Durch die Schenkung eines Freundes des Schwulen Museums erhielten wir vor einigen Monaten eine Collage-Arbeit des bedeutenden tschechischen Künstlers Jiří Kolář (1914-2002). Auf dem postkartengroßen Unikat ist ein Oldtimer-Auto (wahrscheinlich ein Ford Stanley Steamer) zu sehen, durch dessen ausgeschnittenes Mittelfeld ein historischer Augsburger „Anlehensschein“ von 1864 sichtbar wird.
Kolář gilt als Pionier verschiedener Collage-Techniken, „der gerne humorvoll-kritisch mit Material, Titel und Motiv neue Zusammenhänge herstellt“ – insofern sei die Arbeit durchaus typisch, schrieb uns die sachverständige Kunsthistorikerin Anke Schlecht vom Institut für moderne Kunst in Nürnberg.
Trotzdem warf die Arbeit für uns Rätsel auf. Die Rückseite hatte der Künstler tatsächlich als Postkarte verwendet, beschrieben u.a. mit einem Dankesgruß an den „Freund“, aus dessen Sammlung wir die Arbeit erhalten haben. Beide hatten sich in den 1980er Jahren in Paris kennengelernt. Außerdem hatte Kolář auf der Rückseite für ihn untypischerweise die Collagearbeit mit einem Titel versehen: „Voiture saphique / Lesbické Auto“. Wie das lesbische Thema zur Collage aus Oldtimer- und Anlehensschein passt, lässt sich nur verstehen, wenn man die Arbeit in den Händen hält – denn die erste Lage (Auto) ist nur einseitig angeleimt, die zweite (der Schuldschein) lose dahintergeklemmt, und nur, wenn man dahinter lugt, kommt die eigentliche Postkartenvorderseite zum Vorschein: eine Reproduktion von Gustave Courbets Ölgemälde „Le Sommeil“ (deutsch: Die Schläferinnen – Trägheit und Wollust“) von 1866, das zwei unbekleidete junge Frauen ineinander verschlungen auf einem Bett zeigt.
Wie das alles zusammenhängt, ist – ganz im Sinne des Künstlers – nicht genau zu rekonstruieren. Haben wir eine Auseinandersetzung mit dem voyeuristischen männlichen Blick vorliegen, die fetischisierend Automobil, Geld und nackte Frauen zusammenbringt? Oder wird hinter dem oberflächlichen ersten Anschein ‚männlicher‘ Bildmotive ein zärtlicher Entwurf weiblicher Subjektivität versteckt?
Solche Kunstpostkarten wie diese mit dem Courbet-Motiv gab es damals in den Pariser Straßen überall für einen Franc zu kaufen, verriet uns der Schenkende. Aber wäre diese von Jiří Kolář nur als beliebiges Trägermaterial für die ‚eigentliche‘ Collage-Arbeit verwendet worden, hätte er das Gesamtwerk wohl kaum „Lesbisches Auto“ genannt. Entscheidend scheint tatsächlich zu sein, dass man hier hinter die Oberfläche schauen muss.
Jiří Kolář wurde 1914 im tschechischen Protivin geboren, etablierte sich in den 1930er Jahren mit Gedichten und Collagen in der Prager Künstler*innen-Szene und geriet in den 1950er Jahren zum ersten Mal mit dem kommunistischen Regime in Konflikt. Auf seinem eigenwilligen künstlerischen Weg zwischen Konkreter Poesie und bildnerischer Colleage-Kunst knüpft er viele internationale Kontakte, wurde Mentor für junge Künstler*innen, heiratete die Künstlerin und Fotografin Běla Kolářová und wurde mit ihr zu einer dissidenten Stimme im „Prager Frühling“. Als er 1977 die „Charta 77“ unterschrieb, die Menschenrechtsverletzungen der tschechischen Behörden anprangerte, erhielt er in der ČSSR Arbeitsverbot, blieb nach einem Stipendium in Berlin zunächst dort, ging dann nach Paris und wurde aus der ČSSR ausgebürgert, während seiner Frau die Ausreise verweigert wurde. Er kehrte erst 1997 in die Tschechische Republik zurück und starb 2002 in Prag. Kolář gilt als einer der bedeutendsten Künstler der tschechischen Nachkriegsmoderne, er nahm zweimal an der documenta teil (1968 und 1977), wurde international ausgestellt und entwickelte auf dem Gebiet der Collage völlig neue Verfahren.
Wir freuen uns sehr, dass mit dem „Lesbische Auto“ ein Unikat von Jiří Kolář in unsere Kunstsammlung gefunden hat. Es ist mit seinen drei Lagen ziemlich schwer zu fotografieren und wahrt sein Geheimnis des Zusammenhangs. Laut dem Schenkenden war es für Kolář durchaus üblich, solche kleinen Arbeiten, mit den Materialien hergestellt, die gerade zur Hand waren, an Freund*innen weiterzugeben. „Ich habe ihn aber nie gefragt, warum er mir ein lesbisches Auto schenkt!“
Jiří Kolář, „Voiture saphique / Lesbické Auto »
3-lagige Collage, Papier, 10 x 15 cm, Paris, 1988
Persönliches Geschenk an den Spender (sammlungnglberlin), mit Titel, persönlicher Nachricht und Dank, verschickt in einem Umschlag, aufgegeben 1988 in Paris.
Foto: Yasmin Künze