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Feuer + Flamme für queere Geschichte mit Collin Klugbauer

1. September 2025

Collin Klugbauer arbeitet seit fast einem Jahrzehnt am Schwulen Museum hat in diesen das Ausstellungsmanagement des SMUs maßgebend gestaltet. Aktuell hat Collin die Ausstellung „Feuer + Flamme dem Patriarchat“ mitkuratiert, bei der es nicht nur um die Fotografien von Petra Gall geht, sondern auch um die wichtige Frage, wie queere Kuration Räume für FLINTA*-Communities öffnen kann. Im Gespräch erzählt Klugbauer, warum Museen queerer, offener und zugänglicher werden müssen, wie Petra Galls Fotografien feministische Bewegungen der 1980er und 90er dokumentieren – und was heutige FLINTA*-Communities daraus mitnehmen können.

 

Yasmin: Collin, unser erstes Interview! Wie lange bist du schon am Schwulen Museum und wie vertreibst du dir die Zeit hier?

Collin: Ich bin mittlerweile seit neun Jahren am Schwulen Museum und war in unterschiedlichen Positionen. Aktuell bin ich die Leitung des Ausstellungsmanagements und in der Kuration der Ausstellung „Feuer + Flamme dem Patriarchat“, die es seit Juli bei uns zu sehen gibt. 2017 habe ich am SMU im Volontariat angefangen, das ging zwei Jahre. Früher arbeitete ich auch mehr mit der Kunstsammlung, im Archiv und in der Bildung.

Und bist du zufrieden mit deiner Arbeit?

Meistens schon! (lacht) Ich arbeite gerne an einem queeren Haus mit aktivistischer Geschichte, das das Wissen von so vielen Generationen in sich trägt. Tatsächlich mag ich die Vielfältigkeit meines Tätigkeitsbereichs: ich arbeite mit tollen Kurator*innen und Aktivist*innen und kriege sehr unterschiedliche Themen mit. Ich kann als kuratierende Person in die Tiefen der Sammlung des Schwulen Museums eintauchen und finde immer wieder Objekte, die mich total begeistern. Ich habe eine Stelle, in der ich mich kreativ einbringen kann, aber mich auch mit der Struktur des Hauses beschäftigen darf. Ich arbeite viel zur Frage, wie man es unterschiedlichen queeren Gruppen ermöglichen kann, mit Ausstellungsprojekten im Schwulen Museum ihre Themen einzubringen, wie wir es – trotz Kürzungen und weniger Geld – schaffen können, weiterhin Maßnahmen zum Barriereabbau umzusetzen und Ausstellungen zugänglich zu machen. Darüber denke ich ganz viel zusammen mit Panda aus der Bildung nach.

Online habe ich gelesen, dass du Politikwissenschaft, Soziologie und politische Theorie studiert hast. Wie landet man dann in der Kuration?

Ich habe mich im Studium mit Themen wie sozialer Ungleichheit und Gerechtigkeit, Diskriminierung und Emanzipation, marxistischen und feministischen Debatten, aber auch Queer Theory beschäftigt. Ich war auch im Studium feministisch aktiv – damals unter anderem im AFLR*, dem FrauenLesben Referat und in einer AG, die sich für geschlechtergerechte Toiletten am Uni-Campus eingesetzt hat, aber auch bei der Studierendenzeitschrift „diskus“ in Frankfurt. Ich war immer an Strukturen interessiert, wo es um etwas ging – diese Räume sind ja Räume der politischen Selbstverständigung, aber auch ein Versuch, Gesellschaft zu verändern. Oder zumindest Orte, an denen man kurz weniger Sexismus und Queerfeindlichkeit erfährt. Da ist es zur Kuration und der Arbeit im Museum gar nicht so weit. Auch das Schwule Museum ist ein Ort, an dem es gesellschaftspolitisch um etwas geht, das eine queere Plattform sein will. Anders als die Uni könnte es ein Ort sein, der nicht so akademisch, sondern offener und zugänglicher ist.

Uns geht es im Schwulen Museum ja auch darum, queere und gesellschaftspolitische Debatten anzustoßen, queere Geschichte überhaupt zu bewahren und zu zeigen, ein Gegenarchiv zu bilden zu heteronormativer Kunst- und Kulturgeschichte. Das Schwule Museum ist noch mehr – es ist ein queerer Community Ort, in dem Aktivist*innen, Künstler*innen und Kurator*innen in Ausstellungen oder Sammlungsprojekten aus ihrer Perspektive Themen verhandeln und ihre queeren Diskurse stark machen. Ich glaube, das ist schon sehr besonders, dass das Museum auf diese Art versucht durchlässig zu sein. Das sind also Gründe, warum ich hier im Museum bin. Naja, und letztlich auch, weil ich gerne in Ausstellungen gehe! So unbeschwert wie früher kann ich das aber nicht mehr.

Hast du bei deinen Besuchen viel zu meckern?

Ja! (beide lachen) Ich besuche auch tolle Ausstellungen, die mich begeistern, aber oft muss ich mich auch ärgern. Das fängt bei komplizierten Texten und kleinen Schriftgrößen an. Ausstellungen in deutschen Museen sind aber oft immer noch sehr elitäre Orte, die zu einem bestimmten, bürgerlichen Publikum sprechen. Aber mich ärgert auch, wie heteronormativ und wenig intersektional kuratiert wird. Queerness wird oft nur zur Pride Week im Museum verhandelt, queere Geschichten werden verbesondert erzählt. Oder queere Themen tauchen immer nur in bestimmten gleichen Narrativen auf, also schwule Männer werden im Kontext von HIV/Aids genannt oder Lesben kommen bei der Homo-Ehe vor. Und das, obwohl in den Ausstellungen oft bereits Objekte hängen, anhand derer auch Geschlechter- oder Sexualitätsgeschichte erzählt werden könnte. Ein queerer Blick in Ausstellungen kann auch heißen, Heterosexualität, endo- und cis-Geschlechtlichkeit mitzumarkieren oder Ausschlüsse zu benennen. Und so die Wirkmächtigkeit der stillschweigenden Norm als solche kenntlich zu machen… Um so mehr freue ich mich, wenn ich Ausstellungen sehe, die tatsächlich queere Perspektiven aufmachen. Es gibt ja auch ganz großartige Menschen in Museen, die daran arbeiten, Museen zu queeren und diskriminierungssensibler zu kuratieren und zu sammeln. Ich bin auch Teil des Orga-Teams des offenen Netzwerkes „Museen Queeren“, wo es genau darüber einen Austausch gibt und Menschen queere Interventionen und Projekte vorstellen und über queere Gegenstrategien sprechen.

Kuratieren ist so ein Buzzword geworden: wir kuratieren unsere Garderobe, ein Dinner oder den eigenen Social Media-Feed… Hast du eine Ahnung warum?

Von mir aus dürfen alle ihr Abendessen und ihren Social Media Feed kuratieren, ich kann den Begriff gerne teilen. Ich kann auch mit einem Abendessen eine Geschichte erzählen, einen Spannungsbogen aufbauen, einen Ton setzen, ein Gefühl vermitteln, vielleicht passt der Begriff da auch ganz gut. Ich glaube im Museumskontext verschiebt sich ja auch zunehmend, was man mit dem Begriff Kuratieren meint. Wir wollen im Museum keine Herrschaftsgeschichte mehr erzählen, wir wollen auch niemanden bilden oder belehren. Ich will im Schwulen Museum Ausstellungen kuratiert sehen, in denen ein Raum für Reflexion, für Selbstrepräsentation, für Selbstvergewisserung und Empowerment geschaffen wird. Ich glaube, die Stärke des Schwulen Museums ist, dass es viele Perspektiven zulassen will und unterschiedlichen Gruppen die Möglichkeit bietet, ihre Zugänge und Themen zu setzen und Projekte selbst zu gestalten, also auch Entscheidungsmacht darin zu haben. Wir beantragen ja viele Ausstellungsprojekte mit den jeweiligen Gruppen, also eine Ausstellung zu Sexarbeit wird auch von Sexarbeitenden kuratiert. Und dieser Positionalität und dieses enorme Wissen, das Leute hier einbringen ist auch in den Ausstellungen spürbar. Ich glaube, das Schwule Museum schafft es oft, Räume zu eröffnen, die Menschen etwas bedeuten. Das kann gerade in diesen harten politischen Zeiten und vermehrten queerfeindlichen Anfeindungen bestärkend sein.

Gerade hast du ja die Ausstellung „Feuer + Flamme dem Patriarchat“ mit Fotografien von Petra Gall kuratiert. Wie lief denn die Arbeit daran?

Petra Gall ist mir schon ziemlich lange vertraut: als ich 2017 hier angefangen habe, lief die Ausstellung „Tapetenwechsel“ von Wolfgang Theis, einem Gründungsmitglied des Schwulen Museums. Dort hing groß gezogen eine Fotografie von Petra Gall von der Walpurgisnacht 1983, auf der Demonstrierende energisch Richtung Kamera laufen. Das ist eines ihrer ikonischen Bilder, das auch in ganz vielen feministischen Medien abgebildet ist. Ich wurde also quasi im Schwulen Museum von Petra begrüßt – bevor ich wusste, wer Petra Gall ist. Irgendwann kannte ich ihre Arbeiten dann besser, weil wir immer wieder Fotografien von ihr gezeigt haben und es zuletzt zwei tolle Digitalisierungsprojekte dazu gab. Aber es war schon wirklich beeindruckend und auch nochmal überraschend, für die Kuration der Ausstellung nochmal so tief in ihren Bestand einzutauchen.

Galls Nachlass umfasst ja um die 200.000 Bilder. Wie trifft man bei so einer Menge die richtige Auswahl?

Naja, zunächst habe ich das ja nicht allein gemacht, ich hatte Verstärkung von Birga Meyer! Es gibt in dem Nachlass viel zu entdecken, Modefotografie, Konzertfotos, Portraits, aber zum Beispiel auch einen immensen Bestand an Reisefotografien, die wirklich toll und noch wenig bearbeit sind. Petra ist z.B. viel in die ehemalige Sowjetunion und später nach Russland gereist. Dort gibt es z.B. auch Fotos vom ersten CSD in St. Petersburg 1992, den sie dokumentiert hat. Für „Feuer und Flamme“ haben wir uns nur mit einem kleinen Teilbestand, nämlich den Fotografien zur Frauen- und Lesbenbewegung aus den 1980er und 1990er Jahren in Berlin beschäftigt. In der Ausstellung folgen wir quasi Petra Galls Spuren durch das feministische Berlin und ordnen das in politische Kontexte ein. Wir erzählen im ersten Kapitel etwas über die strukturellen Bedingungen feministischer Projekte in der Zeit und zeigen, wie Wohnpolitik und Leerstand zu Besetzungen führen und wie sich in dieser Zeit Räume für politischen Aktivismus und Wohnen genommen wurden. Projekte wie die Schokofabrik, die auch aus einer Besetzung entstanden sind, gibt es ja immer noch. Im zweiten Kapitel beschäftigen wir uns damit, wofür die FrauenLesben auf die Straße gegangen sind und demonstriert haben. Viele der Themen sind ja heute noch relevant – Lohngerechtigkeit, der Kampf gegen den §218, der Abtreibungen kriminalisiert, sexualisierte Gewalt und Rassismus. Diese Themen standen immer in größeren Debatten der Zeit und sind eng mit der Anti-Kriegs-Bewegung und ökologischen Fragen verknüpft. Am Ende beschäftigen wir uns mit FrauenLesben-, oder heute würde man FLINTA* Räume sagen; sozusagen Aktivismus nach innen. Wir zeigen, welche sexpositiven Räume sich Feministinnen geschaffen haben, wie auf Partys gefeiert, geflirtet und getanzt wurde, wie wahnsinnig produktiv Künstler*innen in dieser Zeit waren und neue Formen und Arbeitsweisen etabliert haben. Und am Ende gibt es noch eine Projektion mit Petra Galls Konzert-Aufnahmen – sie hat Größen wie David Bowie und Tina Turner fotografiert, aber auch ganz fantastische Fotos von feministischen Szenebands wie „Außerhalb“ gemacht. In den Fotos ist natürlich nicht der ganze Aktivismus dieser Bewegung zu sehen – bestimmte Aspekte konnten wir in den Fotos nicht finden, z.B. ist die Ost-Berliner Frauenbewegung nicht abgebildet.

Die Fotos spiegeln also soziale Ausschlüsse wieder; wie seid ihr damit kuratorisch umgegangen?

Wir haben das einmal im Bestand eingeordnet und aber auch die Konflikte und Ausschlüsse der feministischen Szenen nachgezeichnet. Obwohl sich auf einer visuellen Ebene eigentlich fast keine Ost-Berliner FrauenLesben-Zusammenhänge finden, markieren wir im Text aber diese Perspektive. So wird z.B. im Text um §218 erwähnt, dass es für ungewollt Schwangere aus der DDR nach der Wende schlechter wurde. Abtreibungen waren in der DDR schon mal legal und wurden dann mit der Wiedervereinigung wieder kriminalisiert. Das ist spannend, weil es gegen eine westdeutsche Fortschrittserzählung geht. An anderer Stelle thematisieren wir, dass zwar in den 1990er Jahren verstärkt Rassismus und Nationalismus ein Thema für die FrauenLesben-Bewegung wurden, aber die abgebildete Szene doch sehr weiß ist. Es gibt im Fotobestand eben wenig Dokumente von queerem BIPoC-Aktivismus, obwohl es in den 1980er Jahren ja z.B. schon die Gruppe ADEFRA gab oder Audre Lorde an der FU dozierte. Wir verwenden in der Ausstellung auch den Begriff FrauenLesben als historischen Begriff, sprechen später aber von FLINTA*, weil sich feministische Zusammenhänge verändert haben und Teile davon trans* und inter* inklusiv sind.

FLINTA* ist aber auch kein umkomplizierter Begriff…

Wir nutzen den FLINTA* Begriff, der Frauen, Lesben, Inter*, Nicht-Binär, Trans* und Agender bedeutet. Ich glaube, dass dieser Begriff und die Konzepte, die es dazu gibt, heute immer noch notwendig sind und eine wichtige Rolle spielen. Es gab und gibt immer noch Veranstaltungen, Partys und sexpositive Räume, wie BDSM-Parties oder Demo-Blöcke, die in einem geschützteren Rahmen stattfinden. Wir leben immer noch in einer Gesellschaft, die patriarchal geprägt ist, in der Übergriffe, Gewalt und Abwertung durch cis-Männer an der Tagesordnung sind. FLINTA* Räume dienen dazu, sich diesen Zumutungen kurz zu entziehen und sich anders aufeinander beziehen zu können. Räume für Empowerment brauchen auch eine Rahmen, in dem bestimmte Gruppen für sich sind und sich an bestimmten Machtstrukturen nicht abarbeiten müssen. Das heißt nicht, dass diese Räume immer gut funktionieren oder dass es keinen Konflikt gibt, aber ich verstehe, warum das in dieser Gesellschaft noch notwendig ist.

Ich auch! Welche Rolle spielen die künstlerischen Arbeiten von Lena Rosa Händle, Katharina Voß und Janin Afken für die Kontinuität feministischer Diskurse des letzen Jahrhunderts in der Gegenwart?

Die Skulptur „Pelze“ steht in direktem Bezug zum original Pelze-Schriftzug. Das Pelze war ein feministischer, avantgardistischer, sexpositiver Raum in Schöneberg, in einem ehemaligen Pelz-Geschäft. Lena Rosa Händle hat für ihre künstlerische Arbeit den Schriftzug des Pelze quasi nachgezeichnet und in eine Neonschrift übersetzt, die an Ketten von der Decke hängt. Die Arbeit zitiert das Pelze als historischen Ort! Es geht dabei um eine Auseinandersetzung von feministischer Erinnerung und wirft Fragen auf, warum dieses Wissen so oft verloren geht und wie eine Aufrechterhaltung und Fortführung dieses queeren und feministischen Wissens und dessen Erfahrung aussehen könnten. Und daneben zitiert er auch andere Pelz-Arbeiten wie z.B. die Pelztasse von Meret Oppenheim. Ich finde das ist eine wundervolle Art, eine heutige feministische Generation mit dem Aktivismus einer älteren Generation in Beziehung zu setzen.  Die Videoarbeit „Subjekträume“ von Katharina Voß und Janin Afken porträtiert drei Aktivistinnen des Pelze. Ich finde die Arbeit wichtig, weil es so wenig Repräsentation von lesbischem Aktivismus aus dieser Zeit gibt. Es ist total spannend, welches Archivmaterial dort gezeigt wird und was die Interviewten über diese Zeit und diesen speziellen Ort erzählen.

Was für Impulse kann die Ausstellung der heutigen FLINTA*-Community, oder generell queeren Selbstorganisationen geben? Gibt es etwas, von dem du dir wünschst, dass die Besuchenden es aus der Ausstellung mitnehmen?

Ich hoffe, dass die Ausstellung zeigt, wie fierce diese Aktivist*innen damals waren und was sie alles gerissen haben. Es gibt ja oft den Eindruck, wir hätten „nichts erreicht“, dabei hat die feministische und queere Bewegung ziemlich viel getan! Auch wenn ich immer noch in einer Welt voller Zumutungen lebe, lohnt es sich zu kämpfen. Ich lebe in einer ganz anderen Welt als eben Frauen, Lesben und Queers aus den Achtzigern; soll heißen, ich kann mein Leben ganz anders gestalten. Das finde ich wichtig anzuerkennen. Und Aktivist*innen von damals sind ja auch Teil von heutigen FLINTA* Communitys. Ich wünsche mir auch, dass die Ausstellung noch mehr Wissen über diese Zeit ins Schwule Museum bringt. Es waren schon einige Menschen da, die sich auf den Fotos wiedererkannt haben, das war ganz toll. Und es hilft uns, diesen Bestand weiter aufzuarbeiten und damit auch ein Stück queerer und feministischer Geschichte besser darzustellen.

Danke dir Collin, für die Einblicke.

 

Interview und Foto: Yasmin Künze