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Einladungskarte zur Ausstellung "Fuck Gender", 2003
26. Februar bis 26. Mai 2003
Fuck Gender
Fotos von Annette Frick
 
Die Fotos von Annette Frick, die in der Tradition von Brassei, Man Ray, Lisette Modell, Diane Arbus, Peter Hujar stehen, zeigen genau das Gegenteil: In einfachen, klaren schwarz-weiß Bildern, ohne allen technischen Schnickschnack treten die Individuen, die stolz auf ihr Andersein sind, ob Homo, Lesbe, BiSexuelle, Hetero, Hetera, Dragking, Dragqueen,Tunte etc.etc. leuchtend in den Mittelpunkt. Durch den fotografischen Purismus, der alles andere ist als arme Fotografie, setzt Annette Frick auch einen Gegenpol zu der im Moment herrschenden Beliebigkeit der Mainstream Fotografie, die ihre geistige Armut hinter Riesenschinken oder digitalisiertem Schnickschnack verbirgt.


Zu Annette Fricks Fotos und Diashows
von Marc Siegel
(Übersetzung aus dem Amerikanischen)

 
Seit vielen Jahren hat die Fotografin Annette Frick leidenschaftlich und geduldig das quere Underground-Nachtleben Berlins dokumentiert. Mit einem besonderen Auge für die Unterschiede innerhalb der lesbischen und schwulen Szene, der "drag und Performance Szene", fotografiert Frick die großen kulturellen Veranstaltungen wie die Teddy Awards Ceremony auf der Berlinale und mit besonderer Aufmerksamkeit die kleinen, weniger kommerziellen Ereignisse, wie z.B. "Fabrikantinnen", das jährlich stattfindende lesbisch-feministische Kulturfestival in einem Ladenlokal in Friedrichshain. Wo auch immer sie arbeitet, Frick fängt genau jene flüchtigen, ephemeren, schnell vergänglichen Momente ein, die dann sichtbar werden, wenn ein Punk oder ein Performer ihr oder sein Haar fallen lässt, ihre oder seine Prücke aufsetzt. In anderen Worten, eine der spezifischen künstlerischen Qualitäten ihrer Arbeit besteht im Festhalten jener Augenblicke, in denen Performer und Performance gleichzeitig zu sehen sind - in der Garderobe, im Nachtclub oder Backstage.
 
Das ist vielleicht ein Weg, das Projekt "Die Masken der Identität" zu verstehen. Diese scharfsinnige Arbeit ist sich des offensichtlichen Paradox' bewusst, dass jemand nicht, um sich zu verstecken, eine Maske aufsetzt oder um sich zu verkleiden, sondern dass erst dieses Ritual es möglich macht, die eigene Identität auszudrücken. Während Fricks Protagonisten sich eine Maske auflegen oder ein Kleid anlegen, fabrizieren sie eine jeweils andere Identität. Da diese Figuren, die Fricks Welt bevölkern, zu den innovativsten Persönlichkeiten Berlins vergangener und gegenwärtiger Kulturlandschaft zählen, lassen die "neuen Identitäten", die diese Fotos dokumentieren, etwas von den radikalen kulturellen Möglichkeiten der Großstadt erahnen. In vielen Fällen sind die Fotos die einzigen noch verfügbaren Dokumente eines Ereignisses, das ansonsten im besten Fall in der Form einer persönlichen Erinnerung oder einer anekdotischen Erzählung fortleben würde. Aus diesem Grund haben ihre Fotos einen einzigartigen historischen Wert. Es zeugt von ihrem spezifischen Können und ihrem Handwerk, dass ihre Fotos etwas von der Frische und Spontanität der Umgebung erhalten, in der sie aufgenommen wurden.
 
Als eine begabte Dokumentaristin dieser queren Gegenkulturszene wurde Frick eine vertrauenswürdige Teilnehmerin. Sie hatte die einzigartige Gelegenheit, sich mit einer Reihe der großartigen Underground-Performer anzufreunden und sie in ihr Studio einzuladen. Dort hatte sie mehr Zeit, mit ihnen Portraits zu inszenieren. Ihre gesamte Arbeit ist eine bewegende und präzise Dokumentation der in Berlin arbeitenden Künstlerinnen und Künstler und deren öffentlicher und privater Performances. Dadurch hat sie auch eine intime Perspektive auf die rohe Fabelhaftigkeit des gegenwärtigen queren Lebens.
 
Marc Siegel ist amerikanischer Filmwissenschaftler und Theaterregisseur. Außerdem ist er Spezialist der Queer Theory und Underground-Kultur. Er promoviert in Filmwissenschaft an der University of California, Los Angeles, und ist Mitbegründer des Cheap Clubs.
 
Künstlerischer Werdegang Annette Frick *1957

1978 Studium der Freien Kunst an der F.-H. für Kunst und Design in Köln
1985 Diplom; seit 1985 Konzeption und Realisierung von Ausstellungen, Multimediaveranstaltungen mit begleitenden Lectures oder Symposien, wie z.B. "Hohe und Niedere Fotografie"
1986 Gründung des Hafensalons
1987 Stipendium des Deutsch-Französischen Jugendwerks; Preis der Fachjury des Filmfestivals "Experi" in Bonn für den Film "U.V"
1988 Stipendium für zeitgenössische Deutsche Fotografie der
Alfried-Krupp-von-Bohlen-und-Halbach-Stiftung
1988 Abschluss des Studiums der Freien Kunst als Meisterschülerin
1988 "Hohe und Niedere Fotografie", Köln Hafensalon
1990 Beginn der Arbeit an "Aus der zahmgewordenen Venus bricht wieder Aphrodite hervor"; umfangreiche Zyklen fotografischer Selbstportraits; Chargesheimer Preis der Stadt Köln für Fotografie
1992 Beginn der Arbeit an "Tabuzonen", das sich mit der deutschen Vergangenheit und dem Holocaust beschäftigt
1996 Umzug nach Berlin; Beginn mit der Arbeit an "Die Masken der Identität" (unveröffentlicht)
2000 Parallel dazu Beginn des Film+Fotoprojektes "Rosa Luxemburg und Franz Kafka treffen sich am Ostkreuz" (unveröffentlicht)
2002 Beginn der Arbeit an mehreren 16mm Kurzfilmen, u.a. "Joyce in Preußen" und dem kameralosen Film "Cosmic Elements" in Photogrammtechnik
2003 FUCK GENDER, eine Weiterentwicklung von "Die Masken der Identität", wird in einer Ausstellung im Schwulen Museum in Berlin und dem Medienzentrum Bremen veröffentlicht; "Von Körpern und anderen Dingen", Deutsche Fotografie von der Weimarer bis zur Berliner Republik", u.a. Prag, Berlin, Moskau, Bochum

 
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