Im August feiert Klaus-Dieter Begemann seinen 72. Geburtstag, somit auch 72 Jahre voller positivem Lebensgeist, Begeisterung für darstellende Kunst sowie schwul-lesbischen Aktivismus. Zu seinen bewegungsgeschichtlichen Errungenschaften zählt auch die Erstellung der ersten Regenbogenfahne der Bundesrepublik. Mit dieser wollte Klaus-Dieter und die Aktionsgruppe Homosexualität Osnabrück (AHO) ab 1983 als Schwule in der Öffentlichkeit sichtbar werden. Dass das Symbol so eine breite Annahme durch die Communitys und Verbreitung in der Gesellschaft durchlaufen würde, war damals nicht abzusehen. Im Interview ordnet Klaus-Dieter Begemann die Anfänge für uns ein, erzählt von ästhetischen Überschneidungen mit Warenhäusern der 70er/80er und gewährt uns Einblicke, wie er im Rentenalter aktiv bleibt.
Yasmin: Klaus-Dieter, vielen Dank, dass du die Anreise auf dich genommen hast. Aus welchem Ort hat es dich eigentlich hierher verschlagen?
Klaus-Dieter: Ursprünglich bin ich aus Bad Bentheim an der holländischen Grenze, studiert habe ich Lehramt Kunst und Geographie an der Uni Osnabrück. Nach meinem Studium bin ich erstmal in die Arbeitslosigkeit gerutscht, in den 80ern hat man kaum Lehrende eingestellt. Mein Coming-Out hatte ich um 1980, was mich zu der Aktionsgruppe Homosexualität Osnabrück gebracht hat. Da habe ich auch einen langjährigen Partner kennengelernt, das hat aber leider nicht gehalten. 1984 bin ich nach Hamburg gezogen, wo ich eine befristete Beschäftigung im Magnus-Hirschfeld-Zentrum aufgenommen habe. Das war damals eines der ersten Schwulenzentren der Bundesrepublik! Nach einer Umschulung im Bereich IT bin ich bis zur Rente in diesem Bereich geblieben. Seit meinem Ruhestand bin ich auch wieder aktiv in Schwulengruppen, die sich mit dem Thema Alter/Altern beschäftigen.
Y: Deine Tech-Affinität habe ich auch schon bemerkt. Du veröffentlichst auf dem YouTube-Kanal Pink Channel Hamburg, richtig?
K: Genau!
Y: Dort ist auch die Vernissage unserer 2023er Ausstellung Rüdiger Trautsch – Photography as a Way of Life dokumentiert. Weißt du noch, wie du das Schwule Museum kennengelernt hast?
K: Ich kenne das Museum schon sehr lange. Ich habe zu Zeiten von Jens Doblers Archiv- und Sammlungsleitung schon Exponate hier hingebracht; das Ladenschild des Buchladens Männerschwarm aus Hamburg, zum Beispiel. In dem Sinne war das Schwule Museum einfach eine Adresse, über die man wusste, man kann Sachen hier in sichere Hände geben.
Y: Das hören wir gerne! Was gefällt dir am Medium des Bewegtbildes?
K: Ich arbeite mit Wolfgang Krömer bei Pink Channel Hamburg zusammen. Wolfgangs Medium ist das Radio, ganz klassisch. Mein Studiengang hieß damals Visuelle Kommunikation, also habe ich mich bereits in den 70ern mit den einsetzenden Bilderfluten auseinandergesetzt. So vermittle ich gerne Inhalte über das Bild! Da ich im Rentenalter aber auch noch etwas im Bereich Öffentlichkeitsarbeit machen wollte, hatte ich Wolfgang auf die Neuen Medien angesprochen und kurz darauf einen Camcorder gekauft. Seitdem mache ich oft und gerne Video-Dokumentionen zu aktuellen Ereignissen in Hamburg und veröffentliche sie bei Pink Channel Hamburg.
Y: Wen hofft ihr erreicht euer Output?
K: Mein Ansatz ist, Clips herzustellen, die sonst in der breiten Gesellschaft nicht wahrgenommen werden. Es gibt immer noch das Problem, dass die Mainstream Medien nicht genug Inhalte für die schwul-lesbische Öffentlichkeit senden. Mit den Neuen Medien versuche ich nun, eine neue Zielgruppe zu erreichen. Dabei ist es mir egal, wie viele Leute das sehen – wenn es auch nur eine Person erreicht, die dadurch was entdeckt oder von etwas erfährt, an dem sie auch teilnehmen möchte, haben wir schon sehr viel erreicht.
Y: Ich finde es sehr cool, dass du immer noch aktiv bist. Wie sieht deine aktivistische Vergangenheit aus?
K: Wie gesagt, früher habe ich viel in der AHO gemacht. Damals haben wir uns immer im sozio-kulturellen Zentrum „Lagerhalle“ getroffen, mit einem Theatersaal, Gruppenräumen und einer Kneipe. Dort konnten wir uns organisieren und Veranstaltungen machen. Anfang der 80er Jahre sind wir mit der Veranstaltungsreihe „Gay in May“ an die Öffentlichkeit getreten, ein Motto das bis heute noch benutzt wird. Wenn wir in diesem Zentrum kein Zuhause gefunden hätten, wäre das alles nicht möglich gewesen.
Y: Was waren eure Themen, wofür habt ihr euch eingesetzt?
K: Vornehmlich Aufklärung und Coming-Out Hilfe! Unsere Gruppe war basis-demokratisch organisiert, also haben die aktiven Leute bestimmt, was gemacht wird. Mein Interesse lag auch in historischer Aufarbeitung, beispielsweise die Periode vor dem Zweiten Weltkrieg und welche Pioniere es damals gab. Das Highlight des Jahres waren aber immer die Vorbereitungen für unsere Festivals, wie „Gay in May“ oder „Schwüle Nächte“; die liefen dann unter Slogans wie „Darf es ein bisschen mehr sein?“ zum Beispiel. Dieser Zusammenhang brachte auch die Travestiegruppe „Trio Infernale“ hervor, die Anfang der 80er Jahre sehr erfolgreich waren. Deren Formel war recht simpel: klassische Travestie, bis dann doch in jeder Show etwas schief lief und diese in völligem Chaos endete. Man dachte dann immer „Was machen die da oben auf der Bühne?“ als man ihnen dabei zuschaute, wie das Stück in sich zerbröselt… Das war fürchterlich lustig, den Leuten beim geplanten Scheitern zuzusehen.
Y: Die AHO hat ohnehin ein ikonisches Erbe hinterlassen, ein Teil davon hängt in diesem Moment über deinem Kopf… (beide lachen) Welche Symbole habt ihr in der Schwulenbewegung der 80er benutzt?
K: Wir haben viele Buttons getragen, wie Anstecknadeln mit dem Rosa Winkel. Einen Button mit der Aufschrift „entartet“ habe ich auch viel getragen, der an das Plattencover der Band „Brühwarm“ angelehnt war, die Ende der 70er mit Schwulen-Liedern durch Deutschland tourte. Der Rosa Winkel war zwar ein Erkennungsmerkmal, aber wurde eher von Schwulen getragen, die ein politisches Bewusstsein hatten und bewusst auch aktiv waren. Da wir in jenen Jahren viel demonstrierten, war es uns ein Anliegen als AHO neben den ganzen anderen Bündnisspartner_innen erkennbar zu sein. Zur 8.Mai Demo1982 haben wir den Aktivisten und Autoren Hans-Georg Stümke als Redner vorgeschlagen und man hat ihn auch akzeptiert. So konnte ein Homosexueller zum 8. Mai eine interessante Rede halten. Und dazu hatten wir auch eine Fahne dabei: unsere rosa Deutschlandfahne. Wir wollten als kleine Gruppe auf der Demo erkennbar sein. Bei der haben wir das Rot der Fahne durch Rosa ausgetauscht, und oben ins Eck noch unsere Initialen, also AHO, hineingestickt. Dieser Vorschlag kam aber nicht von irgendwoher, sondern war vom Schwulen Tourneetheater „Familie Schmidt“ inspiriert. Deren Motto war „aufrecht, deutsch, homosexuell“. Das haben wir versucht, in einer Visualisierung umzusetzen.
Y: Nun hast du den eigentlichen Elefanten im Raum noch nicht adressiert: ihr habt die erste Regenbogenflagge der Republik genäht!
K: Elefant ist gut! Lass mich etwas weiter ausholen… Im Mai 1983 hatten wir im Rahmen der Stadtgesellschaft eine große Veranstaltungsreihe unter dem Namen „Woche der verbrannten Bücher“ zum 50. Jahrestag der Bücherverbrennung. Willy Brandt hat auf der Gedenkveranstaltung im Städtischen Theater Osnabrück am 10.Mai eine viel beachtete Rede gehalten, es gab eine Klaus Mann-Ausstellung und viele, viele andere Veranstaltungen … Mit unserem Festival „Schwüle Nächte“ haben wir uns dem Programm angeschlossen. Und da es so viel Deprimierendes in dieser Woche gab, stand ich persönlich vor der Aufgabe, einen positiven Ausblick zu schaffen. Wir wollten feiern, wir wollen uns feiern und zeigen, dass wir da sind. Zufällig bin ich über Bilder der Gay Pride-Parade in San Francisco gestolpert und habe gesehen, dass die Strecke mit Regenbogen-Fahnen geschmückt war. Also, Fahnen die aus sechs Streifen bestehen, die wir dann als Regenbogen interpretieren. Dieser spielerische Umgang hat mir sehr gut gefallen, schließlich kann eine Fahne auch etwas sehr Dogmatisches haben. Damals wusste ich noch gar nicht, dass Gilbert Baker hinter dem 1978er Design aus Primär- und Sekundärfarben steckt. Das habe ich kurzerhand übernommen.
Y: Auf eurer Rainbowflag ist aber ein Streifen mehr zu sehen, als auf der aus San Francisco!
K: Ja, einen weiteren Streifen „Hot Pink“ haben wir hinzugefügt. Durch den Rosa Winkel war das in der deutschen Szene angenommen worden, wobei wir auch einfach Fans von Pink sind. (beide lachen) Lesben waren in meiner Wahrnehmung zu der Zeit Violett, weshalb wir oben einen rosa Streifen, darunter einen violetten Streifen eingefügt und mit den restlichen Farben unten drunter zusammengenäht haben. Im Endeffekt haben wir aus dem Fahnentuchstoff fünf Fahnen erstellen können, die wir im Foyer der Lagerhalle aufgehängt haben. Die waren der Knaller der Saison, wenn ich das mal so sagen darf. Alle fanden das ganz wunderbar und konnten das Design als positives Signal annehmen. Es ist simpel und gleichzeitig, meiner Meinung nach, das Stärkste, was du mit Farben darstellen kannst. Von daher war ich sehr froh, über die Annahme.
Y: Jetzt wo wir über zwei Flaggen besprochen haben und ein Vergleich möglich ist: was kann die Regenbogenfahne, was die Rosa Deutschlandfahne nicht geleistet hat?
K: Die Regenbogenfahne ist nicht nationalistisch geprägt. Die Prägung durch ein Staatsgebilde ist eben nicht da. Sie ist international und universell. Den Regenbogen kannst du überall auf der Welt sehen! Der Mensch ist ein Lichtwesen, wir sind drauf angewiesen Licht zu haben, um existieren zu können. Das Schöne am Licht ist, dass sich bei einer Brechung durch ein Prisma für das menschliche Auge diese Regenbogenfarben bilden. Auch wenn wir die Farben nicht immer sehen, sind sie da, wo Licht ist. Wir sind auch immer da und erscheinen für all die Menschen, die uns sehen wollen.
Y: Sehr poetisch! Wie kam es zu der Verbreitung dieses Symbols in Deutschland?
K: 1983 war das erste Jahr der Kohl-Regierung und durchaus ein schwieriges Jahr für Queers. Ab 1984 war ich eben in Hamburg und habe die Fahnen auf vielen Demos dabeigehabt, bis 1985 einer auf einer Demo meinte: „Guck mal, da kommt der Schwule von C&A!“ In diesem Moment ist mir klar geworden, dass das Kaufhaus C&A einen sechsfarbigen Regenbogen als Farbdesign an ihren Häusern montiert hatte. Wunderschön! Von den 70ern bis etwa Mitte der 90er hatten rund 90 Kaufhäuser in der Republik dieses Branding. Das hat mich gewundert, aber wir wollten uns nicht einschüchtern lassen. Wir haben das dann einfach ausgesessen, aber in der Anfangszeit war das dann doch etwas schwierig.
Y: Meinst du, C&A hat den Regenbogen wegen der visuellen Verknüpfung zur LGBTQIA+-Szene rausgenommen?
K: Das würde ich nicht behaupten wollen. Im Bereich Warenästhetik sind solche Wiedererkennungsmerkmale nur für eine bestimmte Zeit lang gültig, etwa 15 Jahre, bis Warenhäuser sich ein neues Konzept überlegen müssen, welches dann auch an die Zeiten und Geschmäcker angepasst ist. Der Zeitgeschmack der 70er war sehr bunt, während in den frühen 2000er Jahren eine deutliche Reduktion zu beobachten war. Auch möchte ich an das Apple Logo erinnern, welches zwischen 1977 und 1999 ebenso einen sechsfarbigen Regenbogen zeigte. Demnach denke ich nicht, dass die Veränderung politisch motiviert war. Witzig ist das aber schon, da sind für eine ganz lange Zeit Menschen mit Regenbogen-Einkauftüten durch die Gegend gelaufen.
Y: Unglaublich! Heutzutage kommt mir der Gedanke unmöglich vor, dass sich eine Firma komplett in Regenbogenflaggen branden würde. Als Zeitzeuge, wie sieht deine Einordnung der Entwicklung der Regenbogenflagge aus?
K: Was ich leider nicht weiß ist, wann die ersten sechsstreifigen Regenbogenfahnen käuflich zu erwerben waren in der Bundesrepublik, das müsste man nochmal recherchieren… Ansonsten, super! Das Symbol war ein voller Erfolg. Auch für diese Fahne hier, wie sie im Schwulen Museum hängt, dachte ich mir, sie hat es verdient, nochmal an den Ursprungsort ihrer Erfindung zurückzukehren. 1993 bin ich mit der Fahne und meinem Freund Uli im Schlepptau nach San Francisco gereist, um an der Gay Freedom Day Parade teilzunehmen und diese Version der Fahne zu tragen. Auf einer VHS-Kassette, die die Parade dokumentiert und die nur zwei Stunden nach dem Event käuflich zu erwerben war, bin ich samt Fahne zu sehen – Klaus-Dieter ist in den letzten fünf Sekunden zu sehen! Fand ich vollkommen super!! Auch vor Ort habe ich ein großes Kompliment von einem Teilnehmenden bekommen. Er sagte zu mir: „You wear it with pride!“ Wow, es gibt wohl kaum ein schöneres Kompliment für die Teilnahme an einer Parade mit Regenbogenfahne! In New York waren wir 1994, zu 25 Jahre Stonewall. Das war auch eine tolle Gelegenheit, die Fahne nochmal zu tragen. Dort hatte ich dann die Mile-Long Rainbowflag von Gilbert Baker gesehen, also eine Fahne, die über einen Kilometer lang war. Das war dann auch für mich das Zeichen, dass das Symbol sich wirklich durchgesetzt hat. Trotzdem sehe ich die Fahne heute deutlich öfter auf der Straße als damals auf den Veranstaltungen. Ich habe das Gefühl, damals hat man sie noch etwas bewusster getragen.
Y: In meinem sozialen Umfeld herrscht zunehmend die Meinung, die Regenbogenflagge habe durch ihre Kommerzialisierung stark an Radikalität eingebüßt. Wie siehst du das?
K: Als ich während der 90er in den Staaten war, beschlich mich ohnehin das Gefühl, dass eine Kommerzialisierung stattfindet: jede Demo hat ihr eigenes Shirt, Videodokumentationen zum Kaufen und so weiter. Allerdings floss dieses Geld durch den Verkauf auch in die Communitys und ihre Projekte ein. Dann muss man auch sehen, dass Queers überall arbeiten und wenn sich die Queers einer Company entschließen, als Teil dieser Firma sichtbar sein zu wollen, dann sollen die das machen.
Y: Zuletzt möchte ich dich noch fragen, ob wir die Regenbogenfahne, die hier in unserer Ausstellung „Cruising the Countryside – Queeres Leben auf dem Land“ hängt, behalten dürfen – auch nach Ende der Laufzeit der Ausstellung?
K: Von dieser Fahne gibt es fünf Stück. Die haben wir alle selber genäht. Diese gehört nun tatsächlich dem Museum, verwahrt sie bitte gut! Eine liegt im Magnus-Hirschfeld-Zentrum, die habe ich damals persönlich übergeben. Eine liegt bei meinem Freund Peter in Hamburg, eine andere in Osnabrück bei der AHO. Die Letzte liegt noch bei mir Zuhause, die steht also noch zur Verfügung (beide lachen)
Y: Das ist wirklich großzügig und ich muss mich bedanken. Die Fahne ist ein wichtiges Zeitdokument; es bedeutet also viel, sie bei uns zu haben. Vielen Dank, für deine Arbeit!

Interview & Foto: Yasmin Künze
Dieses Interview ist eine Zusammenfassung eines fast 60 minütigen Gesprächs vom 16.07.2026 im SMU Berlin.