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Zusammenkommen und Möglichkeiten schaffen – Kollektivarbeit mit Leah Fot

1. Juni 2026

Halbzeit! Eigentlich ist Leah Fot gelernte Grafikdesignerin und arbeitet seit Jahren in der Kulturvermittlung. Nun macht sie seit einem Jahr das wissenschaftliche Volontariat im Schwulen Museum. Anlässlich der Petra Gall-Ausstellung organisierte und moderierte Fot ein Gespräch mit der Zeitzeugin Lilo Unger über feministische und lesbische Subkultur in den 80er und 90er Jahren in West-Berlin – und hielt dabei ein Stück Tapete aus dem Café Anal in den Händen. Im Interview spricht Leah darüber, warum kollektive Arbeit für sie nicht nur Methode, sondern Haltung ist. Vom DJ-Workshop in Hannover bis hin zu den sexpositiven, queeren Räumen Berlins, Leah erzählt von Solidarität, Erinnerung und Gemeinschaft.

 

Yasmin: Danke, dass du dich heute mit mir unterhältst! Magst du dich einmal vorstellen?

Leah: Na klar, ich bin Leah. Ich arbeite in der Kulturvermittlung und bin Grafikdesignerin, seit einem Jahr mache ich das wissenschaftliche Volontariat im Schwulen Museum, in den Bereichen Archiv und Bildung/Outreach. Ich arbeite viel zu queer-feministischen Subkulturen, und mag die Verbindung zwischen aktuellen und vergangenen Orten und ihren Geschichten. Also, queere Bars oder lesbische Treffpunkte und Begegnungsorte, die es nicht mehr gibt. Mich interessiert, ob und wie solche wieder aufleben können, oder wie sie politische Kämpfe stärken können. Auch wenn mein Lebensmittelpunkt in Berlin ist, habe ich lange Zeit in Hannover gewohnt und arbeite da ab und an auch noch. In diesem Zwischen-den-Städten finde ich es spannend zu beobachten, wie Räume neu entstehen, gehalten werden oder sich verändern. Aber auch, dass sie anders verteidigt werden müssen. Auch merke ich, wie Hannover als kleine Großstadt völlig anders funktioniert als Berlin… Ansonsten spiele ich als „Sgayter Boy“ Roller Derby (beide lachen). Ich mag Vollkontaktsport! Alles, was spielerisch ist und mit Kontakt zu tun hat.

Y: Sehr gut! Was hast du in Hannover gemacht?

L: Meine Zeit in Hannover war stark von kollektiver Arbeit geprägt. Zu gucken, welche queeren und feministischen Räume fehlen, diese gemeinsam zu schaffen, Wissen weiterzugeben, sich auszuprobieren. Und natürlich war mein erstes Studium ein wichtiger Part meiner Zeit da, ich habe Visuelle Kommunikation studiert. 2018 war ich auch mal für ein halbes Jahr in Berlin, das hat mir total gefallen. Davor dachte ich immer, ich will nie in Berlin wohnen… aus Prinzip! (lacht)

Y: Wie lautet denn dieses Prinzip?

L: Naja, eigentlich nur weil viele Menschen außerhalb von Hannover es eher uninteressant fanden… und darin werden Strukturen und Leute vor Ort sehr unterschätzt, zu Beginn auch von mir. Nur ein Beispiel: die Punk- und Musikgeschichte der 1980er Jahre. Aber dann wollte ich es in Berlin doch probieren und habe schnell gemerkt, was es alles gibt, das die Stadt lebenswert macht, auch die Freiheiten als queere Person in der Stadt und schon existierende Räume nutzen zu können. Dass das Angebot an feministischen, queeren und linken Räumen so groß ist. Auch sex-positive Räume… Es gibt eben nicht nur ‚die zwei Orte‘, sondern mehr. Das ist schon etwas Besonderes. Das schafft eine gewisse Anonymität, große Offenheit und Freiheit. Trotzdem merke ich, dass es sich um kleine Bubbles handelt, die sich kennen und miteinander verbunden sind. Ich liebe Zufälle und darin Nähe zu finden, überrascht zu werden!

Y: Kanntest du da schon das Schwule Museum?

L: Ja! Ich habe mich dem Museum bereits verbunden gefühlt, als ich noch nicht hier gewohnt habe. Die Ausstellungen und Projekte des Hauses haben mich früh hierher gezogen; Gut erinnern kann ich mich beispielsweise an lonely hearts von Irène Mélix. Aus der Distanz mitzubekommen, was passiert. Was für eine tolle Idee, mit lesbischen Kontaktanzeigen, Sehnsucht und Geschichte zu arbeiten!

Y: Fabelhaft, du hast dich also nicht vom Namen des Hauses irritieren lassen (lacht)

L: Nein, ich finde den Namen gut und verstehe ihn auch. Für mich ist der zu einer Art eigenen Marke geworden. Man merkt auch ganz schnell, wenn man sich mit dem Schwulen Museum befasst, also mit Politik, Ausstellungen und Projekten, dass es neben schwulen Themen und Perspektiven auch viele andere gibt. Und das ist ja, worauf es ankommt.

Y: Wir sagen’s immer wieder: Ein queeres Museum für alle!! Du hast in der Vergangenheit bereits in der Kulturvermittlung gearbeitet. Inwiefern bemerkst du einen Unterschied, jetzt wo du an einer dezidiert queeren Institution angestellt bist?

L: Einen Riesenunterschied! An Orten wie der Uni oder in freier Projektarbeit ging es, da habe ich eher geschaut mit wem ich mich zusammenschließen und solidarisch sein kann. An anderen hingegen gestaltete sich der Arbeitsalltag schon anders für mich. So einen Clash mit meinem Arbeitsumfeld hatte ich beispielsweise in der Gastro oder in meiner Zeit beim Rundfunk. Da habe ich oft drüber reflektieren müssen, welche Rolle ich hier überhaupt einnehme… Im Vergleich dazu erlebe ich hier am SMU viel mehr Freiheit, als Lesbe, als Dyke, als linke Person. Es gibt am Haus auch Aushandlungen, aber die Diskussionsgrundlage ist einfach eine ganz andere. Allein zu wissen: Wir können darüber reden, wir sind solidarisch, es gibt Verständnis füreinander. Dieses Vertrauen haben zu können ist so in anderen Kontexten nicht möglich.

Y: Jetzt ist deine Anstellungssituation als Volontärin nicht die entspannteste, mit vielen Stunden und mangelhafter Bezahlung. Wie geht es dir gerade mit diesen Bedingungen?

L: Überwiegend gut, würde ich sagen! Es gibt darin ja zwei Ebenen: eine strukturelle und eine persönliche. Ich arbeite 40 Stunden die Woche. Das ist viel und sollte keine Person tun (müssen). Dann ist das Volontariat ein ausbildungsähnliches Arbeitsverhältnis, mit dem Ziel, dass ich etwas lerne. Und das tue ich auch in vielen verschiedenen Kontexten! Trotzdem bin ich aber eine volle Arbeitskraft im Museum. In diesem Zusammenhang ist zu nennen, dass ich unter dem Mindestlohn arbeite… Das ist einfach krass! Gleichzeitig habe ich ein geregeltes Einkommen, das entlastet mich sehr. Zum Modell des Volontariats gibt es viel Vernetzung, mit Arbeitskreisen die Forderungen stellen und bessere Bedingungen erkämpfen. Auch bin ich dankbar für die Menschen, die vor mir im SMU-Volo waren. Von deren Kämpfen profitiere ich auch. Ansonsten gefällt mir die konkrete Struktur am SMU selbst. Ich mag die Überschneidung von Archiv und Bildung und kann das Volontariat allen empfehlen, die sich für Forschung interessieren und darin auch gerne praktisch arbeiten. Naja, und auf persönlicher Ebene fühle ich mich hier einfach gesehen, gehört und gefördert: mein Feedback wird ernst genommen, ich habe einen Home-Office-Tag, mir geht es gut im Kollegium.

Y: Was denkst du, nimmst du das Schwule Museum eher als Institution oder als Community Space wahr?

L: Dazu kriegst du aus mir keine klare Antwort raus (lacht). Es gibt solche und solche Momente! Das Schwule Museum ist auf jeden Fall eine Institution, die Ausschlüsse produziert und somit auch nicht immer der gemütlichste Ort ist. Für mich fühlt es sich dennoch wie ein Raum der Gemeinschaft an, der immer wieder entstehen kann oder sich unterschiedlich zeigt, von verschiedenen Personen gehalten wird. Oder wenn ich beispielsweise in einem Workshop bin und in einer Diskussion stecke. Dann geht es um den gemeinsamen Austausch, die Auseinandersetzung mit Aktivismus und queerer Geschichte. Auch während Führungen kommt einfach super viel zurück durch die Gespräche. Oder bei einem Ausstellungsgespräch mit Lilo Unger, das ich organisiert und moderiert habe. Das war ein Raum, in dem verschiedene Generationen mit verschiedenen Perspektiven und Wissen zusammengekommen sind, die sich aber für ähnliche Inhalte interessieren. Dort ist Community total möglich.

Y: Erzähl uns mehr von dem Event! Wie war das für dich?

L: Total schön! Ich habe ein Gespräch mit Lilo Unger geführt, zu feministischer und lesbischer Subkultur in den 80er und 90er Jahren in West-Berlin – im Rahmen der Petra Gall Ausstellung! Es war super schön zu sehen, dass so viele Menschen an einem Montagnachmittag in die Ausstellung kommen und mit uns interagieren wollen. Ich habe den Kontakt mit Lilo als sehr wertschätzend erlebt und fand es besonders, dass sie sich nach einem Vorgespräch vorstellen konnte, als Zeitzeugin mit mir vorne zu sitzen und vor Publikum zu sprechen. Ich war auch ziemlich aufgeregt… es ist ein sehr schönes, assoziatives Gespräch entstanden. Es war super, mit dem ganzen Material zu arbeiten, das Lilo mitgebracht und zum Teil dem Museum geschenkt hat. Wir haben die Veranstaltung „Von Tapeten, hungrigen Herzen und lesbischen Montagen“ genannt, weil Lilo mir schon beim Vorgespräch schöne Anekdoten erzählt hat und dann auch Material mitgebracht hat. Zum Beispiel Teile von der Tapete, die in den 1990er Jahren im Café Anal hing: da ging es darum, dass sich eine Person aus dem Kollektiv auf einen Scanner gesetzt hat und den Anus gescannt hat. Daraus wurde dann ein Muster gebastelt, um die Wände damit zu tapezieren. Wie lustig ist das denn? So ein Stück Erinnerung in der Hand halten zu können hilft ungemein dabei, sich diese frühere Zeit vorstellen zu können.

Y: Man hat total deine Vorliebe für Haptik gemerkt. Gab es die schon vorher, oder ist das eine, die sich durch die Arbeit mit dem SMU-Archiv entwickelt hat?

L: Das Archiv hatte und hat auf jeden Fall großen Einfluss auf mich. Zum Beispiel graue Literatur wie Flyer, Sticker oder Bewegungszeitschriften, das ist einfach etwas anderes, die Inhalte auch mit Haptik verbinden zu können. Aber in meiner Arbeit davor waren mir Dokumentation und Druck auch sehr wichtig, einfach als Materialform. In Hannover habe ich Zeitzeug*inneninterviews geführt oder kollektiv Stadtspaziergänge und Audio-Walks gemacht, in denen es auch um die gemeinsame Arbeit verschiedener Generationen von queeren Personen zu lokaler queerer Geschichte und ihrer Aktivierung ging. Dazu gehörten auch Zines, die über den Moment hinaus an andere weitergegeben werden können. Ich finde es spannend, wenn Erinnerung und Vermittlung auf verschiedenen Ebenen stattfinden.

Y: Lilo hat ja ziemlich viel geteilt, darunter auch das Programm der Zeit, das Musik, Dating, Gesundheit, Performance und mehr enthalten hat. Was hat das mit dir gemacht, diese Geschichten zu hören? Hast du FOMO bekommen? (lacht)

L:  Ich fand’s richtig schön, diesen Spaß und Witz mitzubekommen, mit denen diese Gruppen an die Sache rangegangen sind. Das hat etwas sehr Lustvolles. Dann musste ich noch viel drüber nachdenken, dass es anders möglich war, diese Räume zu bespielen, zu nutzen, zu halten. Andere Bedingungen! Das macht was mit den Orten, wenn sie nicht so eine hohe Verwertbarkeit aufweisen müssen. Dann spielt es eher eine Rolle, zusammen zu kommen, Möglichkeiten zu schaffen, aus denen sich dann starke Communities bilden können. In Hannover war ich lange Zeit in einem Kollektiv mit dem Namen Soft Spot organisiert. In diesem ging es um Clubkulturräume und queere Clubkultur, aber auch darum einen Diskurs in der Stadt dazu zu schaffen. Also um Themen wie Awareness, Anti-Sexismus, Tontechnik, queere Musikgeschichte, kulturelle Aneignung. Wir haben Partys veranstaltet, aber eben auch Workshop- und Veranstaltungsreihen. Wir haben beispielsweise DJ-Workshops für Frauen, Lesben, inter*, nicht-binäre und trans* Personen gemacht, bei denen man Auflegen lernen konnte. Dabei ging es uns zum einen um das Skill-Sharing, zum anderen aber auch darum, einen Raum zu schaffen, in dem sich queere Menschen und BIPoC wohlfühlen können, wo man diese Hemmungen vor Technik abbauen kann, gegenüber einer weißen cis-männlich dominierten „Dude“-Kultur. Sich davon nicht einschüchtern zu lassen und zu verbünden! Das hat so viel Spaß gemacht und war eine sehr wichtige Zeit für mich.

Y: Wie viel von dir selbst hast du in Lilos Erzählungen wiedererkannt?

L: Interessant, dass du das fragst. Ich bin gar nicht in so ein Vergleichen gekommen. Ich konnte gut bei Lilo sein und den Moment genießen, dass so ein Erzählen überhaupt möglich ist… Aber einen Unterschied habe ich schon darin gemerkt, eben in dieser Frage, wie Wohnen und kollektive Arbeit funktioniert. Das ist natürlich eine Frage von Sozialpolitik, Verdrängung und Gentrifizierung, Spekulation. Aber ich muss einfach an Orte wie das Silver Future denken, FAQ oder OYA. Wie diese strugglen und wie wichtig es ist, sie zu unterstützen. Naja, und dann bin ich mal gespannt, wie vielleicht auch wir in 30 Jahren von diesen Räumen und ihrer Geschichte berichten! Wenn über Hausbesetzung und die Szenen gesprochen wird, sind oft heroisierte, männliche Perspektiven dominant. Das Gespräch mit Lilo hat darauf feministische und lesbische Perspektiven gezeigt. Trans*, inter* und nicht binäre Personen waren genauso in den Bewegungen und an den Kämpfen beteiligt.

Y: Hast du ein konkretes Learning aus dem Ausstellungsgespräch mitnehmen können?

L: Ich fand die Klarheit, die Lilo im Bezug auf ihre Kollektivarbeit geschildert hat, sehr cool. In ihrer linken und feministischen Politik zu sagen: wir als Frauen und Lesben schließen uns zusammen gegen die Unterdrückung von Patriarchat und Kapitalismus, weil das so für uns nicht funktioniert. Das ist einfach ein starkes Bündnis. Auch wenn viele der Kämpfe auch heute noch aktuell sind, Kampf um körperliche Selbstbestimmung, gegen patriarchale und sexualisierte Gewalt, ist das ein guter Reminder.
Die Veranstaltung könnte auch als Auftakt gedacht werden. Für mich wären auch Veranstaltungen denkbar, wo an sich vielleicht ein Ort länger und genauer anschaut wird.

Y: Ich wäre auf jeden Fall dabei! Was denkst du, wie wichtig war und ist es für so ein Format, dass du als organisierende und leitende Person selbst lesbisch positioniert bist?

L: Ich würde schon sagen, dass das für die Arbeit eine große Rolle spielt. Das fängt schon bei der Frage an, was mein Interesse und meine Motivation sind, auch aus einer macht- und diskriminierungskritischen Haltung heraus. Geht es um eine eigene Verbindung zu einer Geschichte? Weil wenn nicht, kann das schnell voyeuristisch und übergriffig werden. Ich finde es auch okay und wichtig, sich Wissen anzueignen oder anzulesen, von dem man selbst nicht zwangsläufig Teil ist. Aber ich finde die Frage trotzdem wichtig, mit welchem Blick ich da drauf gucke. Was stelle ich für Fragen, und welche lasse ich besser aus? Naja, und dann denke ich nicht, dass sich alle Menschen zu jedem Zeitpunkt ihrer Positionierung und Identität so klar sein müssen. Auch ein auf der Suche sein darin finde ich in Ordnung und wichtig… Solange man sich dem bewusst ist und andere Menschen nicht in eine unangenehme Situation bringt.

Y: Ich finde auch, dass die Leute am SMU vielleicht etwas mehr von ihrer Geschichte in die Arbeit einfließen lassen als an anderen Orten. Das hast du gut gesagt! Und ich bin froh, dass dich das Volontariat zu uns gebracht hat. Du hast ja jetzt auch schon Halbzeit erreicht…

L: Ja, ein Jahr ging schnell rum! Ich freue mich hier zu sein, auf das was kommt und auf viele weitere Begegnungen.

Y: Bitte halte uns auf dem Laufenden. Danke Leah!

 

Bild und Interview: Yasmin Künze