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Neu im Archiv: Vorlass von Ichgola Androgyn

7. August 2026

Im Juli wurden Mitarbeitende unseres Archivs von Ichgola Androgyn in seine Privatwohnung eingeladen. Ichgola wollte sich von einigen Dingen trennen und übergab sie dem Schwulen Museum. Ein außergewöhnlicher Vorlass, über den wir uns sehr freuen, weil er Tunten-, Berliner und Aktivismus-Geschichte gleichermaßen überliefert.

Ichgola Androgyn ist als Polittunte Repräsentant einer sehr spezifischen Westberliner Szene der 1980er und 1990er Jahre, deren selbstironische Performance-Kultur eng mit politischem Engagement, vor allem im Aids-Aktivismus, verbunden war. Als Bernd Boßmann in einem niederrheinischen Dorf aufgewachsen und frühzeitig durch Tanten und Cousinen zu Performances von Weiblichkeit inspiriert, kam Ichgola 1984 als ausgebildeter Krankenpfleger nach Berlin. Eine Schauspiel- und Akrobatikausbildung fianzierte er sich mit Sterbebegleitung und kam so frühzeitig mit Aids in Berührung. Über eine Anzeige fand Ichgola Anschluss an Travestiegruppen, lernte BeV Stroganov und Kasper Kamäleon kennen, sang Küchen- und Hurenlieder und dramatische Moritate.  Im SchwuZ fanden viele ähnliche selbstbewusste Tunten zusammen und stellten endlose Programme auf die Beine. Und als 1985 die Berliner Aids-Hilfe gegründet wurde, organisierten sie unter dem Namen „Ladies Neid“ einen Benefiz-Abend. Dem Tunten-Begriff wurde als Eigenbezeichnung das Beleidigungspotenzial genommen, Ichgola, wie auch Chou Chou de Briquette, BeV StroganoV, Melitta Poppe und Melitta Sundström, Pepsi Boston, Ovo Maltine und Tima die Göttliche,  zu einem Szenestar und spätestens seit Rosa von Praunheims liebenswürdigem Porträt „Tunten lügen nicht“ (2002) auch international bekannt. Schon vorher hatte Ichgola Rollen in Rosas Filmen übernommen, unter anderem die junge Charlotte von Mahlsdorf in „Ich bin  meine eigene Frau“ (1992).

Ichgolas Engagement ist bis heute bemerkenswert. 1987 gründete er mit anderen Krankenpflegern den Verein „HIV e.V.“, organsierte Benefiz-Veranstaltungen, gründete das nicht-subventionierte Theater „O-TonArt“ (2009), erfand als „Kläre Grube“ zwei Limonadensorten („Berlinade“), deren Verkauf sozialen Zwecken zugutekam. Rosa von Praunheim schrieb 2002 über den Spirit der vier Tunten Ichgola Androgyn, BeV Stroganov, Tima die Göttliche und Ovo Maltine, die zwischenzeitlich auch mal zusammen auf einem Hausboot lebten: „Allen ist gemeinsam, dass sie nicht nur Showtunten sind. Ihr politisches Engagement gilt der Aids-Aufklärung, Aktionen gegen schwulenfeindliche Gewalt, der Hurenbewegung, dem Kampf gegen Rechts und gegen Rassismus.“

2006 eröffnete Ichgola das „finovo“, das erste deutsche Friedhofcafé, auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof. Es existiert bis heute (seit 2025 von einer neuen Pächterin betrieben). An diesem Ort befinden sich die letzten Ruhestätten vielen queerer Aktivist*innen – darunter mittlerweile auch vieler Wegbegleiter*innen von Ichgola Androgyn: Jürgen Baldiga, Ovo Maltine und Rosa von Praunheim.

Seine vielen Auftritte und anderen Aktivitäten hat Ichgola akribisch dokumentiert. Der dem Schwulen Museum übergebenen Vorlass enthält viele Fotos, darunter Originalabzüge von Jürgen Baldiga und Annette Frick, Plakate, Flyer, handgeschriebene Notizen, ausgedruckte Emails (u.a. von Rosa von Praunheim), Liedtexte, Zeitungsausschnitte, Fotoalben und Dias in bisher drei Kisten und zwei großformatigen Mappen. Wir freuen uns sehr, dass sie bei uns ein neues Zuhause gefunden haben und nun aus der Perspektive einer einzigartigen aktivistischen Position heraus queere Geschichte mit anderen teilen können.

Für das oralHIVStory-Prjekt des Schwulen Museums (in Kooperation mit der Humboldt Universität Berlin, als Teil des „European HIV/Aids Archives“) hatte Ichgola Androgyn 2020 ein ausführliches Interview über sein Coming Out zu Beginn der Aids-Epidemie, seinen Aids-Aktivismus sowie über Verlust und Trauer gegeben, das man sich hier nach wie vor anschauen kann.

 

Foto: Jan Künemund