Führung 01. Januar 2018 - 28. Februar 2018

Öffentliche Führungen im Schwulen Museum*

Donnerstag, 04. Januar um 18:00 Uhr Führung zu Queer City: Geschichten aus São Paulo auf Deutsch.

Samstag, 06. Januar um 16:00 Uhr Führung zu Fenster zum Klo auf Englisch/Französisch.

Donnerstag, 11. Januar um 18:00 Uhr Kuratoren-Führung zu Tapetenwechsel 2.03 auf Deutsch.

Samstag, 13. Januar um 16:00 Uhr Führung zu Tapetenwechsel 2.03 auf Englisch.

Donnerstag, 18. Januar um 18:00 Uhr Führung zu Fenster zum Klo auf Deutsch.

Samstag, 20. Januar um 16:00 Uhr Führung zu Faszination Sex: Der Theoretiker und Aktivist Martin Dannecker auf Deutsch.

Donnerstag, 25. Januar um 18:00 Uhr Führung zu Tapetenwechsel 2.03 in Deutsch.

Samstag, 27. Januar um 16:00 Uhr Führung zu Faszination Sex: Der Theoretiker und Aktivist Martin Dannecker auf Englisch.

Donnerstag, 1. Februar um 18:00 Uhr Führung zu Fenster zum Klo auf Deutsch.

Samstag, 3. Februar um 16:00 Uhr Führung zu Tapetenwechsel 2.03 auf Deutsch.

Sonntag, 4. Februar um 16:00 Uhr Kuratorenführung zu Fenster zum Klo auf Englisch und Frazösisch (mit Marc Martin)

Donnerstag, 8. Februar um 18:00 Uhr Führung zu Tapetenwechsel 2.03 auf Englisch.

Samstag, 10. Februar um 16:00 Uhr Kutaror_innenführung zu Faszination Sex auf Deutsch (mit Patsy l‘Amour laLove).

Donnerstag, 15. Februar um 18:00 Uhr Führung zu Tapetenwechsel 2.03 auf Deutsch.

Samstag, 17. Februar um 16:00 Uhr Führung zu Faszination Sex auf Englisch.

Donnerstag, 22. Februar um 18:00 Uhr Führung zu Tapetenwechsel 2.03 auf Englisch.

Samstag, 24. Februar um 16:00 Uhr Führung zu Faszination Sex auf Deutsch.

 

Die Führungen sind kostenlos, bezahlt werden muss nur der Eintrittspreis für das Museum* selbst.

Führungen für private Gruppen, Bildungsreisen etc. können unter fuehrungen(at)schwulesmuseum.de angefragt und gebucht werden. Für Führungen durch das Museum und seine Ausstellungen empfehlen wir eine Gruppengröße von maximal 25, für Führungen durch das Archiv maximal 15 Personen.

Aktuell 17. Januar 2018, 19.00h

Eröffnung: 12 Monde Film Lounge

Wir feiern das Themenjahr Jahr der Frau_en mit der Eröffnung der Filmlounge 12 Monde!

1. Mond: 17.1. – 14.2.2018
Am Anfang die Mütter

Der erste Mondzyklus des „12 Monde“-Programms widmet sich den Beziehungen der Filmemacherinnen und Protagonistinnen zu ihren Müttern. Es werden fünf Filme gezeigt, u.a. Small Talk, der Gewinnerfilm des queeren Filmpreises Teddy auf der Berlinale 2017. Darin nähert sich die taiwanesische Regisseurin Hui-chen Huang ihrer verschlossenen, lesbischen Mutter an.

Die anderen Filme sind: Matriarchy (USA 2017), Mothership goes to Brazil (Schweden 2016), I am (Indien 2012), Mutterstücke - Mothers (Deutschland 2006).

Ein Raum des Schwulen Museums wird zur Filmlounge mit einem wechselnden Programm zu jedem Neumond. Während der regulären Öffnungszeiten des Museums können sich die Besucher_innen in einem installativen Raumkonzept Zeit nehmen für unterschiedliche filmische Formate und internationale feministische Positionen.

Die Reihe ist ein ganzjähriges Statement gegen die mangelnde Sichtbarkeit von Frau_en und weiblichen* Sichtweisen - sowohl in audiovisuellen Medien und musealen Kontexten als auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Sie wirft Fragen nach der Darstellung und Konstruktion von Weiblichkeit_en und der Möglichkeit eines anderen Blicks auf.

Das Jahr wird keine monosubjektive Übersichtsschau, sondern ist als breite Suche angelegt, auf die wir uns in Zusammenarbeit mit wechselnden Gastkurator_innen begeben. Eine einjährige Suche nach ungesehenen Geschichten, den Klassikern lesbischer und feministischer Filmhistorie, zeitgenössischen queeren Positionen und den Stimmen von Women* of Color. Wir wühlen uns durchs Internet, fragen die OWLs (die older wiser lesbians), die Pornfilmexpert_innen, die Community, Festivals und Archive nach Input zu den Themen, die uns bewegen.

Das Programm der 12 Monde eröffnet Einblicke in Alltagsleben und Begehren, hinterfragt Beziehungsstrukturen und Machtgefüge. Die gesellschaftlichen Zumutungen werden ebenso gezeigt wie die Zeiten des Aufbegehrens, des Widerstandes gegen die Geschlechterordnung und die darin aufscheinenden heilenden Momente und utopischen Phantasien. Die Monde präsentieren damit Zeugnisse des globalen Kampfes von Frauen* um Respekt, Selbstbestimmung und Entfaltungsräumen.

Team:
Kuratorin: Vera Hofmann
Szenografie: with Carolin Gießner und Théo Demans
Programmplanung: mit wechselnden Ko-Kuratorinnen*
Mond 1: Assistenz: Felix Scharr

Vera Hofmann arbeitet als Künstlerin und ist im Vorstand des Schwulen Museums.

Eintritt frei!

12 Monde wird im Rahmen des Jahres der Frau_en von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa gefördert.

Aktuell 18. Januar 2018, 19.00h

Schon wieder Freud? Zur Aktualität der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“

Was lässt sich heute – 113 Jahre nach Erscheinen von Sigmund Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1905) – überhaupt noch über diesen Text sagen, ohne lediglich zu wiederholen, was schon längst irgendwo gesagt oder geschrieben wurde? Wenig und doch so einiges: Getreu dem Motto: Wer nichts weiß, der weiß Bescheid, wird gerade wenn es um Sexualität geht immer wieder Bescheid gewusst, normiert, vermessen und sortiert.
Freuds Versuch, sich dem Rätsel der menschlichen Sexualität zu stellen, ist schon deswegen noch heute diskussionswürdig, weil er „erhellend scheiternd“ (Peter Passet) Sexualität entlang des Körpers denkt, ohne sie in Biologie aufgehen zu lassen. Er denkt so zwischen Konstruktivismus und Biologismus hindurch.
Angeregt durch die auf Freuds Konzept der Bisexualität fokussierende Anmerkung Martin Danneckers zu den „Drei Abhandlungen“ (Martin Dannecker 2005) will der Vortrag erörtern, wie das gehen könnte und warum das heute noch interessant ist. Dabei geht es zentral um Freuds Begriff der psychischen Bisexualität der mit Rekurs auf das Konzept der Nachträglichkeit gelesen wird.

Christine Kirchhoff ist Professorin an der IPU, an der unsere Tagung stattfindet.

Lesung 21. Januar 2018, 16.00h

Auf der Klappen mit Marc Siegel. Eine Präsentation über Öffentliche Toiletten, Filme und Verlangen

Filmwissenschaftler und Klappensex-Enthusiast Marc Siegel wird seine Überlegungen zu den Freuden und zur Ethik des Sex‘ auf öffentlichen Toiletten vorstellen. Er wird außerdem seinen experimentellen Film such candor von 1998 präsentieren.

Dank Riccardo, der Hostess in einem schicken Restaurant in Los Angeles, wo er in den späten 1980er-Jahren arbeitete, fing Marc an die verschiedenen sexuellen Freuden mit lokalen Geschäftsleuten in Toiletten zu erforschen, die sich in der Downtown-Gegend befanden.

Er hatte bereits zuvor von dieser aufregenden Szene gehört: durch homophobe Berichte in Aufklärungsbüchern und homophile Beschreibungen in der Schwulenliteratur. Als die örtlichen LGBT Gruppen sich mit der Polizei zusammenschlossen, um Männer zu attackieren, die Sex in öffentlichen Universitätstoiletten hatten, wandte sich Marc an die Öffentlichkeit mit Vorträgen und Zeitungsartikeln.

Dein Vortrag wird alle Aspekte seiner Erfahrungen mit Sex in Klappen umfassen: von persönlichen Geschichten bis zu der cineastischen, von literarischen Verarbeitungen bis zur politischen Dimension.

In englischer Sprache (ohne Übersetzung).

Eintrittskarten

Lecture 22. Januar 2018, 18.30h

Queere Operetten-Diskussion: „Beginnt das Jahr der Frau_en auf dem Mond?“

Die Rolle der Frau* in der Berliner Operette Frau Luna 1899 und die queer-feministischen Realitäten 2018. Mit Andreja Schneider und Christoph Marti (Geschwister Pfister), Vera Hofmann (Schwules Museum*) und Dr. Kevin Clarke (Operettenexperte)

2018 begeht das Schwule Museum das Jahr der Frau_en als queer-feministische Intervention. Schon am 17. Januar startet zum ersten Neumond des Jahres die ganzjährige Filmreihe 12 Monde, kuratiert von Vera Hofmann und Gästen. Darin finden starke weibliche* Subjektpositionen und Identifikationsfiguren einen Raum. Gezeigt werden alternative Sichtweisen auf Lebensrealitäten jenseits der gängigen hetero- und homonormativen Narrative und Repräsentationen Die Filmreihe eröffnet Einblicke ins Alltagsleben und Begehren von FrauenLesbenTrans*Inter und hinterfragt Beziehungsstrukturen und Machtgefüge. Es werden heilende Momente gesucht, utopische Phantasien und Zeugnisse des globalen Kampfes von Frauen* um Respekt, Selbstbestimmung und Entfaltungsräumen.

Fast zeitgleich kehrt am 11. Januar kehrt die erfolgreiche Produktion der Paul-Lincke-Operette Frau Luna ins Tipi-Zelt am Kanzleramt zurück, auf der anderen Seite des Tiergarten. Das Stück wurde 1899 in Berlin im Apollo-Varietétheater am verruchten Südende der Friedrichstraße uraufgeführt, mit einer Titelheldin, die als Frau einen ganzen Mondstaat regiert, sich weigert den Konvention zu entsprechen, und die sich stattdessen lieber (sexuell und politisch) nimmt, was ihr gefällt und so oft es ihr gefällt. Ohne Scham und Schuldgefühle.

Das sind Dinge, die fürs Deutsche Reich um 1900 unerhört waren. Sie zeigen, wie emanzipiert die Ur-Operette (aus dem Pariser Demi-monde-Milieu kommend) einmal war, bevor sie von den Nationalsozialisten nach 1933 zur biederen alten Märchentante degradiert wurde, als die viele sie aus dem Fernsehen und von abschreckenden Theaterproduktion kennen.

Die Berliner Neuinszenierung von Bernd Mottl – mit einem betont queeren Cast – erinnert an diese liberalen Urzustände des Genres.

Wir wollen diskutieren, wieso der emanzipatorische Zug der Operette später verloren ging und warum sich heute so viele Menschen schwer damit tun, die heteronormative Normen sprengende Utopie der Ur-Operette neu zu entdecken und wertzuschätzen. Was bedeutet es für Darsteller_innen wie Andreja Schneider eine Rolle wie Frau Luna zu spielen? Mit welchen Frauen*-Klischees und Vorurteilen wird sie konfrontiert? Und wieso nehmen Männer jetzt Frauen auch noch ihre Rollen weg, etwa Christoph Marti, der als Frau Pusebach in Frau Luna auftritt? Ist diese Form von Cross-dressing ebenfalls Teil der Wiederentdeckung der Ur-Operette? Welche Erfahrungen hat Marti als ‚Frau‘ auf der Bühne gemacht (als Dolly in Hello Dolly und Clivia in Nico Dostals Clivia), im regulären Staatstheaterbetrieb unter Kolleg_innen, aber auch als Reaktion aus der queer-aktivistischen Szene?

Und wie sieht Frau Luna heute aus, wenn man das Stück aus queer-feministischer Perspektive betrachtet? Lässt sich aus der Mond-Thematik mehr herausholen, als viele bislang dachten? Der Neumond steht bekanntlich für Erneuerung in jedem Zyklus, dafür dass Dinge immer wieder neu ans und ins Licht kommen. Bringt Frau Luna im Tipi neues Licht in die deutsche Operettenszene, auf die Barrie Kosky mit seinen Komische-Oper-Produktionen auch schon ein deutlich queeres Schlaglicht geworfen hat? Ist der Mond mehr als nur eine Metapher für unsere Träume?

Über Machtpolitik, kosmische Liebe, heilende Momente, utopische Phantasien, sexuelle Selbstbestimmung und die Zustände im Showbusiness für Frauen* und Frauen*-Darsteller_innen wollen wir diskutieren mit Vera Hofmann, Kuratorin der 12 Monde-Filmreihe sowie Kuratorin des Jahr der Frau_en im Schwulen Museum, Dr. Kevin Clarke, Operettenexperte und Autor des Buchs Glitter and be Gay: Die authentische Operette und ihre schwulen Verehrer, sowie mit Andreja Schneider und Christoph Marti von den Geschwistern Pfister. Angefragt ist ein_e weiter_e Darsteller_in aus dem Cast von Frau Luna.

Eintrittkarten

 

 

Lesung 25. Januar 2018, 19.00h

„Auf der Suche nach einer verrufenen Klappe...“ Von Klappen und heutigem queeren Widerstand

Ausgehend von Betrachtungen zur Klappenkultur in Westberlin – und ihre Beurteilung durch Aktivist*innen aus anderen europäischen Ländern, etwa durch Guy Hocquenghem – wendet sich der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß (Hochschule Merseburg) aktuellen bedrohlichen gesellschaftlichen Entwicklungen zu. Er schildert, wie rechte Strömungen zunehmend Diskurse bestimmen, und verweist – unter anderem in Anschluss an die lesbische Aktivistin Jutta Oesterle-Schwerin – darauf, dass unter dem Deckmantel aktueller gesellschaftlicher Normierungen neue (gewalttätige) Restriktionen eingeführt werden. Voß fragt und stellt zur Diskussion: Wie können wir etwa den von Hubert Fichte positiv geprägten Begriff „Verschwulung“ behaupten – gegen „unsere“ eigene Geschichtsvergessenheit und gegen rechte Vereinnahmung?

Heinz-Jürgen Voß ist Biolog*in und Sexualwisssenschaftler*in an der Hochschule Merseburg.

Eintrittskarten

Aktuell 01. Februar 2018, 19.00h

Hans Henny Jahnn und Hubert Fichte mit Martin Dannecker gelesen

In dem Essay Engel des Begehrens von 1985 befasst sich Martin Dannecker mit der „Sexualität der Figuren in Hubert Fichtes Werk“. Der Essay analysiert literarische Texte mit dem Instrumentarium der Sexualwissenschaft marxistischer und psychoanalytischer Prägung, für die Dannecker steht. „Engel des Begehrens“ ist ein exemplarischer Text, der in der Literaturwissenschaft leider kaum rezipiert wurde.
Für die Literaturwissenschaft ist der Essay besonders deshalb interessant, weil er in zweifacher Weise über Zeit reflektiert, über individuelle Lebenszeit und über die Zeit der Geschichte, und an diese Reflexion eine Analyse von Sprechweisen anschließt. Der Vortrag wird gegen die Kontrastfolie der queer temporalities Danneckers Verständnis von Zeitlichkeit als ein dialektisches herausarbeiten. In einem zweiten Schritt werden verschiedene Beispiele der Weigerung zu reifen in Texten Hans Henny Jahnns und Hubert Fichtes in den Blick genommen und ihre Beziehung zueinander analysiert.

Benedikt Wolf ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität (Humboldt-Universität zu Berlin). Er hat zum Thema Penetrierte Männlichkeit. Sexualität und Poetik in deutschsprachigen Erzählungen der literarischen Moderne (1905-1969) promoviert. Derzeit forscht er zu dem schwulen Satiriker und Journalisten Felix Rexhausen. Neben der deutschsprachigen Erzählliteratur des 20. Jahrhunderts und der Kritischen Heteronormativitätsforschung sind deutsch-jüdische Literatur und Antiziganismusforschung seine Schwerpunkte.

Aktuell 08. Februar 2018, 19.00h

Marco Ebert - Spuren des Utopischen im Werk von Martin Dannecker

Lesung 11. Februar 2018, 16.00h

Flamme sein! Hans Scholl und die Weiße Rose Vortrag mit Dr. Robert M. Zoske

„Ganz leben oder gar nicht!“, notierte Hans Scholl, und es ist erstaunlich, welche Erfahrungen sich in seinem kurzen Leben verdichten. Während er zum Fähnleinführer in der Hitlerjugend aufstieg, leitete er eine verbotene Jugendgruppe, die abenteuerliche Fahrten unternahm und verpönte Schriftsteller las. Er liebte Jungen und Mädchen, schrieb Gedichte und Erzählungen. Als Medizinstudent interessierte er sich vor allem für Philosophie und erlebte als Sanitätssoldat das Grauen an der Front. Er war mit Künstlern und Schriftstellern befreundet, verehrte Stefan George und zunehmend Thomas Mann.

Robert Zoske zeigt erstmals, wie sehr dessen Rundfunkansprachen die Flugblätter der Weißen Rose beeinflussten, die im Wesentlichen Hans Scholl verfasste und zusammen mit seinen Mitstreitern verbreitete. Der "ganz normale Deutsche", als den man Hans Scholl bisher gerne gesehen hat, erweist sich als eine faszinierend vielschichtige Gestalt, eine Ausnahmeerscheinung, die uns mit ihrem Freiheitsdrang und Widerstand bis heute unmittelbar anspricht. Der Vortrag zur fesselnd geschriebenen Biografie lässt sein Vermächtnis eindrucksvoll lebendig werden.

Dr. phil. Robert M. Zoske ist evangelischer Theologe, er war bis 2017 Pastor in Hamburg.

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Aktuell 15. Februar 2018, 19.00h

Stefan Nagel, "Unvordenklicher Saft“. Zum Sinn von Sexualität

Der Vortrag fragt nach dem Sinn von Sexualität jenseits ihrer biologischen und sozialen Funktionen. Mit dieser Frage nach dem Sinn bewegt er sich, ohne dessen epistemischen Gehalt preiszugeben, außerhalb des naturwissenschaftlichen und auch bestimmter Formen des psychologischen und sozialwissenschaftlichen Denkens. Diesem Denken ist gemeinsam, dass in ihm Sinn und Funktion zusammenfallen oder aber Sinn für eine sinnlose Kategorie gehalten wird. Ohne die Gefahr der Etablierung einer ‚Metaphysik‘ der Sexualität zu verkennen, soll eine Analogie zum Verständnis des Problems beitragen: Die Funktion des Bauens ist die Errichtung eines Hauses, der Sinn des Bauens jenseits dieser Funktion jedoch das Wohnen. Wohnen meint als Zuhause-Sein an einem an sich fremden und womöglich sogar feindlichen Ort mehr, als sich lediglich dauerhaft in einem Haus zu bergen, meint nicht nur Behaust-Sein, es meint eine Veränderung des Zustands des Bewohners, nämlich die Überwindung von Fremdheit und den Übergang in Vertraut- und Verbundenheit, meint die Entstehung von Heimat. Übertragen auf Sexualität behauptet der Vortrag, dass der Sinn von Sexualität darin liegt, die unaufhebbare Fremdheit und Feindlichkeit eines differenten Begehrens und einer differenten Identität in Nähe zu verwandeln, in Beiwohnen. Diese Aufhebung von Differenz durch eine, wenn auch flüchtige Komplementarität des Begehrens und der Identität ist jedoch kein bloß mentales, also letztlich symbolisches Ereignis im Rahmen bestimmter Bedeutungszuweisungen, sondern ein distinkter leiblicher Akt, in dem der Leib mehr ist als die vermeintliche oder tatsächliche Epiphanie eines Symbols. Der Leib ist, er steht nicht für etwas. Das Begehren in all seiner Intensität begehrt kein (System von) Zeichen, sondern einen anderen Leib, und zwar nicht irgendeinen Leib, sondern einen geschlechtlich bestimmten und seinerseits begehrenden Leib, mit dem sich etwas Bestimmtes ereignen soll. Dabei geht es nicht um eine außerhalb der Sexualität liegende Funktion, also um Sexualität als Mittel, sondern um erfüllte Nähe um ihrer selbst willen. Dann fließt unvordenklicher Saft.
Dadurch bietet sich in der Sexualität im Gegensatz zu allen unseren sonstigen Beziehungen eine konkret und eben nicht bloß abstrakt mögliche Emanzipation aus den Banden der Natur und der Gesellschaft, die den Leib beide als Mittel zu ihren fertilen und sonstigen Zwecken verwenden und mit Begehren und Identität eine ‚natürliche‘ oder (vermeintlich daraus ableitbare) soziale Rolle und Beziehung verknüpfen. Diese emanzipatorische Option der Sexualität besteht jedoch nicht ihrer Herkunft nach, also nicht in Bezug auf Begehren und Identität. Hier bleibt Sexualität nicht nur beschränkt und absolut unfrei, sondern gründet sogar in der Bestimmtheit des Begehrens und der Identität, also ihrer Beschränktheit. Der Moment der Freiheit liegt im Selbstzweck des begehrlichen Berührens des und Berührtwerdens durch den zuvor fremden und feindlichen Anderen. Nur in der Kunst ist eine vergleichbare Begegnung möglich, aber dort nicht als sinnlich-unmittelbarer, sondern als sinnlich-mittelbarer Akt, also ohne Saft.

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Aktuell 20. Februar 2018, 19.00h

Queer Cinema: Buchpräsentation mit Gästen

Pünktlich zur Berlinale erscheint der erste deutschsprachige Sammelband mit filmwissenschaftlichen Perspektiven auf queeres Kino. Neben klassischen Texten von Barbara Hammer oder B. Ruby Rich, deren einflussreicher Aufsatz „New Queer Cinema“ nun zum ersten Mal in deutscher Übersetzung vorliegt, versammelt er Originalbeiträge von Cheryl Dunye zum Queer Black Cinema, von Jim Hubbard, dem Regisseur von „United in Anger“, zum Archiv des AIDS Videoaktivismus sowie Studien aus der deutschsprachigen Filmwissenschaft, u. a. von Elahe Haschemi Yekani, Henriette Gunkel, Chris Tedjasukmana und Skadi Loist. Über queere Grenzüberschreitungen sprechen die Regisseurinnen Monika Treut und Angelina Maccarone im Interview. Die Herausgeber_innnen Dagmar Brunow und Simon Dickel präsentieren den Band gemeinsam mit den Beitragenden Jan Künemund, Angelina Maccarone, Monika Treut sowie weiteren Überraschungsgästen.

Dagmar Brunow ist Filmwissenschaftlerin an der Linnéuniversität in Schweden und Literaturübersetzerin in Hamburg. Ihre Forschung behandelt das kulturelle Gedächtnis, audiovisuelle Archive, Videokollektive, Schwarze Avantgardefilme der 1980er Jahre und feministischen Experimentalfilm. Ihr aktuelles Forschungsprojekt “The Cultural Heritage of Moving Images” (2016-2018) wurde vom Schwedischen Wissenschaftsrat gefördert. Sie ist Autorin von Remediating Transcultural Memory. Documentary Filmmaking as Archival Intervention (de Gruyter, 2015) und Herausgeberin von Stuart Hall: Aktivismus, Pop und Politik (Ventil, 2015). Sie ist Mitglied der Programmgruppe der Lesbisch Schwulen Filmtage Hamburg.

Simon Dickel ist Professor für Gender und Diversity an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Er ist Autor des Buchs Black/Gay: The Harlem Renaissance, the Protest Era, and Constructions of Black Gay Identity in the 1980s and 90 (Lit und  Michigan State University Press, 2011) und Mitherausgeber von After the Storm: The Cultural Politics of Hurricane Katrina (Transcript, 2015). Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die kulturtheoretische Betrachtung von Geschlecht, Sexualität, Race und anderen Differenzkategorien, Intersektionalität und Phänomenologie. Von 2009 bis 2016 war er als Juniorprofessor für Ethnic and Postcolonial Studies am Englischen Seminar der Ruhr-Universität Bochum tätig.

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Aktuell 22. Februar 2018, 19.00h

Marco Kammholz, "Glücklich, gerecht, sicher" - kritische Bemerkungen zur Sexualpädagogik

Sexualpädagogik wendet sich dem Menschen als sexuelles Wesen in allen Lebensphasen erzieherisch zu. Als Erfolg gilt der sexualpädagogischen Profession die Etablierung ihrer Angebote in die, allem voran, schulische Bildungslandschaft. Gegen eben jene schulische Sexualaufklärung, die weit mehr harmlos als skandalös ist, äußert sich dieser Tage die lautstarke Kritik sog. „Besorgter Eltern“, die jedwede Thematisierung von Sexualität gegenüber Schüler_innen als Übergriff verurteilen. Selbst in der an und für sich noch zu niedlichen Bezeichnung „kindliche Sexualität“ erscheint damit der Eingriff in die als asexuell imaginierte Kindheit. Vor diesem Hintergrund finden sexualpädagogische Angebote, insbesondere die lustbetonenden, unter erschwerten Bedingungen statt.
Für ihre sexuell bildende Wirkung gilt es, die Sexualpädagogik zu würdigen und sie, wie es Martin Dannecker 1987 in „Das Drama der Sexualität“ formulierte, „gegen alle Angriffe, die ihr den Garaus machen wollen, zu verteidigen“. Zugleich lohnt sich ein kritischer Blick auf Sexualpädagogik und die in ihr aufscheinenden Versprechungen, die Sexualität stets mit den zu erreichenden Attributen – glücklich, gerecht, sicher – versieht.
Ist gelingende Sexualpädagogik, wie Dannecker im selben Text schreibt, letztlich nur „die Verwandlung eines größeren sexuellen Elends in ein kleineres“?  Welchen Nutzen hat die ständige Betonung des präventiven Gehalts der Sexualpädagogik? Wann ist aktuelle Sexualpädagogik der Vielfalt nützlich und treffend, und wo wird sie absurd? Der Vortrag bewegt sich mit Blick auf aktuelle Diskussionen und Fachpraxis zwischen Würdigung und Kritik der Sexualpädagogik.

Marco Kammholz ist staatlich anerkannter Jugend- und Heimerzieher, Sexualpädagoge (gsp) und studiert seit Kurzem Erziehungswissenschaft an der Uni Köln.

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