Das Sweetmeet-Netzwerk ist eine internationale Plattform für künstlerische Zusammenarbeit, an der LSBTIQ*-Künstler*innen aus Bangladesch und Deutschland teilnehmen. Das Netzwerk war während der Pandemiejahre aktiv und erlebte, wie Künstler*innen und Aktivist*innen aus beiden Ländern online durch Workshops und gemeinsame Projekte die kollaborative Zusammenarbeit erprobten, um Solidarität, Intimität und Freund*innenschaft in einem Moment der sozialen und emotionalen Distanz zu fördern. Nach drei Jahren Tätigkeit präsentiert das Sweetmeet Network die Sweetmeet Shindook, eine einzigartige kollaborative Wanderausstellung, die durch die Verbindung zwischen den beiden Communities in den beiden Ländern entstanden ist.
Shindook ist ein Urdu-Hindi-Bangla-Wort für eine Schatztruhe und beschreibt dekorative Truhen, die vererbt werden und die in südasiatischen Haushalten eine zentrale Rolle spielen. Sie fungieren als Archive von persönlichen Objekten für eine Bevölkerung, die historisch Migration und Flucht durch die Teilung des Landes, Kriege und soziopolitische Umwälzungen über hoch militarisierte und feindliche nationale Grenzen hinweg überlebt hat. Die Truhen werden oft von Frauen an die nächste Generation weitergegeben und enthalten wertvolle Besitztümer, persönliche Tagebücher, Archive marginalisierter Identitäten und deren Überleben. Ausgehend von diesem Objekt-Archiv des Shindook hat das Sweetmeet-Netzwerk in beiden Ländern gemeinsam zwei reisende Shindooks geschaffen, zusammengesetzte Archive persönlicher Kunstwerke, die als Geschenke an das Netzwerk im jeweils anderen Land als Ausstellung geschickt werden. Jedes der beiden Shindooks enthält sehr persönliche künstlerische Arbeiten, die die Hoffnungen, Träume, Kämpfe und Freuden der verschiedenen queeren Communities widerspiegeln, denen die Künstler*innen sowohl in Bangladesch als auch in Deutschland angehören.
Über den Bangladesh Shindook
Im April 2024 wurde ein*e queere*r Veranstaltungsorganisator*in bei einer Party in Dhaka, Bangladesch, verhaftet, was die Community erschütterte. Der Vorfall entfachte abermals Gespräche über Hoffnungslosigkeit, Aufbruch und Sehnsucht. Und über eine Frage, die in queeren Räumen in Zeiten politischer Ungewissheit und Unruhen immer wieder auftaucht: Was bedeutet es, zu gehen? Das Shindook ist eine Antwort auf diese Frage – ein bewegliches Archiv, ein sich ständig wandelndes Gefäß der Erinnerung, des Dialogs und des Überlebens. Verankert in den Beiträgen von Künstler*innen, Organisator*innen und Aktivist*innen, stellt das Shindook aus Bangladesch die Konventionen des queeren Geschichtenerzählens in Frage. Er stellt nicht nur die Frage, was wir mitnehmen, wenn wir gehen, sondern auch, wie wir an uns selbst festhalten, wenn wir uns zwischen Räumen, Ländern und Identitäten bewegen. Die gesammelten Objekte tragen eine zutiefst persönliche Geschichte in sich. Die Objekte spiegeln die Heterogenität eines Kollektivs wider, das alles andere als homogen ist – wo Unterschiede in Identität, sozialer Klasse, Privilegien und Lebenserfahrung die Konturen der Zugehörigkeit prägen. Das Shindook wird zu einem Prisma, in dem sich die komplexen Realitäten der queeren Existenz brechen. Jeder Beitrag hier – ein Talisman, eine Erinnerung, ein Lebensfragment – ist ein Portal in die einzigartige Realität seines*ihrer Trägers*Trägerin. Das Shindook ist in den letzten fünf Monaten durch zahlreiche Städte und Orte in Bangladesch gereist. Durch seine Reisen dekonstruiert er traditionelle Formen des Geschichtenerzählens und schafft einen Raum, der Grenzen überschreitet. Es fängt nicht nur die Emotionen des Aufbruchs ein, sondern auch die zeitlichen und räumlichen Realitäten, in denen Queerness gelebt wird. Dialoge und Diskussionen stehen im Mittelpunkt dieses Prozesses, bei dem die Teilnehmer*innen ihre kollektive Geschichte auf der Durchreise neu erfinden und gestalten.
Das Shindook aus Bangladesch, seine Objekte und ihre Geschichten werden schließlich im Archiv des Schwules Museums aufbewahrt, nicht nur als materielle Artefakte, sondern als lebendiges Echo einer Zeit, eines Ortes und des andauernden Kampfes queerer Individuen, etwas zu schaffen, Widerstand zu leisten und zu überleben. Shindook ist mehr als ein Archiv; es ist ein Zeugnis für das Überleben von Queers und ein Zeugnis für die Widerstandsfähigkeit des Kollektivs. Es verkörpert die Reisen, die wir unternehmen, die Räume, die wir zurücklassen, und die neuen Welten, die wir aufbauen, während wir vorwärts gehen. Im September 2024 begann das Shindook aus Bangladesch seine Reise und zog von einem Ort zum anderen, wobei jede*r Künstler*in ein Objekt beisteuerte, das er*sie als besonders wertvoll erachtete – etwas, das seine*ihre gelebte Realität einfängt, die oft in einem Grenzbereich existiert, weder hier noch dort. Jetzt ist das Shindook in Berlin angekommen, wo diese Objekte ausgestellt sind.
Kurator*innen: Tanvir Alim, Promona Sengupta
Projekt in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Bangladesh
Bildmotiv: Nahid Hassan (Kunst & Foto)