Foucault: Die Eröffnungsrede

Rede zur Ausstellungseröffnung "Michel Foucault - Hommage zum zwanzigsten Geburtstag" am 15. Juni 2004 - von Holger Doetsch, Publizist

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bin gebeten worden, über die Beziehung zwischen dem Philosophen Michel Foucault und dem Fotografen und Romancier Hervé Guibert zu sprechen.
Michel Foucault ist 1977 auf den damaligen Journalisten Hervé Guibert durch dessen Beiträge in Le Monde aufmerksam geworden. Foucault gefiel die Art des jungen Mannes, der frei von Schnörkel und überflüssigen Adjektiven schrieb. Aus einem ersten Treffen wurde eine tiefe Freundschaft, und an dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass Guibert nicht - wie es aktuell ein Berliner Magazin schreibt - der Lebensgefährte von Foucault war. James Miller hat Recht, wenn er in seinem ansonsten über weite Strecken entbehrlichen Buch Die Leidenschaft des Michel Foucault schreibt, die Beziehung zwischen den beiden sei - Zitat - "im wahrsten Sinne des Wortes keusch" gewesen. Weggefährten berichten noch heute, die Freundschaft Foucaults mit Guibert sei einer der engsten, wenn nicht gar die engste gewesen. Sie war geprägt von gegenseitiger Anerkennung, was darin gipfelte, dass der Philosoph 1983 das Talent Guiberts auf eine Stufe mit Genies wie Magritte stellte.
Hervé Guibert begleitete Foucault bis zu seinem Tod am 25. Juni 1984. Eine schwere Zeit, in der Guibert ein Tagebuch führte, um so den tiefen Schmerz über den Verlust des Freundes zumindest zu lindern. Ergebnisse dieses Tagebuches flossen zuerst in Guiberts Kurzgeschichte Die Geheimnisse eines Mannes und dann knapp sieben Jahre später in seinen Schlüsselroman Dem Freund der mir das Leben nicht gerettet hat ein. Hervé Guibert wurde in Frankreich nach der Veröffentlichung mit Kritik überschüttet. Mehr noch, es war ein öffentlicher Skandal, verbunden mit Versuchen, die Glaubwürdigkeit Guiberts in ihren Grundfesten zu erschüttern. Es waren nicht die Literaturkritiker, die sich zornig erhoben. Dem Freund der mir das Leben nicht gerettet hat ist ein brillantes Buch! Nein, es erhoben sich die Moralprediger und die Fetischisten einer selbst entworfenen Wertegesellschaft.
In Dem Freund der mir das Leben nicht gerettet hat beschreibt Guibert in erster Linie seinen eigenen körperlichen Verfall durch AIDS. Eine Figur in dem Roman, die ebenfalls an AIDS erkrankt ist und die sich intensiv mit der Krankheit und dem daraus resultierendem Todesurteil beschäftigt, ist Muzil. Und Muzil - dies war für die Leser allzu durchsichtig - war Michel Foucault, der, so steht es in dem Buch, dem Tod mit "herrischem Gleichmut" entgegengesehen habe.
Michel Foucault, der seine Person und sein Privatleben nie in den öffentlichen Mittelpunkt stellte, wird Guibert zu keiner Zeit expressis verbis aufgefordert haben, in einer Publikation von seinen Ausflügen in die Sado-Maso-Szene oder vom Verfall durch AIDS zu berichten. Kurz vor seinem Tod verbrannte Foucault Aufzeichnungen und Briefe und verfügte ein strenges Pas de publication posthume! Foucault war ein Meister der Diskretion, und selbst Guibert ging davon aus, Foucault wäre über Dem Freund der mir das Leben nicht gerettet hat wütend gewesen. Warum aber hat Foucault Guibert an seinem AIDS-Leiden so intensiv teilhaben lassen. Und warum hat Guibert dies knapp sieben Jahre nach Foucaults Tod öffentlich gemacht?
Wer jemanden ungefragt und ungewollt in die Öffentlichkeit zerrt, mag vordergründig drei Motive haben: Niedertracht, überzogenes Ego oder Geldgier. Alles das traf auf Hervé Guibert nicht zu. Guibert war zum Zeitpunkt des Erscheinens von Dem Freund der mir das Leben nicht gerettet hat selbst todkrank. Da pflegt man kein Ego mehr. Und lukrative Angebote von Verlagshäusern, über seine Freundschaft zu Foucault Memoiren zu schreiben, lehnte Guibert jahrelang brüsk ab. Die persönliche Integrität des Hervé Guibert stand also außer Frage. Bleibt somit die Frage nach Guiberts Motiv für diesen damals außerordentlich mutigen Schritt, diesen Roman zu veröffentlichen.
Zum einen müssen wir uns die Persönlichkeit Guiberts und seine Eigenschaften vergegenwärtigen. Eigenschaften übrigens, die von Michel Foucault außerordentlich geschätzt wurden. Guibert war ein sehr freier Geist, in seinem Tun radikal und anarchisch. Als er bei Le Monde über Fotografie schrieb, rauften sich seine Chefs nicht selten die Haare, weil er in Interviews Fragen stellte, die die Gefragten nicht wirklich hören wollten. Es ging ihm als Journalist und später als Schriftsteller um die Beschreibung des Wahren, er wollte den Dingen auf den Grund gehen um sie dann möglichst ans Licht zu befördern.
Verstehe ich Foucaults Botschaften richtig - hier will ich besonders auf seine Vorlesungen in Berkeley zu Diskurs und Wahrheit 1983 verweisen - dann ist die Verbreitung von Wahrhaftigkeit eine Tugend, die anzustreben sei. Eine Maxime, die die beiden Menschen Michel Foucault und Hervé Guibert einmal zusammengeführt und bis zum Schluss zusammengehalten hat.
Verstehe ich wiederum Guibert richtig, dann hat er den Anspruch auf die Formulierung des Wahrhaften durch sein Buch erfüllt, wobei ich Foucaults Biographen Didier Eribon widerspreche, der Guiberts Ausführungen als Fiktion abtut. Hervé Guibert fand es wichtig, lange vor den ersten AIDS-Aufklärungskampagnen zu sagen, dass der große Philosoph Michel Foucault AIDS hatte.
Über das Ausmaß dessen, was dann auf Guibert hereinbrach, war er sich durchaus bewusst. Doch die Lügen, mit denen die Öffentlichkeit gefüttert wurde - die einen sprachen von Krebs als Todesursache, die anderen von einer mysteriösen Blutvergiftung oder einer Gehirnvereiterung - mussten einer Persönlichkeit wie Hervé Guibert zuwider sein. Ja, diese Lügen ließen ihm überhaupt keine andere Möglichkeit, als so zu handeln, wie er gehandelt hat. Insofern ist die moralische Entrüstung, die dieses Buch ausgelöst hat, nicht selten unerträglich und - im wahrsten Sinne des Wortes - verlogen. / Sie sehen in einem der Ausstellungsräume ein Video, das Guibert auf dem Höhepunkt des öffentlichen Skandals in der Literatursendung Apostrophes zeigt. Der Moderator Bernhard Pivot schaffte es damals, mit seinen Fragen und Bemerkungen ausschließlich die Klientel der Entrüsteten zu bedienen. Das Interview mit Guibert - der zu diesem Zeitpunkt selbst schon vom Tode gezeichnet ist - plätschert an der Oberfläche herum, es gibt noch nicht einmal Ansätze, in die Tiefe gehen zu wollen. Eine journalistisches Todsünde, die Guibert hasste. Da verwundert es nicht, dass Hervé Guibert nach der Ausstrahlung den Moderator in der Maske anzischte: "Monsieur Pivot, Sie haben Ihre Sendung in den Sand gesetzt!"
Sehr geehrte Damen und Herren, einige abschließende Bemerkungen zu dieser Ausstellung. Das Schwul-Sein - dies sage ich auch und gerade als schwuler Mann - ist ja kein Wert an sich. Es ist noch nicht einmal etwas Besonderes. Mit dieser Ausstellung zeigt das Schwule Museum einmal mehr, dass es trotz knappster Haushaltsmittel in der Lage ist, Leben und Werk eines Schwulen - Michel Foucault - wissenschaftlich fundiert zu ergründen und aufzubereiten. Deshalb möchte ich dem Team des Schwulen Museums dafür danken, dass es dies hier gestemmt hat.
Und in diesem Zusammenhang komme ich natürlich nicht darum herum, einen in diesem Team besonders hervorzuheben: Lieber Wolfgang Theis, wer sich mit den Werken Michel Foucaults auseinandersetzt, gerät leicht in die Gefahr, wahnsinnig zu werden. Was wurden dem Mann nicht alles für Etiketten aufgedrückt: Strukturalist. Anarchist. Poststrukturalist. Nihilist. Relativist. Ja, Foucault war, wie Der Spiegel es vor elf Jahren einmal beschrieb, die Sphinx der Postmoderne, die seiner Fan-Gemeinde voller Lust immer wieder neue Rätsel aufgab. Als Du mir schon vor über zwei Jahren sagtest, dass Du eine Ausstellung über Leben und Werk von Michel Foucault planst, hielt ich das für fast unmöglich. Doch Du hast es geschafft, und dafür gebührt Dir mein Dank, unser Dank und derer, die diese Ausstellung hoffentlich zahlreich besuchen werden.
Michel Foucault - Hommage zum zwanzigsten Todestag.
Ich erkläre die Ausstellung für eröffnet!


 
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