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Nothing about us without us – Valentin Rion über Fürsorge hier & dort

1. April 2026

Valentin Rion ist Performer_in, Kurator_in, Forscher_in und Aktivist_in – und das alles gleichzeitig! Als Valentin 2018 mit dem Sexarbeitenden-Kollektiv „Objects of Desire“ ans Schwule Museum herantrat, war die Erwartung bescheiden: „Die werden uns doch niemals nehmen!“ Was folgte, war der Beginn einer engen Zusammenarbeit, die 2023 in der vielbeachteten Ausstellung „With Legs Wide Open“ gipfelte. Heute sitzt Valentin im Vorstand des Hauses. Im Interview spricht Rion über queere Geschichte und Sexarbeitsaktivismus, über das Prinzip „Nothing about us without us“ – und darüber, was das SMU von anderen Institutionen unterscheidet: den ehrlichen Versuch, fürsorglich, intersektional und auf Augenhöhe zu arbeiten.

Yasmin: Wer sitzt heute vor mir?

Valentin: Heute sitzt vor dir Valentin Rion, im Schwulen Museum in Berlin. Auch sitzt vor dir ein neues Vorstandsmitglied des Hauses! Eigentlich komme ich aus der Kunst, der Performance und dem Tanz. Ich arbeite aber auch viel in internationalen Projekten im soziokulturellen Bereich im ländlichen Raum, sowie an Theatern. Und ich forsche und kuratiere zu Sexarbeit, bin da auch im Aktivismus tätig.

Y: Genau, ebendiese Breite an Tätigkeiten die du da wiedergibst, deckt sich auch mit meiner eigenen Recherche… Die hat nämlich ergeben, dass du eine sogenannte ‚eierlegende Wollmilchsau‘ bist –

V: Oh je, sagt die KI das?

Y: Nein, das sage ich!

V: (lacht) Guck mal, während meines Studiums war ich in der Studienstiftung und hatte so einen Mentor. Der hat echt viele Leute betreut, war cool und recht offen eingestellt, hatte selbst fünf Kinder und dann so ein bisschen Daddy-mäßig mit mir gesprochen… Der hat sich mein Leben und meine Laufbahn angeguckt und meinte: „Sie machen viel zu viele Dinge! Das kann so nicht funktionieren. Sie müssen sich entscheiden!“ Seine Frage war die nach einem roten Faden in meinen Tätigkeiten, und ich weiß, er hat sie total gut gemeint. Für mich ist der rote Faden da und klar. Es geht in allen Projekten um das In-Beziehung-Treten, es geht um Kompetenzen und Qualitäten des Zusammenseins. Ich interessiere mich für erlebte Dimensionen von „Otherness“. Und damit geht es auch immer um den Körper. Das ist keine politisch neutrale Angelegenheit: Ethisch hat das für mich in all meinen praktischen Projekten mit Fragen der Fürsorge zu tun… Das klingt jetzt sehr grob, aber das fächert sich in meinen Interessen und den Orten, in denen ich durch diese lande, so auf. Ich hab mir diesen Rat damals sehr zu Herzen genommen, vor allem, nachdem ich bei der Zusammenarbeit für einen Film mit Rosa von Praunheim von ihm im Prinzip das Gleiche gesagt bekommen habe: „Wenn du in der Kunst was schaffen willst, musst du dich fokussieren“. Das bin aber nicht wirklich ich; bei mir operiert eigentlich immer alles interdisziplinär! Ich bin kein Fach-Spezi für irgendwas. Mir geht es eher darum, Verbindungen zu knüpfen.

Y: Und wenn du auf’m Familientreff bist und die Tante fragt, was du jetzt eigentlich beruflich machst… Was antwortest du?

V: Ja, natürlich keiner checkt’s! Meine Oma sogar konsequent, bis sie gestorben ist, nicht. RIP, Mamé. Die einfachste Sache zu sagen ist: Ich bin Tänzer. Aber durch Covid hat sich mein Verhältnis dazu und zum Theater verschoben. Mit der Aussage wird aber die richtige Fantasie bei den Leuten aktiviert: es geht um Körper, um etwas Poetisches und Sinnliches. Es geht um Intimität, so auch in einem praktischen Forschungsprojekt, das momentan bei mir am Laufen ist.

Y: Würdest du Sex ganz konkret unter deinen Themen auflisten?

V: Ich denke, an den Randbereichen – bzw. dem, was marginalisiert ist – können wir immer viel lernen; insbesondere über die Dinge, die wir im Zentrum aus dem Blick verloren haben. Für mich ist Sex eine Frage der Kommunikation. Eigentlich ließe es sich auch als darstellende Kunstform verhandeln. Im Sex ist eigentlich alles gegeben, um als künstlerischer Ausdruck zu gelten: er kann sehr poetisch sein, spricht verschiedene Sinne an, hat Bögen und eine Komposition. Die ist oft sehr simpel und nicht so interessant, das liegt aber an der Welt, in der wir leben, und wie verskriptet und vergeschlechtlicht Sex ist… Deswegen, Sex ja, aber eben Sex als eine Form der Kommunikation, von der wir über uns als soziale und sinnliche Wesen lernen können.

Y: Gibt es trotz aller Verwobenheit deiner Interessen so etwas wie eine große Leidenschaft?

V: Ich habe schon so etwas wie eine kontinuierliche Forschungsfrage: wie treten wir in Kontakt? Also auch, wie trete ich in Kontakt mit Anderen. Eigentlich geht es immer um Otherness. Ich arbeite schon sehr lange mit einer Organisation, der Other Music Academy, bei der es darum ganz zentral geht, sowohl positiv als auch negativ: am Anderen erkenne ich mich; an der Reibung damit, wo ich vermeintlich aufhöre, entdecke ich mich selbst. Das ist auch die Grundlage für diverse interkulturelle Theorien. Da passiert Leben und das ist eine große Leidenschaft. Für mich unterliegt da auch die Grundhaltung dafür, dass man lebenslang lernt. Wir sind nicht nach der Schule fertig! Das erwarte ich von der Gesellschaft, zu verstehen, dass wir ein Leben lang lernen und was für Kontexte dafür gebraucht werden.

Y: Gewährst du uns Einblick in deinen Werdegang, wenn es denn so einen gibt?

V: (lacht) Ich komme aus einem privilegierten, bürgerlichen und binationalen Haushalt. Der war sehr humanistisch geprägt und glaubte an so Dinge wie Völkerverständigung und Offenheit, aber ohne grundlegend die Strukturen unserer Welt und Europas in Frage zu stellen. So, nun habe ich schon immer viele Dinge gleichzeitig gemacht; zum Leidwesen meiner Mutter, die das aber trotzdem unterstützt hat. Als ich 15 war, zum Beispiel, stand die Frage im Raum, ob ich wieder eine Klasse überspringe, ins Internat oder ins Ausland gehen soll – ich habe zu der Zeit nicht mehr aufgepasst in der Schule, und meine Noten wurden schlechter. Ich konnte mich für ein Jahr in Thailand entscheiden, wo ich bei einer Gastfamilie untergekommen und zur Schule gegangen bin. Gelegen war mein Aufenthalt dort etwas ab vom Schuss, also im ländlichen Raum. Das war eine super prägende Erfahrung, über die ich auch viel geschrieben habe. Die Quintessenz eines Satzes, den ich damals geschrieben habe, war etwas in die Richtung von „in diesem Jahr habe ich gelernt, wie anders ‚Anders‘ sein kann“ – also alle meine Erwartungen werden nicht zutreffen. Das hat dieses Sich-in-Frage-Stellen und das Bedürfnis danach geprägt – wenn auch noch immer aus einer mäßig reflektierten privilegierten Position heraus. Danach war ich eine ganze Weile in der Westbank in einem Freiwilligendienst, weshalb ich seither in palästinensischen Kontexten unterwegs war. Aktuell muss ich viel über die Art der Sensibilität nachdenken, die ich in der Zeit, und durch die Organisation, mit der ich damals dort war, gewonnen habe. Sie drückt für mich ein Bewusstsein aus, das mir gerade in Teilen der linken Szene fehlt und mir im Schwulen Museum und im Sexarbeitsaktivismus so wichtig ist. Es lässt sich ganz einfach zusammenfassen: Nothing about us without us! So schnell man immer wieder im Reden über andere drin ist, so wichtig ist es sich zu erinnern: Moment, inwieweit ist das eine Meinung oder eine gelebte Erfahrung? Das zu fragen ist okay! Das stellt nicht meine Kompetenz in Frage; ganz im Gegenteil eröffnet es eine Chance auf kritisches Lernen.

Y: Unter diesem Leitsatz lief auch die SMU-Ausstellung „With Legs Wide Open“, die du 2023 mitkuratiert hast. Weißt du noch, wie du das Schwule Museum kennengelernt hast?

V: Die erste Ausstellung die ich am Haus besucht habe und die mich fasziniert hat, war „Fenster zum Klo“, 2017! Ich freue mich auch, dass Marc Martin Teil einer Ausstellung ist, die ich momentan ko-kuratiere – das fühlt sich wie ein rundes Ding an. 2019 sind wir dann mit dem Sexarbeitenden-Kollektiv und -Archiv „Objects of Desire“ an das Schwule Museum herangetreten, mit dem Wunsch auszustellen. Ich erinnere mich noch, was für einen Kopf wir uns gemacht haben: „Die werden uns doch niemals nehmen!“ Trotzdem haben wir dann ein Schrieb aufgesetzt und wurden ins Museum eingeladen. Dort haben wir Birgit Bosold kennengelernt, mit der ich heute ja auch im Vorstand sitze; wir erinnern uns beide ziemlich gut an dieses erste Treffen. Selbstverständlich waren wir total aufgeregt und haben uns gefragt: „Was ist überhaupt die Hierarchie hier?“, aber es war von Anfang an klar, dass hier versucht wird, Institution anders zu machen, fürsorglicher und als Infrastruktur für Communities zu denken. Ich habe von Seiten des Museums eine Bescheidenheit erlebt, für das, was wir mitbringen und dafür, was es bei uns zu lernen gibt. Das war der Grundton, und den hatte ich so nicht erwartet.

Y: Kannst du uns einen Abriss darüber geben, was sich seitdem gesamtgesellschaftlich getan hat in dem Bereich? Ich weiß, du hast auch eine passende Archivalie hierzu dabei, zeig mal her!

V: Ja, ich habe im Archiv des Schwulen Museums dieses Foto einer Demo-Reihe der „Solidarität der Uneinsichtigen“ aus Frankfurt gefunden. Das Bild ist 1988 entstanden. Und auf einem der Transparente ist zu lesen: „Der Staat greift zu – erst die Nutten, dann die Schwulen, dann DU!“ Eigentlich fehlen da noch die Fixer, also die Drogen-Gebrauchenden, und die „Ausländer“; die kamen erst später dazu. Aber ich finde, das beschreibt unsere aktuelle politische Entwicklung sehr gut. Wenn Verfolgung in einer Gesellschaft passiert, und diese passiert in der deutschen Gesellschaft zyklisch, dann in etwa so. Diesen Grundton schlagen wir auch in der Ausstellung an, genau das ist die Geschichte der Sexarbeit: Leute denken, sie erfinden das Rad neu und wollen hier etwas kriminalisieren, dort etwas liberalisieren. In Wahrheit ist das alles schon mehrmals passiert in der Geschichte. Wir befinden uns gerade in einer Abwärtsspirale gesellschaftlich, die durch einen großen Regress geprägt ist und Repression und Gewalt mit sich bringt. Die Rechte von Minderheiten und marginalisierten Positionen werden wieder hinterfragt. Kriminalisierung wird als Schutz und Rettung getarnt, bewirkt aber effektiv das Gegenteil – und das zeigen viele menschenrechtsorientierte Studien. Alle, die in den Untergrund tauchen müssen, haben weniger Zugang zu ihren Rechten und können diese dann auch nicht mehr einklagen. Das ist nicht der Weg!

Y: Stabile Analyse! Wie bist du dann in deinem jetzigen Ehrenamt im Vorstand gelandet?

V: Ich wurde tatsächlich angefragt. Ich hätte selbst nicht so richtig daran gedacht, aber je mehr ich dann gegrübelt hab, desto mehr machte es Sinn. Ich habe erstmal sehr vorsichtig geantwortet, weil ich eigentlich gerade in einer Phase bin, wo ich weniger Sachen machen wollte, aber naja, hier sind wir jetzt (lacht).

Y: Mit welcher Intention bist du das Amt angetreten?

V: Ich komme nicht mit der Intention, hier großartig Dinge zu verändern. Ich möchte den Ort eigentlich unterstützen, dass der Laden weiterlaufen kann. Ohnehin sehe ich einen Riesenunterschied zwischen dem SMU von 2018 und 2026; es hat sich vieles in den Bereichen Professionalisierung, Struktur und Transparenz verbessert. Und auch wieder im Sinne dieses fürsorglichen Gedankens weiß ich es wertzuschätzen, dass das Schwule Museum sich selbst als Infrastruktur für marginalisierte Perspektiven zu verstehen weiß. Für mich gehören dazu Outreach und Kooperationen mit Communities. Momentan denke ich auch in Richtung internationale Kooperationen, wie in etwa eine europaweite Vernetzung von verschieden queeren Archiven und Museen. Aber da ist noch nichts spruchreif, und ich finde mich behutsam ein.

Y: Nun hast du 2019 ‚Objects auf Desire‘ ausgestellt, wo die Lebensrealitäten von Sexarbeitenden über Gegenstände erzählt, greifbar gemacht und differenziert dargestellt wurden. 2023 hast du, unter anderem, einen „Hurenritt durch die Geschichte“ mit dem Namen ‚With Legs Wide Open‘ ans Haus gebracht…

V: Ja, bei WiLeWo hatte ich das Gefühl, wir können eine größere Erzählung angehen, denn wir haben einen Safer Space, eine Infrastruktur und auch eine Förderung.

Y: In manchen Kontexten der Ausstellung bist du anonymisiert aufgetreten. Darf ich dich fragen, warum Anonymität und Pseudonymität so eine wichtige Rollen in deinem Leben und für deine Arbeit spielt?

V: Ich wünschte, es wäre anders! Ich habe keinerlei intrinsischen Wunsch danach, und eigentlich widerspricht es auch total meinem Wesen. Ich bin ein offenes Buch! Aber ja, ich habe verschiedene Identitäten und Pseudonyme, die gehen kreuz und quer. Grund dafür ist, dass wir in einer Welt leben, in der Stigma sehr real ist und in der Diskriminierung auf verschiedene Subjektivitäten, zu denen ich zähle oder die auf mich projiziert werden, ausgeübt wird. Ich kann jetzt auch gar nicht so genau darüber sprechen, sonst gebe ich allen Lesenden ein Handbuch dafür, wie man mir Stricke dreht.

Y: Teil deiner Praxis ist es ja auch, verschiedene Figuren zu verkörpern, wie ‚die Nymphe‘ oder ‚die Ewige Hure‘…

V: Die Nymphe war anfangs ein Kunstprojekt, das sich zu einem Drag-Alter-Ego entwickelt hat. Für mich macht das auf mehreren Ebenen Sinn, auf poetischer, mythologischer… Die Ewige Hure ist noch gar nicht so alt: sie ist beim Erarbeiten der Ausstellung ‚Objects of Desire‘ entstanden und ist sowas wie die alte Tante der Nymphe, gehört also zum Familienbild dazu.

Y: Teilen sich auch manchmal einen Hut, hab ich gesehen!

V: Genau (lacht). Die hängen in jedem Fall zusammen. Ich kann mir vorstellen, dass auf eine künstlerisch aktivistische Weise immer wieder solche Verwandtschaften entstehen, die als Charaktere ein bestimmtes Highlight hervorholen. Ich sehe das als ein Sich-Vorarbeiten in Schichten von dem, was meine Person ausmacht. Und in einem poetischen Verhältnis habe ich das Gefühl, das Ganze ist älter als meine jetzige Erfahrung. Dann wird die Arbeit auch zu einer Art Nachspüren, wie eine Zwiebel, in die ich immer weiter vordringe, um Facetten, Formen und Ästhetiken meiner Selbst zu erfahren.

Y: Die ewige Zwiebel also… Das SMU hat With Legs Wide Open als Publikumsliebling erlebt. Wie hast du die Rezeption der Ausstellung wahrgenommen?

V: Ich erinnere mich, dass wir bei der Eröffnung Rekordzahlen bei den Besuchenden erreicht haben! Ich erinnere mich, auf diesem Bett in der Ausstellung gestanden zu haben und mir die Tränen verkneifen zu müssen, weil ich so berührt war… Ich könnte direkt wieder anfangen zu heulen… Es waren eben nicht nur Sexarbeitende da, es war wirklich intersektional! Das Gästebuch war voll mit Lob und Kritik, in der Story-Box, die wir eigentlich für Sexarbeitende aufgestellt hatten, haben manche Kunden ihre Geschichten eingeworfen. Das war schon lustig. Auch wurde mir da klar, dass es sowohl viele junge Queers bewegt, wie auch Leute, die damit noch nie Kontakt hatten, oder Menschen, die hasserfüllte und ideologisierte Kommentare abzugeben hatten; aber selbst bei denen, hatte ich das Gefühl, wurde irgendwas ausdifferenziert. Der Ansatz, mit der Kulturgeschichte zu arbeiten, ist deshalb so toll, weil mit diesem nicht versucht wird, Sexarbeit zu romantisieren, zu legitimieren, dafür zu werben oder sie zu verurteilen. Eher geht es darum, zu sagen, was real ist, welche Geschichte es gibt und welche Kulturen daraus entstanden sind – Subkulturen und Communities, die bis heute existieren!

Y: Warum erschien euch das Schwule Museum als der richtige Ort, um diese Kulturgeschichte zu erzählen?

V: Naja, zum einen ist das Museum eigentlich auf uns zugekommen, mit der Idee und den Möglichkeiten für eine Antragsstellung. Aus unseren bestehenden Recherche war sowieso klar, dass es sich um eine intersektionale Geschichte und Bewegung handelt, die auch queere Geschichte umfasst. Und da ein Vertrauensverhältnis als Allies sowieso schon geschaffen war, konnte ich das recht einfach annehmen.

Y: Das SMU hatte sich im Zuge dieser Schau tatsächlich vorgenommen, eine ernste und engere Allyship mit Sexarbeitsgemeinschaften einzugehen. Nun, mit etwas zeitlichem Abstand, würdest du sagen, das ist uns gelungen?

V: Ich glaube schon, dass das Projekt sehr empowernd war. Vor allem in der Berliner Szene. Darüber hinaus weiß ich, dass viele aus der Community es gesehen haben und Feedback dazu hatten. Wie bei allem Aktivistischen gab es unterschiedliche Meinungen, auch welche zu Leerstellen und Sichtbarkeit. Zum Beispiel gab es Kritik daran, dass die Ausstellung zu wenig aus der aktuellen Bewegungsgeschichte gezeigt hat.

Y: Jetzt wandert With Legs Wide Open gerade nach Bonn an die Bundeskunsthalle und eröffnet am 1. April 2026. Bessert ihr bei der Gelegenheit auch gleich inhaltlich nach?

V: Wir versuchen, zum Beispiel diesen Aspekt besser darzustellen; aber das entpuppt sich jetzt schon wieder als Problemchen… Ich habe hunderte E-Mails geschrieben mit der Community, also den ganzen unterschiedlichen Organisationen, aber wir geraten an Limitationen mit der Finanzierung, mit Platz und auch in der Kommunikation mit dem Museum – das ist sehr schade! Da, muss ich auch sagen, war die Arbeit mit dem Schwulen Museum deutlich smoother: wie das Budget eingesetzt wurde, war hochgradig transparent und wir hatten Mitspracherecht. In Bonn ist diese Transparenz nicht gegeben, was aber mit Sicherheit auch mit der Größe der Organisation zu tun hat. Klar hat das SMU diesen Leitsatz „Nothing about us without us“ nicht perfekt umsetzen können, irgendwas läuft immer schief. Aber wir haben uns sehr ernst genommen gefühlt und diese Ernsthaftigkeit auch in der Umsetzung gespürt. Das SMU hat uns Kuratierenden signalisiert: „wir sind für euch im Service“, und uns gleichzeitig praktisch und logistisch unter die Arme gegriffen. In der Hinsicht hatten wir natürlich auch eine Menge zu lernen. Aber auf inhaltlicher Ebene war klar, das dass Museum unsere Autor*innenschaft nicht in Frage stellt oder einschränkt. In Bonn ist die Ausstellung eher so strukturiert, dass die Kuratierenden und das Haus gemeinsam sprechen, wir teilen uns die Stimme. Das ist eine ganz andere Perspektive. Das war auch von Anfang an klar, weil in Bonn ein anderes Publikum ins Haus kommt. Für die Besuchenden da muss die Ausstellung viel mehr Grundlagenbildung betreiben. Zudem gibt es die Idee, dass das Argument der Ausstellung stärker wird, wenn nicht nur ‚die Huren‘ sprechen, sondern auch eine scheinbar neutrale Institution. Diese Neutralität stellen wir per se in Frage, da wir eigentlich nicht glauben, dass es in einem Feld der Marginalisierung einen neutralen Ort gibt. Das ist so, als würde man eine Ausstellung über ‚Frauen‘ machen und sagen, eine nicht-betroffene (heteronormative, männliche) Perspektive in der Erzählung wäre irgendwie neutral, weil diese Perspektive die gängige ist. Das ist absurd! So ist es eben auch mit der Sexarbeit, allerdings sind wir wohl noch nicht so weit, so dass das eingängig wäre. Das alles ist aber sowieso nochmal ein anderes Thema… Für den Moment sehe ich den Wert der Strategie einer gemeinsamen Stimme gegenüber einem Publikum, das bestimmte Dinge hören kann und andere eben nicht, oder auch nicht hören möchte. Auf eine Art profitieren wir so von der institutionellen Macht des Hauses. Das ist sehr wichtig in einer Zeit, in der die Politik wieder mehr Richtung Sexkaufverbot drängt und konservative, sex work-feindliche Diskurse Anklang finden.

Y: Wie cool, dass das Projekt aus der Berliner Bubble rauskommt und Bonn als Plattform nutzen kann! Deren Besuchendenzahlen sind tatsächlich mehrfach so hoch wie unsere…

V: Ja, wir weiten die Erzählung dementsprechend auch aus. Sie ist dann nicht mehr eine Erzählung Berlins, sondern eine bundesweite. Trotzdem spüre ich gerade wieder, wie schwierig die Kommunikations- und Entscheidungswege in so einer großen Institution sind. Die Hierarchien im SMU sind deutlich flacher und passieren so mehr auf Augenhöhe. Dieser starke Kontrast bringt mich auf einen Gedanken, den ich bereits in meiner Bewerbung für den Vorstand formuliert hatte: den einer fürsorglichen Institution. Normalerweise ist es für Institutionen integral, sich selbst zu erhalten, auch wenn sie damit gegen die Individuen gehen müssen, die in ihr sind. Da gibt es so ein selbstperpetuierendes Moment, und das steckt schon irgendwie im Namen drin: sich zu institutionalisieren, etwas einzurichten und (lateinisch) zu unterrichten. Ich denke aber nicht, dass das zeitgemäß ist, sondern eher einer Logik aus dem 19. Jahrhundert entspricht. Die Bürokratie, Machtgefälle, Arbeitsdynamiken und Aufgabenteilungen dieser Logik sind eben keine besonders inklusiven Vorlagen. Sie funktionieren exklusiv und führen viele Asymmetrien unserer Gesellschaft weiter. Als dezidiert queere Institution versucht sich das SMU diesen zu verweigern, und arbeitet mit einer anderen Sensibilität. Das spürt man in der Kooperation, gerade in Momenten von Druck und Stress.

Y: Ich spreche mit Sicherheit für das ganze Haus, wenn ich mich für deine lobenden Worte bedanke…

V: Kritik gibt es immer und die wird auch immer groß sein. Und nötig! Aber ich sehe das SMU als ehrlich gemeinten Versuch, etwas besser zu machen, was wirklich schwierig ist: nämlich intersektional zu arbeiten. Marginalisierte Positionen kreativ und auf Augenhöhe zu sammeln und zu präsentieren.

Y: Danke Valentin!

 

Interview & Foto: Yasmin Künze