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In Gedenken an Rosa von Praunheim (1942-2025)

17. Dezember 2025

Wir verabschieden uns von dem Filmemacher, Autor, bildenden Künstler und Aktivisten Rosa von Praunheim, der am 17. Dezember mit 83 Jahren in Berlin gestorben ist. Mit seinem Essayfilm NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS,SONDERN DIE SITUATION, IN DER ER LEBT (später von ihm selbst immer als „Schwulenfilm“ abgekürzt), produzierte er 1970 für den Westdeutschen Rundfunk eine ätzende Tirade gegen die bürgerlichen Schwulen, denen er eine selbstverschuldete Unsichtbarkeit und Passivität vorwarf. Aus den kontroversen Diskussionen nach verschiedenen Fernseh-Ausstrahlungen und der Aufführung auf der Berlinale 1971 entstanden in über 50 Städten in West- und Ostdeutschland die ersten deutschen Schwulengruppen, die zu einer politischen Bewegung wurden.

Rosa wurde 1942 als Holger Radtke während der deutschen Besatzung in Riga geboren, wuchs bei Adoptiveltern in Frankfurt am Main auf, studierte Kunst in Offenburg und Westberlin und nahm dort den Künstlernamen Rosa von Praunheim an. Vom US-amerikanischen Undergroundfilm geprägt begann er Ende der 1960er Jahre selbst mit dem Filmemachen und entwickelte queere Erzählweisen, die er bis zu seinem Tod beibehielt: Spielfilmszenen und dokumentarische Beobachtungen wurden vermischt, Ton und Bild oft kontrastierend eingesetzt, nicht selten – so auch bei dem mit Martin Dannecker geschriebenen NICHT DER HOMOSEXUELLE… – hatte der Erzählton Elemente von Wutrede oder ironischer (manchmal auch ernstgemeinter) Besserwisserei. Diese Ästhetik der schnellen Montage von disparaten Elementen setzte immer Diskussionen in Gang, machte unterschiedliche Positionen sichtbar, half beim Aufbau des Selbstbewusstseins der Community.

1986 drehte Rosa den ersten deutschen Spielfilm über Aids – in der Form eines  queeren Singspiels (!) zeichnete EIN VIRUS KENNT KEINE MORAL mit groben Überzeichnungen und anarchischem Humor die Unsicherheiten, Aufregungen, Verharmlosungen und den aufflammenden Schwulenhass in der Gesellschaft nach. Für einen Eklat innerhalb der Schwulenszene sorgte er drei Jahre später, als er zunächst in seiner AIDS-TRILOGIE (1989/90) gegen Unsafe Sex und Promiskuität polemisierte und zum Selbstschutz der Szene aufrief, vor allem aber, als er im deutschen Privatfernsehen Hape Kerkeling und Alfred Biolek gegen ihren Willen outete. Es war eine Aktion, die tiefsitzende Ängste vor dem Sichtbarwerden außerhalb von Schutzräumen triggerte, obwohl sie den Karrieren der beiden Betroffenen im konkreten Fall nicht geschadet hat.

2007 kuratierte Wolfgang Theis zu Rosas 65. Geburtstag im Schwulen Museum die Hommage „Rosa geht in Rente“, was natürlich Unsinn war. Denn danach produzierte Rosa noch mal über 90 Filme (darunter allein 70 zu seinem 70. Geburtstag 2012), Theaterstücke, Ausstellungen, Gedichtbände und vieles mehr. Zuletzt war Rosa im Sommer 2023 im Schwulen Museum zu Gast, als wir Bilder von ihm und der Künstlerin Richild Holt ausstellten – die beiden hatten sich 1996 in New York gegenseitig gemalt.

Rosas war eine Ausnahmeerscheinung als Medien-Persönlichkeit, unfassbar produktiver Künstler und provokativer Gesprächspartner, was oft darüber hinweg täuscht, dass er sich zeitlebens in queeren Netzwerken bewegt hat und immer wieder Öffentlichkeiten schuf für Menschen, für die sich die Mainstream-Medien sonst nicht interessierten – auch für historische Held*innen der queeren Szene: Magnus Hirschfeld, Anita Berber, Charlotte von Mahlsdorf. Rosa arbeitete jahrzehntelang mit Elfi Mikesch zusammen, die für viele seiner Filme die Kamera führte. Er trat in Filmen von Ulrike Ottinger auf, lebte und arbeitete zeitweilig mit Werner Schroeter zusammen und förderte jüngere Filmemacher*innen wie Axel Ranisch oder Michael Stock.

Für einen seiner letzten Filme, SATANISCHE SAU, erhielt er in diesem Jahr noch den Teddy Award. In der Laudatio der Jury heißt es: „Ein Filmemacher wartet auf den Tod und hat es nicht nötig, vorher die Wohnung aufzuräumen. Die Lebensbilanz wird nicht als Monolog vorgetragen, sondern mit einem Alter Ego als heidnisches Ritual auf der Basis gemeinsamer Erfahrungen exerziert. Das geradezu anfallartige, unablässige Produzieren speiste sich ohnehin aus den lebensbegleitenden queeren Todeserfahrungen: HIV, Morddrohungen, schließlich – das Alter. Sex und Filmemachen sind Gegenmittel zum Verschwinden, Verstummen und Unberührbar-Werden.“

Rosa von Praunheim wird nicht verschwinden. Wir sind in Gedanken bei seinem Ehemann und seinen Freund*innen und Angehörigen.

 

Abgebildet ist ein Ausschnitt eines Porträtgemäldes von La Milli, die als Schauspielerin und Kostümdesignerin zum Freund*innenkreis um Rosa und Elfi Mikesch gehörte. Es zierte damals den Titel von Rosas Buch „Sex und Karriere“ (1978). Die Künstlerin hat das Originalgemälde dem Schwulen Museum geschenkt.