Der Nachlass Brucks im Schwulen Museum

Das Schwule Museum wurde 1985 gegründet. Es ist heute weltweit eine der größten und bedeutendsten Institutionen, die die Geschichte und Kultur der GLBTIQ-Communities sammelt, erforscht und vermittelt. Wesentlich zum Erfolg des Hauses beigetragen haben private Sachspenden und Nachlässe, aus denen sich der einzigartige Archivbestand zum Großteil zusammensetzt. In der Vereinssatzung heißt es dazu: „Aufgabe des Museums ist die Erforschung des Alltags, der Kultur und der Bewegung homosexueller und transgeschlechtlicher Menschen aus allen Zeiten. Es werden Kunstwerke, Bücher, Dokumente und Materialien hierzu gesammelt und diese der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.“

Als ein besonderer Glücksfall erwies sich hierbei der Kontakt zu dem Berliner Grafiker Eberhardt Brucks (1917–2008), der 1998 im Zuge der Recherchen zur Ausstellung Der Kreis zustande kam und bis zu seinem Tod bestehen blieb. Für das Schwule Museum war Brucks ein wichtiger Zeitzeuge. Der achtsame Umgang mit seiner Lebensgeschichte und die gewissenhafte Handhabung seiner Sammlungsstücke bestärkten ihn in dem Entschluss, das Museum zum Haupterben zu bestimmen. Er vermachte dem Museum nicht nur seine Wohnung mit seiner gesamten, äußerst umfangreichen und vielschichtigen Sammlung, sondern ermöglichte mit seinen finanziellen Mitteln auch deren Erschließung.

 

1917 bis 2008 Eberhardt Brucks

Unerschrockenheit und Rückzug, Gottvertrauen und Berechnung, aber vor allem Glück kennzeichnen den langen Lebensweg von Eberhardt Brucks. Trotz gesellschaftlicher Umbrüche und politischer Zwänge gelang es ihm, als schwuler Mann und als Künstler in allen Phasen seines Lebens geistige wie sexuelle Freiräume zu erschließen und diese für sich zu nutzen. Die Zeit des Nationalsozialismus und die Nachkriegsjahre bis zur Liberalisierung des Paragrafen 175 im Jahr 1969 überstand er unbeschadet.

Brucks lebte nach außen hin unauffällig in Berlin. Von 1933 bis zu seinem Tod bewohnte er eine Zweizimmerwohnung in Lankwitz – einem eher kleinbürgerlich geprägten Stadtteil im Südwesten der Stadt. Brucks lebte dort zusammen mit beiden Eltern. Nach dem Tod des Vaters ein Jahr nach Kriegsende wohnten Mutter und Sohn weiterhin gemeinsam in der Lankwitzer Wohnung, bis auch sie 1978 verstarb.

Eberhardt Brucks wurde 1917 in Berlin-Lichtenrade geboren und wuchs in einer religiös geprägten Familie auf, deren wirtschaftliche Existenz als Gärtnereibesitzer durch Inflation und Wirtschaftskrise zerstört wurde. Dieser Umstand sowie eine angeborene körperliche Behinderung ließen ihn schon früh nach einer Gegenwelt suchen. Diese entdeckte er in Literatur, Musik, Film und Kunst. 1936 begann Brucks eine Ausbildung zum Kostüm- und Bühnenbildner an der Textil- und Modeschule Berlin. Noch bevor er dieses Studium abschließen konnte, musste er 1938 den nationalsozialistischen Arbeitsdienst antreten. Mit Kriegsbeginn folgten unmittelbar Wehrdienst und seine Einberufung als Soldat. Bis Kriegsende blieb Brucks in Berlin-Heiligensee stationiert, denn wegen seiner Behinderung war er für den Fronteinsatz ungeeignet.

Entlassen aus kurzzeitiger russischer Kriegsgefangenschaft stürzte sich Brucks in das Kulturleben der Vier-Sektoren-Stadt. Mit seinen teils schon in der Kaserne entstandenen Zeichnungen und Illustrationen zu E.T.A. Hoffmann machte er sich bald einen Namen; erstmals wurden seine Zeichnungen bereits im September 1945 ausgestellt. Bis in die 1980er Jahre hinein sollten sporadisch weitere Ausstellungen und Illustrationsprojekte folgen.

1948 ging Brucks für ein Jahr in die Schweiz. Dort kam er in Kontakt mit der Homosexuellen-Organisation Der Kreis. In deren Zeitschrift veröffentlichte er Zeichnungen, die mit seinem Namen und Wohnort versehen waren. Dies war ungewöhnlich mutig für diese Zeit und sollte einer der Gründe sein, aus denen das Schwule Museum 50 Jahre später mit ihm Kontakt aufnahm. 1954 arbeitete Brucks für den Hamburger Verlag Christian Hansen Schmidt. Er schuf Zeichnungen für dessen Zeitschrift Hellas und Illustrationen für die Broschüre Strichjunge Karl, die männliche Prostitution behandelte. Die Veröffentlichung hatte dramatische Folgen: Der Autor Botho Laserstein – im Hauptberuf Richter – wurde strafversetzt und beging Selbstmord, der Verleger musste Konkurs anmelden.

Mit dem ihm eigenen Pragmatismus fand Brucks eine zu ihm passende Berufstätigkeit: Ab 1954 arbeitete er als Kleindarsteller an der Volksbühne in Ost-Berlin. Parallel beschäftigte er sich mit Fotografie, und richtete sich ein Studio mit Dunkelkammer ein. Er spezialisierte sich auf Porträtaufnahmen, machte aber auch erotische Fotografien und filmte mit Super 8. Der Mauerbau 1961 erzwang eine erneute Umorientierung: Brucks fand in West-Berlin Arbeit als Statist beim Film und war bis in die 1970er Jahre beim Berufsverband Bildender Künstler tätig. Bis ins hohe Alter blieb er künstlerisch produktiv. Neue Abzüge von früheren Fotografien entstanden, und er experimentierte mit neuen Zeichentechniken. Im Jahr 1987 wurden in Frankfurt/Main letztmals Arbeiten von ihm ausgestellt.

Viele kurzzeitige und längere Freundschaften zu Männern und Frauen prägten das Leben von Eberhardt Brucks – von allen finden sich Spuren in seinem Nachlass. Die wichtigste Liebesbeziehung jedoch verband ihn mit Hans Pählke, den er 1952 über eine Kontaktanzeige kennen lernte. Mit ihm verbrachte er die nächsten zehn Jahre bis zu dessen Selbstmord. Eine Vielzahl von Fotografien, Filmen, Zeichnungen und Briefen belegen ihren geistigen Austausch und gemeinsame Aktivitäten wie Wanderreisen, Nacktbadeurlaube und Paddeltouren.

Eberhardt Brucks hat eine Fülle von Unterlagen und Werken fremder und eigener Provenienz aufbewahrt, geradezu gehortet. So entstand in seiner Wohnung eine Materialsammlung, die ihn mit den Jahren zu erdrücken drohte: Grafiken, Bücher, Fotografien, Briefe, Tonbänder, Zeitschriften, Vasen, Schallplatten, Programme, Eintrittskarten, Werbezettel und vieles mehr. 2003 erlitt Brucks einen Zusammenbruch und wurde unter staatliche Betreuung gestellt. Die Wohnung musste wegen Einsturzgefahr geräumt werden. Da zu diesem Zeitpunkt der Kontakt zum Schwulen Museum bereits bestand, wurde es involviert und übernahm einen Teil der Sammlung als Depositum.

2004 begann die Sichtung und Zuordnung der unterschiedlichen unsortierten Materialien. In regelmäßigen Besuche bei Brucks, der inzwischen in seine renovierte Wohnung zurückkehren hatte können, wurden Fotos und Dokumente bestimmt und Fragen zu seiner Biografie gestellt. Erste Ergebnisse zeigte das Museum 2005 in der Reihe Biografien in der Dauerausstellung. Im April 2008 konnte mit brucks. leben. sammeln. kunst eine umfassende Ausstellung zu seinem Leben und Werk – noch in seinem Beisein – eröffnet werden. Eberhardt Brucks starb am 4. Dezember 2008, kurz nach seinem 91. Geburtstag.

 

Der Nachlass Brucks

Mit dem Erbe von Eberhardt Brucks hatte das Schwule Museum das seltene Glück, auf eine nahezu komplett erhaltene Sammlung zu stoßen, die sieben Jahrzehnte umspannt und an der sich deutsche, schwule und Berliner Geschichte exemplarisch ablesen lassen. Die Erhaltung der Sammlung ist dem glücklichen Umstand zu zuschreiben, dass sie sowohl die Kriegs-Bombardierung als auch die spätere Auslagerung überstanden hat und auch glücklicherweise keiner Homosexuellen-Razzia zum Opfer gefallen ist. Aber vor allem dem Umstand, dass Brucks bereit war, sein Erbe schon zu Lebzeiten zu regeln und somit den Einblick in eine Welt zu ermöglichen, die um ein Haar verloren gegangen wäre. Dabei schien ihm das Schwule Museum mit seinen viel beachteten Forschungen und Ausstellungen zu GLBTIQ-Biografien der passende Ort für die Beherbergung seines riesigen Fundus an Dokumenten und Artefakten des 20. Jahrhunderts zu sein.

Mit mehr als 15.000 Einzelpositionen und Konvoluten ist die Sammlung Brucks die mit Abstand größte Einzelsammlung des Schwulen Museums. Brucks sammelte, was er für wichtig hielt. Antiquarisches, zeitgenössisches und alltägliches fand genauso seinen Platz wie seine gesamte erhaltene eigene künstlerische Produktion. Zum Ende seines Lebens umfasste die Sammlung neben Brucks´ Zeichnungen und Fotografien Tausende von Briefen, Büchern, Zeitungen und Zeitschriften, Hunderte von Schallplatten, Tonbändern, Programmheften, Keramiken, Postkarten und vieles mehr.

Besonders hervorzuheben sind dabei seine Zeichnungen, Briefe und Fotografien, die in ganz besonderer Weise Interessen, Freundschaften und Wünsche spiegeln und viele zeitgeschichtliche Bezüge haben.

 

1.100 Zeichnungen, Drucke, Aquarelle und Ölgemälde

Brucks war zeitlebens künstlerisch produktiv – ganz unabhängig von seinen insgesamt nur wenigen Ausstellungen und Buchillustrationen. Die Sammlung umfasst sein gesamtes Schaffen von 1930 bis 2000. Er versuchte sich in vielen Techniken, es überwiegen die Federzeichnungen, für sie wurde er seit seinen ersten Ausstellungen im September 1945 bekannt – ebenso für seine Illustrationen zu den fantastischen Geschichten und Märchen von E.T.A. Hoffmann, Oscar Wilde und Wilhelm Hauff. Ab Anfang der 1950er Jahre entstanden Aquarelle, Arbeiten in Mischtechnik, dazu nur wenige in Öl. In den 1960er Jahren experimentierte Brucks mit bunter Wachsmalkreide und Kugelschreiber.

Dezidiert homoerotische Motive gibt es bis auf Pornozeichnungen und erotische Studien nur wenige, vielmehr arbeitete Brucks zur selben Zeit an verschiedenen Themen: Neben Aktstudien, Porträts und Allegorien auf den Krieg kam er immer wieder auf religiöse Motive zurück. Es entstanden oft bedrohlich anmutende Traumvisionen mit zeithistorischen Bezügen und seit den 1950er Jahren nach eigenen Fotovorlagen gezeichnete Stadtansichten. Daneben finden sich Hunderte von Karikaturen und skurrile Bildfolgen in der Sammlung.

 

3.800 Briefe, Feldpostschreiben, Postkarten, Ansichtskarten, Telegramme

Brucks hat sich aller seiner kürzeren und lebenslangen Freundschaften über das geschriebene Wort versichert und die Antwortschreiben aus den Jahren 1930 bis 2008 aufbewahrt. Oft sind es nur wenige Briefe von flüchtigen Dampfbad-Bekanntschaften, von Kameraden, von Kollegen bei der Volksbühne oder Antwortschreiben auf Brucks´ Kontaktanzeigen in den Homosexuellenzeitschriften. Daneben hat er Konvolute mit weit über 100 Schreiben aufbewahrt. Wie die Briefe eines Berliner Verehrers von 1943 und diejenigen seines tschechischen Geliebten 1944/45 belegen, wurde dabei selbst in Zeiten stärkster Repression intimer Gedankenaustausch gepflegt, der bei Aufdeckung für den Adressaten wie die Absender lebensgefährlich hätte werden können.

Die geschäftliche Korrespondenz von Brucks belegt ab 1938 über Jahrzehnte hinweg seine Bemühungen, Aufträge und Anerkennung zu bekommen. Einen ungewöhnlichen Einblick in die deutsche Kulturlandschaft nach Kriegsende erlauben die Schreiben von Verlegern, Galeristen, Museumsleuten, Theaterleitern, Kulturbeauftragten und Verbänden aus allen vier Besatzungszonen, die ab Mai 1945 einen Kulturbetrieb aufbauten und diesen trotz Blockade, Währungsreform und Mauerbau aufrecht erhielten.

Die Schreiben und Konvolute stellen seltene oder einzigartige Quellen für die Forschung dar: Hervorzuheben sind dabei die Briefe seiner Liebhaber aus den 1940er und 1950er Jahren; Briefe von Vertretern der Homosexuellen-Bewegung der 1950 und 1960er Jahre, wie Karl Meier vom Kreis in Zürich, Erwin Haarmann von der Gesellschaft für Menschenrechte in Hamburg oder Hermann Weber vom Verein für humanitäre Lebensgestaltung in Frankfurt/Main; Briefe von Kameraden vom Reichsarbeitsdienst, der Wehrmacht und aus der Kriegsgefangenschaft 1938 bis nach 1945; Briefe mit Originaldokumenten vom Berliner Kulturbetrieb 1940 bis 1970.

 

5.000 Fotografien, Negative, Dias und Filme

Die Fotosammlung enthält Fotografien aus dem Zeitraum 1880 bis 2008. Ein Großteil der erhaltenen Fotografien sind Brucks´ eigene Aufnahmen. Davon sind ein nicht geringer Teil Selbstporträts, die sein Interesse am eigenen Erscheinungsbild, aber auch das Spielen mit „images“ belegen. Brucks fotografierte seit seiner Ausbildung ab 1936 mit einer handlichen Kleinbildkamera. Mit dieser entstanden auch die vielen Aufnahmen während seiner Zeit als Soldat. Die Filme konnte Brucks einem befreundeten Drogeristen anvertrauen, von dem u.a. die Abzüge der Nacktfotos von Brucks´ FKK-Urlauben während des Krieges stammen.

Ab 1954 machte Brucks in der zum Foto-Atelier umfunktionierten Diele seiner Wohnung Porträtaufnahmen von Schauspielern der Volksbühne, von Freunden und Verwandten. Bis Ende der 1960er Jahre entstanden künstlerische Fotografien: Stillleben, erotische Aufnahmen, aber auch Pornofotos, die Brucks selbst entwickelte. Die große Zahl an – größtenteils nicht beschrifteten – privaten Fotos dokumentieren die Aktivitäten mit seinem Lebenspartner Hans Pählke und viele andere Freundschaften.

Ein Großteil der Negative von Brucks´ Fotografien ist erhalten. Auf den Negativstreifen lassen sich ganze Tagesabläufe von Brucks rekonstruieren, der sich treiben ließ und festhielt was er sah oder ihm in den Sinn kam. Die Super 8-Filme von Brucks entstanden auf Urlaubsreisen und Ausflügen mit dem Freund Hans. Sie wurden mittlerweile digitalisiert und stellen einzigartige Dokumente einer schwulen Liebesbeziehung Ende der 1950er Jahre dar.

 

Bedeutung des Nachlasses Brucks für die Forschung

Aufgrund ihres Umfangs, ihrer Bandbreite und ihrer Kontinuität ist die Sammlung Brucks in ihrer Gesamtheit von überragender zeithistorischer Bedeutung und einzigartig für die Forschung. Sie ist zum großen Teil der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und bietet viele weitere Aspekte und Fragestellungen.

  • Eine Einzelbiografie über 90 Jahre: punktuelle, zeitbezogene biografische Skizzen
  • Mentalitätsgeschichte, Homosexuelle Identität, Images (Fotografien)
  • Dokumente zu Freundschaften in den 1940er, 1950er, 1960er Jahren und ungewöhnliche Einblicke in deren Selbstverständnis und Gedankenwelt (Briefe)
  • Stadtgeschichte Berlin, Kulturbetrieb in Berlin, Regionalgeschichte Berlin-Steglitz
  • Kommunikationsstrukturen, Austausch, Beziehungen und Erotik im Zweiten Weltkrieg

Informationen zum Nachlass Brucks

Die Sammlung von Eberhardt Brucks ist in den Archivräumen des Schwulen Museums und in seiner Wohnung untergebracht. Dies führt zur Einschränkung der Nutzungsmöglichkeiten. Dank der von Brucks testamentarisch bestimmten finanziellen Ausstattung konnten die Materialien zum großen Teil erschlossen werden. Ziel ist die Zusammenführung der Daten in einem zentralen Findbuch. Die Sammlung kann auf Nachfrage eingesehen und für Forschungen, Ausstellungen und Veröffentlichungen genutzt werden.

Das Schwule Museum ist auf Spenden angewiesen. Es vermittelt juristische Beratung zum Fragenkomplex Vererben und Verschenken und bietet Unterstützung bei der Aufsetzung des Testaments.

Kontakt: Schwules Museum, Archiv und Bibliothek, Dr. Jens Dobler

 

Publikationen / Medien zu Eberhardt Brucks

Schlüter, Steinle, Sternweiler: Eberhardt Brucks. Ein Grafiker in Berlin, Berlin [Schwules Museum] 2008, 216 S., ca. 150 Abb., ISBN-Nummer 978-3-9812706-2-4. VP: 10 Euro. Erhältlich im Museumsshop.

Schwules Museum, Berlin (Hg.): „Eberhardt Brucks“ (10 Min; 2008); „Eberhardt“ (15 Min; 2009); „Die Sammlung Eberhardt Brucks. Eine Sammlung des Schwulen Museums, Berlin“ (20 Min; 2011), Filme von Wrench&Franks, London/Berlin auf DVD

 - Nutzung nur für wissenschaftliche Zwecke -

 

© Karl-Heinz Steinle, Mai 2014