burger Button

Ehrenamtliche*r des Monats: Sydney Ramirez

1. Juli 2020

„Pornos sind Teil queerer Kultur“

Sydney Ramirez aus Boston studiert Geschichte an der Berliner Humboldt-Uni und engagiert sich ehrenamtlich im SMU – vor allem in der Bibliothek ist sie dort zu finden und hilft Besucher*innen sich in den Regalwänden aus über 20.000 Titeln zurecht zu finden. Im Interview erzählt sie, wie sie sich neben ihrem Museums-Amt für den Kampf gegen rassistische Polizeigewalt engagiert, was sie an Pornos spannend findet und warum ihr Lieblingsbuch aus der SMU-Bibliothek ein Kochbuch ist.   

SMU: Hallo Sydney! Wenn du nicht im Schwulen Museum bist, wie verbringst du deine Zeit?

Sydney: Gerade wegen der aktuellen Situation und der bestehenden Kritik an rassistischer Polizeigewalt beschäftige ich mich viel mit der Unterstützung verschiedener Einrichtungen. Sowohl in den USA, wo ich herkomme, und auch in Berlin – wie zum Beispiel für die Kampagne für Opfer der rassistischen Polizeigewalt oder Hydra e.V, einem Verein für Vernetzung und Beratung für Sexarbeiter_innen*. Viele überlegen gerade, was man als weiße Person in einer Gesellschaft machen kann, in der Diskriminierungen sehr häufig sind. Ich studiere, habe also nicht viel Geld, aber das was ich an Konzertkarten in letzter Zeit gespart habe, kann mensch schon mal spenden. Das erschien mir als gute Möglichkeit, mich zu engagieren. Ich spreche auch viel mit meiner Familie und meinen Freund*innen über solche Möglichkeiten, Unterstützung zu zeigen. Ansonsten mache ich gerade meinen Master in Geschichte an der Humboldt Universität, ich lese und koche sehr gerne und ich leite einen Lesekreis über feministische Theorie. 

Du hast gesagt, dass du sonst gerne auf Konzerte gehst. Auf was für welche denn? Und was ist deine liebste Musikrichtung?

Das ist die Frage, die ich am allerwenigsten gern gestellt bekomme (lacht). Das ist sehr unterschiedlich. Ich war letztens auf dem Konzert von Jenny Hval im HAU, das war halb Performance, halb Konzert, das fand ich gut. Sie macht ‚Creepy Pop‘-Musik. Aber gerade habe ich mir auch ein Stream-Konzert über Twitch angesehen, musikalisch ging das in die Richtung Noise und Ambient. Das fand ich auch witzig, dass man das so hinkriegt. 

Wie bist du mit dem Schwulen Museum in Berührung gekommen?

2015 habe ich das Museum als Touristin das erste Mal besucht, zu der Zeit habe ich in Hamburg ein Austauschjahr in Hamburg im Rahmen meines Studiums gemacht. Im Jahr 2017 habe ich meinen Master an der Humboldt Universität in Berlin begonnen. Dort hab ich später Ben Miller vom SMU-Vorstand kennen gelernt. Wir haben zusammen einen Kurs an der Uni unterrichtet über queere Geschichte, und als das Semester zu Ende war und mir das Engagement mit dem Thema fehlte, meinte er zu mir: „Komm ins Museum!“ Er sagte, es gäbe im Bereich Bibliothek und Archiv freie Plätze. Und das ist die Arbeit, für die ich mich am meisten interessiert habe. Ich habe über die Website einen Platz im Ehrenamtlichen-Team angefragt und hatte kurze Zeit später ein Gespräch mit Archivleiter Peter Rehberg. 

Was machst du in der Bibliothek und was findest du an deiner Arbeit so spannend?

Ich sitze hinter dem Tresen, und wenn Menschen Fragen haben, wie sie ein Buch finden oder wie sie den Katalog benutzen sollen, helfe ich ihnen. Dabei geht es auch manchmal um Porno-Sachen, das macht mir immer viel Spaß. Aber auch die anderen Materialien, die vom Archiv in die Bibliothek kommen, sind immer sehr spannend. Ich komme durch meine Arbeit oft ins Gespräch mit den Menschen über das, was die forschen und es ist immer interessant, mit neuen Themen in Berührung zu kommen. 

Warum findest du die Pornos so spannend?

Ach, ich glaube ich kenne niemanden, die*der nicht gerne Pornofilme anschaut, ich glaube das bereitet allen eine Freude (lacht). Das Archiv hat einen großen Bestand davon, denn Pornos sind ein Teil queerer Kultur, deswegen besteht hier auch ein geschichtswissenschaftliches Interesse von mir. 

Warum ist das Schwule Museum für dich ein wichtiger Ort?

Dabei muss ich an eine Anekdote einer Freundin denken, die in den Lesbian Herstory Archives in New York gearbeitet hat. Sie sagte, dass sie diejenigen sind, die dafür kämpfen, dass das Archiv erhalten bleibt. Wenn das Haus in Flammen aufgehen würde, wissen die Menschen, die dort arbeiten, was unbedingt gerettet werden muss – und sie wären bereit, das zu tun. So ist es hier auch. Ich habe kein großes Vertrauen darin, dass der Staat oder andere Museen wissen, was für die queere Kultur wichtig ist. Deshalb finde ich es so wichtig, dass es das Museum und speziell das Archiv gibt. Außerdem sieht man hier im Museum die queere Kultur so lebendig. Ich denke dabei beispielsweise an Veranstaltungen wie das Medical-Lube-Wrestling im vergangenen Dezember, das im Rahmen der ‚,Trial and Error‘‘-Ausstellung stattgefunden hat. So muss mensch nicht immer in Bars oder Clubs gehen, sondern hat auch noch einen anderen Ort, um mit Menschen in Kontakt zu kommen. 

Hast du einen Buchtipp aus der SMU-Bibliothek?

Es gibt in der Bibliothek ein Marlene-Dietrich-Kochbuch, das ist eine ständige Empfehlung von mir. Marlene Dietrich hat anscheinend ein sehr berühmtes Rührei gekocht. Das Rezept nehme ich immer. Es gibt eine Kochbuch-Abteilung in der Bibliothek, die meiner Meinung nach viel zu wenig benutzt wird!