burger Button

Love at First Fight! – deutsch

1. Love at First Fight!

In der Nacht vom 27.auf den 28. Juni 1969 wehrten sich queere Menschen militant gegen eine Razzia der Polizei in der Bar Stonewall Inn. Der Tage dauernde Aufstand rund um die New Yorker Christopher Street markiert heute für viele LSBTIQ*-Communities weltweit den Beginn der queeren Revolte. Als gemeinsames Projekt des Goethe-Instituts, des Schwulen Museums Berlin und der Bundeszentrale für politische Bildung nimmt diese Ausstellung den 50. Jahrestag der Stonewall Riots zum Anlass, einen Einblick in die Geschichte der queeren Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen Demokratischen Republik und dem wiedervereinigten Deutschland seit den 1960er Jahren zu geben. Besonders beleuchtet werden dabei die vielfältigen Beziehungen zu den US-amerikanischen Bewegungen. Unter dem Titel Queer as German Folk tourt die Ausstellung im Sommer 2019 durch die Goethe-Institute in Kanada, USA und Mexiko und ab 2020 auch in weitere Städte weltweit.
Die Ausstellung wirft Schlaglichter auf Momente queerer Bewegungsgeschichte ohne den Anspruch, dabei die einzig mögliche Geschichte zu erzählen. Damit stellt sie sich der Frage nach den Machtdynamiken, die auch in queeren Erinnerungspolitiken wirksam sind, wie sich auch in der Auseinandersetzung um das Erbe der Stonewall Riots zeigt. In der Kritik steht ihre Aneignung durch die Teile der Bewegung, die im Bemühen um gesellschaftliche Anerkennung die radikalen Ziele der Riots und die Anliegen vieler seiner Helden_innen aus dem Blick verloren haben: Dykes, Drag Queens, trans* Personen, Sexarbeiter_innen und in prekären Verhältnissen lebende junge Menschen, unter ihnen viele Queers of Color. Diese Debatte zeigt vielleicht vor allem eines: Zivilgesellschaftlicher Widerstand ist auch im 21. Jahrhundert noch notwendig, aber er muss immer wieder neu erfunden werden. In diesem Sinne: Remember Stonewall and Happy Pride!

Impressum
Queer as German Folk ist ein Projekt der Goethe-Institute in Nordamerika in Zusammenarbeit mit dem Schwulen Museum, Berlin, und der Bundeszentrale für politische Bildung, Berlin, sowie lokalen Partnern in Chicago, Guadalajara, Mexiko Stadt, Montreal, New York City, San Francisco, Toronto und Washington.

PROJEKTLEITUNG: Georg Blochmann, Goethe-Institut New York und Birgit Bosold, Schwules Museum Berlin
KURATORINNEN: Birgit Bosold, Carina Klugbauer
WISSENSCHAFTLICHE BERATUNG: Christopher Ewing, Markues, Ben Miller, Peter Rehberg, Kristine Schmidt, Sébastien Tremblay, Lisa Weinberg
LEKTORAT: Marie Frank, Anina Falasca
ÜBERSETZUNG: Sara Stevenson
SZENOGRAFIE & GRAFIK DESIGN: chezweitz GmbH, Berlin; Sonja Beeck und Detlef Weitz mit Lena Schmidt, Cristina Antonelli, Christoph Bruns, Danielle Gringmuth, Ravena Hengst, Dilara Kadayifci

Wir haben uns bemüht, alle Nutzungsrechte zur Veröffentlichung von Materialien Dritter zu erhalten. Sollten im Einzelfall Nutzungsrechte nicht geklärt sein, bitten wir um Kontaktaufnahme mit dem Schwulen Museum Berlin.

DANKSAGUNG
Wir bedanken uns bei allen Projektbeteiligten für die gute und konstruktive Zusammenarbeit, allen Institutionen und Personen für die Erteilung der Nutzungsrechte sowie dem HAU Hebbel am Ufer und den Autor_innen der „Manifestos for Queer Futures“. Außerdem geht unser Dank an die Menschen, die uns mit ihrer Expertise und Erfahrung beraten und unterstützt haben. Insbesondere möchten wir uns bei den zahlreichen Personen bedanken, die uns an ihren „snap-Momenten“ teilhaben ließen.

Bildunterschriften
Abschlussdemonstration des Pfingsttreffens der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW), Westberlin, 1973, Foto: Rüdiger Trautsch, SMU Berlin / Stand der Lesbengruppe bei der Friedenswerkstatt der Erlöserkirche, Ostberlin, 1983, Foto: Bettina Dziggel, RHG_FO_GZ_0419, Robert-Havemann-Gesellschaft Berlin / ADEFRA Bundestreffen in Köln, 1987, Foto: Daniela Tourkazi / Walpurgisnachtdemonstration, Westberlin, 1983, Foto: Petra Gall, SMU Berlin / Erste Demonstration homosexueller Emanzipationsgruppen in der BRD, Münster, 1972, Fotos: Uli Plein, Rosa Geschichten. Schwul-lesbisches Archiv Münster

 

2. Vor dem Gesetz

Beide deutsche Staaten übernahmen die §§ 175 und 175a und damit die Kriminalisierung männlicher Homosexualität in ihr Strafrecht. Die Bundesrepublik (BRD) übernahm die 1935 vom nationalsozialistischen Staat verschärfte Fassung, die Deutsche Demokratische Republik (DDR) die in der Weimarer Republik geltende. In der BRD wurden bis zur Liberalisierung 1969 ca. 50.000 Menschen verurteilt, in der DDR bis zur Abschaffung des Paragrafen 1968 ca. 2.000. Weibliche Homosexualität war nicht direkt kriminalisiert, lesbische Frauen lebten aber, ebenso wie schwule Männer, die nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen waren, unter der staatlich legitimierten Verwerfung ihrer Lebensentwürfe. In beiden deutschen Staaten wurde die auf der heterosexuellen Ehe basierende Kernfamilie als einzig legitime private Lebensform propagiert. Ein selbstbestimmtes Leben außerhalb dieses Rahmens war besonders für Frauen schwierig. In der DDR existierte zwar seit 1976, in der BRD seit 1980, eine gesetzliche Grundlage, die einen Wechsel des Personenstands sowie geschlechtsangleichende Operationen für trans* Menschen ermöglichte, allerdings mit diskriminierenden Auflagen.

Wolfgang Lauinger (1918-2017)
1941 lud die Geheime Staatspolizei der Nationalsozialisten Wolfgang Lauinger vor und hielt ihn drei Monate in Untersuchungshaft fest, weil er Teil des Harlem-Club in Frankfurt am Main war: einem Zusammenschluss von Jugendlichen, die sich für Swing-Musik begeisterten. Kurz nach seiner Entlassung wurde er wegen angeblichem Glücksspiel und dem Besitz von Leder – einem Verstoß gegen die Verbrauchsregel während des Krieges – zu vier Monaten Haft verurteilt. Aus der Haft entlassen, tauchte der Sohn eines jüdischen Journalisten unter und überlebte den Nationalsozialismus. Nach Kriegsende war für Lauinger die Verfolgung nicht vorbei. 1951 wurde er im Zuge der „Frankfurter Homosexuellenprozesse“, einer der größten Verfolgungswellen gegen homosexuelle Männer nach 1945, erneut inhaftiert und ohne Anklage mehrere Monate in Untersuchungshaft festgehalten. Lauinger verlor daraufhin seine Arbeitsstelle. 2017 beschloss der Bundestag die Rehabilitierung aller nach 1945 wegen der §§ 175/175a verurteilten Männer, doch Lauinger wurde bis zu seinem Tod im Alter von 99 Jahren die Rehabilitierung und die Entschädigung für die Haftzeit verweigert, weil keine Anklage gegen ihn erhoben worden war.

Rudolf Klimmer (1905-1977)
Unermüdlich setzte sich der Dresdner Arzt und Sexualforscher Rudolf Klimmer für die Entkriminalisierung von Homosexualität in der DDR ein. Klimmer, der im nationalsozialistischen Deutschland zweimal wegen Verstößen gegen den § 175 inhaftiert wurde, versuchte bereits 1947 homosexuelle Opfer als Verfolgte des Nationalsozialismus anerkennen zu lassen – vergebens. Als Arzt arbeitete er gegen die Stigmatisierung von Homosexualität und beriet in seiner Praxis Ratsuchende – auch in gerichtlichen Fragen. In der DDR wurde seine Expertise als Sexualforscher allerdings ignoriert. Die Veröffentlichung seiner Aufklärungsschrift Die Homosexualität als biologisch-soziologische Zeitfrage 1958 in Westdeutschland führte wegen der Zusammenarbeit mit dem „Klassenfeind“ zur beruflichen Isolation Klimmers. Dennoch hat sein kontinuierlicher Einsatz für die Entkriminalisierung von Homosexualität die öffentliche Debatte beeinflusst und damit die Liberalisierung des § 175 1968 vorbereitet. Öffentliche Anerkennung für sein Engagement wurde ihm zu Lebzeiten allerdings nie zuteil.

Gertrude Sandmann (1893-1981)
In den 1920er Jahren mit ersten Ausstellungen in Berlin und als Illustratorin für Modezeitschriften erfolgreich, wurde die Malerin jüdischer Herkunft Gertrude Sandmann 1935 wegen „nichtarischer Abstammung“ mit einem Berufsverbot belegt. 1942 floh sie vor der drohenden Deportation in den Untergrund und überlebte durch die Hilfe von Freund_innen, u.a. ihrer Lebensgefährtin Hedwig („Johnny“) Koslowski. Sandmann engagierte sich in den 1970er Jahren in der jungen Frauen- und Lesbenbewegung. Sie war an der Gruppe L 74, einer 1974 gegründeten Organisation für ältere, berufstätige, lesbische Frauen, beteiligt und steuerte für die von dieser herausgegebenen Zeitschrift UKZ (Unsere kleine Zeitung) zahlreiche Beiträge bei, u.a. das Titelcover der ersten Ausgabe.

Charlotte von Mahlsdorf (1928-2002)
Sie war Museumsdirektorin, selbst ernannte Hausfrau, schwuler Transvestit und gute Seele der ostdeutschen Queers oder schlicht „ihre eigene Frau“: Aufgewachsen im faschistischen Deutschland mit einem gewalttätigen Vater, der aus ihr lieber einen diensteifrigen Soldaten gemacht hätte, brachte Charlotte von Mahlsdorf im Nachkriegsdeutschland ihre Mutter und Geschwister mit der Restaurierung von alten Möbeln durch. Später erhielt sie eine Anstellung im Märkischen Museum in Ostberlin als Konservator_in, die nicht verlängert wurde, weil Charlotte sich nicht „geschlechterkonform“ kleidete. 1959 übernahm sie ein altes Gutshaus im Ostberliner Ortsteil Mahlsdorf und richtete mit ihrer Sammlung, die sie seit ihrer Jugend aufgebaut hatte, das Gründerzeitmuseum ein. In den 1970er Jahren wurde das Museum Treffpunkt für ostdeutsche LSBTIQ* – beobachtet von den staatlichen Behörden, die 1978 die Treffen verboten. Charlotte von Mahlsdorf verbrachte ihre letzten Lebensjahre in Schweden und starb 2002 bei einem Besuch in Berlin.

Bildunterschriften
Wolfgang Lauinger, um 1953, Privatbesitz Bettina Leder

Rudolf Klimmer, Ostberlin, 1976, Foto: Manfred Herzer, SMU Berlin

Charlotte von Mahlsdorf, Berlin, um 1990, Foto: Petra Gall, SMU Berlin

Gertrude Sandmann, um 1950, Foto: unbekannt, Gertrude Sandmann Nachlass

 

3. Vorher

Bars und Kneipen, Tanzsäle und Clubs waren (und sind) zentrale Plattformen queerer Kultur: Rückzugsorte vor der Feindseligkeit der Mehrheitsgesellschaft; Räume, in denen Selbstakzeptanz, sexuelle Freiheit und kollektive Solidarisierung erfahren wurden. Sie spielten eine wichtige Rolle für die Politisierung von Communities und waren als exponierte Landmarken queeren Lebens auch Ziel polizeilicher Übergriffe und homofeindlicher Attacken. Zusammen mit den nichtkommerziellen Zeitschriften, die wichtige Informations- und Kommunikationsforen waren, verloren sie mit den Entwicklungen, deren Anfang die Stonewall Riots markieren, mit der zunehmenden Akzeptanz von LSBTIQ* Lebensentwürfen und der massiven Expansion queerer Infrastruktur ihre zentrale Bedeutung.

Freundschaft und Toleranz
Zeitschriften mit unverfänglichen Namen wie Der Weg zu Freundschaft und Toleranz (1952-1970) oder Humanitas (1954) waren das Sprachrohr der homophilen Gruppen der 1950er und 1960er Jahre. In ihnen wurden politische Debatten um die Abschaffung der §§175/175a geführt, um gesellschaftliche Akzeptanz gleichgeschlechtlich begehrender Männer geworben, aber auch homoerotische Kunst und Fotografien publiziert. Sie waren eine der wenigen Möglichkeiten, von Treffpunkten zu erfahren und über Kontaktanzeigen andere homosexuelle Männer kennenzulernen. Mit Ausnahme von Wir Freundinnen (1951-1952) und der Beilage Aphrodite in der Zeitschrift Der Ring (1955-1958) gab es kein Magazin, das sich an homosexuelle Frauen richtete.

Ellis Bierbar
Die 1912 im Berliner Stadtteil Kreuzberg gegründete zwielichtige Kneipe war auch während der NS-Zeit geöffnet und wurde im Nachkriegsberlin zu einem der bekanntesten Treffpunkte für queere Menschen. Obwohl sie den Behörden ein Dorn im Auge war und immer wieder Polizeirazzien stattfanden, hat sich die mythenumwobene Bierbar mit ihrer Wirtin Elisabeth Hartung, genannt Elli, wacker über die Jahrzehnte bis 1986 gehalten. Bekannte Künstler_innen und Schauspieler_innen ließen sich in der unglamourösen Bar ebenso blicken wie Mitglieder der linken Kommune 1, Sexarbeiter_innen und die Normalos aus der Nachbar_innenschaft. Bald gesellte sich zu dem bunten Treiben ein weiteres Klientel: Von 1966-1969 fand der vermutlich erste schwule Lederclub der BRD bei Elli sein Zuhause.

Mulackritze
Stammlokal von Sexarbeiter_innen, Homosexuellen, Transvestiten und trans* Personen: Die Mulackritze in Berlin-Mitte war bereits in den 1920er Jahren Treffpunkt für von der Gesellschaft zu sozialen Außenseiter_innen erklärten Menschen. Nach Kriegsende 1945 kam auch das alte Publikum wieder, bis die Kneipe 1951 von den DDR-Behörden geschlossen wurde. Ende der 1960er fand die Mulackritze ein neues Zuhause: Charlotte von Mahlsdorf rettete das gesamte Inventar und baute die Kneipe in ihrem Gründerzeitmuseum im Ostberliner Ortsteil Mahlsdorf originalgetreu nach, wo sie wieder zum Treffpunkt für ostdeutsche Queers wurde.

Bildunterschriften
Ellis Bierbar, Westberlin, um 1978/79, Foto: Detlev Pusch, SMU Berlin

Charlotte von Mahlsdorf in der Mulackritze, Berlin, 1991, Foto: Rolf Fischer, SMU Berlin

Cover von homophilen Zeitschriften aus den 1950er Jahren, SMU Berlin

 

4. Raus auf die Strasse!

Im Zuge einer umfassenden Reform des Strafrechts wurden 1969 die §§ 175/175a liberalisiert. Sexuelle Handlungen zwischen Männern über 21 waren fortan legal. Getrieben vom gesellschaftlichen Wandel der 1960er Jahre markierte die Reform auch einen rechtspolitischen Paradigmenwechsel: Gesetzliche Regelungen dienten nicht mehr der Durchsetzung von wie auch immer legitimierten Moralvorstellungen, sondern dem Schutz von Rechtsgütern, etwa der sexuellen Selbstbestimmung. Die breite gesellschaftliche Debatte um die Entkriminalisierung von Homosexualität führte auch dazu, dass homosexuelle Menschen (erstmals) als gesellschaftliche Subjekte sichtbar wurden. Inspiriert vom Aufbruch der feministischen Frauen und der Neuen Linken an den Universitäten, organisierte sich eine homosexuelle Emanzipationsbewegung. Aktivist_innen traten mit provokativen Aktionen wie „Kiss Ins“ an die Öffentlichkeit, gründeten Verlage und Buchhandlungen, organisierten Festivals und Demonstrationen und agierten auch in Gewerkschaften und Parteien.

Nicht pervers
Der Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt von Rosa von Praunheim (*1942) in Zusammenarbeit mit dem Sexualwissenschaftler Martin Dannecker (*1942) wurde zur Initialzündung der bundesdeutschen Homo-Bewegung. Er richtet sich weniger gegen die repressive Mehrheitsgesellschaft als an die nach gesellschaftlicher Akzeptanz strebenden, angepassten Schwulen und endet mit dem legendären Aufruf: „Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!“ Der Film wurde 1971 uraufgeführt und tourte dann durch die Bundesrepublik. Im Anschluss an die öffentlichen Vorführungen gründeten sich landesweit politische Aktionsgruppen.

Hexenprozess
1974 fand in der norddeutschen Kleinstadt Itzehoe der Prozess gegen ein lesbisches Paar statt. Judy Andersen und Marion Ihns wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, weil sie den gewalttätigen Ehemann von Ihns ermorden ließen. In der ganzen Bundesrepublik protestierten lesbische und feministische Aktivist_innen gegen die diffamierende Berichterstattung der Boulevardpresse und die diskriminierende Prozessführung. Am 16. September 1974 sprengte eine Gruppe den Prozess mit der Parole „Haut der geilen Männerpresse eine in die Fresse!“ Mit ihren Aktionen zum „Hexenprozess von Itzehoe“ erreichten lesbische Aktivist_innen erstmals eine breite Öffentlichkeit in der BRD.

Warme Brüder und Schwestern
1972 initiierte die Studentische Aktionsgruppe Homosexualität Münster (HSM) ein erstes überregionales Treffen homosexueller Aktivist_innen. In diesem Rahmen fand in der nordwestdeutschen Universitätsstadt Münster die erste bekannt gewordene Demonstration für die Rechte homosexueller Menschen in der Bundesrepublik statt. Das Banner „Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger“ drehte frech den Spruch des konservativen Politikers Franz-Joseph Strauß (1915-1988) um, mit dem dieser die Meinung der Stammtische auf den Punkt brachte.

CSD
Bereits 1970 fanden in den USA Paraden zur Erinnerung an die Stonewall Riots statt. Erst 1979 wurde diese Tradition auch in der Bundesrepublik aufgenommen, mit ersten Demonstrationen in Westberlin, Köln, Stuttgart und Bremen. Heute ist der Name CSD (Christopher Street Day) für die alljährlich in mehr als 50 Städten stattfindenden Umzüge geläufig. Konflikte gab und gibt es z.B. um die starke Kommerzialisierung der Events oder die Marginalisierung von Frauen, trans* Personen und queeren Black and People of Color (BPoC): Der Berliner transgeniale CSD oder die seit 2013 in vielen Städten stattfindenden Dyke-Marches sind Ausdruck dieser Kritik.

Bildunterschriften
Filmplakat Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt, Westberlin, 1971, SMU Berlin

Erste Demonstration homosexueller Emanzipationsgruppen in der BRD, Münster, 1972, Fotos: Uli Plein, Rosa Geschichten. Schwul-lesbisches Archiv Münster

Plakate und Flugblätter zu den ersten Pride Parades in der BRD, 1979, SMU Berlin

Erste Pride Parade in der BRD, 1979, Bremen, Foto: Wolfgang Vogt; Flyer: SMU Berlin

Erste Pride Parade in der BRD, Westberlin, 1979, Foto: Rolf Fischer, SMU Berlin

Richter flüchten vor lesbischen Frauen, Collage aus der Titelseite der Tageszeitung BILD, (c) Axel Springer SE, 17.09.1974, SMU Berlin

 

5. System, Kritik und Sonntags-Club

1968 – und damit ein Jahr früher als in der BRD – reformierte die DDR die §§ 175 und entkriminalisierte sexuelle Handlungen zwischen volljährigen Männern. Bereits seit 1957 wurde in der DDR zumeist von einer Strafverfolgung abgesehen. Einerseits ermöglichte diese Liberalisierung in der Rechtsprechung ein unbeschwerteres Leben, andererseits war es für LSBTIQ* in Ostdeutschland kaum möglich, sich zu organisieren. Politische Organisationen außerhalb der staatlichen Strukturen waren verboten, Zusammenkünfte wurden überwacht. 1973 gründete sich dennoch mit der Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin (HIB) die erste unabhängige schwul-lesbische Gruppe in der DDR, die bis 1979 bestand. Ab den 1980er Jahren konnten sich die ostdeutschen Queers unter dem Dach der evangelischen Kirche als einzige von der Sozialistischen Einheitspartei (SED) geduldete, nicht-staatliche Institution öffentlichkeitswirksamer organisieren. 1986 gründeten ehemalige Mitglieder der HIB in Ostberlin mit dem bis heute bestehenden Sonntags-Club den ersten Zusammenschluss für LSBTIQ*, außerhalb der kirchlichen Räume.

Hibaré
Dass politisches Engagement auch humorvoll sein kann, beweist die Homosexuelle Interessengemeinschaft Berlin (HIB) mit ihrem „bisexuell-schwul-lesbischen“ Kabarettprogramm Hibaré. In ihren Stücken verhandeln die Protagonist_innen so selbstironisch wie selbstbewusst die Zumutungen und Freuden im Leben von bi- und homosexuellen Menschen. Als Spielstätten dienten dem Hibaré Kneipen wie die Ostberliner Bärenschänke und die Mulackritze im Gründerzeitmuseum Berlin-Mahlsdorf, die regelmäßiger Treffpunkt der HIB war. Die Amateurproduktion kam gut an – laut einem Bericht der Geheimpolizei der DDR, die die Treffen überwachte, war das Publikum über einen Auftritt im Februar 1976 begeistert.

Revolutionäre Homosexuelle
„Schwule Befreiung“ forderte ein Flugblatt der Gay Liberation Front (GLF), das Peter Tatchell (*1952), Mitglied der britischen Delegation auf dem internationalen Jugendtreffen X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten, 1973 in der DDR zusammen mit Mitgliedern der Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin (HIB) verteilte. Das Flugblatt kritisierte die Unterdrückung von Homosexuellen – auch im Sozialismus. Diese erste öffentliche Aktion von homosexuellen Aktivist_innen in der DDR, wurde vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) rasch beendet. Gegenwind bekam die Gruppe auch von den britischen Delegierten, die Tatchells Plakat mit dem Aufruf zur „Homosexuellen Befreiung“ auf der Abschlusskundgebung zerrissen.

Wir sind viele
Homosexuelle Frauen organisierten sich ab 1983 als eigene, von schwulen Männern unabhängige Gruppen innerhalb der Strukturen der evangelischen Kirche. Die Lesben in der Kirche (LiK), die sich in vielen ostdeutschen Städten gründeten, kritisierten sowohl die Homofeindlichkeit als auch den Sexismus der sozialistischen Gesellschaft. Die feministisch-lesbischen Gruppen organisierten Ausflüge und Veranstaltungen, die sowohl der Selbstverständigung, wie auch der politischen Diskussion dienten. Bei der Evangelischen Friedenswerkstatt 1983, einem Treffen von oppositionellen Friedensgruppen in der DDR, hatten die Ostberliner Lesben in der Kirche ihren ersten öffentlichen Auftritt.

Coming Out
Das Coming-Out als „Bekenntnis“ zur eigenen queeren Identität wurde wegen das starken Einflusses der US-amerikanischen Emanzipationsbewegung seit den Stonewall Riots zu einem dominierenden Moment in den Selbsterzählungen vieler LSBTIQ*. Dieses Motiv ist auch titelgebend für den ersten DDR-Film, der schwules Leben in Ostdeutschland portraitierte. Coming Out unter Regie von Heiner Carow (1929-1997) feierte am 9. November 1989 Premiere. Der Film erhielt zunächst kaum Aufmerksamkeit, weil in derselben Nacht die Berliner Mauer fiel, tourte im Anschluss aber weltweit auf Festivals und gewann 1990 bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin, kurz Berlinale, den Teddy Award und den Silbernen Bären.

Bildunterschriften
Auftritte der Theatergruppe Hibaré, Ostberlin, 1970er, SMU Berlin

Flugblätter der britischen Gay Liberation Front (GLF), Ostberlin, 1973, SMU Berlin

X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten, Ostberlin, 1973, Foto: Rainer Mittelstädt, Bild 183-M0729-0767, Bundesarchiv

X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten, Ostberlin, 1973, Foto: Hubert Link, Bild 183-M0729-403, Bundesarchiv

Aktivist_innen auf der Abschlusskundgebung der X. Weltfestspiele, Ostberlin, 1973,
C Rep. 303 Nr. 642 Foto 2 und 7, Landesarchiv Berlin

Stand der Lesbengruppe bei der Friedenswerkstatt der Erlöserkirche, Ostberlin, 1983, Foto: Bettina Dziggel, SMU Berlin und RHG_Fo_GZ_1950, Robert-Havemann-Gesellschaft Berlin

Stand der Lesbengruppe bei der Friedenswerkstatt der Erlöserkirche, Ostberlin, 1983, Foto: Bettina Dziggel, RHG_FO_GZ_0419/RHG_FO_GZ_1950/ RHG_FO_GZ_0396, Robert-Havemann-Gesellschaft Berlin

Filmplakat und Filmaushangfotos Coming Out, 1989, SMU Berlin, © DEFA-Stiftung/Wolfgang Fritsche

 

6. §§ (DE)

1872 – Einführung § 175 RStGB im Deutschen Kaiserreich
Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 trat am 1. Januar 1872 das Reichsstrafgesetzbuch (RStGB) in Kraft. Der § 175 stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe: „[D]ie widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts […] begangen wird, ist mit Gefängniß zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechten erkannt werden“.

1935 – Verschärfung § 175 RStGB im Nationalsozialismus
1935 wurde der § 175 RStGB verschärft und mit dem § 175a erweitert. Nun war bereits der Versuch strafbar, eine homosexuelle Handlung anzubahnen. Voraussetzung für eine Verurteilung war weder ein sexueller Kontakt, nicht einmal eine Berührung. Als „besonders schwere“ Fälle wurden nun zudem sexuelle Handlungen von Erwachsenen mit Personen unter 21 Jahren oder Sexarbeit nach dem neu geschaffenen § 175a mit Zuchthaus – ein Gefängnis mit u.a. durch harte körperliche Arbeit erschwerten Haftbedingungen – bestraft. Zwischen 1933 und 1945 wurden fast 50.000 Männer nach den §§175 verurteilt. Ungefähr 10.000 Männer wurden wegen ihrer Homosexualität in Konzentrationslagern interniert.

1949 – §§ 175 StGB BRD und DDR
Nach der Kapitulation des faschistischen Deutschlands 1945 wurde das Land unter den Alliierten in Besatzungszonen eingeteilt. Die Deutsche Demokratische Republik (DDR), die 1949 auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone entstand, installierte den § 175 StGB in der gemäßigten Fassung von vor 1935. Strafbar war Penetrationssex zwischen Männern, während „beischlafähnliche“ Handlungen wie z.B. gegenseitige Masturbation straffrei blieben. In Geltung blieb auch der § 175a StGB (der im Nationalsozialismus eingeführt wurde), der als „besonders schwere Fälle“ u.a. männlich-gleichgeschlechtliche Sexarbeit ahndete. Die Bundesrepublik Deutschland (BRD), die auf dem Gebiet der Besetzungszonen der West-Alliierten (USA, Frankreich, Großbritannien) gegründet wurde, behielt die §§ 175/175a StGB in der verschärften Fassung von 1935 bei. Zwischen 1950 und 1969 wurde gegen mehr als 100.000 Männer ermittelt, ca. 50.000 von ihnen wurden verurteilt – oft von Richtern, die bereits vor 1945 im Amt gewesen waren.

1957 – Aussetzung der Strafverfolgung nach § 175 StGB in der DDR
Ab 1957 wurde der § 175 StGB in der DDR faktisch außer Kraft gesetzt. Zwar wurde der Paragraf nicht abgeschafft, aber es konnte wegen Geringfügigkeit des Straftatbestands bzw. weil er keine Gefährdung für die sozialistische Gesellschaft darstellte, von der Strafverfolgung abgesehen werden.

1957 – Bestätigung der §§ 175 StGB durch das Verfassungsgericht der BRD
Im Juni 1957 entschied das Bundesverfassungsgericht über eine Beschwerde, die der Berliner
Rechtsanwalt Werner Hesse (1906–1989) eingereicht hatte. Dabei ging es um die Aufhebung zweier Urteile wegen Vergehens gegen Paragraf 175. Hesse hatte seine Beschwerde unter anderem darauf gestützt, dass der Paragraf gegen das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und gegen den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes verstoße, da er zwar männliche, nicht aber weibliche Homosexualität bestrafe. Nach umfänglicher Anhörung von Sachverständigen beschied das Bundesverfassungsgericht, dass das Gleichheitsprinzip hier nicht anwendbar sei. Denn „lesbische Liebe und männliche Homosexualität“ seien keine „vergleichbaren Tatbestände“, unter anderem weil „die Lesbierin nicht in dem gleichen Maße ausschließlich gleichgeschlechtlich eingestellt ist, so dass für die Lesbierin der ‚Umschlag zum anderen Geschlecht‘ leichter möglich ist“. Die Beschwerde wurde zurückgewiesen. Das Gericht argumentierte, dass „homosexuelle Betätigung gegen das Sittengesetz verstößt“ und stellte zudem fest, dass die „Strafvorschriften gegen die männliche Homosexualität (§§ 175 f. StGB)“ mit dem Grundgesetz vereinbar und kein „nationalsozialistisch geprägtes Recht“ seien. Bemerkenswert hierbei war, dass sich die Formulierung nicht gegen sexuelle Handlungen, sondern gegen Homosexualität richtete.

1968 – Abschaffung §§ 175/175a StGB in der DDR
1968 wurden die §§ 175 StGB in der DDR abgeschafft und durch denn § 151 StGB ersetzt. Damit waren nur noch homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Jugendlichen unter 18 Jahren strafbar. Erstmals wurden auch lesbische Beziehungen eingeschlossen. Auch wenn damit homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen legalisiert wurden, bestand immer noch eine Ungleichbehandlung von gleichgeschlechtlichen Beziehungen, weil die Schutzaltersgrenze für heterosexuelle Handlungen bei 16 Jahren lag.

1969 – Liberalisierung §§ 175 StGB und Abschaffung § 175a in der BRD
Der §175 StGB wurde in der BRD 1969 reformiert, der §175a wurde abgeschafft. Sexuelle Handlungen zwischen Männern über 21 Jahren waren fortan nicht mehr strafbar. Strafbar blieben hingegen weiterhin gleichgeschlechtlich-männliche Sexarbeit, sexuelle Handlungen von erwachsenen Männern mit unter 21-jährigen Männern oder die Ausnutzung eines Abhängigkeitsverhältnisses.

1972 – Legalisierung Schwangerschaftsabbruch DDR
1972 wurde in der DDR das „Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft“ verabschiedet: „Zur Bestimmung der Anzahl, des Zeitpunktes und der zeitlichen Aufeinanderfolge von Geburten wird der Frau zusätzlich zu den bestehenden Möglichkeiten der Empfängnisverhütung das Recht übertragen, über die Unterbrechung einer Schwangerschaft in eigener Verantwortung zu entscheiden.“ (§1, Absatz 1) Erstmalig konnten schwangere Personen eigenverantwortlich und ohne Angabe von Gründen entscheiden, die Schwangerschaft innerhalb der ersten zwölf Wochen nach Beginn der Schwangerschaft abzubrechen. Davor durften in der DDR Schwangerschaftsabbrüche nur vorgenommen werden, wenn medizinische Gründe vorlagen, die das Leben der Frau gefährdeten oder ein Elternteil eine Erbkrankheit hatte. Ein Abbruch aus sozialen Gründen war nicht vorgesehen. Dem Abbruch musste eine Kommission aus Ärzt_innen, Vertreter_innen des Gesundheitswesens sowie des Demokratischen Frauenbundes zustimmen. Gegen diese Regelung protestierten zahlreiche Frauen mittels Eingaben an die DDR-Regierung. Als Reaktion darauf wurde zwar das Gesetz nicht geändert, aber 1965 eine ministerielle Verordnung erlassen, nach der Schwangerschaften auch aus sozialen Gründen abgebrochen werden durften. Ob diese Gründe vorlagen, wurde wiederum von der Kommission überprüft und entschieden.

1976 – Möglichkeit der Änderung des Geschlechtseintrages in der DDR
In der DDR wurde eine Änderung des Geschlechtseintrages für trans* Personen möglich, war aber mit diskriminierenden und pathologisierenden medizinischen Begutachtungen verbunden.

1976 – Erste Reform des Ehe- und Familienrechts in der BRD
Bis 1976 konnten Ehen nur nach dem Verschuldensprinzip geschieden werden, d.h. eine_r der Partner_innen musste die Verantwortung für das Scheitern der Ehe übernehmen. Die Ehe konnte nur im gegenseitigen Einvernehmen geschieden werden, die „schuldige“ Person musste für den Unterhalt des ehemaligen Partners bzw. der ehemaligen Partnerin aufkommen und verlor in der Regel das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder. Dies erschwerte die Scheidung insbesondere für Frauen. Bis zur Reform war die Ehe als „Hausfrauenehe“ angelegt: Frauen durften nur erwerbstätig sein, wenn dies mit ihren Pflichten in der Ehe und der Familie vereinbar war. Frauen waren deshalb häufig nicht berufstätig und riskierten im Fall einer Scheidung ihre Existenzgrundlage. Seit der Reform gilt das Partnerschaftsprinzip, nach dem der Staat keine Aufgabenteilung innerhalb der Ehe mehr vorschreibt. Zudem wurde das „Zerrüttungsprinzip“ für Ehescheidungen eingeführt. Ehen können seitdem geschieden werden, wenn eine_r der Ehepartner_innen sich für die Scheidung ausspricht, keine_r der beiden Partner_innen muss die Schuld dafür tragen. Auch die Unterhaltszahlung ist nicht mehr an die Schuldfrage geknüpft, sondern wird nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit bemessen.

1976 – Indikationslösung für Schwangerschaftsabbrüche wird in der BRD verabschiedet
Die Debatten um die Reform des bereits seit 1926/27 geltenden § 218 StGB, der Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellte, haben eine längere Vorgeschichte: 1974 wurden in der BRD zwei Gesetzesvorschläge eingebracht. Die sogenannte „Fristenlösung“ sah die Straffreiheit von Schwangerschaftsabbrüchen bis zur zwölften Woche vor, während die „Indikationslösung“ Schwangerschaftsabbrüche ausnahmsweise aus medizinischen, ethischen oder sozialen Gründen straffrei stellte. Nachdem zunächst die liberalere Fristenlösung verabschiedet wurde, erklärte das Bundesverfassungsgericht diese 1975 für verfassungswidrig. 1976 wurde dann die „Indikationslösung“ verabschiedet.

1981 – Einführung des Transsexuellengesetzes in der BRD
In der BRD wurde 1981 das Transsexuellengesetz (TSG) erlassen, das trans* Personen die Änderung ihres Personenstandes – also ihres amtlich vermerkten Geschlechtseintrages – sowie des Vornamens ermöglichte. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass eine von amtlich bestellten Ärzt_innen festgestellte Diagnose der Geschlechtsidentitätsstörung vorliegt. Gegen diese diskriminierende Pathologisierung protestieren Trans*-Verbände seit langem.

1988 – Streichung § 151 StGB in der DDR
1987 entschied das Oberste Gericht der DDR, dass „unterschiedliche Regelungen im StGB (§§ 149, 150, 151) bezüglich homo- und heterosexuellen Handlungen von Erwachsenen mit Jugendlichen […] nicht gerechtfertigt“ sind, weil „Homosexualität ebenso wie Heterosexualität eine Variante des Sexualverhaltens darstellt. Homosexuelle Menschen stehen somit nicht außerhalb der sozialistischen Gesellschaft, und die Bürgerrechte sind ihnen wie allen anderen Bürgern gewährleistet“. 1988 wurde die ersatzlose Streichung beschlossen, die 1989 rechtskräftig wurde.

1994 – Abschaffung § 175 StGB im wiedervereinigten Deutschland
Mit der deutschen Wiedervereinigung und der Angleichung der beiden Rechtssysteme wurde der §175 nach 122 Jahren abgeschafft. Seitdem stehen einvernehmliche homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen in der Bundesrepublik nicht mehr unter Strafe. Die Schutzaltersgrenzen für sexuelle Handlungen wurden unabhängig von der sexuellen Orientierung neu geregelt.

1995 – Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetz tritt in Kraft
Im Zuge der Rechtsangleichung nach der deutschen Wiedervereinigung wurden auch die Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch neu justiert. Weiterhin sind laut § 218a StGB Schwangerschaftsabbrüche zwar rechtswidrig, bleiben aber unter bestimmten Voraussetzungen straffrei. Schwangere Personen müssen unter anderem eine „Schwangerschaftskonfliktberatung“ in Anspruch nehmen. Diese keinesfalls neutrale Beratung „dient dem Schutz des ungeborenen Lebens“ und „hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen“. (§ 219 StGB). Zudem werden die hohen Kosten für Schwangerschaftsabbrüche ohne medizinische Indikation seitdem nicht mehr von den Krankenkassen übernommen.

1997 – Änderung § 177 StGB
Vergewaltigungen in der Ehe waren in der BRD und im wiedervereinigten Deutschland bis 1997 kein Straftatbestand. Erst 1997 wurde der Zusatz „außerehelich“ in dem Gesetzestext des § 177 StGB gestrichen, womit sexualisierte Gewalt auch innerhalb der Ehe strafbar wurde.

2001 – Lebenspartnerschaftsgesetz BGB
2001 trat das Lebenspartnerschaftsgesetz in Kraft, womit gleichgeschlechtlichen Paaren erstmals die Möglichkeit eröffnet wurde, ihre Beziehung rechtlich anerkennen zu lassen. Allerdings legte ihnen das Gesetz zunächst zwar die gleichen Pflichten wie Ehepartner_innen auf, gestand ihnen aber nicht die gleichen Rechte zu, etwa im Hinblick auf einkommens- und erbschaftssteuerliche Privilegien oder in Bezug auf die gemeinsame Adoption von Kindern. Vor allem durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts wurde diese Ungleichbehandlung schrittweise zurückgenommen, so dass die Lebenspartnerschaft heute weitgehend der heterosexuellen Ehe angeglichen ist.

2006 – Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG)
Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ist eine Umsetzung von europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien und soll Ungleichbehandlungen z.B. am Arbeits- oder Wohnungsmarkt verhindern. „Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen“ (§ 1 AGG). Damit wurde erstmals auch die „sexuelle Identität“ als Diskriminierungsmerkmal aufgenommen.

2017 – Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts
Seit dem 1. Oktober 2017 können gleichgeschlechtliche Paare eine zivilrechtliche Ehe schließen. Bereits bestehende eingetragene Lebenspartnerschaften können in eine Ehe umgewandelt werden.

2018 – Reformierung des Personenstandsgesetzes
Seit 2018 kann in offiziellen Dokumenten neben den beiden Geschlechtseinträgen „männlich“ und „weiblich“ auch die Option „divers“ gewählt oder der Geschlechtseintrag offen gelassen werden. Zugleich kann der Vorname geändert werden. Die Änderung des Geschlechtseintrages setzt allerdings die ärztliche Bescheinigung einer „Variante der Geschlechtsentwicklung“ voraus. Das Gesetz schließt damit sowohl inter* Personen aus, die kein ärztliches Attest vorlegen können, als auch nicht-binäre trans* Personen. Damit nimmt das Gesetz nicht die Selbstbestimmung und Selbstdefinition von Personen zur Grundlage, sondern knüpft die Möglichkeit einer Änderung des Geschlechtseintrages an pathologisierende medizinische Begutachtungen.

2019 – Ergänzung § 219a StGB
2018 wurde im Bundestag über eine Änderung eines Strafgesetzes diskutiert, das mit dem Schwangerschaftsabbruch in Verbindung steht: Nach §219a StGB ist es verboten, „seines Vermögensvorteils wegen oder in grob anstößiger Weise eigene oder fremde Dienste zur Vornahme oder Förderung eines Schwangerschaftsabbruchs […] zu bewerben.“ Konkret bedeutet das, dass Ärzt_innen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, ihre Patient_innen nicht darüber informieren dürfen. Ärzt_innen, die dennoch z.B. auf ihrer Website darauf verweisen, drohen bis zu zwei Jahre Gefängnisstrafe. Das schränkt nicht nur die freie Ärzt_innenwahl für Patient_innen ein, sondern erschwert den Zugang zu Informationen über Schwangerschaftsabbrüche. Mit der Neufassung des §219a bleibt das Werbeverbot bestehen, Ärzt_innen können lediglich darauf hinweisen, dass sie Abbrüche durchführen, dürfen aber trotzdem nicht über Schwangerschaftsabbrüche informieren.

 

7. Können Tunten Sozialisten sein?

1973 organisierte die Homosexuelle Aktion Westberlin (HAW) ein internationales Treffen homosexueller Aktionsgruppen. Einige aus Italien und Frankreich angereiste Teilnehmer traten bei der großen Abschlussdemonstration im Fummel auf, mit „Lidschatten und blaulackierten Fingernägeln“, wie die Boulevardpresse zu berichten wusste. Ihr Auftritt löste eine große Strategie-Debatte in der bundesdeutschen Schwulenbewegung aus, die unter dem Namen „Tuntenstreit“ in die Geschichte eingegangen ist. Während die einen den Fummel als unnötige und unpolitische Provokation sahen, die dem Bündnis mit der Arbeiter_innenklasse im Weg stehe, begriffen die anderen ihn als effektivste Art und Weise, das eigene Schwulsein „öffentlich“ zu machen. Dieser sich fortan als Feministen bezeichnende Flügel in der HAW solidarisierte sich mit der feministischen Frauenbewegung. Ihre Position setzte sich nicht durch: Die feministische Kritik an der Geschlechterordnung sollte für das politische Projekt der Schwulenbewegung keine bedeutende Rolle spielen.

 

8. Müssen Lesben Feministen sein?

1974 fand in Westberlin das erste überregionale Treffen lesbischer Aktivistinnen in der Bundesrepublik statt. Mehr als 200 Teilnehmerinnen diskutierten die Frage „Ist Feminismus die Theorie und Lesbischsein die Praxis?“ in Anlehnung an die populäre, Ti-Grace Atkinson zugeschriebene These. US-amerikanische Autorinnen – Rita Mae Brown, Kate Millet, Jill Johnston, Mary Daly – waren wichtige Impulsgeberinnen für die Entwicklung des radikalen lesbischen Feminismus in der Bundesrepublik: Mitte der 1970er Jahre separierten sich die lesbischen Aktivistinnen von der Schwulenbewegung. Sie nannten sich fortan nicht mehr schwul, sondern lesbisch, engagierten sich in der Frauenbewegung und hatten einen wesentlichen Anteil am Erfolg der feministischen Revolte. Auch in der DDR hatten sich lesbische Frauen zunächst gemeinsam mit homosexuellen Männern organisiert, gründeten aber ab Mitte der 1980er Jahre eigene Gruppen.

Rockfete im Rock
Im Mai 1974 veranstaltete das Westberliner Frauenzentrum das erste öffentliche Frauenfest in der Bundesrepublik. Die Rockfete im Rock – zu der Männer keinen Zutritt hatten – war eine Provokation. Weil eine angefragte Musikgruppe aus Großbritannien ihren Auftritt abgesagt hatte, spielte eine Newcomer Band mit dem Namen Flying Lesbians, die sich ein paar Tage vorher gegründet hatte. Der Auftritt der „ersten Frauenrockband auf dem Kontinent“ war ein großer Erfolg. Sie produzierten eine LP und tourten in den nächsten Jahren durch die Bundesrepublik und Europa.

Wehrt euch!
In der Auseinandersetzung mit (sexualisierter) Gewalt gegen Frauen und Mädchen durch Männer wurde Kampfsport zu einer (körper-) politischen Strategie. Es ging darum, Passivität und Angst zu verlernen und kämpferisches Selbstbewusstsein zu entwickeln. Ganze Generationen von Feministinnen wurden im „Dojo“, der Übungshalle der japanischen Kampfkünste, sozialisiert. Die Westberliner Unterstützerinnen der Ostberliner Gruppe Lesben in der Kirche versorgten sie nicht nur mit feministischer Literatur, sondern gaben auch Workshops in Selbstverteidigung.

Bildunterschriften
Abschlussdemonstration des Pfingsttreffens der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW), Westberlin, 1973, Foto: Rüdiger Trautsch, SMU Berlin

Band Flying Lesbians bei der Rockfete im Rock an der Technischen Universität, Westberlin, 1974, Foto: Cristina Perincioli

Selbstverteidigungsgruppe in der Gethsemane-Gemeinde, Ostberlin, 1986, Fotos: Bettina Dziggel, RHG_FO_GZ_2037, RHG_FO_GZ_2032, RHG_FO_GZ_2033, RHG_FO_GZ_2036, Robert-Havemann-Gesellschaft Berlin

 

9. LOVE AIDS RIOT SEX

Der Ausbruch der Aids-Krise Anfang der 1980er Jahre konfrontierte die schwulen Communities nicht nur mit Krankheit und Tod im engsten Freund_innenkreis, sondern auch mit  wieder aufkommenden antihomosexuellen Ressentiments und nicht zuletzt mit der Demontage der gerade gewonnenen sexuellen Unbefangenheit. Im Kampf gegen die Epidemie entwickelten Selbsthilfe-Organisationen und Gesundheitsbehörden in enger Kooperation ein erfolgreiches sozialmedizinisches Modell, das auch zu einer enormen Professionalisierung der schwulen Infrastruktur beitrug. Vor allem in den USA, wo die Behörden lange untätig blieben, schufen die ebenfalls extrem betroffenen Gruppen der Substanzkonsument_innen und (oft trans*) Sexarbeiter_innen zusammen mit sexpositiven Feministinnen und schwul-lesbischen Aktivist_innen neue Bündnisse, die wir heute „queer“ nennen. Seit Mitte der 1990er Jahre machten Kombinationstherapien Aids zu einer behandelbaren chronischen Krankheit. Heute vermindern neue Medikamente die Viruslast unter die Nachweisgrenze, so dass infizierte Menschen nicht mehr ansteckend sind. Das Trauma Aids wirkt bis heute nach. Paradoxerweise trieb die Katastrophe die gesellschaftliche Normalisierung von Homosexualität in bemerkenswerter Weise voran.

Zitat Jürgen Baldiga
„1959 ALS STRAMMER ACHTPFÜNDER DAS LICHT DER WELT ERBLICKT
SOHN EINES BERGMANNS
SEIT 1979 IN BERLIN
BROTERWERB ALS KOCH/BARKEEPER/GELIEBTER/PROSTITUIERTE/GELEGENHEITSARBEITER
SEIT 1980 DIE ERSTEN GEHVERSUCHE IN RICHTUNG DER SCHÖNEN KÜNSTE
LYRIK/MUSIK/FILM/PERFORMANCE
1984 LUSTVOLLER ERWERB EINER IMMUNSCHWÄCHE
SEIT 1985 AUTODIDAKT IN DER KUNST DER FOTOGRAFIE
SEIT 1989 VOLLENDS IM BILDE ODER BESSER:
WAS DU HEUTE KANNST BESORGEN, DAS VERSCHIEBE NICHT AUF MORGEN.“

Selbstauskunft Jürgen Baldiga 1992
Jürgen Baldiga (1959-1993)
1979 aus dem Ruhrgebiet nach Westberlin gezogen, begann der Künstler Jürgen Baldiga Mitte der 1980er, als er schon wusste, dass er HIV-positiv war, zu fotografieren. Er bewahrte nicht nur das queere Westberlin der späten 1980er Jahre für die Ewigkeit, etwa mit seinen ausdrucksstarken Porträts der Protagonist_innen der Tuntenszene, sondern provozierte auch mit seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit Aids und dem eigenen Sterben. Baldigas Nachlass ist Teil der Sammlung des Schwulen Museums, das ihm 1997 eine große Werkschau widmete.

Ladies Neid
Der 1977 in Westberlin gegründete erste alternative schwule Club SchwuZ war nicht nur Kristallisationspunkt für politische Aktion und organisatorische Vernetzung, sondern auch angesagter Ort für Performance und Party. Berühmt waren die schrägen Shows von Tuntenensembles wie der Formation Ladies Neid, zu der Melitta Sundström (1964-1993), Pepsi Boston (1962-1993), Polette (†1989) und andere gehörten. Heute ist das SchwuZ einer der größten queeren Clubs in Berlin.

Zitat Tunten
„Warum Männer in Frauenkleidern? Was ist eine Tunte? Was ist ein Kleid? Alle diese
Fragen stehen im Raum und keine soll hier beantwortet werden. Denn wozu gibt es
schließlich diese Fotos. Hier finden wir Bilder von Damendarstellerinnen und
Jugendlichen, die sich an ihren Müttern rächen. In ihrem selbstgeschaffenen
Kosmos genießen sie ein durch den Absatz erhöhtes Lebensgefühl in einem grauen
Alltag der Zugewiesenheiten. ‚Wenn morgen die Welt unterginge, würden wir uns
dafür ein Kleid nähen. ‘“

Im Namen aller
Melitta & Pepsi

(Jürgen Baldiga, Tunten Queens Tantes, Ein Männerfotobuch, Vis-a-Vis,
1988)

Liebe Mitbürger_innen
1985 ließ die westdeutsche Bundesregierung eine Aufklärungsbroschüre über Aids an alle Haushalte verteilen. Unter Federführung der Gesundheitsministerin Rita Süßmuth (*1937) setzte die bundesdeutsche Aids-Politik auf Aufklärung und Selbstbestimmung, den Schutz der Grundrechte des Einzelnen und stellte sich damit gegen staatliche Zwangsmaßnahmen. In enger Kooperation mit den Selbstorganisationen der Betroffenen wie den Aids-Hilfen, entwickelten die Gesundheitsbehörden eine erfolgreiche Präventionspolitik, die heute international als Modell gesehen wird.

Was muss ich wissen?
Nachdem HIV/Aids von der DDR Regierung Mitte der 1980er nicht mehr als „westliches Problem“ ignoriert werden konnte, reagierten sie zunächst mit traditionellen seuchenpolitischen Maßnahmen: Massentests und Nachverfolgung der Infektionsketten über die Preisgabe der Sexualpartner_innen von HIV-positiv getesteten Personen. 1987 wurde dann ein Maßnahmenkatalog erstellt, der die Publikation der Aufklärungsbroschüre AIDS. Was muss ich wissen? Wie kann ich mich schützen? zur Folge hatte. Die Broschüre wendete sich gegen homofeindliche Vorurteile, gleichzeitig verfolgte sie einen moralischen Ansatz, etwa wenn die „Entwicklung fester Partnerschaftsbeziehungen“ als Präventionsstrategie anstelle von Safer Sex Praktiken nahe gelegt wurden.

Boykottiert Marlboro!
ACT UP (Aids Coalition To Unleash Power) wurde 1987 in New York als breites Bündnis gegen die Diskriminierung von mit HIV infizierten und an Aids erkrankten Menschen in Gesellschaft, Medizin und Politik gegründet und verbreitete sich in den westlichen Industriestaaten. Der Marlboro Boykott 1990/91 war die größte Aktion von ACT UP Deutschland. Sie richtete sich gegen den Tabakkonzern Philip Morris wegen dessen Unterstützung des homofeindlichen US-Senators Jesse Alexander Helms Jr. (1921-2008). Der Boykott war diesseits wie jenseits des Atlantiks erfolgreich: Philip Morris wurde zum großzügigen Sponsor schwuler Aktivitäten und der deutsche Tabakkonzern Reemtsma umwarb mit einer Marketing-Kampagne für seine Marke West erstmals schwule Männer als neue Zielgruppe.

Vollbild
Kuratiert von Frank Wagner (1955-2016) präsentierte die Ausstellung Vollbild Aids. Eine Ausstellung über Leben und Sterben in der Westberliner nGBK (neue Gesellschaft für Bildende Kunst) 1988 erstmals in Europa künstlerische Positionen zu Aids. Zu sehen waren später ikonisch gewordene Werke von Gran Fury und General Idea, Peter Hujar oder David Wojnarowicz. Die Arbeiten sind so persönlich wie politisch und dokumentieren die berührende Intensität und enorme künstlerische Produktivität ihrer Auseinandersetzung mit der Katastrophe. 2013/14 stellte Wagner in der Ausstellung LOVE AIDS RIOT SEX (nGBK, Berlin) die wechselvollen Beziehungen von Kunst und Aids in einem eindrucksvollen Überblick vor.

Bildunterschriften
Aufklärungsbroschüre, AIDS. Was Sie über AIDS wissen sollten, hrsg. von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung i.A. des Bundesministers für Jugend, Familie, Gesundheit, Köln, 1985

Aufklärungsbroschüre, AIDS. Was muß ich wissen? Wie kann ich mich schützen? Von Niels Sönnichsen, Verlag Volk und Gesundheit, 1987, Ostberlin, SMU Berlin

Flugblätter und Plakat von ACT UP zum Marlboro-Boykott, Berlin, um 1990, SMU Berlin

Werbekampagne der Zigarettenmarke West in Zeitschriften für schwule Männer, vlnr.: 1991; 1992; 1991, 2000; Rückseite: 1993, SMU Berlin

Jürgen Baldiga Selbstportrait (Diva), 1990

Jürgen Baldiga Polette, 1988/Melitta Sundström, 1988/ Kenny (The Queen of Berlin), 1992/Pepsi Boston, 1988

Plakat zur Ausstellung Vollbild Aids, Westberlin, 1988, Gestaltung: Augenblitz, SMU Berlin

 

10. Sex Wars

Im Mittelpunkt der Politik der feministischen Bewegungen der 1970er Jahre stand der Kampf gegen sexualisierte Gewalt und für körperliche Selbstbestimmung. Mit der Einsicht, dass sexuelle Beziehungen keine herrschaftsfreien Räume sind, gerieten nicht nur Pornografie und Sexarbeit in die Kritik, sondern auch die sexuelle Kultur schwuler Männer, sexuelle Praktiken von Frauen wie BDSM (Bondage and Disciplin, Dominance and Submission, Sadism and Masochism) oder der Gebrauch von Dildos. Auch die Zugehörigkeit von trans* Frauen zur Bewegung wurde Anlass von Kontroversen. Angestoßen von den Entwicklungen in den USA formierten sich Mitte der 1980er Jahre auch in der BRD „sexpositive“ Feministinnen. Sie positionierten sich gegen antischwule Ressentiments in der feministischen Bewegung, gegen Tendenzen der „Verbürgerlichung“ in der schwul-lesbischen Szene und für queere Formen von sorgenden Gemeinschaften, die sich nicht am Modell der heteronormativen Gatt_innen-Familie orientieren. Die als „Feminist Sex Wars“ in die Geschichte eingegangenen Auseinandersetzungen sind bis heute eine wichtige Referenz für den zeitgenössischen queerpolitischen Aktivismus.

Krista Beinstein
Krista Beinstein (*1955) ist Fotografin, Künstlerin und Aktionistin, Grande Dame der pornografischen Performance, Enfant terrible der Erotik-Fotografie und Vorreiterin des sexpositiven Feminismus. Heftige Auseinandersetzungen begleiten ihren Weg – sei es um die Bilder von Lederfrauen mit Schwänzen, die in den Anfängen der Frauenbewegung für identifikatorische Abbildungen des Feindbildes Mann gehalten wurden, oder um ihre positiven Bezugnahmen auf sadomasochistische Praktiken.

Zitat Krista Beinstein
„KUNST RETTET MICH UND LÄSST MICH DEN
ZAUBER SEHEN (…). DER ZAUBER LIEGT EBEN
AUCH IM BEGEHREN, IN DER EROTISCHEN
BEGEGNUNG. UNWIEDERHOLBAR, UND DARUM
IMMER WIEDERHOLT, GENAU WIE DIE FOTOGRAFIE.
EIGENTLICH KÖNNTE MAN AUCH SAGEN: MEINE
BILDER SIND KITSCHIG. SIE SIND ROMANTISCH,
AUF EINER SUCHE NACH DEM EINMALIGEN
UND MAGISCHEN – UND DAS ÜBER DIE VERFAHREN
DER WIEDERHOLUNG.“

Aus: Sex ist mein Medium, Claudia Reiche interviewt Krista Beinstein, fünf inszenierte
Gespräche, 28. Februar 2015, Wohnung Beinstein, Video

„Pornoshops in Stücke!“
Demolierte Schaufenster, Raubüberfälle und Buttersäureanschläge: Sexshops und Pornokinos waren bevorzugtes Ziel militanter feministischer Proteste gegen Sexismus und Frauenfeindlichkeit. Die links-autonome Gruppe Rote Zora etwa überfiel 1977 in Köln eine Reihe von Sexshops und raubte Waren im Wert von mehr als 100.000 D-Mark. In ihrer Erklärung schreibt die Gruppe: „Diese Läden stinken uns schon lange. Die Frau wird auf ihren Körper reduziert – zur Sexmaschine degradiert, die nach Belieben der Käufer zu handhaben ist. Mit List und Tücke hauen wir die Pornoshops in Stücke!“.

Nachtexpress
Der Nachtexpress – Zeitung für Bar, Bordell und Bordstein wurde von 1980 bis 1995 regelmäßig vom Verein HYDRA herausgegeben. HYDRA war die erste autonome Organisation für Sexarbeiter_innen in der BRD. Im Nachtexpress berichteten Sexarbeiter_innen aus ihrem Arbeitsalltag, diskutierten ihre Arbeitsbedingungen und schrieben gegen die Stigmatisierung von Sexarbeit an. Im Rahmen der staatlich finanzierten Aids-Prävention erhielt HYDRA 1985 öffentliche Fördergelder und konnte ihre Arbeit professionalisieren. HYDRA setzt sich bis heute für die Rechte und Interessen von Sexarbeiter_innen ein.

Vordenker_innen
Stichwortgeberinnen der „Feminist Sex Wars“ waren auch für die bundesdeutsche Debatte US-amerikanische Protagonist_innen wie Gayle Rubin, Susie Bright, Pat Califia, Camille Paglia und Samois, eine Gruppe lesbischer BDSMlerinnen auf der einen Seite und Catharine MacKinnon, Andrea Dworkin, Robin Morgan und die Organisation Women Against Violence in Pornography and Media (Frauen gegen Gewalt in Pornografie und Medien) auf der anderen. Im deutschsprachigen Raum fokussierte die Kontroverse v.a. auf die von Alice Schwarzer (*1942) und ihrer Zeitschrift EMMA lancierte PorNO-Kampagne.

Grausame Frauen
1985 hatte der Film Verführung: Die grausame Frau von Elfi Mikesch (*1940) und Monika Treut (*1954) Premiere. Nach Motiven des Romans Venus im Pelz von Leopold von Sacher-Masoch setzte der Film sadistische und masochistische Phantasien in Szene und war sowohl im Mainstream als auch in der lesbisch-feministischen Öffentlichkeit heftig umstritten. In den späten 1980er Jahren ging Treut in die USA und wurde mit Filmen über die sexpositive Ikone Annie Sprinkle (Annie, 1989) oder mit Gendernauts (1999), in dem sie die Transgender-Szene in San Francisco vorstellte, nicht nur eine wichtige transatlantische Botschafterin, sondern auch einflussreiche Protagonistin des New Queer Cinema.

Bildunterschriften
Krista Beinstein: Selbstporträt, 1988

Krista Beinstein: aus der Serie „Dominas“, 1985/Boy, 1988

Krista Beinstein: aus der Serie „Schwule Ladys“, 1985

Cover der Zeitschrift Nachtexpress des Vereins HYDRA, Westberlin, 1980er, FFBIZ. Das feministische Archiv Berlin

Frauendemonstration im Rotlichtbezirk zur Walpurgisnacht, 1978, Frankfurt/M., Foto: Barbara Klemm, FFBIZ. Das feministische Archiv Berlin

Graffiti an Sexshop, 1976-1986, Foto: unbekannt, FFBIZ. Das feministische Archiv Berlin

Eingeschlagene Schaufensterscheiben eines Sex-Shops, 1976-1984, Foto: unbekannt, FFBIZ. Das feministische Archiv Berlin

Aktion gegen frauenfeindliche Werbung, undatiert, Foto: unbekannt, FFBIZ. Das feministische Archiv Berlin

Aktion gegen Pornografie, undatiert, Foto: unbekannt, FFBIZ. Das feministische Archiv Berlin

Die Machtfrage aushandeln, Interview mit Pat Califia und Gayle Rubin, geführt von Nancy Wechsler, in der feministischen Zeitschrift Courage, 7. Jg., Nr. 1, 1982, SMU Berlin

Das kalte Herz, Artikel von Catharine A. MacKinnon in der feministischen Zeitschrift EMMA, Nr. 10, 1987, EMMA Archiv

 

11. Farbe bekennen

ADEFRA (Schwarze Frauen in Deutschland) ist ein Netzwerk Schwarzer Frauen und Women of Color. 1986 als Verein gegründet, ist er einer der ersten Zusammenschlüsse Schwarzer Menschen in Deutschland. Die von Audre Lorde (1934-1992) inspirierte Arbeit Schwarzer Aktivist_innen hat maßgeblich dazu geführt, dass sich eine Auseinandersetzung über Rassismus, Antisemitismus und Klassismus in der Frauen- und Lesbenbewegung und darüber hinaus entwickelte. Die afroamerikanische Schriftstellerin und Hochschullehrerin lehrte von 1984 bis zu ihrem Tod 1992 mehrfach als Gastprofessorin an der Freien Universität Berlin. Angeregt durch sie erschien 1986 das bahnbrechende Buch Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte, herausgegeben von May Ayim (Opitz), Katharina Oguntoye (*1959) und Dagmar Schultz (*1941). May Ayim (1960-1996) wurde als Aktivistin und Schriftstellerin bekannt. 2009 wurde eine Straße nach ihr benannt: das May-Ayim-Ufer in Berlin-Kreuzberg.

Audre Lorde, Sister Outsider, 1984
„CERTAINLY THERE ARE VERY REAL DIFFERENCES BETWEEN US OF RACE, AGE, AND SEX. BUT IT IS NOT THOSE DIFFERENCES BETWEEN US THAT ARE SEPARATING US. IT IS RATHER OUR REFUSAL TO RECOGNIZE THOSE DIFFERENCES, AND TO EXAMINE THE DISTORTIONS WHICH RESULT FROM OUR MISNAMING THEM AND THEIR EFFECTS UPON HUMAN BEHAVIOR AND EXPECTATION. “

Bildunterschriften
Audre Lorde, Sister Outsider, Trumansburg/NY, Crossing Press, 1984

Audre Lorde bei einer Lesung in München, 1987, Foto: Daniela Tourkazi

ADEFRA Bundestreffen in Köln, 1987, Fotos: Daniela Tourkazi

Cover der Zeitschrift Afrekete, die von Mitgliedern von ADEFRA herausgegeben wurde, FFBIZ. Das feministische Archiv Berlin

 

12. Queeruptions

Eigene Diskriminierungserfahrungen bewahren nicht davor, andere zu diskriminieren. Organisationen von queeren Black and People of Color wie Gladt e.V. kritisieren diskriminierendes Verhalten und strukturelle Ausgrenzung in den queeren Communities, deren Akteur_innen oft nicht einsehen wollen, dass auch sie den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft reproduzieren. Ebenso wichtig ist es ihnen, eigene Räume und Empowerment-Netzwerke zu schaffen. Veranstaltungen wie das Trans*-Filmfestival TransFormations dezentrieren privilegierte Perspektiven und geben marginalisierten Erfahrungen Raum, Demonstrationen wie die behindert und verrückt feiern Pride Parade adressieren den Ableismus der Szene. Auch Veranstaltungs-Reihen wie die Hip-Hop Party hoe_mies, die sich dezidiert an „Frauen* und genderqueere Personen of Color“ richtet, versuchen als Safer Spaces für diese Communities zu fungieren.

Gayhane
Die Party Gayhane – House of Halay ist eine Party für LSBTIQ* und deren Freund_innen. Sie findet seit 1999 einmal im Monat im legendären Berlin-Kreuzberger Club SO36 statt. Initiiert von Fatma Souad und Sabuha Salaam ist die Party mit ihrem „HomoOriental Dancefloor“, auf dem sich Menschen aller sexuellen Orientierungen und Gender-Identitäten tummeln, zu einer Institution des queeren, postmigrantischen Berlins geworden. Gayhane erreicht mehr Vielfalt als die meisten anderen Locations des queeren Nachtlebens in Berlin.

Bildunterschriften
Gayhane, undatiert, SO36 Berlin; behindert und verrückt Feiern Pride Parade Party, Flyer, Sticker 2013, Credit: Hannah Fitsch; Plakate 2014, 2015, Credits: Hannah Fitsch, Nina Urban; Flyer, Sticker 2014, 2015, 2016, 2017, Credit: Hannah Fitsch, Julia Weidenbach ; Flyer, 2018, Credit: Ruth Wiegering; Plakat 2018, Credit: Jasper Dombrowski / Gegen, Credit: Stefan Fähler / House of Living Colors, Credit: Danielle Nebula / hoe_mies, Vol. 1 2, 4, 9, 10, 11, Credit: Gizem Adiyaman, Lucia Lucian / hoe_mies, Vol. 7, Credit: Gizem Adiyaman, Tatjana Glowinski / Pornceptual, Credit: Chris Phillips / Rooms 4 Resistance, 2015, 2016, Credit: Stefan Fähler / TransFormations, 2018, Credit: @soyfordkelly

 

13. Smash the Cis-Tem!

Auch wenn es bereits in den 1980er Jahren in der BRD erste Initiativen gab, formierten sich trans* und inter* Aktivist_innen erst seit Ende der 1990er Jahre als wichtige Impulsgeber_innen für die queere Bewegung. Eine ihrer wesentlichen politische Forderung, maßgeblich vorangetrieben von der Bundesvereinigung Trans* (BVT) ist bisher nicht verwirklicht: Die Entpathologisierung von trans* und inter* Menschen. Seit 2017 gibt es eine rechtliche Verbesserung: In offiziellen Dokumenten kann unter bestimmten Voraussetzungen als Geschlechtseintrag die Option „divers“ gewählt oder offen gelassen werden. Vereine wie der Berliner TransInterQueer e.V. (TrIQ) intervenieren aber nicht nur in das Rechts- und Gesundheitssystem, sondern schaffen Infrastrukturen der Unterstützung und Beratung ebenso wie subkulturelle Freiräume für trans* und inter* Personen, in denen sie zumindest zeitweilig nicht den Zumutungen der cis-heterosexistischen Verhältnisse ausgesetzt sind. Viele der Akteuer_innen verstehen sich als Teil der queer-feministischen Bewegung und haben eine gemeinsame politische Agenda, nämlich die Überwindung der binären Geschlechterordnung.

Transgenial
Als Reaktion auf die zunehmende Kommerzialisierung und Entpolitisierung der „offiziellen“ Christopher Street Days (CSD) wurde 1998 in Berlin mit dem transgenialen CSD (tCSD), ab 2014 dem Kreuzberger CSD und 2016 dem X*CSD eine alternative Veranstaltung ins Leben gerufen. Die kollektiv organisierte Demonstration verstand sich ausdrücklich in der „Tradition der Stonewall Riots und der militanten Gegenwehr von vor allem migrantischen Schwulen, Lesben und Transgendern“. Konflikte um Rassismus, Antisemitismus und den Umgang mit sexuellen Übergriffen führten dazu, dass sie 2016 zum letzten Mal stattfand.

Echt?
„‚Ist das echt?‘ Ja, sage ich. Ist es. ‚Hat das weh getan?‘ Ja, aber ich war naiv. Das Konzept, das ich im Kopf hatte, ging auf ein Selbstporträt von Catherine Opie zurück. Ich habe dieses Foto immer geliebt und wollte ihm eine Hommage erbringen. Also bat ich eine_n Freund_in darum, mir NORMAL in die Haut zu ritzen. ‚Und der Bart?‘  Ich arbeite mit meinem eigenen Haar. ‚Ah ok, verstehe, der Bart ist also nicht echt.‘  Na ja. Das kommt darauf an, wie man unecht und echt definiert. Für mich ist das mein echter Bart.“
(Risk Hazekamp, 2007)
Die künstlerische Arbeit von Risk Hazekamp (Den Haag und Berlin) kreist um die komplexen Beziehungen zwischen Körper und Bild, um politische und gesellschaftliche Systeme durch eine Kombination aus persönlichem Aktivismus, analoger Fotografie und intersektionalem Denken zu verändern.

 

14. Aktion Standesamt

Seit Anfang der 1990er Jahre kämpfen homosexuelle Bürger_innenrechtsverbände – prominent der SVD/ ab 1999 LSVD (Schwulenverband in der DDR/Lesben- und Schwulenverband in Deutschland) – für die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partner_innenschaften. 2001 verabschiedete der Deutsche Bundestag das „Gesetz über die eingetragene Lebenspartnerschaft“. Damit wurde für homosexuelle Paare eine Art „Ehe Light“ ohne eine volle rechtliche Gleichstellung mit der heterosexuellen Ehe eingeführt. Während konservative Gruppen gegen die Eheöffnung agitierten, entschied das Bundesverfassungsgericht hingegen mehrfach zugunsten homosexueller Paare und erwies sich als Motor für die rechtliche Gleichberechtigung. Im Juni 2017 stimmte der Bundestag für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Umstritten war und ist die „Homoehe“ auch unter Queers. In der Kritik steht, dass sie den Lebensrealitäten von vielen queeren Menschen keine Rechnung trägt, beispielsweise wenn mehr als zwei Personen füreinander und häufig auch für Kinder Verantwortung übernehmen.

Respekt?
Seit Anfang der 2000er Jahre ist die „besondere“ Situation von Queers mit Migrationsgeschichte Gegenstand zivilgesellschaftlicher, wissenschaftlicher und staatlicher Diskurse und Aktivitäten. Forschungsaufträge wurden vergeben, spezialisierte Beratungsstellen ins Leben gerufen und Aufklärungskampagnen gestartet. So lancierte etwa der LSVD die seitdem mehrfach aktualisierte Respekt-Kampagne, in der als „migrantisch“ markierte Personen solchen gegenübergestellt sind, die als „herkunftsdeutsch“ gelesen werden sollen. Queers of Color-Netzwerke kritisierten nicht nur den Stereotyp einer generellen Homofeindlichkeit migrantischer Communities, sondern auch die implizite Setzung der LSBTIQ* Szene als weiß.

Bildunterschriften
Banner, Postkarte und Plakat des tCSD Berlin 2008/2009, Credit: TCSD Berlin

Risk Hazekamp, Under Influence / Catherine Opie, analoge Farbfotografie, 2007

Volker Beck und weitere Fraktionsmitglieder der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ bejubeln am 30.06.2017 das Ergebnis nach der Abstimmung der Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts im Bundestag, 2017, Berlin, Foto: Wolfgang Kumm/picture alliance

Flyer Wir wollen, daß Schwule ihr Recht bekommen, undatiert, Foto: Volker Janssen, SVD / Broschüre Weg frei zum Standesamt, SVD, um 1991/ Flyer Ticket zur Gleichberechtigung, 2003, LSVD / Flyer Wir wollen, dass Lesben und Schwule ihr Recht bekommen, 2002, LSVD / Flyer Keine halben Sachen, 2009, LSVD / Plakat Aktion Standesamt 19. August 1992, 1992, Gestaltung: trash line desing, Foto: Jörg Mang, SVD / Plakat Aktion Ja Wort, um 1999, LSVD

aus der Broschüre Liebe verdient Respekt, hrsg. Von BLSB e. V. und LSVD Berlin-Brandenburg, 2010, SMU Berlin

Ehe für alle – Hartnäckigkeit zahlt sich aus, 2017, LSVD

 

15. Totgeschwiegen

Mit der fortdauernden Kriminalisierung männlicher Homosexualität nach 1945 bestätigten beide deutschen Staaten die Verfolgung homosexueller Männer durch den nationalsozialistischen Staat als rechtmäßig und kannten ihre Verfolgung nicht als nationalsozialistisches Unrecht an. Gedenkstätten, Museen und die Forschung ignorierten ihre Geschichte. Versuche, ihrer Schicksale zu gedenken, stießen auf massiven Widerstand. 1984 wurde auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen (Österreich) von homosexuellen Aktivist_innen die erste Gedenktafel zur Erinnerung an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus enthüllt. Sie trägt die Inschrift „Totgeschlagen –Totgeschwiegen“. 2002 beschloss der Bundestag, die nationalsozialistischen Urteile gegen Homosexuelle aufzuheben. 2008 wurde das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen in Berlin eingeweiht. Die heftig geführten Debatten ob und wie lesbischen Frauen im Zusammenhang der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik gedacht werden darf, halten bis heute an.

Ravensbrück
Die Ostberliner Gruppe Lesben in der Kirche unternahm zwischen 1984 und 1986 vielfache, von der Staatsmacht be- oder verhinderte Versuche, in der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück auf dem Gelände des ehemals größten nationalsozialistischen Frauenkonzentrationslagers den „lesbischen Schwestern“ unter den Verfolgten öffentlich zu gedenken. Es waren die ersten spezifisch lesbischen Frauen gewidmeten Gedenkaktionen. Eine deutsch-österreichische Initiative setzt sich seit 2013 dafür ein, ein Gedenkzeichen auf dem Gelände zu installieren, bisher erfolglos. Dies ist nicht zuletzt auf den Widerstand von Historikern wie dem ehemaligen Sprecher des LSVD und Mitglied im Stiftungsbeirat der Brandenburgischen Gedenkstätten Alexander Zinn zurückzuführen, der darin eine Beförderung der „Legende einer Lesbenverfolgung“ sieht.

Buchenwald
Ab 1983 organisierten queere Gruppen in der DDR regelmäßig Besuche in den Nationalen Mahn- und Gedenkstätten. Am 30. Juni 1984 – bewusst gewählt am Christopher Street Day – besuchten etwa 80 Personen die beiden Gedenkstätten in Sachsenhausen und Buchenwald. Diese Aktionen waren eine wichtige politische Praxis der LSBTIQ* in der DDR. Sie umgingen damit nicht nur die starke Einschränkung der Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit; der Versuch, Lesben und Schwule als „Opfer des Faschismus“ zu etablieren, griff zudem den antifaschistischen Gründungsmythos und damit das Selbstverständnis des Staates an.

Bildunterschriften
Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Ravensbrück, Ravensbrück/Fürstenberg (Havel), 1985, RHG_FO_GZ_0744, Robert-Havemann-Gesellschaft Berlin

Leerstelle des Kranzes, den die Gruppe Lesben in der Kirche in der Gedenkstätte Ravensbrück niederlegte, Ravensbrück/Fürstenberg (Havel), 1984, Foto: Bettina Dziggel, SMU Berlin

Lesung aus Tagebüchern von schwulen Männern in der Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald, organisiert vom kirchlichen Arbeitskreises Homosexualität, Buchenwald, 1982, Foto: Matthias Kittlitz, SMU Berlin

Kranz zum Gedenken an die homosexuellen Opfer des Konzentrationslagers Buchenwald, organisiert von Mitgliedern des Arbeitskreis Homosexualität der ESG Leipzig, Buchenwald, 1987, Foto: Matthias Kittlitz, RHG_FO_GZ_0690, Robert-Havemann-Gesellschaft Berlin

 

16. Rosa Winkel

Der Rosa Winkel war die Kennzeichnung für Häftlinge, die nach §§ 175 oder 175a verurteilt und in die nationalsozialistischen Konzentrationslager eingewiesen wurden. Unter dem Pseudonym Heinz Heger veröffentlichte Johann Neumann (1914-1978) 1972 mit dem Buch Die Männer mit dem Rosa Winkel das erste Zeugnis eines homosexuellen KZ-Überlebenden – Josef Kohout (1915-1994) – und trug damit zur „Wiederentdeckung“ der Verfolgung homosexueller Männer im Nationalsozialismus bei. Seit Mitte der 1970er Jahre wurde der Rosa Winkel als Zeichen der bundesdeutschen Schwulenbewegung populär, etwa durch einen entsprechenden Aufruf der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW) in ihrer Zeitschrift HAW Info 1975. Auch in der DDR forderte die Homosexuelle Interessengemeinschaft Berlin (HIB) ihre Mitglieder auf, den Winkel bei der 1. Mai Demonstration 1976 zu tragen. International bedeutsam wurde er in der Aids-Krise v.a. durch das ikonisch gewordene Logo der Gruppe ACT UP mit dem umgedrehten Rosa Winkel und dem Slogan „Silence=Death“ („Schweigen=Tod“). Neben der Regenbogenflagge ist der Rosa Winkel heute eines der bekanntesten Symbole für LSBTIQ* und wird sogar im Produktmarketing von Mainstream Unternehmen genutzt.

Bildunterschriften
Poster von ACT-UP, die das Motiv des Silence=Death Project verwendet haben, 1987, Credit: ACT UP, Wellcome Collection

Cover der Zeitschrift HAW Info und Plakate mit dem Rosa Winkel aus der Sammlung des SMU Berlin

 

17. WTF?!

Alte wie neue konservative, christlich-fundamentalistische und rechte Organisationen und Parteien sehen die heterosexuelle Kleinfamilie als „Keimzelle der Nation“ bedroht, verteidigen traditionelle Geschlechterrollen und treffen sich damit in ihrem Antifeminismus: Parteien wie die Alternative für Deutschland (AfD) wollen den Studiengang „Gender Studies“ abschaffen, angeblich „besorgte“ Eltern demonstrieren gegen die Thematisierung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im Schulunterricht und die sogenannte „Lebensschutzbewegung“ fordert ein Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen.
Gegen den jährlich in Berlin stattfindenden Marsch für das Leben, die wichtigste Aktion der christlich-fundamentalistischen „Lebensschützer_innen“, mobilisiert das Bündnis What-the-Fuck?! Mit dem Slogan „my body my choice“ tritt es für das Recht auf sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung ein und fordert die Abschaffung des § 218 (Strafbarkeit von Schwangerschaftsabbrüchen, außer in Ausnahmen) und § 219 (der den Zugang zu Informationen über Abtreibungen erschwert). Damit werden die Kämpfe der feministischen Bewegungen der 1970er Jahre fortgeführt, in denen eine zentrale Forderung die Entkriminalisierung von Abtreibungen war.

Weg mit § 218!
Auf dem Titelblatt des Magazins Stern bekannten 374 Frauen 1971: „Wir haben abgetrieben!“, unter ihnen viele Prominente. Die Kampagne war Auslöser für eine breite Protestbewegung und der Kampf für das Recht auf körperliche Selbstbestimmung eine der wichtigsten Forderungen der feministischen Bewegung in Westdeutschland. Wie die feministischen Kämpfe insgesamt wurden auch die Proteste gegen das Abtreibungsverbot von vielen lesbischen Feminist_innen vorangetrieben. Abtreibungen sind nach § 218 StGB in Deutschland auch heute noch eine Straftat und bleiben nur in bestimmten Ausnahmen straffrei. Die Fotografin Petra Gall (1955-2018) hielt nicht nur Demonstrationen wie diese fest. Sie ist die große Dokumentarin der Westberliner Frauen- und Lesbenszene und der Underground (Frauen-)Musikszene der 1980er Jahre. Ihr zehntausende von Fotografien umfassender Nachlass ist Teil der Sammlung des Schwulen Museums.

 

18. Nebenwidersprüche

Rechtspopulistische Strömungen nutzen die Verunsicherung durch ökonomische Krise und kulturelle Transformation, um Stimmung gegen queer-feministische Errungenschaften zu machen: Behauptet wird, dass die Fokussierung der etablierten politischen Kräfte auf die Rechte von ethnischen und sexuellen Minderheiten sowie Frauen auf Kosten der Anliegen des „kleinen Mannes“ geht. Die frühe lesbisch-feministische Bewegung wie auch die Schwulenbewegung waren als Kind der linken Revolte dem Kampf gegen den Kapitalismus verpflichtet. Sie grenzten sich aber auch von klassischen linken Positionen ab, weil sie darauf bestanden, dass die Unterdrückung von Frauen und homosexuellen Menschen keine „Nebenwidersprüche“ sind, deren Auflösung bis zum Sieg der Revolution warten müssen. Auch wenn der revolutionäre Elan in den Folgejahren deutlich nachließ und das Bemühen um die rechtliche Gleichstellung vor allem in der schwulen Politik beherrschend wurde: Von der feministischen Agenda ist die Kritik der Klassenverhältnisse nie ganz verschwunden, etwa in der kontinuierlichen Theoriearbeit des sogenannten materialistischen oder marxistischen Feminismus ebenso wie in der praktischen Kritik durch Gruppen wie den „Prololesben“.

Pelze
1981 entstand in einem zunächst besetzten, später legalisierten Haus in Berlin Schöneberg in einem ehemaligen Pelzgeschäft ein Aktionsraum „für die weiblichen Künste“. Den über die Jahre wechselnden Kollektiven ging es nicht zuletzt auch darum, subversiv die eigene feministische Szene zu provozieren. 1996 musste das heute legendäre Projekt – wie auch viele andere nichtkommerzielle Orte – geschlossen werden, weil die öffentliche Förderung gestrichen wurde. Die „Bauarbeiterinnenparty“ greift ironisch sowohl die Fetischisierung des muskulösen Mannes aus der Arbeiterklasse in der schwulen, wie auch die (erotische) Aneignung von Männlichkeit in der Figur der Butch in der lesbischen Kultur auf.

Umverteilungskonten
Gruppen wie die West-Berliner „Prololesben“ thematisierten ökonomische Privilegien und Klasse in Zeitschriften und auf Veranstaltungen der lesbisch-feministischen Bewegung schon in den 1980er Jahren. Sie schlossen sich zusammen, um sich zu empowern und kritisierten den Klassismus – die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft – innerhalb der Bewegung. Eine praktische Intervention war die Einrichtung eines Umverteilungskontos, auf das reichere Lesben einzahlen und ärmere Lesben anonym Geld abheben konnten und das rege genutzt wurde.

Homo-Arbeiter_innenkampf
1978 gründete sich die AG Schwule, ein Jahr darauf die AG Lesben im Kommunistischen Bund (KB) – einer maoistisch orientierten, kommunistischen Organisation aus Hamburg. Sie waren die einzigen Arbeitsgruppen innerhalb der radikalen Linken, die kontinuierlich zum Thema Homosexualität arbeiteten, etwa indem sie eine Rubrik in der Zeitung „Arbeiterkampf“ gestalteten. Obwohl der KB der autonomen Frauenbewegung skeptisch gegenüberstand und seine Frauenpolitik bis dahin vor allem darauf beschränkt war, proletarische Frauen für den Klassenkampf zu gewinnen, öffnete er sich zeitgleich für feministische Themen.

„Her mit dem guten Leben! Für alle Weltweit!“
Unbezahlte oder schlecht entlohnte und abgewertete „Sorgearbeit“ steht im Fokus feministischer Ökonomiekritik, weil darin die Verschränkung hierarchischer Geschlechterverhältnisse und kapitalistischer Produktionsweise offensichtlich wird. Altenpflege, Kinderbetreuung oder Hausarbeit wird Frauen bzw. (zumeist migrantischen) Care-Arbeiter_innen zugewiesen. Bündnisse wie das bundesweite Netzwerk „Care Revolution“ bringen Aktivist_innen aus unterschiedlichen Feldern der sozialen Reproduktion zusammen und setzen sich ein für ein Gemeinwesen, das „nicht Profitmaximierung, sondern die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellt, und die Sorgearbeiten nicht nach rassistischen, geschlechtlichen oder klassenbezogenen Strukturierungen verteilt“.

Bildunterschriften
Plakate und Banner zur Mobilisierung gegen den Marsch für das Leben, Berlin, 2016, 2017, 2018, What-the-Fuck-Bündnis

Demonstration gegen den § 218, Westberlin, 1984 / Aktion gegen den § 218 vor der Humboldt-Universität, Berlin, 1991 / Walpurgisnacht-Demonstration, Westberlin, 1983, Fotos: Petra Gall, SMU Berlin

Plakat der Pelze Bauarbeiterinnenparty, Berlin, 1993, SMU Berlin, Dauerleihgabe Roswitha Baumeister

Plakat der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit Aufkleber der schwulen Gruppe AG Rosa Februar, Berlin, 1.Mai 1977, SMU Berlin
Homosexuelle Emanzipationsgruppen auf 1.Mai Demonstrationen, Berlin, 1970er Jahre, Fotos: Rolf Fischer, Foto rechts unten: Günther Höhne, SMU Berlin
Logos Netzwerk Care Revolution, Berlin, 2018
Veranstaltungsankündigung der AG Prololesben in der Programmübersicht der 5. Lesbenwoche, Berlin, 1989, SMU Berlin
Rubriken Schwule, Lesben und Frauen in der Zeitung Arbeiterkampf, Hamburg,1977-1981, SMU Berlin

 

19. Stonewall Moments

Ina Rosenthal – Ihr seid niemals vergessen!
In dem Augenblick, in dem ich realisiert habe, dass in den vergangenen 45 Minuten bei der Gedenkveranstaltung für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus nicht ein einziges Mal das Wort lesbisch oder Frau erwähnt wurde und dass auch die kommenden Minuten daran nichts ändern würden, wusste ich, dass wir nicht mehr darauf warten sollten als gleichberechtigt und sichtbar wahrgenommen zu werden, sondern dass es an der Zeit ist, uns selbst zu ermächtigen. Ich musste es einfach in diesem Moment laut und deutlich an- und aussprechen!
Ina Rosenthal (*1968) arbeitet in Berlin als Autorin, Coach, Projektmanagerin und queere Aktivistin.

Katharina Oguntoye & Carolyn Gammon – Wir stehen auf euren Schultern!
Ein prägendes Ereignis für uns beide war die Montreal Feminist Book Fair im Sommer 1988, bei der Katharina ihr Buch Farbe bekennen vorstellte: Nicht nur haben wir beide uns dort kennengelernt (und sind mittlerweile seit 28 Jahren zusammen), sondern wir haben auch Audre Lorde getroffen. Die Begegnung mit Lorde hat unser Leben verändert. Wir alle stehen auf den Schultern von großartigen Aktivist_innen wie Audre Lorde und den Champions der Stonewall Riots!
Katharina Oguntoye (*1959) ist Mitbegründerin von ADEFRA e.V. (Schwarze Frauen in Deutschland) und des Interkulturellen Netzwerk JOLIBA e.V. Sie war Mitautorin des Buches Farbe bekennen, das 1986 erschien. Carolyn Gammon (*1959) ist Autorin und LSBTIQ* Aktivistin.

Ulrike Janz – IHRSINN
Als ich in den 1980er Jahren in Kanada war, fand ich dort Lesbenzeitschriften wie die britische Gossip: A journal of lesbian ethics oder Sinister Wisdom und Lesbian Ethics aus den USA. Und so ein Forum für radikale feministisch-lesbische Theorie wollte ich einfach auch, deshalb war mir die Gründung von IHRSINN so wichtig.
Ulrike Janz (*1956) lebt im Ruhrgebiet, Coming Out 1982, seitdem lesbisch-feministisch aktiv. Mit-Gründerin und -Herausgeberin der „radikalfeministischen Lesbenzeitschrift“ IHRSINN, die von 1990 bis 2004 zweimal jährlich erschien.

Bernd Gaiser – Stonewall in Berlin
Auslöser für den ersten CSD in Westberlin war der 10. Geburtstag der Stonewall Riots. Und die Notwendigkeit, Lesben und Schwule erstmals wieder seit der Pfingstdemo auf dem Ku´damm 1973 zwar nicht unter einen Hut, aber gemeinsam auf die Straße zu bringen – zur Sichtbarmachung ihrer lesbischen und schwulen Lebensweise mit dem Motto „Mach dein Schwulsein öffentlich!“, während lesbische Frauen der Losung folgten: „Lesben erhebt euch und die Welt erlebt euch!“
Bernd Gaiser (*1945) lebt seit 1967 in Berlin, heute mit dem Lebensort Vielfalt als queerem Mehrgenerationenwohnprojekt als Lebensmittelpunkt. Die erste Pride Parade 1979 in Berlin hat er gemeinsam mit Andreas Pareik (gestorben 1982, als Opfer eines Autounfalls) als Christopher Street Day (CSD) initiiert.

Ulli Würdemann – „…ein befreites schwules Leben“
Jean Claude Letist (1946–1990), der ein maßgeblicher Akteur der Schwulen- und Lesbenbewegung (nicht nur) in Köln war, starb 1990 an den Folgen von Aids. Er war für mich nicht nur jahrelanger politischer Weggefährte, sondern auch ein Vorbild als selbstbewusster, politisch engagierter schwuler Mann. Das Kölner Lokalblatt verweigerte es, in der Traueranzeige das Wort „schwul“ zu drucken. Das regte uns damals dermaßen auf, dass wir vor dem Verwaltungsgebäude der Zeitung protestierten. An diesem Abend wurde auch ACT UP Köln endgültig geboren. Unser Protest war erfolgreich: Der Verleger entschuldigte sich in einem Brief mit einem Scheck über 2.000 DM für das queere Zentrum SCH.U.L.Z.
Ulli Würdemann (*1959), Mitbegründer von ACT UP Köln, engagiert im Aids Aktivismus, Autor des Buches Schweigen = Tod. Aktion = Leben ACT UP in Deutschland 1989 bis 1993, Eigenverlag 2017.

Nadja Schallenberg – Mut zum ich
Ein entscheidender Moment war 1992 die Gründung von Transen Power – einem Treffpunkt für trans* Menschen, der im Berliner Sonntags-Club residierte. Wir machten Öffentlichkeitsarbeit und setzten uns dafür ein, Verständnis und Sensibilisierung für die Lebensrealität von trans* Personen zu schaffen, die gerade Anfang der 1990er noch nicht selbstverständlicher Teil der LSBTIQ* Szenen waren. Transen Power war für mich ein wichtiger Ort, um Menschen zu vernetzen und sie bei ihrer Transition zu begleiten.
Nadja Schallenberg (*1969) ist trans* Aktivistin und gründete 1990 die I. Interessensgemeinschaft für Transvestiten und Transsexuelle in der DDR und rief 1998 die Selbsthilfegruppe Butterfly für lesbisch-transsexuelle und queergestrickte Frauen ins Leben.

Gianni Jovanovic – Queer Roma Action
Vorurteile, Ausgrenzung und Diskriminierung gehören zum Alltag der meisten Roma. Und noch heute – im Jahr 2019 – werden Roma und Sinti diskriminiert. Auch lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und queere Menschen kennen das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Das will ich ändern. Ich habe mich vor Jahren entschieden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. So wie die Teilnahme am Kölner CSD wichtig war, da ich Sichtbarkeit und Öffentlichkeit für unsere Community wollte – dass wir gesehen werden, dass wir existieren und nicht alleine sind!
Gianni Jovanovic ist LSBTIQ*- und Roma-Aktivist und hat in Köln die Initiative Queer Roma ins Leben gerufen.

Bildunterschriften

Ina Rosenthal auf der 1. Berlin Gedenkveranstaltung zu den im Nationalsozialismus verfolgen und ermordeten Lesben im Tiergarten/Berlin, 2018, Foto: Caroline Walburg

Audre Lorde & Katharina Oguntoye, Montreal, 1988, Foto: Carolyn Gammon

Carolyn Gammon & Katharina Oguntoye mit ihrem gemeinsamen Sohn auf dem Lesben-Frühlings-Treffen, Köln, 1989, Foto: Selbstauslöser

Cover der Zeitschrift IHRSINN, Nr. 7, 1993, SMU Berlin

Bernd Gaiser (rechts) mit Andreas Pareik auf dem CSD, Berlin, 1979, Foto: Rolf Fischer
Traueranzeige des glf-sozialwerk e.V. für Jean Claude Letist im Kölner Stadt-Anzeiger, 05.03.1990, SMU Berlin

Broschüre des Kommunikationszentrums Transen Power, Berlin, Anfang 1990er Jahre, SMU Berlin

Gianni Jovanovic auf dem Kölner CSD, 2015, Foto: Pascal Amos Rest