burger Button

Neu in der Bibliothek: Die Tagebücher von Horst Bienek, eine Schenkung des Hanser Verlags

25. September 2025

Horst Bienek war eine Zentralfigur im westdeutschen Kulturleben der 1960er bis 1980er Jahre. Als Lektor für dtv, erfolgreicher freier Schriftsteller und Leiter der Literaturabteilung der Bayerischen Akademie der Künste war er gut vernetzt und viel unterwegs: er kannte Fassbinder, Hockney, Ingeborg Bachmann, Koeppen, Salomé, Ripploh, Julien Green, Stephen Spender. Beinahe wäre er 1951 als junger Autor Meisterschüler von Bertolt Brecht geworden, aber kurz davor kam ihm eine falsche Spionage-Anschuldigung dazwischen – mit traumatisierenden Folgen. Er wurde verhaftet und vom Sowjetischen Kriegstribunal in Potsdam zu 20 Jahre Zwangsarbeit im Kohlebergbau Workuta, zwischen Polarkreis und Eismeer, verurteilt. Nach vier Jahren kam er frei, ging zunächst nach Frankfurt und 1965 nach München. 1994, vier Jahre nach seinem Tod, wurde er durch die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitiert: es stellte sich heraus, dass Bienek damals aus politischen Gründen ohne Grund verhaftet worden war.

Sein Schwulsein ließ Bienek nicht in seine erfolgreichen Romane fließen. Er wollte immer wieder explizit darüber schreiben, hat es aber vor seinem Tod an den Folgen von Aids 1990 doch nie getan. Über seine Cruisingabenteuer in München, New York und vielen anderen Orten, über seine kurzen und längeren Beziehungen und die Gefühle der Isolation in den heterocismännlichen Literaturkreisen schrieb er dagegen sehr offen in seinen Tagebüchern, die in den 1980ern immer ausführlicher wurden. Irgendwann taucht Aids darin auf, Bienek sieht sich gefährdet, traut sich aber erst 1987, einen HIV-Test zu machen. „[B]in positiv! Das wirft mich um!“ schreibt er am 20.3. Schon vorher zeichnet er auf, wie Vorurteile, Gerüchte, Ängste, immer mehr Krankheits- und Todesfälle die schwule Szene verheeren. Im Fragebogen der FAZ antwortet er 1988 auf die Frage nach dem „größten Unglück“: „Aids“ – und macht sein eigenes Schwulsein erstmals öffentlich. Als er im Dezember 1990 mit 60 Jahren stirbt, stand im Nachruf der SZ: „Bienek wurde einsam wie alle, die dazu verdammt sind, langsam und unter Qualen zu sterben“ (zitiert nach einem Text aus der Bunten, der sich in unserem Archiv befindet) – so wurde in den Medien damals über Aids geschrieben.

Dank einer Schenkung des Hanser Verlags, der Bieneks Tagebücher unter dem Titel „Es gibt nur die Kunst, die Liebe und den Tod. Dazwischen gibt es nichts.“ veröffentlicht hat, kann man dieses Wahrnehmungsprotokoll der zunehmenden Verunsicherung und Isolierung eines betroffenen prominenten Menschen im konservativen Westdeutschland der 1980er Jahre jetzt auch im Schwulen Museum nachlesen. „Der Hanser Verlag freut sich, der Bibliothek des Schwulen Museums ein Exemplar der Bienek-Tagebücher zu übergeben, um die einzigartige Perspektive des Autors auf die westdeutsche Literaturszene und seine Auseinandersetzung mit seinem Schwulsein und seiner HIV-Infektion auch im Kontext der Erforschung queerer Kulturgeschichte sichtbar zu machen. Wir denken, dass es im Sinne von Horst Bienek gewesen wäre, dass seine Tagebücher von den Besucher*innen der Bibliothek des Schwulen Museums entdeckt und gelesen werden“, schreibt uns Christina Knecht vom Verlag. Für den Schriftsteller Hans Pleschinski sind die Tagebücher „ein Furioso der schwulen Selbstverwirklichung und eine Großrevue des deutschen Kulturlebens“.

Foto (c) Hanser Verlag