Presseberichte


Knabe in Blau
 
Marlene Dietrich als Idol der Homosexuellen - eine Ausstellung im Schwulen Museum
Von Wolfgang Theis
"Marlene Dietrich! Wer ist Marlene Dietrich?" So bissig soll die "göttliche Garbo" auf die Frage nach ihrer größten Rivalin im Film wie auch im Privaten reagiert haben. Getroffen haben sich die beiden Diven nie - dennoch gibt es viele Berührungspunkte. Zeitweise teilten sie sich die gleiche Geliebte: Mercedes de Acosta. Von Greta Garbo verstoßen, von der Dietrich gehätschelt, sorgte diese Mesalliance für reichlich boshaften Klatsch - sowohl in Marlenes Bekanntenkreis als auch in dem der Garbo. Zwei konkurrierende Hofstaaten beäugten sich, jeder Schritt wurde registriert, kommentiert und mit Lust kolportiert. Noch war die Garbo Hollywoods größter Star. Marlene setzte ihren ganzen Charme ein, um von Cecil Beaton, dem engen Freund und Leibfotografen der Garbo, fotografiert zu werden. Nach anfänglichem Sträuben ergab sich Beaton diesem Sperrfeuer. Was die Garbo davon hielt, ist nicht überliefert.
Solche Storys und die beiden geradezu revolutionären Auftritte als "kesser Vater" in Josef von Sternbergs Filmen "Marokko" und "Blonde Venus" waren es, die Marlenes Status als lesbischer Kultstar begründeten. Obwohl der beiläufige Kuss einer Frau und das Tätscheln der Revuegirls nicht mal zwei Minuten in Anspruch nahmen, waren sie für das lesbische Selbstverständnis von enormer Bedeutung. Marlenes androgyne Reize, durchaus schon in ihren Berliner Jahren vorhanden, wurden von Sternberg raffiniert verfeinert. Er verstand es, mit Hilfe eines Heeres von oft schwulen Kostümbildnern, Friseuren und Fotografen, das Bild einer emanzipierten, gefährlichen Frau zu kreieren, die sowohl auf Männer als auch auf Frauen erotisch wirkte. Gerade der Camp-Charakter ihrer Sternberg-Filme, die ironische Berechnung des herrschenden Frauenbildes im kunstvollsten Melodram, der Glamour und die übergroßen Gefühle in äußerst reduzierten Gesten machen bis heute starken Eindruck auf Marlenes wohl größten Verehrerkreis: schwule Männer. Mit ihrem kühlen Schlafzimmerblick und dem verlockenden spöttischen Lächeln hat sich die Dietrich wie kaum ein anderer Hollywoodstar in den Herzen der Tunten und Damendarsteller festgesetzt.
Sie liebte es zeitlebens, in Männerkleidern aufzutreten. Darin war sie zwar nicht die Erste, wohl aber die Konsequenteste, Eleganteste und Erfolgreichste. Bis auf den heutigen Tag werden ihre Posen nicht nur von Schauspielern und Showstars, sondern auch von bildenden Künstlern zitiert und imitiert. Ihr selbst waren die ständigen Huldigungen ein Gräuel: "Immer diese albernen Strumpfbänder und diese Tonne - einfach furchtbar", klagte sie. Auch die Homosexuellen blieben nicht verschont. In ihren Memoiren geißelte sie deren trauriges Schicksal. Aber die Fans waren nicht nachtragend, stillschweigend übergingen sie die Altersbosheiten - zumal bekannt war, dass sie es liebte, stundenlang mit Schwulen und Lesben am Telefon zu tratschen.
In Berliner Künstlerkreisen wurde Dietrichs Verhältnis mit Claire Waldoff leidenschaftlich erörtert. Der Song "Meine beste Freundin", den sie 1928 zusammen mit Margo Lion sang, entwickelte sich schnell zum Hit der Saison. Die lesbischen Zwischentöne seien, so sagte Marlene später, nicht wirklich beabsichtigt gewesen. In Hollywood hat sie dann gerne ganze Abendgesellschaften mit ihren Fraueneroberungen schockiert. Marlene, die fröhliche Bisexuelle, hat sich kaum eine erotische Gelegenheit entgehen lassen. Während ihrer Beziehung mit Jean Gabin pflegte sie eine keineswegs nur platonische Freundschaft mit Edith Piaf. 1935 trug sie auf einem Kostümfest in Hollywood das legendäre Partykostüm "Leda und der Schwan", und ihre Begleiterin Elizabeth Allan kam als Marlene im Frack - die Sensation war perfekt. Vielen galt dieser Auftritt als lesbisches Coming out oder doch als ein Eingeständnis ihrer Bisexualität. Schon Ende der 20er Jahre hatte die Dietrich, wohl auf einem Maskenball, das damals beliebte Kostüm des "Knaben in Blau" - nach einem Gemälde von Gainsborough - getragen. In schwulen Kreisen galt der Besitz einer Reproduktion dieses Bildes als eindeutiges Zeichen der Zugehörigkeit.
Solche Freizügigkeit begeisterte natürlich ihre vielen schwulen Freunde. Briefe belegen, dass die Schauspielerin durchaus Spaß an der gesteigerten männlichen Hysterie ihrer Verehrer hatte. Der emigrierte Schauspieler Hans von Twardowski und sein Freund Martin Kosleck gehörten Anfang der 30er Jahre zum Hausinventar und waren als Zuträger von Klatsch ebenso willkommen wie Clifton Webb, der die Kunst der Anzüglichkeit auf hohem Niveau beherrschte. Travis Banton, alkoholsüchtig, schwul und genial, entwarf in enger Zusammenarbeit mit Marlene alle Kostüme für ihre Filme bei Paramount und nebenbei auch Roben zum privaten Gebrauch. Mitchell Leisen, einer der erfolgreichsten Frauenregisseure Hollywoods, unterstützte sie, als ihre Karriere einen Tiefpunkt erreicht hatte. Mit Noël Coward verband sie eine lebenslange Freundschaft, die trotz Krisen bis zum Tode Cowards anhielt. Jean Cocteau und sein Liebhaber Jean Marias vergötterten die Dietrich - überhaupt war sie mit fast allen schwulen Filmgrößen ihrer Zeit befreundet, und der Rest hat sie hemmungslos verehrt.
Der Autor ist Kurator der Ausstellung "Marlene und das dritte Geschlecht" im Schwulen Museum Berlin
(Süddeutsche Zeitung vom 7.12.2001)
 
 
Marlenes pralle Lebenslust
 
Die vielen Gesichter der Dietrich in neuer Ausstellung zum 100. Geburtstag der Diva Von Peter Liebers
Berlin (MOZ) Marlene als Filmstar, dazu gab es schon zahlreiche Ausstellungen, aber Marlene mit Männern und mit Frauen, gibt es erst jetzt so zu sehen. Das Schwule Museum Berlin zeigt "Marlene und das dritte Geschlecht" - eine Hommage an "die fröhliche Bisexuelle", wie die Ausstellungsmacher ihre Schau selbst überschreiben. 500 Exponate aus dem öffentlichen und privaten Leben der Diva werden zu ihrem bevorstehenden 100. Geburtstag gezeigt.
Marmorstirn mit künstlich gewölbten Brauenbogen, der Blick unter hängenden Augenlidern hervor, "das ist ein so viel versprechender Blick, der alles bedeuten kann - von Ablehnung bis Hingabe. Da ist alles drin, ein großes Versprechen." Diese verheißungsvolle Vieldeutigkeit der Kunstfigur Marlene Dietrich ist es, die der Ausstellungskurator Wolfgang Theis dafür verantwortlich macht, dass die einzige Weltdiva aus Deutschland buchstäblich alle Geschlechter anzog, Männer wie Frauen, Lesben wie Schwule. War sie dabei eine gute Schauspielerin oder immer nur sie selbst? War sie intelligent oder nur tüchtig? Hat sie Männer geliebt oder Frauen oder beide? Egal, ihre Erotik ist sprichwörtlich.
Marlene hat zu keiner Zeit ein Hehl gemacht aus ihrem eigenen bisexuellen Leben. Ihre zwei kurzen Auftritte in "Marokko" und "Blonde Venus", in denen sie in Frack und Zylinder Frauen küsst und tätschelt, haben nicht nur Filmgeschichte gemacht. Es sind die ersten und bleiben für Jahrzehnte die einzigen dieser Art, sondern beförderten sie kurzerhand als Göttin in den Himmel der Lesben. Und dann ist da noch das Schwanenkostüm. Ein hochgeschlitztes Abendkleid aus Federn mit Flügeln und einem Schwanenhals als Kragen, in dem Marlene bei einem Kostümball auftrat: Leda und der verführende Götterschwan in einer Gestalt. An ihrer Seite als Begleiter Freundin Elisabeth - als Abbild von Marlene selbst in Frack und Zylinder. Das Bild changiert nach allen Seiten, eine blanke Provokation auch in so liberalen Zeiten wie den 20er Jahren. Der reine Narzissmus verknüpft mit der Inszenierung des eigenen, von Josef von Sternberg gekonnt entworfenen Mythos. "Ja, so bin ich, und alles andere ist mir ganz egal. Ich bin eben wild auf Leben."
Wer war Marlene?, fragt ein Schriftzug unter dem Porträt von Greta Garbo. Mit der teilte sich die Dietrich eine Geliebte, von der schwärmerisch-hymnische Fleh- und Drohbriefe in den Vitrinen prangen. Und mit wem hatte sie es noch?, fragt die Schau ein klein wenig lüstern, und ergeht sich fröhlich in gehobenem Klatsch, wie es sich für die Schwulenszene zu allen Zeiten gehört, und wobei auch Marlene mit hysterischer Leidenschaft teilzunehmen liebte.
War es nun Claire Waldoff, die - wie Gerüchte es wollen - hinter der Bühne die unschuldig junge, noch pummelige Marlene in die Geheimnisse der gleichgeschlechtlichen Liebe einführte? Und wie war das mit Edith Piaf? Ein Foto zeigt beide in innigem Kuss. Hatte sie sich als über 50-Jährige verliebt in die junge, strahlende Hildegard Knef? Was bedeutet es, dass sie bei einem anderen Kostümfest als Knabe in Blau auftrat, ganz so als sei sie aus dem Rahmen jenes Bildes gesprungen, das in Tausenden von Reproduktionen Homosexuellen als eine Art Erkennungszeichen dient?
Die Ausstellung deutet weniger aus, dafür um so mehr an. So ersteht ein Hauch jenes Flirrens wieder, das den Star damals umgab und noch heute zur Nachahmung verlockt. Eine Wand voller Fotos von Imitatorinnen und Transvestiten im Marlene-Stil kündet lauthals davon. Am Anfang der Schau im Schwulen Museum, die sich - wie auch die große im Filmmuseum am Potsdamer Platz - vorwiegend aus Materialien aus dem Marlene-Nachlass der Filmothek speist, hängt ein langes Zitat der Dietrich, das, wie Wolfgang Theis berichtet, bei den Mitarbeitern seines Hauses zuerst einmal Empörung auslöste: "Weil es natürlich ein Klischee ist, wenn sie sagt: Homosexuelle sind bedauernswerte Geschöpfe, und es ist besser, sie wären nicht so veranlagt. Denn sie sind einseitig, sie pflanzen sich nicht fort - das ist vielleicht Altersweisheit der Dietrich oder auch Altersbosheit. Wir lassen das offen, denn wir wollen mit diesem Zitat am Anfang so eine kleine brechtsche Verfremdung haben im Sinne von: 'Glotzt nicht so romantisch!' Dass Marlene nicht ganz so in den Himmel gehoben wird." Es soll schließlich keine Weiheschau sein.
(Märkische Oderzeitung vom 15./16.12.2001)
 
 
Die Frau von Welt
Zum 100. Geburtstag von Marlene Dietrich versöhnen sich die Deutschen mit ihrem einzig wahren Star
 
Von Christian Schröder
 
Ob Hitler mit ihr den Krieg gewonnen hätte? Die Nazis versuchten mehrfach, Marlene Dietrich zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen. 1937 startete Goebbels persönlich eine Initiative zur Heim-ins-Reich-Holung des Stars. Er beauftragte Heinz Hilpert, den Intendanten des Deutschen Theaters Berlin, nach Paris zu fahren, "um die Marlene Dietrich nach Deutschland zurückzuholen". Hinterher berichtete Hilpert, Dietrich könne "erst in einem Jahr in Berlin auftreten. Aber sie steht fest zu Deutschland".
 
Der Theatermann muss auf ein Rollenspiel der Darstellerin hereingefallen sein. Statt nach Berlin zu gehen, beantragte sie die amerikanische Staatsbürgerschaft. Als sie 1939 ihren US-Pass erhielt, brachte das NS-Hetzblatt "Der Stürmer" ein Foto von der Vereidigung und schäumte: "Die aus Deutschland stammende Filmschauspielerin hat so viele Jahre bei den Kino-Juden von Hollywood verbracht, dass sie nun amerikanische Staatsbürgerin geworden ist. In Hemdsärmeln nimmt der jüdische ,Richter' den Eid ab, auf dass sie ihr Vaterland verrate." Keine drei Jahre später zog Miss Dietrich dann in den Krieg: als Truppenbetreuerin. Sie ließ sich eine Army-Uniform nach eigenem Entwurf schneidern und sang die aus ihren Filmen bekannten Hits wie "Falling In Love Again" oder "The Boys In The Backroom". Allein im Frühjahr 1944 trat sie innerhalb von neun Wochen in 68 Vorstellungen vor über 150 000 G.I.s auf. Sie benutzte ihre Aura und ihre Stimme als Waffe im Krieg gegen NS-Deutschland.
Man kann sich das wirklich nicht vorstellen: die Dietrich im Film des Dritten Reiches. "Mitternachtswalzer" hieß ein Film, den die Ufa ihr 1936 anbot. Marlene als Walzerkönigin, selig lächelnd im Dreivierteltakt: undenkbar. In Hollywood hatte sie eine Tingeltangel-Diseuse namens Amy Jolly ("Morocco", 1930), die Spionin X 27 ("Dishonored", 1931), die Edelprostituierte Shanghai Lilly ("Shanghai Express", 1932), eine ehebrecherische Hausfrau ("Blonde Venus", 1932), schließlich die herrische Zarin Katharina die Große ("The Scarlet Empress", 1934) gespielt. Das waren selbstbewusste, mitunter eiskalte Damen, die den Sex zur Durchsetzung ihrer Interessen auszuspielen wussten. Im deutschen Film der dreißiger und vierziger Jahre war dieses irritierende Frauenbild nicht vorgesehen. Zarah Leander, die von den Ufa-Strategen als Dietrich-Ersatz aufgebaut wurde, durfte zwar eine gewisse, eher muttihafte Verruchtheit in einige Melodramen einbringen, musste das aber in den meisten dieser Filme mit ihrem Opfertod bezahlen.
Marlene Dietrich hingegen triumphierte in solchen Rollen, die die Moral des Kleinbürgers hinter sich ließen. Hitler und Goebbels wollten die Diva aber nicht in erster Linie für den deutschen Film zurückgewinnen, weil sie ihren Frontwechsel nach Amerika als nationale Schmach empfanden. Sie waren wirklich Fans. Zu den bizarrsten Devotionalien der "Marlene Dietrich Collection", die von der Deutschen Kinemathek in Berlin aufbewahrt wird, gehört das Mutterkreuz, das Hitler ihr im Dezember 1938 von einem Boten überbringen ließ. Marlenes schriftlicher Kommentar dazu: "Die unglaubliche Chuzpe dieser Dreckskerle." Die Dietrich hatte eine Tochter - Maria wurde 1924 geboren -, doch eine vorbildliche Mutter im Sinn der Blut-und-Boden-Ideologie war sie nicht. Ständig wechselnde Liebhaber! Und nie sah man sie ungeschminkt!
Marlene Dietrich und die Deutschen: ein schwieriges Kapitel. "Marlene, hau ab!", stand auf den Schildern, die ihr 1960 bei ihrer Comeback-Tournee vor dem Berliner Titania-Palast entgegengehalten wurden. Der Verrats-Vorwurf aus dem "Stürmer" war noch virulent. Chauvinistischer Kleingeist verband sich mit dem verklemmten Dünkel gegenüber einer Frau, die sich als fast 60-Jährige auf der Bühne in tief dekolletierten, mitunter durchsichtig erscheinenden Kleidern zeigte. "Sex-Mumie auf Reisen", titelte eine Illustrierte. Die Schmähungen müssen die Dietrich tief gekränkt haben. Als sie 1971 gefragt wurde, ob sie noch einmal in Deutschland singen wolle, antwortete sie: "Ich bin keine Masochistin."
Aber an Berlin, ihrer Heimatstadt, hat sie zeitlebens gehangen. Gerne inszenierte sie sich als Musterpreußin und gab ihren Vater als kaiserlichen Offizier aus. Dabei war Louis Erich Otto Dietrich, als dessen Tochter Marlene am 27. Dezember 1901 in der Schöneberger Sedanstraße 53 (heute Leberstraße 65) geboren wurde, einfacher Polizeileutnant. Immerhin aber ein Mann mit prachtvollem Wihelm-II-Zwiebelbart!
Das preußische Erbgut sollte sich später in der Zackigkeit ihres Auftretens zeigen. Marlene bekochte Freunde mit Eintopf und machte es sich zur Gewohnheit, ihre Garderoben eigenhändig zu schrubben. "Es war mir", schreibt sie in ihren Memoiren, "zur zweiten Natur geworden, die Zügel festzuhalten". Den Mauerfall am 9. November 1989 sah sie - da hatte sie sich längst in das selbstgewählte Gefängnis ihrer Pariser Appartements zurückgezogen - gerührt im Fernsehen. Das Ereignis mag zu ihrem Entschluss beigetragen haben, sich in Berlin beerdigen zu lassen. Marlene Dietrich starb am 6. Mai 1992 in Paris, zehn Tage später wurde sie auf dem Friedenauer Friedhof beigesetzt.
Als der Berliner Senat ein Jahr danach den gewaltigen Nachlass der Schauspielerin ankaufte - in ihrer Sammelwut hatte sie unter anderem 4000 Textilien, 300 000 Blatt Papier, 12 000 Fotos und 80 Koffer aufbewahrt -, war das ihre zweite Rückkehr. Die Ufa-Veteranin Evelyn Künneke hatte anlässlich der Beerdigung noch gegiftet, es gefalle ihr nicht, "wenn jemand sein Vaterland verleugnet". Doch das war nur das Nachzugsgefecht einer längst geschlagenen Schlacht. Zu ihrem 100. Geburtstag haben sich die Deutschen mit dem einzigen deutschen Weltstar versöhnt, den das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Ausstellungen, Coffee-TableBooks, DVD- und CD-Editionen feiern den Mythos, Kinos und Fernsehsender bringen Marlene-Filmreihen. Die tote Diva scheint lebendiger denn je.
Marlene Dietrich, das role-model. Mit der Art, wie sie ihre erotische Ambivalenz zum Geheimnis ihrer Ausstrahlung machte hat sie postmoderne Strategien ein halbes Jahrhundert vorweggenommen. Im Stummfilm "Tragödie der Liebe" trug sie 1923 zum ersten Mal ein Monokel, als Ausdruck weiblicher Unabhängigkeit. In "Morocco" trieb sie 1930 die Androgynität auf die Spitze und trat mit Frack, weißer Fliege und Chapeau claque auf. Das Outfit sollte später zum festen Bestandteil ihrer Gesangs-Shows werden. Privat war Dietrich ohnehin eine Frau, die gerne die Hosen anhatte. Als sie im Mai 1933 auf dem Bahnhof St. Lazare in Paris ihrem Zug in einem Männeranzug entstieg, lag Skandal in der Luft. US-Zeitungen hatten gemeldet, sie solle verhaftet werden, wenn sie in Frankreich in Hosen auftauchen würde. Der Besuch verlief ohne Festnahme.
"Marlene Dietrichs Beruf war nicht der einer Schauspielerin, eines Showstars oder einer Sängerin. Ihre wahre Profession war Marlene Dietrich selbst: die Ikone, der Weltstar, der unvergleichliche Name, das Zeichen, das alle überstrahlte", schreibt Werner Sudendorf in seinem Dietrich-Porträt, dem klügsten Beitrag unter den Geburtstags-Neuerscheinungen. Marie Magdalene Dietrich - so ihr Geburtsname - änderte mit elf Jahren ihren Namen und nannte sich fortan Marlene. Man kann darin ihren ersten Versuch sehen, sich selbst neu zu erfinden. In der Familie wurde sie weiterhin Lena gerufen, ihre Liebhaber nannten sie später "Mutti". Für die Außenwelt aber war sie ab jetzt Marlene, die Einzigartige.
Auf die Kontrolle ihres Images verwandte die Dietrich zeitlebens enorme Energien. In den vierziger Jahren, auf dem Höhepunkt ihres Hollywood-Glamours, korrigierte sie die Lichteinstellungen für ihre Szenen, retuschierte ihre Pressefotos und brachte bei Kostümbesprechungen eigene Entwürfe mit. Die rigiden Methoden hatte sie bei Josef von Sternberg gelernt, ihrem Entdecker. Als Sternberg ihr 1929 die Hauptrolle für "Der blaue Engel" gab, war sie schon 28 Jahre alt. Sie hatte ihr Geigen-Studium wegen einer Sehnenentzündung aufgeben müssen und war in etlichen mittelmäßigen Filmen aufgetreten, ohne weiter aufzufallen: eine halb gescheiterte Aktrice. Der "Blaue Engel", in dem sie als Lola Lola viel Bein zeigte, machte sie berühmt. Noch in der Nacht der Premerienfeier bestieg sie das Schiff nach Amerika.
Sechs Filme hat die Dietrich in Hollywood mit Sternberg gedreht, es waren ihre ästhetisch ausgefeiltesten Arbeiten. Nachdem "The Devil is a Woman" gefloppt hatte, trennten sie sich 1935. Statt kapriziöser Heroinnen gab Marlene nun handfeste Ladys: das Saloon-Weib Frenchy in "Destry Rides Again" (1939) oder die Südsee-Sängerin Bijou in "Seven Sinners" (1940). Von diesen Filmen führte ein direkter Weg auf die Bühnen von Las Vegas, wo 1953 ihre zweite Karriere als Sängerin begann. Die Dietrich ließ sich ihre Show-Garderobe in doppelter Ausfertigung nähen und schickte eine Hälfte davon immer schon vorher los. Der Ablauf ihrer Abende blieb über zwanzig Jahre unverändert, Ansagen und Auswahl der Songs waren identisch. Zum Schluss war ihre Show, so Sudendorf, "eine Geisterbeschwörung".
Die Diva ignorierte ihr Altern und hoffte vergeblich, es damit aufhalten zu können. 1974 brach sie sich ihre Hüfte und setzte ihre Welttournee trotzdem fort. 1979 stürzte sie noch einmal in ihrer Pariser Wohnung und beschloss, sie nie wieder zu verlassen. "Ist es nicht sonderbar", schrieb sie, "die Beine, die mir den Aufstieg zum Ruhm leicht machten, sind nun der Grund für meinen Sturz ins Elend. Gespenstisch, nicht?"
(Der Tagesspiegel vom 22.12.2001)
 
 
Marlene und der Schwan
 
Der Fotoarchivar Wolfgang Theis ist in seiner Freizeit Ausstellungsmacher im Berliner Schwulen Museum. Zum 100. Geburtstag von Marlene Dietrich präsentiert er den deutschen Weltstar als unangefochtenes Filmidol der schwul-lesbischen Gemeinde
von DOMENIKA AHLRICHS
Eigentlich ist er Koch, sagt Wolfgang Theis. Aber das ist lange her. 40 Jahre genau. Als Jugendlicher hat er damals in Stuttgart das Kochen gelernt. Jetzt ist er Fotoarchivar im Berliner Filmmuseum und nebenher Ausstellungsmacher im Schwulen Museum in Kreuzberg. Kein allzu großer Schritt vom Kochberuf, findet Theis: "Organisationstalent, Kreativität, ein Gespür für Zutaten - all das kann ich heute auch gut gebrauchen."
Ein Mann mit Lachfältchen um die Augen, gestutztem grauem Vollbart und Halbglatze. Über dem Hemd trägt er eine fein gerippte blaue Weste zur Jeans. Wolfgang Theis rückt seine Lesebrille zurecht und fixiert eine gerahmte Fotografie. Hängt sie gerade? Ungefragt reicht ihm ein Mitarbeiter die Wasserwaage. "Hab ichs mir doch gedacht", sagt der Ausstellungsmacher und gibt dem Bild einen kleinen Schubs. Mehr als 200 Bilder hängen an den Wänden. Theis hat die erklärenden Texte zu jedem Foto selbst formuliert und getippt, denn er kennt sie alle.
Es sind die Aufnahmen aus dem Nachlass von Marlene Dietrich. Außer Filmkostümen, Alltagskleidung, Gemälden, Tondokumenten und zahllosen Briefen der Diva gingen rund 45.000 Fotos an das Land Berlin, als es 1993 den Besitz der Dietrich für über fünf Millionen Dollar erwarb. Wolfgang Theis hat jedes Bild schon einmal in den Händen gehalten. Fünf Jahre lang sortierte, recherchierte und archivierte er die Aufnahmen für die "Marlene Collection" des Filmmuseums.
"Wenn ich das Gleiche mit Fotos von Heinz Rühmann hätte tun müssen, wäre ich verzweifelt", sagt der Archivar und verdreht die Augen. Es gebe Ermüdungserscheinungen, wenn man sich mit einer Person über Jahre beschäftige. Mit der Dietrich ist es ihm nie langweilig geworden. "Vielleicht, weil ich schwul bin", meint er. "Marlene ist ja das große Liebesobjekt von Schwulen und Lesben. Da bin ich vielleicht geduldiger." Nein, ein echter Fan sei er nicht. Aber er empfinde Sympathie für die Diva und verehre sie.
Eine Umfrage des Berliner schwul-lesbischen Stadtmagazins Siegessäule bestätigte jüngst, dass Marlene Dietrich das unangefochtene Filmidol der Hauptstadt-Homosexuellen ist. "Ihre Androgynität, ihr Changieren zwischen den Geschlechtern, macht sie so attraktiv", vermutet Wolfgang Theis. Die Schauspielerin hatte Liebesbeziehungen zu Frauen und Männern. Spätestens seit ihrem Auftritt in Frack und Zylinder im Film "Morocco" (1930) gilt sie als Verkörperung des weiblichen Bohemiens und Dandys: Lässig rauchend, beugt sich die Dietrich als Sängerin zu einer Frau im Publikum, erbittet von ihr ein Glas
Champagner, trinkt es in einem Zug und bedankt sich mit einem Mundkuss.
Mit "Marlene und das Dritte Geschlecht" präsentiert das Schwule Museum die Diva als Vorbild der schwul-lesbischen Gemeinde. Als Freundin der Homosexuellen ihrer Zeit. Wolfgang Theis hat entsprechende Fotos, Briefe und Kostüme ausgewählt. Natürlich habe der Filmstar auch und vor allem heterosexuelle Liebhaber gehabt, doch für die sei in anderen Ausstellungen genügend Raum. Im Schwulen Museum gibt es Bilder der Schriftstellerin Mercedes de Acosta, der Geliebten, die sie mit Greta Garbo teilte. "Du machst mich lebendig, in den wenigen Stunden, in denen ich mit Dir zusammen bin", schrieb de Acosta an Marlene.
Claire Waldoff, der berühmten Berliner Lesbe der Zwanzigerjahre, ist eine ganze Wand gewidmet. Die Waldoff habe Marlene in einen neuen Stil des Gesangs und der Liebe eingeführt, meint Wolfgang Theis. Aufs Schildchen hat er gedruckt: "Viele glaubten, das Warum und das Wie verdanke Marlene der Claire Waldoff." Zu Fotos von einer Begegnung der Dietrich mit Hildegard Knef im Jahr 1960 bemerkt der
Ausstellungsmacher: "Sie waren gute Freundinnen", und lächelt. "Das lassen wir jetzt mal ganz unkommentiert."
Starporträts aus allen Lebensphasen der Dietrich, eine Wand, lückenlos bedeckt mit Aufnahmen von Fans, Imitatoren, Freunden der berühmtesten Berlinerin. Ein Telefon aus ihrer Pariser Wohnung und ein Schwanenkostüm: Wolfgang Theis kennt die Geschichte eines jeden Ausstellungsstücks. Er habe sich der Dietrich in all den Jahren so weit genähert wie möglich, sagt er. Um den Nachlass archivieren zu können, hat er Biografien gelesen und sich mit Dietrichs Tochter, Maria Riva, unterhalten. Ein Drittel der Fotos stammt von den Filmaufnahmen der Diva. Das ist Theis eigentliches Metier. Schon während der ehemalige Koch in Berlin studierte, interessierte er sich vor allem für Film. Dass er damals Werner Sudendorf, den heutigen Leiter der Sammlungen im Filmmuseum, kennen lernte, kam Theis wie gerufen. Sudendorf hatte einen Job für ihn, und so wurde 1985 sein Hobby zum Broterwerb.
"Als das Schwanenkostüm aus der Kiste hervorlugte, habe ich gejubelt", erzählt Theis. Überhaupt, das Öffnen des Dietrich-Nachlasses sei wie Weihnachten gewesen. "Das ist kein Trödel. Die Dinge haben alle eine Aura." Mit seitwärts geneigtem Kopf betrachtet er das lange, schwanenfedergeschmückte weiße Kleid in der Vitrine. Am Kragen streckt ein kleiner Schwan.
Marlene Dietrich trug das Kostüm zu einem Fest, bei dem jeder als seine am meisten verehrte Person auftrat. Die Dietrich war "Leda mit dem Schwan", die griechische Sagenfigur, die der Gott Zeus in Vogelgestalt schwängerte. Ein Sinnbild der Erotik. Der Ausstellungsmacher hält dies für das "vielleicht nachdrücklichste Bekenntnis zur Bisexualität" des Weltstars.
An Dietrichs Arm schritt damals die englische Schauspielerin Elizabeth Allan, in Frack und Zylinder verkleidet als Marlene. Auch dieses Kostüm hat Theis für seine Ausstellung erhalten. Kostenlos. Anders hätte er es sich gar nicht leisten können.
Während seines Studiums hat Theis im damaligen Berlin Museum (heute Stiftung Stadtmuseum) gearbeitet und dort Ausstellungserfahrung gesammelt. Bald wagte er sich an seine erste eigene Schau im Schwulen Museum. Seither hat er unter anderem Anita Berber, die erste Nackttänzerin der Weimarer Republik, den Stummfilmstar Conrad Veidt ("den haben wir eingemeindet, weil er einen Schwulen gespielt hat, ohne schwul zu sein") und den Autor Oscar Wilde zu dessen 100.
Geburtstag mit Ausstellungen gewürdigt. Dank Publikumserfolg und immer professionelleren Konzepten hat sich das Schwule Museum mittlerweile einen guten Ruf in der Berliner Museumslandschaft erarbeitet.
Sympathie und Unterstützung für jede Ausstellung seien ihnen mittlerweile sicher, sagt Theis. Konkret bedeutet das für den Kurator, dass er Leihgebühren sparen kann, wo andere viel zahlen müssten. Die Glasvitrinen habe die Stiftung Stadtmuseum zur Verfügung gestellt. Der Ausstellungsmacher ruckelt ein bisschen an den Scharnieren und stellt dann befriedigt fest: "Alles dicht. Das ist original DDR-Design."
Die Dietrich-Devotionalien wie Kostüme, Fotos und Alltagsgegenstände hat das Filmmuseum geliehen. Die Doppelrolle als Fotoarchivar und Ausstellungsmacher zahle sich für ihn aus, meint Theis mit einem Augenzwinkern. Als Beschäftigter im öffentlichen Dienst erhalte er ein dreizehntes Monatsgehalt. "Dieses Weihnachtsgeld geht komplett für die Ausstellung drauf." "Wunderschöne Bilder", schwärmt Theis "Hier, das werden Sie lieben. Ist das nicht schön unanständig?" Marlene Dietrich trägt auf dieser Aufnahme einen üppigen Pelzkragen, der ihr Dekolletee oval umrahmt und dann spitz zuläuft. "Aber jetzt mal ehrlich: Wir haben vor 16 Jahren angefangen, das Projekt ,Schwules Museum' aus der Taufe zu heben. Nun wollen wir es irgendwann in die Mündigkeit entlassen."
Ein eigenes Haus, eine Stiftung, die Gehälter zahlt, und eine Dauerausstellung, um das gesammelte Material besser zugänglich machen zu können, stehen auf der Wunschliste. Durch Ausstellungen etabliere sich das Museum in der Berliner Kulturlandschaft und erhöhe in der Öffentlichkeit die "Akzeptanz für andere Lebensentwürfe".
Dabei bleibt aber noch viel zu tun. 2005 zum Beispiel steht Thomas Manns 50. Todestag an. Eine willkommene Gelegenheit, um "über den schwul-lesbischen Anteil der Familie Mann" zu berichten, sagt Theis. Hinweise auf die geplante Mann-Schau hat Theis schon jetzt unter den 300 Ausstellungstücken platziert: Ein Porträt von Erika Mann hängt auf Augenhöhe an der Marlene-Dietrich-Fan-Wand.

 
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