Wie lässt sich queere Geschichte nicht nur bewahren, sondern auch lebendig halten? Seit 2022 war Romain Pinteaux Teil des Archivs am Schwulen Museum – nun verabschiedet er sich mit einem Koffer voller Erfahrungen, Erkenntnisse und Forschungsideen. Im Gespräch blickt der Film- und Kunsthistoriker auf drei bewegte Jahre zurück: von der Erschließung der Rosa-von-Praunheim-Sammlung über internationale Begegnungen mit queeren Archivar*innen bis hin zu seiner aktuellen Dissertation zwischen Kunstgeschichte und Critical Medical Humanities. Romain spricht über seine Faszination für Underground-Film, seine Leidenschaft für den Künstler David Wojnarowicz – und darüber, warum Archive für ihn nicht nur Orte des Erinnerns, sondern auch Räume für Selbstermächtigung, Heilung und widerständiges Wissen sind.
Yasmin: Hi Romain! Jetzt setzen wir uns wirklich nochmal vor deinem Abschied zusammen, das freut mich! Wie lange warst du nun im Schwulen Museum?
Romain: Seit September 2022, knappe drei Jahre also! Mein letztes Interview mit dem SMU ist fast genauso lange her, damals war ich gerade erst angefangen. Ich freue mich nochmal sprechen zu dürfen, ich habe mittlerweile eine ganz andere Perspektive aufs Archiv.
Du bist dem Archiv also treu geblieben, ja?
Klar, ich bin immer noch im Archiv und der Sammlung.
Was meinst du mit der Sammlung?
Ach ja, das mit der Sammlung ist zum Beispiel so eine Nuance, die vor ein paar Monaten im Schwulen Museum noch nicht ganz klar war. Jetzt, mit unserer neuen Archiv- und Sammlungsleitung Julia Hartung, ist diese Trennung zwischen Schriftgut und Kunstsammlung viel mehr präsent. Ich habe ja eigentlich Kunstgeschichte studiert und habe gemerkt, dass ich eigentlich die meiste Zeit mehr mit der Kunstsammlung in Berührung war.
Kunststudent, das wusste ich gar nicht!
Ja, ich habe einen interdisziplinären Bachelor studiert, der umfasste Kunstgeschichte und Philosophie. Später habe ich mich dann auf Filmwissenschaft spezialisiert, besonders im Master. Das internationale Masterprogramm, bei dem ich graduieren durfte, hat zwischen Paris, Stockholm und Montreal stattgefunden; das war wirklich eine Bereicherung für mein film- und mediengeschichtliches Verständnis.
Sehr beeindruckend! Mir kam zu Ohren, du arbeitest aktuell auch an deiner Dissertation?
Genau, ich bereite momentan ein Projekt vor. Das findet irgendwo zwischen Kunstgeschichte und Critical Medical Humanities statt. Dabei soll es darum gehen, wie queere Underground-Szenen, besonders die in Marseille und Berlin, neue Gesundheitspolitiken entwickelt haben. Also, wie sie die Problematik der Krankheit gehandhabt und Kämpfe darin geführt haben. Besonders interessant ist für mich natürlich die HIV-Aids-Krise, aber auch die Zeit vor der Gründung der damaligen Kollektive. Zum Beispiel wissen viele Menschen, was die ACT-UP-Koalition gemacht hat, so um 1987. Allerdings liegt der offizielle Beginn der Krise weiter zurück, und zwar 1981 – was ist in diesen sechs Jahren passiert? Die Deutsche Aidshilfe wurde bereits 1983 aktiv, das wäre jetzt exemplarisch so ein besonderer Kontext, den ich mir anschauen will.
Kannst du schon abstecken, welche Themen du dabei anschneiden wirst?
Auf jeden Fall wird es um Recovery, Subjektivität, Selbstnarration in der Krankheit und natürlich auch Marginalisierung gehen. Zu diesen Themen habe ich im vergangenen Jahr auch Führungen durch das Archiv gegeben. Dafür habe ich viel mit dem Jürgen-Baldiga-Nachlass gearbeitet. Dieser hat zusammen mit Aron Neubert eine Fotoserie gemacht, in der er seinen Krankheitsverlauf dokumentiert und somit Kontrolle über diese Darstellung gewonnen hat. Um so etwas geht es mir!
Stimmt, Bildungsangebote machst du ja auch…
Ich meine, wir probieren immer, das Archiv zu aktivieren. Führungen für die Öffentlichkeit oder für spezifische Gruppen machen mir einfach Spaß. Das Publikum ist da immer ein anderes; letzten Monat hatten wir beispielsweise ein paar Gruppen aus den USA. Ansonsten nehme ich auch gerne an Podiumsdiskussionen teil; letztes Jahr durfte ich zum Beispiel am Weltaidstag bei einer Veranstaltung im Delphi-Lux mitreden.
Ich finde den Aspekt des Publikums total interessant. Hast du neue Erkenntnisse im Kontakt gewonnen?
Ja! Bei der Kinoveranstaltung mit Salzgeber hat eine Person aus dem Publikum ihre Erinnerungen aus der Periode erzählt, als HIV/AIDS neu in Deutschland war. Sie war damals Krankenschwester in einem evangelischen Krankenhaus in West-Berlin und berichtete darüber, dass sie viele schwule und queere Patient*innen hatte. Da fragt man sich schon, wie das in so einem religiösen Haus sein kann, aber gerade wegen der religiösen Ausrichtung sprach man nicht über Sexualität, schon mal gar nicht über Homosexualität. So war das einfach kein Thema, auch nicht HIV/Aids, und die Patient*innen wurden regulär behandelt. Sie ist und war damals selber lesbisch und hat sich auch an diese kognitive Dissonanz erinnert, die die Arbeit im Krankenhaus bedeutete. Endeffekt war, dass sie den Arbeitsplatz gewechselt hat. Für solche Begegnungen liebe ich meine Arbeit! Wenn wir Künstler*innen und Aktivist*innen im Archiv treffen, dann ist das Archiv nicht mehr nur ein Keller, wo wir Sachen aus der Vergangenheit aufbewahren, sondern ein lebendiger Ort, an dem wir gemeinsam Sachen neu denken, neu reflektieren können. Klar geht es hierbei auch um die Vergangenheit, aber die kann uns auch helfen, die Zukunft neuzudenken, eine Zukunft für unsere Communities zusammen zu schaffen!
Das hast du wirklich schön gesagt! Wenn ich über dich nachdenke, dann denke ich auch an ein globales Netzwerk an Archivbegeisterten – ich habe das Gefühl, du kommst mit deiner Archivarbeit ganz schön viel rum.
Das stimmt und ist auch der Lieblingsteil meiner Arbeit! Man könnte annehmen, das Archiv ist ein Ort mit viel Staub, irgendwo im Dunklen. Und auch wenn das manchmal zutreffend ist, sieht die Archivarbeit für das Schwule Museum ganz anders aus: In unserem Archiv, oder in unserem Lesesaal, versammeln sich Menschen aus aller Welt, aus den unterschiedlichsten Kontexten. Letztens hatten wir Menschen aus einem Archivzentrum in Vietnam hier, die Probleme hatten, ein queeres Lexikon drucken und veröffentlichen zu lassen. Wir haben ein Exemplar des Buches bekommen und konnten uns austauschen. Da merke ich, dass das Archiv über seine eigentlichen Räumlichkeiten hinaus geht! Und irgendwie hat es auch immer etwas Fetisch-artiges, sich mit Fremden in einem ruhigen Räumchen zu treffen, Handschuhe zu tragen, über Sex, Sexualität, Tod und Trauer zu reden oder erotische Nude-Portraits anzuschauen…
Wow, ob das bei den Staatsarchiven wohl auch so läuft… Kannst du bitte mehr dazu sagen, wie du vom Film zum Archiv gekommen bist?
Als ich als Praktikant am SMU angefangen habe, war eine meiner ersten Aufgaben die Erschließung der Sammlung zu Rosa von Praunheim. Kurz darauf bekam ich die Gelegenheit, beim Dokumentarfilm über Jürgen Baldiga mitzuwirken, für den ich die Digitalisate der Baldiga-Fotos gemacht habe. Kurz darauf bin ich Film-Pate für „Entsichertes Herz“ geworden und zusammen mit Salzgeber für das Queer Film Festival ein paar Worte in die Kamera gesprochen… Solche coolen Chancen haben auf mich an der Schnittstelle zwischen Archiv und Film gewartet, da ist mir das Archiv immer mehr ans Herz gewachsen! Als ich dann noch mit Marion Scemamas Film zu David Wojnarowicz arbeiten durfte, war’s um mich geschehen (lacht)
Dein Liebling, habe ich gehört…
Ja, Wojnarowicz ist wirklich mein Liebling. Hier im Archiv haben wir Material zu ihm produziert. Das hat nachhaltig meine Frage in der Forschung geprägt: wie gucken wir heute auf dieses Material, was genau bedeutet die Wiederverwendung des Archivmaterials in der zeitgenössischen Kunst und zeitgenössischen Filmen? Die HIV/AIDS-Epidemie hat noch nicht ihr Ende erreicht, aber es ist trotzdem interessant zu sehen, was wir heute mit dem Material aus den letzten vier Jahrzehnten machen!
Warum eigentlich der Wojnarowicz?
Ich habe vor zwei Jahren in der Cinémathèque Française eine Vorführung mitorganisiert, wo ich unter anderem einen Film von Wojnarowicz vorgestellt habe. Ich habe ihn vor allem durch meine Forschung und später durch meine Freundschaft mit der Regisseurin und Fotografin Marion Scemama kennengelernt. Er war als Künstler sehr aktiv in der New Yorker Szene in den 1980er, und auch bekannt für seine aktivistischen Fähigkeiten und Tätigkeiten. Gleichzeitig sind seine Filme gar nicht so populär – aber da ich zu Underground-Film arbeiten wollte, bot sich das an. Ich habe heute auch etwas zu Wojnarowicz mitgebracht, willst du sehen?
Auf jeden Fall! Was haben wir hier?
Das ist alles Material, was in Verbindung zu David Wojnarowicz steht! Ich habe hier irgendwann im Personenregister mal nach seinem Namen gesucht und war total überrascht: Da ist wirklich was! Normalerweise gibt es im Personenregister eher Dokumente über Personen, zum Beispiel Zeitungsartikel über XY. Das Material hier aber besteht aus sogenannten Ego-Dokumenten, also persönliche Dokumente von der entsprechenden Person! Solches Material ist eigentlich super selten, und als ich in den Umschlag zu Wojnarowicz geguckt habe, hatte ich sehr wenig Hoffnung. Zu meiner Überraschung habe ich dann aber zum Beispiel diesen Brief gefunden: hier erteilt Wojnarowicz dem Kurator aus dem STOP-AIDS-Project, Andreas Salmen, die Erlaubnis, ein Plakatdesign für eine AIDS-Kampagne zu übersetzen und zu benutzen. Die deutsche Übersetzung des Plakats wurde zunächst für die Ausstellung „Übers Sofa – auf die Straße! Kunst und schwule Kultur im AIDS-Zeitalter“ hier am SMU und an der NGbK angefertigt. Dementsprechend haben wir dieses Plakat auch im Archiv.
Das ist dieses Plakat hier mit dem jungen Kind drauf?
Genau. Und Fun Fact: Das ist Wojnarowicz selbst, als kleiner Junge! Ich finde es total cool, dass es in dem Text auf dem Plakat gar nicht explizit um HIV oder AIDS geht, sondern eher um Homofeindlichkeit. Auch wenn Wojnarowicz als AIDS-Aktivist bekannt ist, hat er das Plakat vor der HIV/AIDS-Epidemie gestaltet. Und trotzdem hat sein Design Einzug in zwei Projekte mit diesem Bezug gefunden. Es ist sehr interessant, wie der Text auf dem Plakat Bezug zum medizinischen System herstellt, und den Umgang mit Gesundheitspersonal. Damals war es beispielsweise gängiger Gedanke, Homosexualität wäre ein Virus im Kopf, den man heilen könne! Also diese Stigmatisierung war schon zuvor da. Und wie Aktivist*innen mit diesem Stigma umgegangen sind, das liegt im Herzen meiner Forschung. Gerade die HIV/AIDS Krise und die aktivistischen Kämpfe darin haben die Disziplin der Medical Humanities stark geprägt.
Also macht sich diese wissenschaftliche Nische sich das Wissen der Bewegung quasi zunutze?
Ja, auf jeden Fall. Die Kompetenzen der erkrankten Menschen, aber auch aller anderen Menschen, die in diesem Zusammenhang Stigmatisierung erfahren haben, werden produktiv gemacht und helfen uns allen dabei, die Beziehung zu Medizin, Körper, Gesundheitsexpert*innen, Krankheit und Tod besser zu verstehen. Dabei geht es natürlich primär um die psychosozialen Aspekte, also sowas wie das Bewusstsein darüber, in welchen Räumen ich über meinen Status spreche oder auch nicht. Solche Wissensbestände sind zum Beispiel aus Peer-Support-Gruppen hervorgetreten, die während der tobenden Krise an Krankenhäusern aktiv waren, aber auch eigene Häuser gegründet haben, um Menschen aus der Community zu begleiten und zu pflegen. Ich finde das sehr stark, dass Queer-Sein hier zur Kompetenz wird! Die Betroffenen konnten ihre Subjektivität behalten, ohne sich von Ärzt*innen pathologisieren lassen zu müssen.
Das Spannungsverhältnis zwischen Queer und Gesundheitssystem ist uns ja auch letztens bei den Tagen zu Magnus Hirschfeld wieder in Erinnerung gerufen worden…
Genau, dieser kritische Blick wird immer relevanter! Und HIV/AIDS ist eben ein guter Startpunkt für diese Auseinandersetzung.
Du verlässt das SMU also mit einem soliden akademischen Unterbau, finde ich gut! Bleibst du dem Haus denn noch irgendwie verbunden?
Auf jeden Fall, ich werde weiterhin Workshops und Führungen mit und über das Archiv geben. Es wird auch noch etwas Arbeit mit der Datenbank anfallen, die ich fertigstellen will. Ich bin aber wirklich sehr dankbar für meine Archival Activist Era hier am SMU! Ich habe viel Selbstbewusstsein für mich und meine Arbeit gewonnen! Das Archiv-Team ist ein kleines mit vielen Aufgaben, das war für mich eine tolle Chance.
Eine gut genutzte Chance, würde ich mal sagen!
(lacht) Vielen Dank!
Vielen Dank an dich, Romain!
Interview und Foto: Yasmin Künze