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Rinaldo Hopf: Thomas Mann - Aquarell auf Buchseiten, 2005
1. Juni 2005 bis 5. September 2005
Applaus muss sein
Hommage zum 50. Todestag von Thomas Mann

Warum gerade Thomas Mann im Schwulen Museum?
Thomas Mann gehörte 1922 zu den Unterzeichnern der Hirschfeld-Petition zur Abschaffung des § 175 Reichsstrafgesetzbuch. Er war, wie kaum ein anderer Schriftsteller des 19. und 20. Jahrhunderts, eine Identifikationsfigur für homosexuelle Männer.

Mit der Thomas Mann-Ausstellung erfüllt das Schwule Museum einen immer wieder, vor allem von älteren Besuchern geäußerten Wunsch, Homosexualität als Kulturleistung zu würdigen. In der bekannten Form der Hommagen-Reihe nimmt sich der Kurator Wolfgang Theis dem Leben und Werk Thomas Manns liebevoll kritisch an.


Thomas Manns Homosexualität war dem gebildeten Urning nicht verborgen geblieben. Seine 1912 erschienene Novelle Tod in Venedig ist fester Bestandteil des schwulen Bildungskanons. Thomas Mann hat seine Homosexualität nie ausgelebt, sondern sublimiert. Dieser Kulturleistung ist ein umfangreiches Werk voller Anspielungen und Verweise zu verdanken. Vor allem in Zeiten gesellschaftlicher Unterdrückung diente dieses Werk der Selbstversicherung homosexueller Identität.

Die Ausstellung zeigt Thomas Mann im Kreise seiner Familie. Gleich drei seiner Kinder: Erika, Klaus und Golo teilten sein eigenes Triebschicksal, lebten es aber, anders als der Vater, mehr oder weniger öffentlich. In diesem familiären Spannungsfeld entstand ein umfangreiches erzählendes und essayistisches Werk, das sich auch immer wieder mit der Homosexualität auseinandersetzt. Beleuchtet wird der Bruderzwist mit Heinrich Mann, das Ringen um die Weimarer Republik, der Kampf gegen Hitler im Exil und die Nachwirkungen seines Werkes in Literatur, Film und Fernsehen.

Der erste Raum des Museums ist der Literatur und der Mannschen Familiengeschichte gewidmet. Die Hauptwand, mit Zitaten und Bildern von Familienmitgliedern bestückt, korrespondiert mit einer Raumcollage aus Porträts - hundertfach blickt Thomas Mann streng auf das Geschehen. Flankiert von Säulen, die Katia und Heinrich zeigen. Die Raumachse wird von einer Zeichnung Heinrich Manns beherrscht, die dralle Weiblichkeit zelebriert, und von einem ebenfalls wandhohen Zitat aus dem 1925 erschienenen Traktat Über die Ehe komplettiert. Dazwischen hängen Fahnen mit Zitaten aus dem Werk. Eingestreut sind Fotografien, Bücher und Skulpturen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Thomas Manns Tagebücher. In einer Installation wird das eruptive Glück einer späten "Erfüllung" verdrängter Wünsche gefeiert. Sie zeigen Thomas Mann als mutigen Bekenner einer späten Leidenschaft, die er der Nachwelt nicht vorenthielt. Durch die Tagebücher hat er sich nachdrücklich zu seinen homosexuellen Bedürfnissen bekannt.

Der zweite große Raum ist ganz der Rezeption des Werkes gewidmet. Hier geht Thomas Mann ins Kino, hier werden die Verfilmungen seiner Romane vorgestellt, der politische Autor gewürdigt, seine Vorbilder zitiert und die Fülle der Sekundärliteratur ausgebreitet. Beschlossen wird der Rundgang durch liebevolle, verehrende, kritische und auch abfällige Bemerkungen von Zeitgenossen und Kollegen.

Gezeigt werden Exponate aus dem Nachlass von Heinrich Mann - Akademie der Künste, Berlin. Das Deutsche Historische Museum, Berlin stellt Büsten von Philosophen und Dichtern zur Verfügung. Zu sehen sind Fotos und Plakate zu Thomas Mann-Verfilmungen aus dem Filmmuseum Berlin. Weitere Exponate stammen aus der Monacensia, München und aus privaten Sammlungen. Auch der Fischer Verlag, Frankfurt beteiligt sich mit Leihgaben an der Ausstellung.

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Pressestimmen



 
Siegessäule, Juni 2005
Erschütterung [...] Thomas Mann hatte ein Faible für junge Männer. Das weiß spätestens seit Veröffentlichung der Tagebücher auch der konservativste Germanist. Einst löste selbst sein ältester Sohn Klaus Begierde in dem 45-Jährigen aus: „Starker Eindruck von seinem vormännlichen, glänzenden Körper, Erschütterung“. [...] Dass Mann schon zu Lebzeiten nicht unumstritten war, soll in der Hommage ebensowenig verschwiegen werden wie das schwierige Verhältnis zu seinem Bruder Heinrich. Mit Exponaten aus dessen Nachlass sowie aus dem Besitz des Frankfurter S. Fischer Verlages gewährt das Schwule Museum einen breit gefächerten Einblick in das komplizierte Wesen Thomas Manns. Das dürfte nun durchaus auch für die jüngeren Museumsbesucher interessant sein. Dino Heicker
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Frankfurter Neue Presse, 07. Juni 2005
Eine Schwäche für hübsche Kellnerburschen [...] Unter dem Titel "Applaus muss sein" sind vor allem Bücher, Fotos, Briefe, Dokumente, Raumcollagen und Skulpturen als Leihgaben verschiedener Museen zu sehen. Ein Raum widmet sich dem literarischen Werk und der Familiengeschichte, ein anderer der Rezeption seiner Werke auch im Kino, der Mann ambivalent bis zurückhaltend begegnete. An einer Wand gibt es liebevolle, gehässige, abschätzige und würdigende Aussagen von Zeitgenossen und Nachfahren – von Adorno bis Zwerenz. "Ich lese heute, wie über Thomas Mann hergezogen wird", notiert Günter Grass. "Es ist eine ungeheure Anmaßung des Mittelmaßes, ja es ist das Terror-Regime des Mittelmaßes, das Lust dabei empfindet, einen großen Schriftsteller auf die Skandalnudel-Größe zu reduzieren." [...] Wilfried Mommert
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Der Tagesspiegel, 09. Juni 2005
Tommy, der Zauberer [...] Thomas Manns erste Liebe ist sein Schulkamerad Armin Martens. Im Jahr 1889 offenbart der 14-Jährige dem Freund seine Zuneigung. Der lacht ihn aus. Für den sensiblen Thomas eine tiefe Demütigung. Und ein Schock, der nachwirkt: Der Kaufmannssohn wird sich mit seinen homoerotischen Gefühlen hinter seine Kunst zurückziehen. Armin Martens setzt er mit der Figur des Hans Hansen im „Tonio Kröger“ ein Denkmal. Auch spätere Lieben bringt Thomas Mann in seinem Werk unter. Der heimlich verehrte Mitgymnasiast Williram Timpe findet sich als Pribislav Hippe im „Zauberberg“ wieder, und Paul Ehrenberg, die „zentrale Herzenserfahrung meiner 25 Jahre“, ist als Rudi Schwerdtfeger im „Doktor Faustus“ verewigt. Anlässlich des 50. Todestages des Literaturnobelpreisträgers, der am 12. August 1955 in Zürich starb, würdigt die von Wolfgang Theis kuratierte Ausstellung „Applaus muss sein“ im Kreuzberger Schwulen Museum die „Homosexualität als Kulturleistung“ (so der Untertitel) in Leben und Werk von Thomas Mann. [...] Jan Oberländer
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Kulturküche, 13. Juni 2005
Der Deutschen liebster Maßstab [...] Die Ausstellung “Applaus muss sein – Hommage an Thomas Mann” im Schwulen Museum in Berlin ehrt den gefeierten Autor als Ausnahmeschriftsteller und Schwulen. Dabei wird bewusst keine Schlüsselloch-Perspektive eingenommen, wohl auch, weil es zu Thomas Manns Homosexualität nichts Neues mehr zu entdecken gibt. Er hat seine gleichgeschlechtlichen Neigungen stets unterdrückt und diskret in seinen umfangreichen Werken sublimiert. Aus der eher kameradschaftlich geführten Ehe mit Katia Pringsheim gehen sechs Kinder hervor, von denen Erika, Klaus und Golo ebenfalls homosexuell werden. Ihr ungehemmtes Ausleben ihrer Neigung scheint für den Vater nur fiktional verschlüsselt möglich zu sein. In seiner berühmten Novelle “Der Tod in Venedig” von 1912 skizziert er sich selbst als der alternde hypersensible Literat Gustav Aschenbach, der während eines Aufenthaltes in der morbiden Lagunenstadt einem blühenden Jüngling verfällt, sein Begehren aber nie in die Realität einer Begegnung transportiert. [...] Andrea Bronstering
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Berliner Morgenpost, 15. Juni 2005
Nie gelebtes Leben [...] Dem Geiger Ehrenberg hatte Mann im "Doktor Faustus"-Roman als Rudi Schwerdtfeger ein literarisches Denkmal gesetzt. Sein Schwärmen für den Kellner spiegelt sich in Lord Kilmarnocks Avancen an den Hotelpagen Felix Krull wieder. In der frühen Erzählung "Tonio Kröger" schwärmt die Titelfigur für seine Jugendliebe Hans Hansen, und, eindeutiger denn je, folgt im "Tod in Venedig" Manns Alter Ego Gustav von Aschenbach dem Knaben Tadzio durch die Gassen. Überrascht sein konnte man lediglich von dem Maße, in dem sich Mann dieser stets ersehnten, stets unterdrückten Neigung bewußt war. Es war eben nicht "da", wie er im Hinblick auf Heuser behauptete, er liebte die Männer nicht wie sein Sohn Klaus. Diesen zentralen Aspekt rückt das Schwule Museum in den Mittelpunkt seiner Ausstellung "Applaus muß sein", anläßlich des 50. Todestages am 12. August: mit einer Collage aus Fotos, Exponaten und Tagebuchauszügen. Im hinteren Saal ist Thomas Mann in der Öffentlichkeit, als Repräsentant Deutschlands zu sehen, im vorderen Saal privat, im Kreise seiner Lieben. [...] Peter Zander
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