit etwa 800 Gegenständen, Kleidern, Zeichnungen, Fotos, Plakaten und Briefen, gewitzt gehängt in den sehr hohen Räumen, erzählt der Kurator Andreas Sternweiler eine Fortschrittsgeschichte, präsentiert Stationen erfolgreicher Emanzipation. Aber es ist kein Triumphmarsch geworden, dessen halbwegs glückliches Ende alles Vorherige zur sinnvollen Vorstufe verklärt. Wer durch das Labyrinth aus Stellwänden schlendert, keine Scheu davor hat, sich festzulesen, wird mit einer Fülle einzelner Geschichten belohnt und lernt wie nebenbei die wesentlichen Momente in der Geschichte schwulen Lebens zwischen 1790 und 1990 kennen. Gegenüber der Peinlichen Halsgerichtsordnung Karls V. aus dem Jahr 1532, die für alle, die Unkeuschheit trieben, sei es Mann und Vieh, Mann und Mann oder Frau und Frau, die Todesstrafe vorsah, erblickt der Besucher eine Fülle von Traumbildern männlicher Nacktheit und Zärtlichkeit: Rückenansichten antiker Skulpturen und jene Kuschelszene zwischen Jupiter und Ganymed, die Anton Raphael Mengs seinem Freund Johann Joachim Winckelmann als antikes Gemälde unterschob, während dieser den Europäern beizubringen versuchte, dass wahre Schönheit Jünglingsschönheit sei. [...] Jens Bisky
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Der Tagesspiegel, 9. Dezember 2004
Liebesbriefe an Sokrates [...] Als „Labyrinth und Schatzkammer“ bezeichnet der Kurator Andreas Sternweiler die rundum erneuerte Schau mit ihrer raffinierten Innenarchitektur aus versetzten Ausstellungswänden. Zu sehen sind Devotionalien, Transvestitenfummel und andere Objekte. Zeitschriften-Faksimiles, Fotoserien und Gemälde geben Auskunft über die lange Phase der Unterdrückung und des Emanzipationskampfes. Nach wie vor misslich ist die Verengung des historischen Blicks auf homosexuelle Männer – als wenn es eine parallele Lesbengeschichte nicht gäbe. Eine Frage, die das Selbstverständnis eines Schwulen Museums in seiner Gesamtheit betrifft. [...] Jens Hinrichsen
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taz, 13. Dezember 2004
"Die Generation Golf macht Unisex", Interview mit Karl-Heinz Steinle, 42, Projektleiter der Ausstellung mit dem Titel "Selbstbewusstsein und Beharrlichkeit" [...]
Das führt uns zu den Lesben. Sind die auch Teil der gerade eröffneten Dauerausstellung im Schwulen Museum?
-   Nein, das hier ist ja doch das schwule Museum.
Warum ist das so stark getrennt? Die "Bewegung" umfasst doch Schwule und Lesben?
-   Es gab immer Punkte einer Zusammenarbeit, aber es gab unterschiedliche Entwicklungen. Die Lesben haben sich viel stärker an der Frauenemanzipation, an der Frauenfrage aufgehangen. Sie sind andere Wege gegangen als die Emanzipationsbewegung der Schwulen. Erst jetzt, also seit den Neunzigerjahren, gibt es eine neue Generation.
Die so genannte "Generation Golf"?
-   Ja. Die macht Unisex. Die Weiber hocken sich gerne in den Männer-Golf, und die Männer in den Weiber-Golf. Die sehen das nicht mehr so verbissen. [...]
Ist auch eine Dauerausstellung zum Thema schwule Geschichte identitätsstiftend?
-   Diese Ausstellung soll zum einen ganz konkrete Fakten zeigen, Geschichte zu dokumentieren, was schwierig ist. Dann soll sie aber auch andererseits darstellen, dass schwules Leben schon immer sehr vielfältig war. Es gibt nicht nur die so genannte Schwulenbewegung, es gibt eine Abfolge, eine Perlenkette von privaten Zirkeln, von Freundeskreisen, die immer Vorläufer für eine neue Form von "Bewegung" waren. Die Ausstellung soll schon auch zeigen, dass es nicht das Bild von "den Schwulen" gibt. Es gab immer verschiedenste Ebenen - eben auch schwule Nazis oder schwule Arschlöcher. Diese Ausstellung zeigt allerdings die Geschichte aus den Augen der Homoprotagonisten und nicht aus der ihrer Verfolger und Unterdrücker beziehungsweise der Spießer. [...]
Welche schwulen Welten gibt es denn, von denen man gar nichts weiß?
-   Es gibt die älteren Schwulen, die Patchworkfamilien, die es übrigens schon um 1900 gegeben hat. Also zum Beispiel Männer, die trotz ihres Schwulseins eine Familie haben. Überhaupt gibt es natürlich Schwule, die man nie in der "Szene" zu sehen kriegt.
Auch Ihre Ausstellung bildet nicht alle Teile der schwulen Emanzipation ab. Wie steht es beispielsweise mit der Knabenliebe?
-   Das ist keine konkret bewusste Abgrenzung. Knabenliebe war ja letztendlich in ganz bestimmten Jahrzehnten das Sinnbild für Homosexualität. Es handelte sich dabei aber stets um Jünglinge, Epheben, nicht um Kinder. [...]
Gibt es irgendeinen Grund für einen Familienausflug ins Schwule Museum?
-   Unbedingt, denn es ist immer von Interesse, wie eine Emanzipationsbewegung zustande gekommen ist. Außerdem ist diese Ausstellung ein Beitrag zur deutschen Geschichte.
Interview: Martin Reichert
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Berliner Morgenpost, 3. Januar 2005
Das dritte Geschlecht [...] Eine Spandauer Akte von 1704 berichtet über einen Bürger namens Le Gros, der zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde, in Preußen bis 1740 gängige Strafe für Homosexuelle. Erst unter Friedrich II. änderte sich das. Der Monarch seinerseits sah sich Spottversen französischer Schriftsteller ausgesetzt, die auf seine angebliche Veranlagung anspielten - Homosexualität ließ sich stets zur Denunziation nutzen, bis vor wenigen Jahren zumindest. Berlin wird seit 2001 von einem schwulen Bürgermeister regiert. Klaus Wowereit war es auch, der unlängst die Schau "Selbstbewusstsein und Beharrlichkeit" eröffnete. Die erste ständige Ausstellung des Schwulen Museums dokumentiert mit etwa 800 Dokumenten, Briefen, Gemälden, Plakaten, Kleidern und Gegenständen 200 Jahre homosexuellen Lebens in Deutschland - speziell in Berlin. [...] Doch die ständige Ausstellung, so betont Ko-Kurator Steinle, sei nicht auf alle Ewigkeit angelegt. Immer wieder sollen neue Schwerpunkte eingearbeitet werden. Und vielleicht ist ja auch irgendwann der Regierende mit seiner berühmten "Ich bin schwul, und das ist auch gut so"-Rede reif fürs Museum. Uwe Sauerwein
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Jungle World, 12. Januar 2005
Unter Freunden [...] In der Ausstellung werden Adolf Brand und seine Zeitschrift Der Eigene, Magnus Hirschfeld und sein Institut für Sexualwissenschaft, die Thesen vom "Urning" und vom "dritten Geschlecht" und andere wohlbekannte Figuren und Projekte präsentiert, ebenso die diversen Treffpunkte für Homosexuelle im Berlin der Weimarer Republik, bekanntere und unbekannte homosexuelle Künstler, Kurt Hiller oder Conrad Veidt, daneben Vorbilder wie Marlene Dietrich, selbstredend fehlt auch Christopher Isherwood nicht. Überdies ist die Verfolgung durch die Nazis dokumentiert und die anhaltende Verfolgung und Diskriminierung der Homosexuellen unter Adenauer; auf einer Tafel finden sich auch magere Auskünfte über die Zustände in der DDR. Schließlich geht es auch um die Siebziger und Achtziger, die Differenzierung der Schwulenbewegung und die Aids-Krise, letztgenannte allerdings doch recht huschhusch in der ansonsten sehr aufwändig gestalteten Ausstellung, die mit den achtziger Jahren endet. Vielleicht wollte man aus Rücksicht auf Eitelkeiten nicht auch noch die jüngste Geschichte dokumentieren, etwa den Umstand, dass ein bekennender Schwuler Berlin regiert. Klaus Wowereit ist dann allerdings als Schirmherr dieser Ausstellung doch noch präsent. [...]
Jörg Sundermeier

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