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27. Januar bis 1. Mai 2012
Einmal Exil und zurück - Harry Raymon
Eröffnung: Donnerstag, 26. Januar 2012, 19.00 Uhr Wo: Schwules Museum, 2. OG (Eingang 1. Hof), Mehringdamm 61, 10961 Berlin [2. OG nicht zugänglich für Rollstühle, Personenaufzug anfragbar] Laufzeit: 27. Januar bis 1. Mai 2012 Kurator: Wolfgang Theis
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| Eine Münchner Lokalgröße im Schwulen Museum? Harry Raymon hat auch Berliner Wurzeln: 1957 spielte er neben Horst Buchholz in Georg Tresslers Endstation Liebe einen jungen Arbeiter, in den frühen 1960er Jahren gehörte er zu den Mitbegründern des Forum Theaters am Kurfürstendamm, wo er inszenierte und als Schauspieler auftrat. Seine Schauspielausbildung absolvierte Harry Raymon nach dem Dienst in der US Army in Erwin Piscators Dramatic Workshop in New York. Seine ersten Auftritte wagte er dort und im Sommertheater, wo er mit Tony Curtis auf der Bühne stand. Geboren wurde er als Harry Heymann in Kirchberg im Hunsrück. Sein Vater besaß dort ein Textilgeschäft. Als 1933 die Repressalien gegen jüdische Bürger begannen, drängte Harrys Mutter auf Auswanderung. Die Familie emigrierte 1936 in die USA. Harry besuchte die Schule in New York und träumte von einer Kariere als Filmstar. Aber seine Eltern kauften eine Hühnerfarm in New Jersey. Nach dem High School Abschluss wurde er 1944 einberufen. Seine Aufgabe in der Army war die Befragung von Kriegsgefangenen. Nebenher besuchte er Kurse für Schauspiel, eine Fortbildungsmaßnahme der amerikanischen Armee in Frankreich für ihre Soldaten. Gastdozentin war Marlene Dietrich. 1948 kam Harry Raymon über Paris nach Stuttgart, wo er in der Musikhochschule Gesang studierte. Seine Eltern waren wenig begeistert, dass er ins Land der Täter zurückkehrte. Hier gründete er das Pantomimische Theater Die Gaukler. Die Gruppe hatte Erfolg: Gastspiele in ganz Europa sollten bis 1955 folgen. Mit seinem Freund Wolfgang Parr versuchte er sich als Stückeschreiber. 1963 erschien das erste Stück im Fischer-Verlag. 1982 wurde im Forum des jungen Films Harry Raymons erste Regiearbeit Regentropfen vorgestellt. Hier setzte er erstmals die Erfahrungen der Auswanderung seiner Familie künstlerisch um. Weitere Arbeiten als Schauspieler und Synchronsprecher folgten. Harry musste erleben, dass er in der Bundesrepublik vorwiegend als Ausländer, besonders oft als Araber besetzt wurde. Die Schauspielkarriere kam ins Stocken. Der Job als Reiseleiter blieb vorübergehend, neue Engagements in Fernsehen, Theater und Werbung folgten. Schwules Leben zeigt sein Dokumentarfilm Im Glockenbachviertel von München, der 2007 entstand. Zwischendurch schreibt Harry Raymon Romane und Erzählungen. 2005 erscheint der autobiographische Roman Einmal Exil und zurück, der unserer Ausstellung den Titel gab. Zu sehen sind Fotos und Dokumente aus dem Besitz von Harry Raymon, angereichert durch Material aus dem Stadtmuseum Berlin, dem jüdischen Museum München, der Deutschen Kinemathek und Leihgaben aus Privatbesitz. |
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![]() Harry und sein Vater Max Heymann, 1931, Quelle: Harry Raymon |
![]() Harry Heymann als Soldat der US-Army (Ausschnitt), 1944, Quelle: Harry Raymon |
![]() Harry Raymon in “Bagatelle”, Schlosstheater Celle (Ausschnitt), 1956, Foto: S. Enkelmann |
![]() Harry Raymon auf Sylt (Ausschnitt), 1964, Foto: Binette Schroeder |
![]() Oliver Estavillo: Porträt Harry Raymon (Ausschnitt), Öl auf Leinwand, 2011. |


Accatone, Italien, Frankreich 1961, Regie: Pier Paolo Pasolini, Quelle: Deutsche Kinemathek

Comizi d’Amore, Italien 1963, Regie: Pier Paolo Pasolini, Quelle: Deutsche Kinemathek

Rinaldo Hopf: Pasolini, Aquarell auf Buchseiten, 2011, Quelle: Schwules Museum]
Menschenopfer, ausschließlich kräftige junge Männer, werden in vielen Filmen Pasolinis zelebriert. Sie werden brutal erschlagen, zerstückelt und zerstreut. Ihr Tod hat vor allem sakrale Bedeutung: sie befrieden die Götter, stillen die Fleischeslust der Mutter Erde, stiften Sinn, stellen Zusammengehörigkeit her, entheben das Opfer der Banalität des Lebens. Pasolini, von beiden großen Kirchen Italiens als Stachel im Fleisch erlebt, von der katholischen verfolgt, als Herätiker drangsaliert, mit Prozessen überzogen, von der kommunistischen, wegen seiner Dekadenz, seiner Homosexualität ausgestoßen, leistet erbitterten Widerstand gegen die Zumutungen der italienischen Nachkriegs-Gesellschaft. Provokation ist die Waffe des Außenseiters, wild schlägt er auf die Klasse seiner eigenen Herkunft ein, das Kleinbürgertum. Das bäuerliche Subproletariat, das im Laufe seines Lebens schwinden sollte, war ihm utopisches Versprechen: hier herrschte fröhliche Anarchie und ungebremste Sinneslust, hier waren die pubertierenden Jugendlichen aus Mangel an Kontaktmöglichkeiten zum anderen Geschlecht bereit, sich auch auf homosexuelle Abenteuer einzulassen.
| Diese archaische Welt war bedroht, der aufkommende Konsumismus, von Pasolini gegeißelt, zerstörte die alten bäuerlichen Strukturen, ebnete die Milieus ein und entzog seinem Begehren die Objekte. Vorübergehende Auswege boten die Ragazzi der tristen Vororte Roms, später die Fluchten in die Dritte Welt, die seiner Sehnsucht nach einer archaischen Erotik Erfüllung vorgaukelte. Die Filme seiner Trilogie des Lebens wurden als konsumierbare Pornographie kritisiert, waren von ihm aber als Feier des Lebens, als Widerstand gegen den Konsumismus intendiert. Mit seinem letzten Film Saló Die 120 Tage von Sodom verwirft Pasolini die utopische Kraft der Sexualität, in Verbindung mit absoluter Macht wird sie zur negativen Kraft, zum faschistischen Manifest gegen das Leben, die letzte unverdauliche Provokation eines anarchischen Mystikers der Verzweiflung.
„Einbeutung“ nennt Christoph Klimke die Versuche, Pasolinis Leben und Werk für die jeweils eigenen Interessen zu instrumentalisieren. Pasolini verweigerte sich den Ansinnen schwuler Aktivisten, seine Stimme gegen gesellschaftliche Ausgrenzung und Diskriminierung zu erheben. In Saló wird das schwule Eheversprechen als Sakrileg, als große Perversion, als Grenzübertretung zelebriert. Mit uns kleinbürgerlichen Gays und unseren Sehnsüchten nach gesellschaftlicher Anerkennung hat Pasolini nichts gemein. Für ihn war seine Homosexualität ein Teil seiner Natur, so wie etwa unterschiedliche Haarfarben unausweichlich sind. Alberto Moravia sieht bei Pasolini eine große Verdrängung der Homosexualität: sie komme in Pasolinis Werk nicht vor. Moravia hat Pasolini als sehr männlich, unverweichlicht, als einen, der nur normale Jungs liebt, als Päderast erlebt. Heterosexuelle Missverständnisse? Auch das enge Verhältnis Pasolinis zu seiner Mutter stößt Moravia ab. Vordergründig betrachtet, verweigert Pasolinis Werk das Unnennbare, kreist aber beständig um das ungelöste Problem, macht es zum unbenannten Motor seiner künstlerischen Inspiration. Unsere Ausstellung präsentiert das literarische und das filmische Werk, schlägt Blickachsen in Pasolinis künstlerische Produktionsweisen, verbindet das Werk mit der Biographie. Kurze Zitate von Zeitgenossen erweitern und ergänzen das Bild Pasolinis. Vorgestellt wird der Drehbuchautor Pasolini, der sowohl für prominente als auch für heute vergessene Regisseure arbeitete. Auch hier steht das Leben der Ragazzi im Mittelpunkt und weist voraus auf Pasolinis Hauptwerke. Gezeigt werden Bücher von und über Pasolini: seine Romane, seine Veröffentlichungen zu Filmen, die Poeme, Essays und Streitschriften. Kleine Exkurse zu Pasolinis Familie, zur Mutter, zu den Freunden, dem Freund Ninetto Davoli, den Mitarbeitern und den Musen: die Callas, Anna Magnani, Laura Betti, Silvana Mangano, runden das Bild. Im Mittelpunkt steht Pasolinis filmisches Werk, dokumentiert durch Plakate und Fotos, kommentiert durch Zitate aus Kritiken und Interviews. Fotos zeigen Pasolini bei den Dreharbeiten. Auf Monitoren kommt Pasolini selbst zu Wort. Natürlich ist das alles eine Einbeutung, ein Versuch, zu klären, ob Pasolinis Schaffen homosexuelle Kunst ist. Der Ausgang ist offen. |
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