burger Button

Fundstück: Der fromme Tanz (1926) von Klaus Mann

18. Februar 2026

Das Schwule Museum und die Manns… Wurde nicht schon fast jedem (mehr oder weniger queeren) Familienmitglied eine eigene Sonderausstellung zuteil? Der (latent homosexuelle) Übervater Thomas wurde 2005 („Applaus muss sein“) auf das Podest gehoben (und bei unserer Aufarbeiten -Ausstellung 2023/24 vom selbigen gestoßen). Der mittlere Sohn Golo, eine „closet queen“, erhielt zum 100. Geburtstag (s)eine Ausstellung („Zwischen den Stühlen“, 2009). Und die emanzipiert umtriebige älteste Tochter Erika, der diverse Liebhaberinnen nachgesagt werden, wurde geehrt mit „Es ist also ein Mädchen“ (2016/17). Ausgerechnet der einzige offen Schwule unter den Manns, der älteste Filius Klaus (1906 -1949), fand sich lediglich als Erikas „falscher Zwilling“ mitbehandelt… Vor hundert Jahren veröffentlichte der It-Boy der Weimarer Republik 19-jährig sein Romandebüt: „Der Fromme Tanz“ erschien Anfang 1926 im Hamburger Enoch -Verlag, Vorabdrucke bereits 1925. Ein idealer Anlass für ein Fundstück.

Der Roman erzählt die Geschichte des jungen Dichters Andreas Magnus, der – unverkennbare Parallele zum Autor – vor der Enge seines großbürgerlichen Elternhauses nach Berlin flieht, dort die Bohème entdeckt und seiner Liebe zu einem Mann nach Paris folgt. Dem Anspruch des Untertitels, „Abenteuerbuch einer Jugend“ – nämlich der Nachkriegsgeneration – zu sein, wird Dandy Klaus Mann kaum gerecht. In seiner Autobiografie „Der Wendepunkt“ (engl. 1942, dt. 1952) reflektierte er kritisch seine jugendliche Naivität, den berühmten Nachnamen beim Karriereanschub schamlos ausgenutzt zu haben.

Trotz handwerklicher Mängel – etwa ein unausgewogener Plotaufbau oder (zu)viel Pathos – gilt „Der Fromme Tanz“ unbestritten als frühes mutiges Bekenntnis zur Liebe zwischen Männern – zu einer Zeit, als Homosexualität noch kriminalisiert wurde. Was die Darstellung Schwarzer Menschen angeht, reproduziert Klaus Mann allerdings rassistische Bilder. Mit seinem reichen Kosmos unterschiedlichster Sexualitäten und „verruchter“ Lokalitäten geriert „Der Fromme Tanz“ sich wie eine literarische Vorlage zum „Führer durch das lasterhafte Berlin“ (Curt Moreck, 1931) – Hamburg und Paris gleich mitabdeckend…

Die Zeitgenossen ließen dem Roman wenig Zuneigung (ob der Thematik) und seinem Autor wenig Anerkennung (ob seiner berühmten Herkunft) angedeihen. Klaus Manns Nachwelt jedoch urteilt insgesamt wohlwollend. So gilt „Der fromme Tanz“ hundert Jahre nach Erscheinen als Meilenstein queerer Literatur. Die Geschichte einer Generation in Zeiten politischer Umbrüche und Krisen, erstarkender rechter Strömungen und gefährdeter demokratischer Werte scheint 2026 noch ebenso aktuell wie 1926. Dies zeigt derzeit eine Hamburger Bühnenfassung. 2026 steht ohnehin im Zeichen von Klaus Mann: Neben 100 Jahre „Frommer Tanz“ stehen auch die 90. Wiederkehr seines berühmtesten Werkes („Mephisto“) sowie, last but not least, sein 120. Geburtstag an.

Lest am besten selber einmal in eine der gängigen Ausgaben des „Frommen Tanzes“ hinein – etwa im gemütlichen Lesesessel unserer Bibliothek (Mo, Mi, Do, Fr, 14 -18h)!?