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Veranstaltungsreihe: 50 Jahre Verlag rosa Winkel – Meilensteine schwuler Bücher

30. Oktober 2025

Vorträge zu einzelnen Büchern aus den ersten Jahren des Verlags rosa Winkel.
Programm: Hans Hütt, Moderation: Volker Woltersdorff. Die Veranstaltungen finden in deutscher Lautsprache statt. Der Eintritt ist frei.

30.10.2025: „Tuntenstreit“
20.11.2025: „Schwule Lyrik, schwule Prosa“
22.1.2026: „Sumpf Fieber. Medizin für schwule Männer“
19.2.2026: Der Blick nach Frankreich: „3 Milliarden Perverse“ und „Elemente einer homosexuellen Kritik“
19.3.2026: „Schwul-Comix“

Vom Kampf um Anerkennung und gleiche Rechte zum Lob der Differenz: Meilensteine schwuler Bücher aus den ersten Jahren des Verlags rosa Winkel.

Das ist das Leitthema einer Vortragsreihe, in der Hans Hütt am Beispiel wichtiger Publikationen aus den ersten Jahren des Verlags rosa Winkel einen Rückblick auf diese Anfänge wirft. 1969 war der StGB-Paragraph 175 stillgelegt, aber noch nicht abgeschafft worden. Liberalität stand weiter unter Vorbehalt. Diskriminierung fand weiterhin statt – unter dem Radar einer sich für aufgeklärt haltenden Gesellschaft. „Aufklärung“ fand nicht etwa durch Immanuel Kant in den öffentlichen Diskurs, sondern durch die zwielichtige Prosa Oswalt Kolles.

Anfang der 1970er bildeten sich am Rand der entstehenden alternativen Kultur neue Gruppen, vorneweg die HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin). Ihre internen Diskussionen gewannen ab einem frühen Zeitpunkt eine erstaunliche Relevanz, aber noch außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung in den Medien. Eine damals neue Stimme im öffentlichen Diskurs einer sich für aufgeklärt und liberal haltenden Gesellschaft erklang.

1975 wurde der Verlag rosa Winkel als erster Verlag der noch jungen Schwulenbewegung von Volker Bruns und Peter von Hedenström gegründet, nicht zuletzt um diesen Stimmen einer neuen Bewegung eine verlegerische Heimat zu geben. 1978 übernahm Egmont Fassbinder die Federführung, bis 1981 auf Anregung von Peter von Hedenström gemeinsam mit Hans Hütt. Seit 2001 ist der Verlag nicht mehr aktiv, die GmbH wurde 2005 liquidiert. Seine Bestände und einige seiner Reihen wurde vom Hamburger Männerschwarm Verlag übernommen bzw. weitergeführt.

2025 wäre der Verlag 50 Jahre alt geworden, ein guter Anlass also, um an dieses Pionierprojekt zu erinnern. In seiner Vortragsreihe stellt Hans Hütt fünf Titel vor, die das Profil des Verlags skizzieren und in ihrem jeweiligen Genre bahnbrechend waren.

Hans Hütt ist Politikwissenschaftler. Im Dudenverlag erschienen mehrere Bücher über Wörter aus fünf Jahrzehnten. 15 Jahre hat Hütt als strategischer Planer für Kommunikationsagenturen in Frankfurt, London und Berlin gearbeitet. Seit 2014 schreibt er als freier Autor für die Feuilletons der FAZ, der Süddeutschen Zeitung und der Zeit. 2014 erhielt er für den Essay „Angst vor der Gleichheit“ den Michael-Althen-Preis der FAZ.

Das Programm:

30. OKTOBER
„Tuntenstreit“
Tuntenstreit: Theoriediskussion der Homosexuellen Aktion Westberlin.
Hrsg. Homosexuelle Aktion Westberlin, Verlag Rosa Winkel, 1975

Ein in der HAW ausgetragener Konflikt wurde zum Thema der ersten Publikation des Verlags rosa Winkel: der Tuntenstreit. Das diskriminierende Wort galt nun als Schmuck, wurde Anlass zu Stolz und und wurde eine Waffe im Kampf gegen eine Diskriminierung, die sich als liberal bezeichnete, aber die „Tunten“ weiterhin ausgrenzte. Was waren (sind) sie für Erscheinungen? Wie provozierten sie und warum? Was war an ihnen so ungemütlich in der Zeit, in der Caféhaustische in der Bleibtreustraße mit Filzteppichen bedeckt waren? Wie kam dieser Diskurs in den intellektuellen und universitären Milieus der späten 70er Jahre an? Welchen Beitrag leistete das Buch zu einer Selbstentdeckung und einem Lob der Autonomie, die einige Jahre später durch den Zürcher Psychoanalytiker Fritz Morgenthaler zu einem Focus seiner Essays in der Zeitschrift „Psyche“ wurden? Was schien Tunten so gefährlich zu machen? Last not least: erklingt in diesem Band nicht aus der Ferne des letzten Jahrhunderts ein Echo auf die Debatten über Queer Culture von heute?

20. NOVEMBER
„Schwule Lyrik – schwule Prosa“

Schwule Lyrik, Schwule Prosa – Eine Anthologie. Hrsg. Elmar Kraushaar, Verlag Rosa Winkel, Berlin 1977

Der von Elmar Kraushaar herausgegebene Band „Schwule Lyrik – schwule Prosa“, eine belletristische Anthologie nahm für sich in Anspruch, einer eigenständigen schwulen Literatur zu vielfältigen Stimmen und Anschaulichkeit zu verhelfen. Wie sah die Resonanz darauf aus – Jahre, nachdem Hubert Fichte und Rosa von Praunheim bereits mit eigenen Werken den Boden dafür bereitet hatten? Wie reagierten Literaturwissenschaft und Literaturkritik darauf? Wurde der Anspruch, schwulen Autoren zu einer eigenen Stimme zu verhelfen, ernst genommen oder lächerlich gemacht? Wie sah im internationalen Vergleich (England, Frankreich, Amerika, Lateinamerika) die schwule Literatur aus? Welche Maßstäbe wurden an sie angelegt oder – um es optimistisch zu wenden – eigens entwickelt?

22. JANUAR 2026
„Sumpf Fieber – Medizin für schwule Männner“

Hrsg. Autorengruppe schwule Medizinstudenten, Verlag rosa Winkel, 1978

Mit dem Sachbuch „Sumpffieber – Medizin für schwule Männer“ antwortete eine Gruppe von Berliner und Münchner Medizinstudenten zwei Jahre vor dem Beginn der HIV/AIDS-Pandemie auf die toten Winkel einer Gesundheitswirtschaft, die abgesehen vom liberalen Inselchen Westberlin, mit offen schwulen Patienten bestenfalls robust und ignorant, schlimmstenfalls hart diskriminierend umging. Die Autoren hatten den Vorteil, dass sie in ihrem Umfeld frühzeitig von bereits niedergelassenen Ärztenin ihrem Vorhaben unterstützt wurden, weil sie in ihrer Praxis wahrgenommen hatten, wie homosexuelle Männer im Gesundheitsbereich diskriminiert wurde. Zwar gab es (in Westberlin) mit den Beratungsstellen für sexuell übertragbare Krankheiten durchaus bereits ein Netz von Anlaufstationen zur Diagnose und Therapie, aber oft fand man sich dort eher in einem Milieu, in man zusammen mit Sexarbeiter*innen mit Herablassung und Verachtung behandelt wurden. Das Buch war ein früher Meilenstein für den autonomen Umgang von schwulen Männern mit Gesundheit und Krankheit.

19. FEBRUAR 2026
Der Blick nach Frankreich

Elemente einer homosexuellen Kritik : französische Texte 1971 – 77, übersetzt und hrsg. von Bernhard Dieckmann u. François Pescatore. Schwule Texte 4, Verlag rosa Winkel, 1979
Drei Milliarden Perverse. Übersetzt und hrsg. v. Bernhard Dieckmann und François Pesactore. Schwule Texte 5, Verlag rosa Winkel1 980

Mit den beiden Essay-Bänden „Elemente einer homosexuellen Kritik“ und „Drei Milliarden Perverse“ brachten der Verlag die ganz andere Welt belesenster funkelnder Essayistik aus dem französischen Sprachraum nach Deutschland. Zwar hatte der avantgardistische Theorieverlag Merve und teilweise sogar auch Suhrkamp bereits Wind davon bekommen, was sich da abspielte, aber so richtig wagten sie sich an diese Schattenseiten von Deleuze, von Guattari, von Barthes und von Foucault nicht heran. Es wirkt im Rückblick wie eine editorische Amputation, dass die etablierten deutschen Verlage diese Seiten ihrer prominenten Autoren nicht über den Rhein kommen lassen wollten.
Ein besonderes Highlight sind die Originalgraphiken des brasilianischen Künstlers Arlindo Daibert mit dem Titel „Fragmente eines amourösen Diskurses“ , die über Umwege nach Berlin navigiert wurden. Sie sind eine Referenz an Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ (Fragments d’un discours amoureux, 1977) und wurden mit Arlindos Erlaubnis in „Drei Milliarden Perverse“ aufgenommen. Es war sensationell, dass die brasilianischen Schwulen unter den Bedingungen der brutalen Verfolgung durch die Militärdiktatur zu so einem Selbstbewusstsein gefunden und damit deutlich gemacht hatten, selbstbewusster Teil einer weltweiten Bewegung zu sein.

19. MÄRZ 2026
„Schwul-Comix“ 

von Ralf König. Verlag rosa Winkel 1980

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