Anfang Februar besuchte uns der in London lebende Künstler Hormazd Narielwalla und übergab uns persönlich sein Künstlerbuch „Fear of the Flower“ (2023) und eine Monografie über sein bisheriges Werk, „Hormazd Narielwalla – Legends and Icons“ (2025). „I would love to gift it to you if you think this is something that fits in your collection”, schrieb er uns, als er als Teilnehmer der Gruppenausstellung “Orbital” in der Kristin Hjellegjerde Gallery zu Besuch in Berlin war.
„Fear of the Flower“ besteht aus Seiten eines alten Maß-Schnittmuster-Buchs („Methode de Coupe“ von Ladevèze & Darroux, im Original von 1860, Narielwalla verwendete die 14. Ausgabe von 1949), die er mit fleischfarbenen Körperbildern, zumeist Anus-Ansichten von Männern, übermalt hat. Als Referenz dienten Hormazd die sexualisierten Blumenbilder von Giorgia O’Keeffe aus den 1920er bis 1950er Jahren.
Der Kunsthistoriker Dr. Michael Petry schreibt in einem mitabgedruckten und auch in „Legends and Icons“ publizierten Text zur Methode:
„[Narielwalla] hat mehr oder weniger die gesamte „Methode de Coupe“ durchgearbeitet und dabei unberechenbar, wild, leidenschaftlich, lebhaft, und ausdrucksstark rosa und violette Markierungen auf den vergilbten Schwarz-Weiß-Seiten angebracht – aber diese zeigen Hosen, während es sich hier eindeutig um ein gespreiztes Gesäß handelt, unter dem zwei Hoden sehr locker und tief hängen. Das impliziert, dass gut geschnittene Hosen locker bis zu den Knöcheln fallen sollten. Narielwalla verteilt seine Zeichnungen über die Seiten und spielt dabei manchmal […] mit den seltsamen Bildern am Rand. Bearbeitete Bilder reihen sich aneinander und bilden einen Wald aus Blumen, einen regelrechten Hochzeitsstrauß aus Rosenknospen. Der Anus steht eindeutig im Mittelpunkt dieser Werke, und es ist sicherlich das erste Mal, dass Narielwalla offen queere Bildsprache in seinen Arbeiten verwendet. […] Das Rätsel, der Code, die zugrunde liegende Struktur der fehlenden Körper, auf die diese Muster anspielen, stehen im Mittelpunkt.“
Auch in seinen anderen Werken kombiniert Hormazd, der in England Modedesign studiert und bei einem Maßschneider gearbeitet hat, europäische Schnittmuster mit indischen Drucktechniken und architektonischen Konzepten, um neue multikulturelle Identitäten zu suggerieren. Über sein Künstlerbuch mit bearbeiteten Bowie-Motiven „Diamond Dolls“ (2021) schreibt er auf seiner Webseite: „Zu einem jungen schwulen Mann, der in Indien aufwuchs, drang die westliche Kultur kaum vor. Sie sickerte nur ganz langsam ein, Tropfen für Tropfen. Dann begann MTV in den 1990er Jahren, Musikvideos aus dem Westen zu senden, und mein erster Blick auf David Bowie war eine Erscheinung aus den 1970er Jahren, mit seinem leuchtend roten Haar und seinen grünen, glasartigen Augen. Seine Schönheit faszinierte mich sofort. Er zeigte mir eine andere Art von Männlichkeit.“
Das 60. von 150 Exemplaren von „Fear of the Flower“ hat nun seinen dauerhaften Ort im Schwulen Museum gefunden. Unsere Leiterin der Kunstsammlung Julia Hartung freut sich „sehr über diesen spannenden Neuzugang in unserer Kunstsammlung!“
Hormazd Narielwalla wurde 1979 in Mumbai (Indien) geboren, studierte ab 2003 Modedesign in Wales, anschließend in England Modedesign und Kommunikation, und schloss 2014 auf der University of the Arts in London mit einer Promotion ab. Seine Arbeiten sind weltweit ausgestellt und in bedeutende Kunstsammlungen aufgenommen worden (u.a. Tate Archive, V&A, National Art Library, Yale Centre of British Art, Brown University). 2025 erhielt er einen Werkauftrag vom British Museum und war außerdem auf der Shortlist für den John Ruskin Prize.
Hormazd Narielwalla: Fear of the Flower, 2023
Gemeinsam herausgegeben von EMH Arts, London, und Concentric Editions, 2023. 84 Seiten, Archivtintenstrahldruck, gebunden in einem handgenähten Neopren-Einband, 14,8 x 10,5 cm, Auflage: 150 Exemplare: Nr. 60/150 befindet sich als Schenkung des Künstlers seit 2026 in der Kunstsammlung des Schwulen Museums.
Der Band “Hormazd Narielwalla, Legends and Icons”, herausgegeben von Emma M. Hill, publiziert vom Atelier Hormazd Narielwalla, London 2025, befindet sich seit 2026 als Schenkung des Künstlers in der Bibliothek des Schwulen Museums.
Abbildung: Hormazd Narielwalla, „Fear of Flower“, S. 33f.