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Rinaldo Hopf: Michel Foucault Aquarell auf Buchseiten, 2004 ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Fotos: Michael Bidner |
Michel Foucault
15. Oktober 1926 - 25. Juni 1984Hommage zum zwanzigsten Todestag Pünktlich zum zwanzigsten Todestag widmet das Schwule Museum Michel Foucault eine Ausstellung, die Leben und Werk des nach Jean-Paul Sartre wichtigsten französischen Denkers würdigt. Ihm ging es nicht um die Philosophie an sich, sondern um philosophieren als politische Betätigung, um Veränderung des Etablierten. Was die Frage aufwirft: Wie stellt man Philosophie im Museum aus? Der Kurator hat sich für das Prinzip der Collage entschieden, das durchaus auch eine Entsprechung in Foucaults historischen Untersuchungen findet. Eine Installation aus Foucault-Zitaten empfängt den Besucher, verleitet ihn zum genauen Hinsehen, zum Lesen. Die Texte werden als grafisches Mittel eingesetzt, um das Gedankengebäude Foucaults anschaulich zu machen. Alle Wände des ersten Raums sind mit Texten tapeziert, wobei Passagen zur Sexualität überwiegen. Vor, auf und über diesen Texten lagert sich eine weitere Schicht der Foucault-Rezeption ab. Einschätzungen, Liebeserklärungen, aber auch gehässige Bemerkungen und Portraits von Zeitgenossen zieren die Stirnseite des Raumes. Flankiert werden sie von Nietzsche, Marx und Freud, deren Werke ganz unterschiedliche Spuren im Denken Foucaults hinterlassen haben. Maurice Henrys berühmte Karikatur "Das Treffen der Strukturalisten", groß auf eine Stellwand appliziert, gibt Gelegenheit sich mit dem Strukturalismus und Foucault zu beschäftigen. Eine erkennungsdienstliche Vorrichtung aus dem 19. Jahrhundert, bestehend aus Stuhl, Kamera und Maßstab illustriert mit der vergrößerten Anfangsseite aus "Überwachen und Strafen" Foucaults bekanntestes Werk. Vor einer Wand mit Graffitis der Studentenbewegung aus dem Jahr 1968 ragen zwei Säulen mit Collagen. Auf der einen Foucault, auf der anderen sein Widersacher Jean-Paul Sartre, davor ein Pult mit Texten, die ihre Beziehung nachzeichnen. Gerahmt wird diese Konfrontation einerseits von der künstlerischen Arbeit Rinaldo Hopfs, der Foucault großformatig auf die Buchseiten von "Die Sorge um sich" aquarelliert hat, und andererseits von politischen Aktionen, die als Text- und Bildzitate eine ganze Wand einnehmen. Dazwischen von der Decke abgehängt Portraits der wichtigsten Freunde, Liebhaber und Vorbilder Foucaults mit biographischen Anmerkungen. Vergrößerte griechische Vasenmalerei lenkt das Auge auf das leider unvollendet gebliebene Spätwerk und gibt eine Passage frei, die den Besucher in die Welt der Saunen und Bäder führt. Der zweite Raum ist für die Bücher, Dokumente, Plakate und Fotos reserviert, die vom Merve Verlag, Berlin, dem Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main und von vielen Privatpersonen überlassen wurden. 1959 hat der Schriftsteller, Afrikaforscher und Vorkämpfer für die Emanzipation der Homosexuellen, Rolf Italiaander, auf Betreiben von Foucault im Hamburger Institut français eine Ausstellung mit Kupferstichen afrikanischer Künstler organisiert. Foucault war damals für ein Jahr Direktor des Instituts. Die Exponate dieser Ausstellung konnten wir vom "Museum Rade am Schloß Reinbek" ausleihen. Sie sind seit der Hamburger Ausstellung erstmals wieder zu sehen. Ergänzt werden sie durch Italiaander-Fotos und Texten aus einem Brief Foucaults an Italiaander. Die Hommagen-Reihe, die bisher vorwiegend schwule Regisseure, Schauspieler und Schriftsteller geehrt hat, erschließt sich mit der Foucault Präsentation neue Möglichkeiten. Leben und Werk Foucaults soll dem Besucher des Schwulen Museums nahe gebracht werden, ihn neugierig machen, ihn zum Lesen verführen aber auch dem Kenner des Werkes neue Aspekte eröffnen. Wichtige Exponate stammen vom Deutschen Historischen Museum, vom Filmmuseum Berlin und von der Polizeihistorischen Sammlung. Führung: jeden Mittwoch um 19 Uhr Eröffnungsrede von Holger Doetsch Bilder von der Eröffnung Schreiben Sie Ihre Meinung in unser Gästebuch! |
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Pressestimmen
![]() taz, 21. Juni 2004 [...] Das Schwule Museum, das anlässlich des 20. Todestages am 25. Juni in einer sehr aufwändig gestalteten Ausstellung an Foucault erinnert, befasst sich nicht allein mit der Homosexualität Foucaults. Auch wird den Besucherinnen und Besuchern keine dieser unsäglichen Ausstellungen geboten, in denen das Leben des zu Ehrenden der Chronologie folgend ausgestellt, mithin von den Babyfotos bis zur Totenmaske präsentiert wird. Das wäre in einer Biografie viel besser aufgehoben, und auch eine nur die Theorie erklärende Ausstellung führte nicht weit genug. [...] Es ist das große Verdienst dieser Ausstellung, den Menschen Michel Foucault, der als akademischer Klassiker ein wenig papiern geworden ist, ins Bewusstsein zurückzuholen. Vielleicht rückt sie auch den engagierten Intellektuellen wieder dahin, wohin er gehört: ins Rampenlicht. Jörg Sundermeier zur Homepage Süddeutsche Zeitung, 25. Juni 2004 [...] Zwanzig Jahre nach seinem Tod erweist der philologisch-historische Komplex ihm routiniert die Ehren, die einem klassischen Autor gebühren. Ansonsten scheinen die Akademiker, die dreißig Jahre von ihm gelebt haben, momentan anderweitig beschäftigt. So blieb es dem Schwulen Museum in Berlin-Kreuzberg vorbehalten, Foucault aus Anlass seines 20. Todestages mit einer ehrgeizig gestalteten, glänzend gelungenen Ausstellung zu ehren. Wer die dreieinhalb Räume in Ruhe durchwandert, taucht ein in eine Welt, die so versunken, abgeschieden fremd wirkt, wie nur die jüngste Vergangenheit es kann. [...] Mit Witz vergegenwärtigt der Kurator Wolfgang Theis den Lebensraum Foucaults. [...] Jens Bisky zur Homepage Siegessäule, Ausgabe Juni 2004 Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich nicht ohne Anstrengungen und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen von dem freimacht, was für wahr gilt, und nach anderen Spielregeln sucht. Dieser Satz Foucaults aus einem Interview kennzeichnet das Denken und das Lebenswerk des französischen Philosophen und Historikers. Beeinflusst von Karl Marx, Sigmund Freud, Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger, untersucht Foucault in seinen Schriften die Machtstrukturen und Kontrollsysteme der abendländischen Gesellschaft. Sein Hauptinteresse gilt dabei der Verknüpfung von Macht und Wissen. Besonders Foucaults Diskurstheorie wirkt sich bis heute nachhaltig auf die verschiedenen Wissenschaften aus, nicht zuletzt auf die queer theory. [...] Annette Pussert zur Homepage Berliner Morgenpost, 25. Juni 2004 Rock Hudson war nicht der erste prominente Aids-Tote. Er war nur der Erste, der zu der Krankheit stand - und damit viel für die öffentliche Diskussion getan hat. Als Michel Foucault heute vor 20 Jahren gestorben war, hatte man noch verschämt von einem Krebs, auch von einer Blutvergiftung gehört. Die wahre Ursache wurde lange verschwiegen, und als Hervé Guibert sechs Jahre später in seinem Roman "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat" das Siechtum des Philosophen beschrieb, löste das noch mal einen Skandal aus. Der größte Denker Frankreichs nach Sartre, der Mitbegründer des Strukturalismus, der die Zivilisationsgeschichte als institutionalisierter Wille zur Macht analysierte, der die Philosophie revolutionierte, weil das Denken zum Verändern provozieren sollte: Ein solcher Kopf durfte nicht eines solch profanen Todes gestorben sein. [...] Peter Zander zur Homepage scheinschlag, Ausgabe 06/2004 [...] Der Umstand, daß Foucault außerdem schwul war und als einer der ersten Prominenten an AIDS starb, beschert ihm nun eine Hommage anläßlich seines 20. Todestages im Schwulen Museum in Kreuzberg. Ein sehr gewagtes Unterfangen, denn wie soll man eine Ausstellung über einen Philosophen präsentieren? Der Kurator Wolfgang Theis hat sich für das Naheliegende entschieden und Collagen verschiedener Texte zusammengetragen. Der größte Teil der Ausstellung ist im wahrsten Sinne des Wortes tapeziert mit Zitaten aus Foucaults Büchern. [...] Wer Foucault nicht kennt, sollte sich an die wöchentlich stattfindende Führung halten. Susann Sax zur Homepage KONDENSAT berlin art info, Ausgabe 07/2004 [...] Sicher, auch Foucaults gelebte Homosexualität war ein Politikum, aber fraglich ist trotzdem, warum ihr mit griechischer Vasenmalerei und "zeitgenössischem schwulem Pornofilm" gedacht werden muss. Positives Vorbild für die Jungs vom Schwulen Museum wäre das unsichtbare Museum, das mit guter Kunst von Frauen aufwartet, ohne den interessierten BesucherInnen gleich die Vulva ins Gesicht zu pressen. In der Fülle des zusammengetragenen Materials finden sich aber auch Raritäten, deretwegen ein Besuch der Ausstellung allemal lohnt. [...] zur Homepage |
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