Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bin gebeten worden, über die Beziehung zwischen dem Philosophen
Michel Foucault und dem Fotografen und Romancier Hervé Guibert
zu sprechen.
Michel Foucault ist 1977 auf den damaligen Journalisten Hervé
Guibert durch dessen Beiträge in Le Monde aufmerksam geworden.
Foucault gefiel die Art des jungen Mannes, der frei von Schnörkel
und überflüssigen Adjektiven schrieb. Aus einem ersten Treffen
wurde eine tiefe Freundschaft, und an dieser Stelle möchte ich
darauf hinweisen, dass Guibert nicht - wie es aktuell ein Berliner Magazin
schreibt - der Lebensgefährte von Foucault war. James Miller
hat Recht, wenn er in seinem ansonsten über weite Strecken entbehrlichen
Buch Die Leidenschaft des Michel Foucault schreibt, die Beziehung
zwischen den beiden sei - Zitat - "im wahrsten Sinne des Wortes
keusch" gewesen. Weggefährten berichten noch heute, die Freundschaft
Foucaults mit Guibert sei einer der engsten, wenn nicht gar die engste
gewesen. Sie war geprägt von gegenseitiger Anerkennung, was darin
gipfelte, dass der Philosoph 1983 das Talent Guiberts auf eine Stufe
mit Genies wie Magritte stellte.
Hervé Guibert begleitete Foucault bis zu seinem Tod am 25. Juni
1984. Eine schwere Zeit, in der Guibert ein Tagebuch führte, um
so den tiefen Schmerz über den Verlust des Freundes zumindest zu
lindern. Ergebnisse dieses Tagebuches flossen zuerst in Guiberts Kurzgeschichte
Die Geheimnisse eines Mannes und dann knapp sieben Jahre später
in seinen Schlüsselroman Dem Freund der mir das Leben nicht
gerettet hat ein. Hervé Guibert wurde in Frankreich nach
der Veröffentlichung mit Kritik überschüttet. Mehr noch,
es war ein öffentlicher Skandal, verbunden mit Versuchen, die Glaubwürdigkeit
Guiberts in ihren Grundfesten zu erschüttern. Es waren nicht die
Literaturkritiker, die sich zornig erhoben. Dem Freund der mir das
Leben nicht gerettet hat ist ein brillantes Buch! Nein, es erhoben
sich die Moralprediger und die Fetischisten einer selbst entworfenen
Wertegesellschaft.
In Dem Freund der mir das Leben nicht gerettet hat beschreibt
Guibert in erster Linie seinen eigenen körperlichen Verfall durch
AIDS. Eine Figur in dem Roman, die ebenfalls an AIDS erkrankt ist und
die sich intensiv mit der Krankheit und dem daraus resultierendem Todesurteil
beschäftigt, ist Muzil. Und Muzil - dies war für die
Leser allzu durchsichtig - war Michel Foucault, der, so steht es in
dem Buch, dem Tod mit "herrischem Gleichmut" entgegengesehen
habe.
Michel Foucault, der seine Person und sein Privatleben nie in den öffentlichen
Mittelpunkt stellte, wird Guibert zu keiner Zeit expressis verbis aufgefordert
haben, in einer Publikation von seinen Ausflügen in die Sado-Maso-Szene
oder vom Verfall durch AIDS zu berichten. Kurz vor seinem Tod verbrannte
Foucault Aufzeichnungen und Briefe und verfügte ein strenges Pas
de publication posthume! Foucault war ein Meister der Diskretion,
und selbst Guibert ging davon aus, Foucault wäre über Dem
Freund der mir das Leben nicht gerettet hat wütend gewesen.
Warum aber hat Foucault Guibert an seinem AIDS-Leiden so intensiv teilhaben
lassen. Und warum hat Guibert dies knapp sieben Jahre nach Foucaults
Tod öffentlich gemacht?
Wer jemanden ungefragt und ungewollt in die Öffentlichkeit zerrt,
mag vordergründig drei Motive haben: Niedertracht, überzogenes
Ego oder Geldgier. Alles das traf auf Hervé Guibert nicht zu.
Guibert war zum Zeitpunkt des Erscheinens von Dem Freund der mir
das Leben nicht gerettet hat selbst todkrank. Da pflegt man kein
Ego mehr. Und lukrative Angebote von Verlagshäusern, über
seine Freundschaft zu Foucault Memoiren zu schreiben, lehnte Guibert
jahrelang brüsk ab. Die persönliche Integrität des Hervé
Guibert stand also außer Frage. Bleibt somit die Frage nach Guiberts
Motiv für diesen damals außerordentlich mutigen Schritt,
diesen Roman zu veröffentlichen.
Zum einen müssen wir uns die Persönlichkeit Guiberts und seine
Eigenschaften vergegenwärtigen. Eigenschaften übrigens, die
von Michel Foucault außerordentlich geschätzt wurden. Guibert
war ein sehr freier Geist, in seinem Tun radikal und anarchisch. Als
er bei Le Monde über Fotografie schrieb, rauften sich seine
Chefs nicht selten die Haare, weil er in Interviews Fragen stellte,
die die Gefragten nicht wirklich hören wollten. Es ging ihm als
Journalist und später als Schriftsteller um die Beschreibung des
Wahren, er wollte den Dingen auf den Grund gehen um sie dann möglichst
ans Licht zu befördern.
Verstehe ich Foucaults Botschaften richtig - hier will ich besonders
auf seine Vorlesungen in Berkeley zu Diskurs und Wahrheit 1983
verweisen - dann ist die Verbreitung von Wahrhaftigkeit eine Tugend,
die anzustreben sei. Eine Maxime, die die beiden Menschen Michel Foucault
und Hervé Guibert einmal zusammengeführt und bis zum Schluss
zusammengehalten hat.
Verstehe ich wiederum Guibert richtig, dann hat er den Anspruch auf
die Formulierung des Wahrhaften durch sein Buch erfüllt, wobei
ich Foucaults Biographen Didier Eribon widerspreche, der Guiberts Ausführungen
als Fiktion abtut. Hervé Guibert fand es wichtig, lange
vor den ersten AIDS-Aufklärungskampagnen zu sagen, dass der große
Philosoph Michel Foucault AIDS hatte.
Über das Ausmaß dessen, was dann auf Guibert hereinbrach,
war er sich durchaus bewusst. Doch die Lügen, mit denen die Öffentlichkeit
gefüttert wurde - die einen sprachen von Krebs als Todesursache,
die anderen von einer mysteriösen Blutvergiftung oder einer Gehirnvereiterung
- mussten einer Persönlichkeit wie Hervé Guibert zuwider
sein. Ja, diese Lügen ließen ihm überhaupt keine andere
Möglichkeit, als so zu handeln, wie er gehandelt hat. Insofern
ist die moralische Entrüstung, die dieses Buch ausgelöst hat,
nicht selten unerträglich und - im wahrsten Sinne des Wortes -
verlogen. / Sie sehen in einem der Ausstellungsräume ein Video,
das Guibert auf dem Höhepunkt des öffentlichen Skandals in
der Literatursendung Apostrophes zeigt. Der Moderator Bernhard
Pivot schaffte es damals, mit seinen Fragen und Bemerkungen ausschließlich
die Klientel der Entrüsteten zu bedienen. Das Interview mit Guibert
- der zu diesem Zeitpunkt selbst schon vom Tode gezeichnet ist - plätschert
an der Oberfläche herum, es gibt noch nicht einmal Ansätze,
in die Tiefe gehen zu wollen. Eine journalistisches Todsünde, die
Guibert hasste. Da verwundert es nicht, dass Hervé Guibert nach
der Ausstrahlung den Moderator in der Maske anzischte: "Monsieur
Pivot, Sie haben Ihre Sendung in den Sand gesetzt!"
Sehr geehrte Damen und Herren, einige abschließende Bemerkungen
zu dieser Ausstellung. Das Schwul-Sein - dies sage ich auch und gerade
als schwuler Mann - ist ja kein Wert an sich. Es ist noch nicht einmal
etwas Besonderes. Mit dieser Ausstellung zeigt das Schwule Museum
einmal mehr, dass es trotz knappster Haushaltsmittel in der Lage ist,
Leben und Werk eines Schwulen - Michel Foucault - wissenschaftlich
fundiert zu ergründen und aufzubereiten. Deshalb möchte ich
dem Team des Schwulen Museums dafür danken, dass es dies
hier gestemmt hat.
Und in diesem Zusammenhang komme ich natürlich nicht darum herum,
einen in diesem Team besonders hervorzuheben: Lieber Wolfgang Theis,
wer sich mit den Werken Michel Foucaults auseinandersetzt, gerät
leicht in die Gefahr, wahnsinnig zu werden. Was wurden dem Mann nicht
alles für Etiketten aufgedrückt: Strukturalist. Anarchist.
Poststrukturalist. Nihilist. Relativist. Ja, Foucault war, wie Der
Spiegel es vor elf Jahren einmal beschrieb, die Sphinx der Postmoderne,
die seiner Fan-Gemeinde voller Lust immer wieder neue Rätsel aufgab.
Als Du mir schon vor über zwei Jahren sagtest, dass Du eine Ausstellung
über Leben und Werk von Michel Foucault planst, hielt ich das für
fast unmöglich. Doch Du hast es geschafft, und dafür gebührt
Dir mein Dank, unser Dank und derer, die diese Ausstellung hoffentlich
zahlreich besuchen werden.
Michel Foucault - Hommage zum zwanzigsten Todestag.
Ich erkläre die Ausstellung für eröffnet!