burger Button

Anders als die Andern

1. November 2019 – 24. Februar 2020

Ausstellung: 1. November 2019 – 24. Februar 2020
Vernissage: 31. Oktober 2019, 19 Uhr

Der Aufklärungsfilm mit packenden melodramatischen Szenen und hygienisch-medizinischer Belehrung zog vor hundert Jahren die Massen ins Kino. Mit Anders als die Andern gelang Richard Oswald 1919 ein Riesenerfolg, der wochenlang für ausverkaufte Vorstellungen in Berlin, München, Wien, Stockholm und Amsterdam sorgte. Zugleich ist der Film für die Schwulenbewegung ein Meilenstein, weil er erstmals  männliche Homosexualität auf der Leinwand zeigte.

Magnus Hirschfeld selbst spielte in Anders als die Andern einen Sexualwissenschaftler, der dem unglücklichen Geigenvirtuosen, dargestellt von Conrad Veidt, mit Hypnose zu helfen versucht und die Familie seines Lieblingsschülers (Fritz Schulz) über Homosexualität aufklärt. In der Apotheose des Films hält Hirschfeld einen flammenden Vortrag für die Rechte der Homosexuellen, im Stummfilm mithilfe von Zwischentexten vermittelt.

Conrad Veidt, ca 1925. /Fotoarchiv Deutsche Kinemathek)

Erster Weltkrieg – Revolution – Frauenwahlrecht

Nur in der kurzen Zeit des Um- und Ausbruchs nach dem Ersten Weltkrieg konnte ein derart tabuisiertes Thema wie männliche Homosexualität im Film abgehandelt werden. Die Ausstellung präsentiert die Zertrümmerung alter Werte und das daraus entstehende emanzipatorische Potenzial in drei Themen: Erster Weltkrieg, Novemberrevolution und die Einführung des Frauenwahlrechts. Anhand der rekonstruierten Fassung von Anders als die Andren und mittels Originaldokumenten wie Plakaten, Fotos und Programmheften vermittelt die Ausstellung den Anfang schwuler Filmgeschichte.

Der Stummfilm läuft in der Ausstellung in Dauerschleife und wird auch bei einem Filmabend (im Januar/Februar 2020) präsentiert. Untermalt wird die Relevanz des Films durch Porträts des Leben und Werks der beteiligten Schauspieler*innen und Regisseur*innen: Richard Oswald, Magnus Hirschfeld, Anita Berber, Fritz Schulz, Reinhold Schünzel, Conrad Veidt und Karl Giese.

Reinhold Schünzel und Conrad Veidt in „Anders als die Andern“, 1919 (Fotoarchiv Deutsche Kinemathek)

Vom Publikumsliebling in die Vergessenheit

Der Film wurde mit über 40 Kopien gestartet, eine für damals sensationell hohe Zahl, die den großen Erfolg des Films illustriert. Doch schon schnell kam der Film ins Kreuzfeuer von Kritiker*innen. Die Gegner*innen kaschierten unter dem Vorwand des Jugendschutzes ihre homophoben Ängste und Vorurteile. Zum Vorschein kam auch Antisemitismus, der sich nicht nur in streng konservativen Blättern, sondern auch in den schwulen Zeitschriften aus dem Friedrich Radszuweit-Verlag zeigte. Hirschfeld und Oswald, beide Juden, wurden beschuldigt, dem jüdischen Laster Homosexualität Vorschub zu leisten.

Durch das nachlassende Interesse am Aufklärungsfilm und die Einführung der Filmzensur am 25. April 1920 geriet Anders als die Andern langsam in Vergessenheit. Bloß das Moskauer Staatliche Filmarchiv besaß noch eine lückenhafte Kopie, welche das Filmmuseum München zur kongenialen Rekonstruktion des Films nutzte. Zur Vorbereitung der Ausstellung Eldorado im Berlin Museum – der ersten Museumspräsentation des Themas Homosexualität weltweit und die Initialzündung zur Gründung des Schwulen Museums – beschäftigte sich Kurator Wolfgang Theis mit dem vergessenen Film.

Zum hundertsten Jubiläum widmet das Schwule Museum in Kooperation mit dem Museum für Film und Fernsehen Berlin und dem Filmmuseum München Anders als die Andern eine große Schau. Großer Dank gilt unseren Kooperationspartnern und Kurator Wolfgang Theis. Wolfgang Theis war 1985 Gründungsmitglied des Schwulen Museums und kuratierte zahlreiche Ausstellungen wie „Goodbye to Berlin? 100 Jahre Schwulenbewegung“, „Marlene und das Dritte Geschlecht: Hommage zu Marlene Dietrichs 100. Geburtstag“ und „Rosa geht in Rente – Hommage zu Rosa von Praunheims 65. Geburtstag“.