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Intimacy

Paul Mpagi Sepuya

Drop Scene Study (0X5A1099) (2018)
Pigmentdruck

Paul Mpagi Sepuya ist ein afroamerikanischer Fotograf, der in Los Angeles lebt und arbeitet. In seinen Werken beschäftigt er sich mit Queerness und Blackness, Blickverhältnissen und der Beziehung zwischen Künstler*in und Subjekt. Finger haben verschmierte Spuren auf dem Spiegel hinterlassen. Die Schwarze Hand auf der Kamera drückt den Auslöser, hält diese Spuren fest, verwandelt sie durch einen Lichtabdruck in eine neue Spur, kausal mit dem Objekt verbunden. Indexikalische Zeichen. Das „Es ist so gewesen“ der Fotografie (Roland Barthes, Die helle Kammer, 1998). Die Hand im Bild, ein Fragment des Körpers sichtbar zwischen dem schwarzen Samtvorhang. Sie löst ein Verlangen danach aus, mehr davon zu sehen, was im Verborgenen liegt. Die Hand auf der Kamera, die zwischen dem Vorhang hervorlugt, gespiegelt in dem verschmierten Spiegel, gerahmt durch die Vorhänge, die vor dem Spiegel stehen. Der Vorhang ist im Foto gedoppelt, tritt aus dem Hintergrund des Studios in den Vordergrund. Sepuya legt den Prozess der Entstehung des Fotos offen, lässt den Abstand zwischen Fotografie und Fotografieren verschwinden und schafft so Intimität.

 

Clifford Prince King

Untitled (2018)
Inkjetdruck

Der afroamerikanische Fotograf Clifford Prince King lebt und arbeitet in Los Angeles. In seinen Fotos erkundet er Schwarze männliche queere Identitäten, indem er intime, alltägliche Momente und Begegnungen seiner Freund*innen und Geliebten dokumentiert. Untitled ist in Zusammenarbeit mit Paul Mpagi Sepuya für die Whitney Biennale 2019 entstanden und greift ähnliche Themen wie Sepuyas Drop Scene Study auf. Das Fotostudio wird erneut als Ort des Geschehens reflektiert, tritt mit dem schwarzen Samtvorhang in den Vordergrund, verschmierte Flecken lassen den Spiegel sichtbar werden. Eine verschwommene Hand im Vordergrund, sie ist direktes Abbild der realen Hand. Die beiden Männer hinter ihr sind fotografierte Spiegelbilder. Die Flecken offenbaren es. Spiegel und Vorhang manipulieren die Perspektive. Vorhang, Hände, Arme und Kameras zerteilen das Selbst-Porträt, machen auf die Aufnahmesituation aufmerksam, reflektieren sie als ständigen intimen Aushandlungsprozess zwischen Künstler*innen, Referent*innen, Spektator*innen und dem Werk selbst.

 

Derrick Woods-Morrow

‚Watching you watch us, but caring less…‘ (studio portrait of us in 2018. LA, California) (2018-2019)
Inkjetdruck

Derrick Woods-Morrow ist ein Künstler und Aktivist, der in Chicago lebt und arbeitet. Durch Fotografie, Film/Video, Performances und Keramik verhandelt der Afroamerikaner sexuelle Identität und die lustvolle Abweichung von heterosexuellen Normen. Untitled ist in Zusammenarbeit mit Paul Mpagi Sepuya für die Whitney Biennale 2019 entstanden und greift ähnliche Themen wie Sepuyas Drop Scene Study auf. Fotos weißer Personen links der Schwarzen Subjekte, die in den verschmierten Studiospiegel fotografieren, ein modernes Triptychon. Fotografie ist ein Medium der Reproduktion, welches durch Rassismus geprägt ist. Helle Haut wurde in den 1950er Jahren durch Kodak zur chemischen Grundlinie der analogen Filmtechnologie.[2] Der white gaze, der weiße Blick dominiert den fotografischen Diskurs. Eine junge, dünne, weiße Frau, ein durchtrainierter Oberkörper eines weißen Mannes, die Schwarzen Fotografen in der Mitte durchschießen mit ihren Kameras dieses Narrativ und halten sich in der intimen Studiosituation selbst fest, liefern einen alternativen fotografischen Diskurs.

 

Emerson Ricard

Untitled (2018)
Inkjetdruck

Emerson Ricard ist ein US-amerikanischer Fotograf, der in New York lebt und arbeitet. Seine Fotografien zeigen insbesondere queere Menschen in Wäldern, an Stränden und in anderen Settings in der Natur. Untitled ist im selben Zusammenhang wie die oben genannten Werke entstanden, es ist jedoch ein Porträt von Sepuya. Eingerahmt zwischen zwei unscharfen, hellen Flächen blickt Sepuya direkt in die auf ihn gerichtete Kamera, seine eigene in der Hand, zum Gegenschuss bereit? Licht und Schatten fallen auf ihn. Ricard ist weiß, sein Blick gilt als unmarkiert. Sepuya ist Schwarz, sein Blick gilt als markiert. In Woods-Morrows, Kings und Sepuyas Fotografien waren die Schwarzen Künstler gleichzeitig die Fotografierten und die Fotografen, haben sich selbst durch den Spiegel angeblickt und abgelichtet. Nun blickt Ricard auf Sepuya, ohne einen Spiegel, der seinen Blick zurückwirft. Doch Sepuya wirft den Blick zurück, schaut die*den Spektator*in direkt an und macht sie*ihn auf die eigene Blickposition aufmerksam.

 

John Paul Ricco

Blue Black Intimacy (2020)
Andrei Pora (Schnitt), Videogedicht, 4′ 57“

John Paul Ricco ist Kunsthistoriker und Queer-Theoretiker an der University of Toronto. Er forscht, lehrt und schreibt zu Gender, Sexualität, Pornografie, und Fragen nach Intimität und Wegen des Zusammen-Seins. 2017, Moonlight von Barry Jenkins gewinnt den Oscar für den besten Film. Protagonist Chiron als Kind, Jugendlicher und Erwachsener. Er lebt mit seiner heroinabhängigen Mutter in einer unterprivilegierten Wohnsiedlung in Miami. Schon im Kindesalter wird er grausam gemobbt. Weshalb, weiß er nicht. Selbst seine Mutter sagt, dass er anders sei, „zu weich“. Er wächst zu einem schüchternen, dünnen Teenager heran und erlebt seinen ersten Sex mit Kevin, einem Freund von früher. Als Erwachsener ist Chiron breit und stark, mimt den harten Drogendealer. Er hat sich einen Panzer aus Muskeln antrainiert. Doch die Augen sind immer noch traurig und blicken zu Boden. Riccos Lesart des Films konzentriert sich auf die Berührungen und die affektive Ebene zwischen Chiron und Kevin. Für Ricco ist diese Erzählung von Intimität wichtig, weil es weder um Identifizierung noch um Erkenntnis gehe.

 

Queer Zines

Eine queere Ästhetik der Intimität – im Unterschied zu pornografischem Glamour – ist oft über das Medium des Zines entwickelt worden: über kleinformatige Hefte, oftmals von Fans für Fans gemacht. Seit den 2000er Jahren ist mit Butt, Kink, Dude, Original Plumbing, The Tenth eine neue Generation queerer Zines entstanden. Sie lassen sich als eine Art Pornografie-Kritik lesen, denn sie stellen der Verdinglichung des Körpers durch rigorose Anwendung pornografischer Konventionen eine Ästhetik des Intimen gegenüber, die der Amateur*innenfotografie näher ist. Es ist kein Zufall, dass um 2000 herum auch die Popularität des Internets an Dynamik gewann, und damit eine Fülle von Bildern diverser, auch nicht-normativer Körper in Umlauf gebracht wurde: ein Archiv, aus dem die Zines schöpfen konnten. Intim ist aber auch das Medium des Zines selbst: Es ist keine kommerzielle Print-Veröffentlichung, die sich nach Marketing-Vorgaben richten muss, sondern ein Medium, das über Bilder und Texte Kontakt zwischen Fans und Liebhaber*innen schafft.

 

Zanele Muholi

Julia and „Mandoza“ Hokwana, Lakeside, Johannesburg (2007)
Silber-Gelatine Abzug

Musa Ngubane and Mabongi Ndlovu, Hillbrow, Johannesburg (2007)
Nomsa Mazibuko and Fondo, outside the Hope Unity Metropolitan Community Church, a gay church, during Good Friday, Mayfair, Johannesburg (2007)
Katlego Mashiloane and Nosipho Lavuta, Ext. 2, Lakeside, Johannesburg (2007)
Katlego Mashiloane and Nosipho Lavuta, Ext. 2, Lakeside, Johannesburg (2007)
C-Prints

Courtesy the artist and STEVESON gallery, Cape Town

Zanele Muholi ist für ihren fotografischen Aktivismus in Südafrika bekannt. In ihrer Arbeit dokumentiert sie das Leben Schwarzer südafrikanischer LSBTIQI* Menschen und macht auf Diskriminierung aufmerksam. Muholi gewährt dem*der Zuschauer*in intime Einblicke in den Alltag ihrer Subjekte. Die Nase in der Mulde zwischen Schulter und Kopf, der Arm um die Taille, die Hand auf der Brust oder dem Oberschenkel, sich gemeinsam waschen und pflegen. Das Zuhause als klassischer Ort der Intimsphäre. Das eigene Zuhause ist wie eine Verlängerung des Selbst, hier bewahren wir persönliche Gegenstände auf, hier steht unser Bett, hier träumen und weinen wir. Hannah Arendt beschreibt die private Sphäre als Teil der modernen Gesellschaft, der als Sphäre der Intimität funktioniert und das Familienleben und emotionale und sexuelle Beziehungen miteinschließt (Hannah Arendt, The Human Condition, 1958). Familienleben und sexuelle Beziehungen werden durch queere Menschen, wie Muholi sie zeigt, neu besetzt. Mit ihnen werden alternative Formen der Familie, des Zusammenlebens und sexueller Beziehungen sichtbar, die nicht der gesellschaftlichen cis-heterosexuellen Moralvorstellung der biologischen Reproduktion entsprechen.

 

Spyros Rennt

Leg grab, Berlin (2018)
Hanging out at Ludo’s, Berlin (2020)
Coming down, Berlin (2019)
Jos and I at the after
, Berlin (2020)
Pigmentdrucke

Spyros Rennt fotografiert hauptsächlich analog. Zu seinen Sujets gehören Porträts und die Dokumentation intimer sozialer Situationen. Seine Fotos geben intime Einblicke in den queeren Untergrund Berlins und anderer Metropolen. Vier Paar nackte Beine eng zusammengerückt, ein Hintern von Striemen geziert. Ein gesenkter Kopf, Arme, Beine, Hände ineinander verschlungen, welcher Körper fängt wo an? Tattoos, sich kräuselnde dunkle Körperhaare, eine Hand, die unter die lockere Sporthose gleitet. Sex zu dritt, mit Socken an. Zweisamkeit, Dreisamkeit, Vielsamkeit. Eine innige schwitzige Umarmung auf der Tanzfläche, die Hand ruht liebevoll auf dem Kopf des Umarmten. Eine „raue Zärtlichkeit“ durchzieht Spyros Rennts Bilder. Raue Zärtlichkeit, Intimität in privaten Wohnzimmern, gemieteten Zimmern und öffentlichen Clubs. Intimität umschließt die Art und Weise, mit der Menschen einander begegnen. So beschreibt der afroamerikanische schwule Science-Fiction-Autor und Literaturkritiker Samuel R. Delany in seinen Memoiren den Sex unter Männern an ehemaligen Cruising Spots wie den Docks an der Christopher Street als nicht nur rein sexuell, sondern als eine Form, überaus menschlich, zart und liebevoll für andere Menschen da zu sein und gegenseitig aufeinander zu achten. (Samuel R. Delany, The Motion of Light in Water, 2004)

 

Sholem Krishtalka

Nocturne (2019)
Bed III (2020)
Öl auf Leinwand

Sholem Krishtalka ist ein kanadischer Illustrator und Autor. Seine Arbeiten sind inspiriert von seinen Erfahrungen und Erlebnissen in Berlin. Seine Bilder erzählen Geschichten, die von Einsamkeit, Intimität und alltäglichen Begegnungen handeln – in satten, kräftigen Farben. Nebeneinander die Sonne genießen, die Augen geschlossen. Manchmal sind zu zweit keine Worte nötig. Der Blick ins Mobiltelefon, das eine Bein eingehüllt in rosa Bettwäsche, die dramatische Falten wirft. Der Blick ins Mobiltelefon, das Tor zur Welt? Allein im Bett mit Nachrichten einer geliebten oder begehrten Person. Ein Aufleuchten des Displays, später nicht mehr allein in der rosa Bettwäsche sein, oder das Glück anderer einsam und sehnsüchtig betrachten. Auf einer Scheibe die Spiegelung zweier Körper. Einmal mit dem Daumen auf den Kreis als Symbol für den Auslöser tippen, die Spiegelung festhalten als Erinnerung. Das Mobiltelefon als moderne Körperextension, die vielfältig in das Intimleben eingreift, festgehalten durch Krishtalkas Pinselstriche.

 

Abel Burger

Devil want my Soul (2020)
Wachsmalkreide und Zeichenkohle auf Papier

Abel Burger ist Malerin und lebt und arbeitet zwischen Frankreich und Berlin. Seit 2018 konzentriert sich ihre Arbeit auf Porträts von Individuen und beschäftigt sich hierbei mit Fragen nach Intimität. Umarmungen sind weit mehr als flüchtige Berührungen. Manchmal können sie fast so intim sein wie ein Kuss. Jemanden in den Arm zu nehmen. In den Arm. Das In-den-Armen-Sein schafft eine Verbindung, wir spüren den Körper des Gegenübers, nehmen den Geruch wahr. In Zeiten der Pandemie ist es seltsam, vermehrt auf Umarmungen zu verzichten. Die rechte Figur umarmt die linke seitlich, die Arme ruhen auf Brust und Rücken und treffen sich auf Schulterhöhe der anderen wieder. Sie umarmt die andere Figur, aber auch sich selbst. Die Farben sind verschärft im fauvistischen Stil, Rottöne dominieren. Es ist eine intime Umarmung. Nicht die Nacktheit drückt Intimität aus, sondern, wie die Gesichter der Figuren zueinander geneigt sind, die linke berührt die rechte Figur leicht am Arm, sie sind fast ineinander verflochten.

 

Del LaGrace Volcano

Matt & Eric, Seattle (1996)
Harry Carry Simon, London (1999)
Digitaldrucke auf Barytpapier

Del LaGrace Volcano ist ein*e US-amerikanische*r genderqueere*r inter* Künstler*in, Aktivist*in, Performer*in und Fotograf*in und versteht sich selbst als „Part-Time Gender Terrorist“. Den eigenen Körper begreift LaGrace Volcano als Archiv. Seine*Ihre Fotografie beschäftigt sich mit der Abweichung von Gendernormen, der Materialität von Körpern und mit Gender als Konstrukt. LaGrace Volcanos Arbeiten offenbaren die Performativität des sozialen und des biologischen Geschlechts und gleichzeitig auch die intime Verkörperung dieser Kategorien. In seinen*ihren Fotoprojekten repräsentiert und positioniert er*sie inter*, queere und trans Personen klar als Subjekte, da die Bilder im Kontext von Zugehörigkeit, Begehren und Identifikation zwischen Fotograf und Fotografierten entstehen. Diese Praxis bietet alternative Perspektiven auf Körper, Paarkonstellationen, sexuelle Praktiken und queere Personen als sexuelle Subjekte mit Handlungsmacht – frei von cis-heteronormativen Vorstellungen und Grenzen.

 

Slava Mogutin

iO Tillett Wright and Daryl Nuhn, New York, (2013)
Xevi Muntané and Carlos Sáez, New York (2013)
Polaroid Sets aus vier Typ PX 70 Drucken

Dylan and Isaac, Riis Beach, (2019)
Lisa and Luisa, Berlin (2019)
Léon and Samuel, Berlin (2020)
Polaroid Sets aus vier Typ 600 Drucken

Slava Mogutin ist ein russisch-amerikanischer Multimediakünstler und Autor, der Russland 1995 aufgrund politischer Verfolgung für New York verließ. Seine Arbeiten behandeln u.a. Themen wie Vertreibung und Identität oder die Transgression und Transfiguration von Maskulinität und queeren Sexualitäten. Süß und verspielt, soft und ein wenig sexy kokettierend posieren die Modelle. Angespannter Bizeps, gespitzte Lippen, verträumte Blicke. Dylan and Isaac, Lisa and Luisa und Léon and Samuel entstammen der Fotoserie „Polaroid Rage“, die in erzählerischer Form die individuellen Geschichten der Abgelichteten erzählt. Die Fotos wurden über die letzten beiden Jahre zwischen New York, Los Angeles und Berlin aufgenommen. iO Tillett Wright and Daryl Nuhn und Xevi Muntané and Carlos Sáez sind Teil der Serie „Instant Portraits“, in der Mogutin seinen Freund*innenkreis und Künstler*innen aus New York dokumentiert. Es ist schön, sich diese süßen Paare anzusehen. Doch es stellt sich auch die Frage nach der Priorisierung von Zweierbeziehungen im Rahmen von Intimität.

 

Eva Giannakopoulou

At the Beach 2 (2017)
Zwei-Kanal Video, experimentelle Dokumentation, 27′ 37“ und 10′ 41“

Eva Giannakopoulou ist eine griechische Künstlerin und Performerin, die in Athen lebt und arbeitet. Sie hat in Museen, Institutionen, Galerien, auf Festivals, Impromptu-Bühnen und an anderen öffentlichen, teils ungewöhnlichen Orten performt und ausgestellt. Giannakopoulo nimmt den*die Zuschauer*in mit an türkis-blau schillerndes Wasser – dazu strahlender Sonnenschein, klarer blauer Himmel, eine sanfte Brise, heterosexuelle Paare und Familien – reguläre Strände sind konservative Orte, Orte, die nur heterosexuelle öffentliche Intimitäten zulassen. Doch Urlaub soll erholsam, keine Fortschreibung von Diskriminierung in einem anderen Setting sein. Für queere Personen ist eine Urlaubsreise deshalb nicht selten mit intensiver Recherche im Vorfeld verbunden. Ist dieser Ort einigermaßen LSBTIQ*-freundlich? Insbesondere queere Familien sind einem hohen Risiko ausgesetzt, da alternative Konzepte von Familie und Elternschaft als direkter Angriff auf die heterosexuelle Kernfamilie gewertet werden. Giannakopoulou versteht Tourismus als normativen Faktor des Sommerurlaubs und schafft so einen Rahmen, um Elternschaft als Matrix neu zu denken, in welcher Rollen und Identitäten zum Subjekt offener und stetiger Aushandlung werden.

 

Roey Victoria Heifetz

The Envious once (2016-2017)
Bleistift, Tusche und Lack auf Papier
Steinle Collection Berlin

Die israelische Künstlerin Roey Victoria Heifetz setzt in ihrem Berliner Studio Bilder von starken und älteren Frauen ein, um die schmerzhafte Diskrepanz zwischen sozialen Erwartungen und der körperlichen Realität, als Frau älter zu werden, darzustellen. Tiefe Falten und Furchen, Altersflecken, eingefallene Augen. Ein hoffnungsvoller Blick nach oben, ein resignierter Blick zur Seite. Berge aus furchigen Händen. Sie sehen fast wie in Holz geschnitzt aus. Sie sind vom Leben gezeichnet, in Bleistift und Tusche. Medien und Popkultur mögen nun zwar langsam vermehrt Bilder queerer Menschen zeigen, doch ältere queere Menschen bleiben dabei meist außen vor, insbesondere trans Personen. Für ihre expressiven großformatigen Porträts von trans Frauen in Hyperpräsenz lässt sich Heifetz von Beobachtungen älterer Frauen in der Öffentlichkeit und von eigenen Selbstporträts inspirieren. Eine Erkundung der intimen psychologischen und emotionalen Frage, was Altern für trans Frauen bedeutet.

 

Annie Leibovitz

Alf Bold im Auguste-Viktoria-Krankenhaus, Berlin (1992)
Silber-Gelatine-Abzug auf Baryt-Papier
SMU

Alf Bold (1946-1993) war als Filmwissenschaftler für die Berlinale tätig und gestaltete über 20 Jahre lang das Programm des Arsenal-Kinos in Schöneberg, noch bevor es an den Potsdamer Platz zog. Hier lernte er auch die queeren Fotografinnen Nan Goldin und Annie Leiboviz kennen. Beide fotografierten Bold im Krankenhaus und dokumentierten seine HIV-Infektion. Neben den Selbstporträts Jürgen Baldigas gehören diese Bilder zu den eindringlichsten Zeugnissen des Lebens und Sterbens mit HIV und Aids Anfang der 1990er in Berlin. Die Aufnahme von Annie Leibovitz, langjährige Partnerin von Susan Sontag, zeigt Alf Bold im Krankenbett. Der Moment ist intim, aber Bolds Blick und Haltung bleiben herausfordernd, fast distanziert. Der von der Krankheit gezeichnete Körper präsentiert sich selbstbewusst. Im Hinblick auf den kommenden Aids-Tod scheint er unerschrocken. Keine Versöhnung mit heterosexuellen Verwandten, keine Rückkehr in den Schoß der Familie, wie sie auf den Fotos der Benetton-Werbekampagne zur gleichen Zeit zu sehen ist. Sein Tod gehört ihm genauso wie sein Leben.

 

Marlon Riggs

Anthem (1991)
Video, 9′

Marlon Riggs war ein afroamerikanischer Filmemacher und Aktivist. Seine Dokumentarfilme gelten als ästhetisch innovativ und provozierten durch die Repräsentation von Race und Sexualität. Sein Film Tongues Untied sorgte für eine landesweite Kontroverse, da der Film im öffentlichen Fernsehen gezeigt werden sollte und in Teilen durch staatliche Kunstfonds finanziert wurde. 1994 starb Riggs an den Folgen einer Aids-Erkrankung. Schwarze Finger gleiten in einen Topf Vaseline, ein pinkes Dreieck fliegt ins Bild, ein goldenes Kruzifix flackert auf wie eine defekte Leuchtreklame, Kerzen leuchten, eine rote Rose taucht auf. Die Bilder sind übereinander gelagert. Jeder Kuss eine Revolution in schwarz, grün, rot – den Farben des Panafrikanismus. Anthem politisiert durch Bild, Ton, Symbolik und Montage Sex, Intimität und Liebe zwischen Schwarzen schwulen Männern und kritisiert den gesellschaftlichen Umgang mit Aids und den Machismus der Black-Power-Bewegung. Andere Schwarze schwule Künstler lesen Auszüge aus ihren Gedichten oder liefern Voice-Overs. Als Riggs die Arbeit an Anthems begann, wusste er bereits um seine Aids-Diagnose.

 

Michaela Melián

Silvia Bovenschen und Sarah Schumann (2012)
3 Kanal-Video und Audio-Installation, 60′

Michaela Melián ist eine deutsche Künstlerin, Musikerin (F.S.K.) und Professorin für zeitbezogene Medien an der HfbK Hamburg. In ihren Arbeiten verbindet sie Kunstobjekte mit Klang und bewegt sich im Feld der Bildendenden Kunst und Musik. Ein immersiver Kurzbesuch bei Sarah Schumann und Silvia Bovenschen. Die feministische Malerin und die feministische Autorin lebten gemeinsam in Berlin-Charlottenburg. Schumann war aktiv in der Frauengruppe „Brot + Rosen“ und fertigte neben zahlreichen Frauenbildnissen auch viele Porträts von Bovenschen an, eines davon hängt an der mintgrünen Wand hinter den beiden. Bovenschen wiederum hat mit Älter werden eine Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens geschaffen und außerdem einige Texte über Schumann geschrieben. Graziös und stylisch sitzen die Damen vor dem Gemälde, umgeben von Büchern. Intellektuell und stilvoll. Bovenschen dandyesque in Nadelstreifenhose und Budapestern, Schumann in Faltenrock und Sneakern. Über einen anderen Kanal tönt ein Gespräch der beiden zur Sichtbarkeit von Frauen in der Kunstgeschichte – zu welcher beide durch ihr Werk und feministisches Engagement zweifellos beigetragen haben.

 

Josch Hoenes und Tomka Weiß

Die Schichten der geschlechtlichen Kleidung (2013-2020)
Tusche, Backlit-Folie

Der Effekt einer Geschlechtsidentität, so lehrt es die Queer Theory, entsteht über Kleidung und Stil genauso wie über das Verständnis des Körpers selbst. Bezeichnungspraktiken, semiotische Systeme, erzeugen den Körper als bedeutsam, z.B. indem bestimmten Körpermerkmalen geschlechtliche Bedeutung zugewiesen wird. Wie entkommt man diesem Korsett normativer Zuschreibungen? Der Wissenschaftler Josch Hoenes (1972-2019) und der Künstler Tomka Weiß – die beide auch trans* Aktivisten sind – beantworten diese Frage mit ihrer gemeinsamen künstlerischen Praxis: Ansichten von bekleideten und nackten Körperteilen und Textfragmente auf transparenter Folie beziehen sich aufeinander, so, als würden sie sich gegenseitig erst hervorbringen oder auch wieder zum Verschwinden bringen. Je nach Licht und Perspektive werden hier neue, intime Konstellationen geschaffen. Während das Geschlecht in den Humanwissenschaften historisch als eine grundlegende, feststehende Kategorie aufgefasst wird, entsteht hier vor unseren Augen ein alternativer Entwurf. Das „Menschliche“ wird nicht starr im Idealtypus eines Geschlechts versinnbildlicht, sondern es ist genau umgekehrt: Im Verschieben und Überblenden von Körperbildern und textlichem Wissen zeigt sich das „Menschliche“ immer wieder anders.

 

Simon Fujiwara

Study for My Martyrs I-VI (a Mural) (2020)
Sechs Mixed Media Collagen und Kohlezeichnungen
Courtesy the artists and Esther Schipper, Berlin

Simon Fujiwara ist ein in Berlin lebender britisch-japanischer Künstler. Seine Arbeiten reichen von Videokunst über Malereien und Performances bis hin zu Installationen. Sie thematisieren u.a. gesellschaftliche und individuelle Identitätsstrukturen. In einigen seiner Arbeiten setzt er sich historisch mit der Syphilis auseinander, die vorliegenden Arbeiten zeigen jedoch seine Beschäftigung mit Aids. Im Umgang mit HIV und Aids war kaum etwas gleichzeitig so wichtig und so gefürchtet wie Intimität. Die abgemagerten Hände sind über der Brust verschränkt, die Handgelenke so dünn, dass die Armbanduhr nach unten rutscht, das Gesicht ausgemergelt. Ein Teddybär und Luftballons, um die Tristesse des Klinikzimmers aufzulockern. All diese Details aus den Krankenhausfotos finden sich eingezeichnet in den Bögen des Drucks der Kathedrale Notre-Dame. Der „Mutter der Barmherzigkeit“ Maria ist sie geweiht. Von dieser Barmherzigkeit haben die tausenden Betroffenen der Aids-Epidemie der 1980er und 1990er Jahre von Seiten der katholischen Kirche jedoch nichts gespürt. Im Gegenteil.

 

AA Bronson

Blue (in collaboration with Ryan Brewer), Fire Island (2012)
Duratrans-Dia in Leuchtkasten
Courtesy the artists and Esther Schipper, Berlin

AA Bronson ist ein kanadischer Künstler, der in Berlin lebt. 1969 gründete er gemeinsam mit Felix Partz und Jorge Zontal die Künstlergruppe General Idea. In seinen Werken beschäftigt er sich mit Aids, Genealogie, Geistern, Heilung und Schamanismus. Die bunten Figuren sehen fast wie in das Bild montiert aus, doch gleichzeitig passen sie gut in den mystischen sandigen Pinienwald. Der Wald, ein Ort unterschiedlichster Rituale. Cherry Grove und The Pines, die LSBTIQ*-Communities von Fire Island, einer Insel im Bundestaat New York, sind seit nunmehr 60 Jahren queere Reiseziele. Viele suchten diesen Ort auf, um während der Aids-Epidemie hier ihre letzten Tage in Würde zu verbringen. AA Bronson (blaue Figur mit weißem Bart) und sein Partner Mark Jan Krayenhoff van de Leur (blaue Figur mit schwarzem Bart) verschütteten hier die Asche von Aids-Verstorbenen. Dieser Ort steckt voller queerer Geschichte(n), Geister, queeren Lebens und Nachlebens und intimer Momente der Begegnung zwischen Lebenden und Toten.

 

Doron Langberg

Zach and Craig (2019)
Öl auf Leinwand
Courtesy the artist and Yossi Milo Gallery, New York

Doron Langberg ist in Israel geboren und lebt in New York. Seine großformatigen Ölgemälde sind von der Farbe und Pinselführung her immer dramatisch, sie sind emotional und erotisch aufgeladen und bekommen vom ersten Moment an unsere volle Aufmerksamkeit. Männerpaare, Frauenpaare oder Gruppen von Freund*innen sind vor, während oder nach dem Sex in ihren Wohn- und Schlafzimmern zu sehen. Der Verweis auf Sexualität ist manchmal subtil und manchmal drastisch. Zach and Craig (2019) zeigt ein schwules Liebespaar beim Rimming. Rimming – die orale Stimulation des Anus – kann ein Vorspiel für den Analverkehr sein, oder schon selbst der Höhepunkt des Sexakts. Die eigentlich pornografische Szene gewinnt in Langbergs Darstellung eine transzendentale Kraft. Dass es sich für Sex zu sterben lohnt, ist ein Gedanke, der in der Queer Theory bei Michel Foucault und Leo Bersani verhandelt wird. Wenn man Doron Langbergs Bilder sieht, versteht man, was gemeint ist. Es gibt Momente, für die es sich zu leben oder zu sterben lohnt.

 

Elijah Burgher

The Perineum is the Door! (2018-2019)
Acryl auf Leinwand-Abdeckplane

Horny Sun Salute (2019)
Green Galatea (2019)
Cumface Crowley (2018)
The Lover’s Entombment (2019)
Tusche und Bleiche auf Inkjetdruck

Der US-amerikanische Maler Elijah Burgher fertigt großflächige Bilder von Sigillen an. Die Praxis des in Berlin lebenden Künstlers ist stark durch sein Interesse an Magie, Esoterik und Okkultismus geprägt. In der Sigillenmagie wird ein Wunsch oder Begehren formuliert und dann durch Rekombination der Buchstaben in ein grafisches Symbol, die Sigille, umgestaltet. Ein visueller Code intimer Begehren und Verlangen in Rot, Flieder und Mintgrün auf eine große Canvasplane gemalt. Eine tragbare Grundlage für Rituale. Für ihre Magie müssen Sigillen aktiviert werden, indem man in einem intimen Moment,  wie dem Orgasmus, an sie denkt. Dadurch, dass das Werk auf dem Boden liegt, entsteht eine intimere Betrachtungssituation als wenn, wie üblich, ein ehrfürchtiger Abstand zwischen den Betrachtenden und dem gerahmten Kunstwerk an der weißen Wand besteht. Der*die Zuschauer*in kann sich zwar die Visualisierung eines Wunsches Burghers ansehen, wird letztendlich jedoch nie endgültig wissen, was sein Begehren ist. Um Rituale, Okkultismus, Magie und Sex geht es auch im Sperm Cult Zine, das Burgher gemeinsam mit Richard Hawkins herausgebracht hat.

 

Del LaGrace Volcano

Scotts Bar, Charmaine & Velinda, San Francisco (1982 / 2020)
Hermaphrodyké: Self Portraits of Desire, With Beard, London (1995 / 2020)
Hermaphrodyké: Self Portraits of Desire, Begging Please, London (1995 / 2020)
Digitaldrucke auf Barytpapier

Del LaGrace Volcano ist ein*e US-amerikanische*r genderqueere*r inter* Künstler*in, Aktivist*in, Performer*in und Fotograf*in und versteht sich selbst als „Part-Time Gender Terrorist“. Den eigenen Körper begreift LaGrace Volcano als Archiv. Seine*Ihre Fotografie beschäftigt sich mit der Abweichung von Gendernormen, der Materialität von Körpern und mit Gender als Konstrukt. LaGrace Volcanos Arbeiten offenbaren die Performativität des sozialen und des biologischen Geschlechts und gleichzeitig auch die intime Verkörperung dieser Kategorien. In seinen*ihren Fotoprojekten repräsentiert und positioniert er*sie inter*, queere und trans Personen klar als Subjekte, da die Bilder im Kontext von Zugehörigkeit, Begehren und Identifikation zwischen Fotograf und Fotografierten entstehen. Diese Praxis bietet alternative Perspektiven auf Körper, Paarkonstellationen, sexuelle Praktiken und queere Personen als sexuelle Subjekte mit Handlungsmacht – frei von cis-heteronormativen Vorstellungen und Grenzen.

 

Studio P-P

Marble House, Berlin (2020)
Carnivore, Stockholm (2018)
Bettnässer, Berlin (2020)
Head, Berlin (2019)
Pigmentdrucke

Philipp Gallon und Pär Ålander sind bildende Künstler und die Köpfe hinter Studio P–P. Das Paar lebt und arbeitet in Berlin und beschäftigt sich mit Fragen rund um queere Identität und Sex- und Body-Positivity anhand intimer Selbstporträts. Sex und Macht stehen immer in einem mehrdeutigen Verhältnis. In Der Wille zum Wissen schreibt Michel Foucault, dass Sexualität nicht außerhalb, sondern innerhalb der Macht liege. (Michel Foucault, Der Wille zum Wissen, 1983) Sex ist nicht „die natürlichste Sache der Welt“, sondern wie Geschlecht konstruiert. Sex ist auch eine Form der Machtausübung auf andere. Fragen nach der Verfügbarkeit von Körpern, Dominanz, Submissivität und dem Einfluss gesellschaftspolitischer Machtverhältnisse auf den eigenen Sex tun sich auf. Sex kann jedoch auch einen Weg zur Selbstermächtigung darstellen. An diesem Punkt setzen die Fotos von Studio P–P an. In ihnen geht es darum, selbst die Macht zu ergreifen, mit verschiedenen Rollen und Praktiken zu experimentieren und diese lustvollen Momente der Intimität bewusst mit der Außenwelt zu teilen.

 

Lucas Foletto Celinski

Fixation / double braided #1 (2017)
Leinen, Baumwollseil, Satinriemen, Stahl

Der brasilianische Künstler Lucas Foletto Celinski nutzt für seine Skulpturen Bondage- und Fesselmethoden, um Grenzen zu untersuchen und Dialoge über Körperrepräsentationen anzustoßen. Er lebt in Berlin. Die dünnen schwarzen Taue überziehen die dicken, schweren, weißen Taue wie ein Muster. Durch Lederriemen, Ringe und dünne Seile schweben sie als Hängebondage in der Luft. Vergnügen und Schmerz sind nicht zwingend gegensätzlich, sie können sich überkreuzen und überlagern wie die weißen dicken Seile, zu Lustschmerz werden. Dominanz, Unterwerfung, freiwillig Macht und Autonomie abgeben. Körper, Geist, Fantasien und die eigenen Wünsche einer anderen Person anvertrauen. Stetige Kommunikation, Einvernehmlichkeit, genau auf Reaktionen achten, gemeinsam Rituale ausführen. Den eigenen Körper mit Hilfe anderer Menschen kennenlernen, die eigenen Grenzen und den Zugang zum eigenen Körper finden und klar benennen. Ist BDSM letztendlich keine Sexualpräferenz, sondern eine Intimitätspraktik?

 

Cibelle Cavalli Bastos

Hardcore Cuddling I (2020)
Video, 10′ 10“

Cibelle Cavalli Bastos ist ein*e brasilianische*r interdisziplinäre*r Künstler*in und arbeitet mit Video, Malerei, Performance und Skulpturen. Cavalli Bastos lebt in Berlin und beschäftigt sich mit der Dekonstruktion und Formation von Identitäten. Das runde Bild dreht sich, durch das Fischaugenobjektiv ist die Perspektive verzerrt, doch es lassen sich klar zwei ineinander verschlungene Körper ausmachen. Vielleicht hält sich ein*e Zuschauer*in das Handy näher an das Gesicht, um besser sehen zu können. Das Bild dreht sich weiter, die Positionen der Personen ändern sich, Hände streichen über Rücken, Bauch, Kopf. Der rote Teppich und der rote Vorhang scheinen in der Bewegung miteinander zu verschmelzen. Kuscheln ist ein Ausdruck von Intimität. Es wird als weniger dramatische oder tiefgreifende körperliche Begegnung zwischen Menschen eingestuft, doch beim Kuscheln werden starke emotionale und körperliche Bedürfnisse nach Nähe befriedigt. An diesem Punkt setzt Hardcore Cuddling an und verhandelt den (zeitlichen) Gegensatz zwischen hartem Sex und sanfter Zärtlichkeit.

 

Vika Kirchenbauer

The Island of perpetual tickling (2018)
Video-Installation, 35′ 38“

Vika Kirchenbauer ist eine deutsche Künstlerin, Musikproduzentin und Autorin und lebt in Berlin. In ihrem Werk setzt sie sich mit Édouard Glissants Idee des Rechts auf Opazität, Strukturen postfordistischer Arbeitsverhältnisse und der Beziehung zwischen Performer*in und Zuschauer*in auseinander. Das Plastiklaken und die Riemen haben etwas von Sexpartys, doch der Blauton erinnert an die großen Weichbodenmatten von früher aus dem Sportunterricht. Etwas Reizvolles, Verlockendes oder Verbotenes kann einen „Kitzel“ darstellen. Spannende Situationen oder Filme sind ein „Nervenkitzeln“. Kitzeln als sadomasochistische Praxis, liebevoll-spielerische Geste durch Eltern oder Partner*in oder aber fiese Folter durch ältere Geschwister und Klassenkamerad*innen. Spiel und Gewalt, Lachen und Schmerz, ein Eindringen in die Intimsphäre. Ein lachender oder schmerzverzogener Mund, Lachen als lustvolle Reaktion oder Panikreflex, lautes Kreischen. Lachen, bis die Tränen fließen, ein zweifelhafter Genuss. Kitzeln ist ambivalent.

 

Tejal Shah

Lucid Dreaming V (2013)
Drucke und Vervielfachungen, Collage, digitaler Druck auf Archiv-Papier

Tejal Shah ist Multimediakünstlerin und beschäftigt sich in ihren Videos, Fotografien, Installationen und Zeichnungen mit den wechselseitigen Beziehungen zwischen Bewusstsein, Ökologie, Gender und Wissenschaft. Sie lebt und arbeitet in Neu-Delhi. Eine Kulisse aus Wohnblocks, Hunderte eckige Fenster. Darunter der blaue Himmel, Bäume, freie Landschaft, rhizomatische Verwurzelungen, Verknotungen und Verästelungen. Zwei Figuren, die ein großes phallisches weißes Horn auf den Kopf geschnallt tragen, scheinen ins Bild zu schwimmen. Diese hybriden Figuren stammen aus Shahs Videoinstallation Between the Waves von 2012. Hier treffen Futuristisches, Archaisches, Spirituelles, Wissenschaftliches, Organisches, Anorganisches, Utopisches und Dystopisches zusammen. Durch die vielen Verwurzelungen ist alles im unteren Bildteil miteinander verbunden. Keine Entitäten, sondern ein Zusammenspiel und Ineinanderwirken vieler Agenten und Wirkkräfte – „making kin“ im Sinne Donna Haraways. Können so postmoderne Formen der Intimität aussehen?

 

Irma Joanne

Flesh, Rotterdam (2018)
Plaster body project, Rotterdam (2018)
Souled in Stardust, Rotterdam (2017)
Digitaldrucke

Für ihre Performances und Skulpturen hüllt die niederländische Künstlerin Irma Joanne ihren eigenen Körper oder selbstgefertigte Puppen in verschiedene Kunststoffe oder Gips.

Fleisch, in rote Folie gewickelt. Menschliche Gesichtszüge und Extremitäten zeichnen sich ab. Der Körper ist fragmentiert, Assoziationen zu schaurigen Frauenmorden und Schlachthöfen tun sich auf. Joanne spielt mit dem Verhüllen und Hervorbrechen der Körperform und der Körperteile, dem Körper als Sphäre der Vertrautheit und Intimität und mit der unterschiedlichen Materialität von Kunststoff, Folie, Stoff, Gips und Haut. In der Psychologie wird von Depersonalisierungserleben gesprochen, wenn Menschen sich von sich selbst entfremdet fühlen, das Bewusstsein für ihre Persönlichkeit verlieren, den eigenen Körper oder Körperteile plötzlich als anders oder fremd empfinden, das Gefühl haben, neben sich zu stehen. Joanne greift diese Gedanken auf und fluktuiert zwischen der Intimität des eigenen Körpers und Verfremdungseffekten.

 

Donna Huanca

CASITA QUINCUNX (2020)
Mixed Media, Öl- und Acrylfarbe auf Textilien, Blei, Plastik, synthetische Haare, Faden, Kunstleder, Metal auf Stahlrahmen mit Aluminiumverschlüssen
Courtesy the artist and PERES PROJECTS, Culver City

Donna Huanca ist eine bolivianisch-amerikanische multidisziplinäre Künstlerin, die in Berlin lebt und arbeitet. In ihrer Arbeit, die u.a. Skulpturen, Performances und Videos umfasst, beschäftigt sie sich verstärkt mit Kleidung, welche sie als Vertretung des menschlichen Körpers versteht. Eine Wechselwirkung zwischen Folien, Kunststoffen und Kleidung. Unterschiedliche Materialitäten, durchsichtig und undurchsichtig, leicht und schwer, robust und fragil. Huanca spielt mit Gegensätzlichkeiten. Viele der von Huanca genutzten Materialen dienen dazu, einzuhüllen – vor äußeren Einflüssen oder Blicken zu schützen. Kleider hüllen Körper ein. Diese Einhüllungen können die Intimsphäre schützen. Sie können aber auch als Einladungen fehlinterpretiert werden, die Intimsphäre anderer zu missachten durch ungewollten Körperkontakt, aufdringliche Blicke, Fragen und Kommentare – und so wiederum gesellschaftliche Probleme enthüllen.

 

Florian Hetz

Alex, Berlin (2019)
Jo, Berlin (2019)
Giclée-Drucke

o.T., (2016-2019)
Digitale Fotografien

Nur wenigen Fotokünstler*innen gelingt es, eine eigene, unverwechselbare Handschrift zu entwickeln. Bei Florian Hetz ist das der Fall. Er lebt und arbeitet in Berlin. Während viele seiner Zeitgenoss*innen ihre Umwelt im Stil von Butt Magazine oder Wolfgang Tillmans dokumentieren – lässige, behaarte junge Männer auf Partys oder zu Hause im Bett – wirft Hetz einen fast klinischen Blick auf die Oberflächen von Männerkörpern, die manchmal so weiß sind, dass sie wie transparent wirken. Der Kontrast zu den Schwarzen Körpern wird hier ästhetisch intensiviert. Einerseits erinnern die klassischen Posen bei ihm an die Arbeiten von Robert Mapplethorpe aus den 1980er Jahren – wohlkomponierte Ansichten des männlichen Körpers, deren Linienführung sich auch in Objekten wiederholt, die mit ins Bild gerückt werden. In den Fotografien von Florian Hetz gibt es aber oft eine „Bildstörung“: Körperflüssigkeiten, Haare oder Narben durchbrechen das perfekte Spiel der Formen. Auf diese Weise kommt Intimität ins Spiel: Das ideale Instagram-Motiv zeigt eine Irritation oder einen Riss und widersetzt sich somit dem flüchtigen, konsumierenden Blick. So unantastbar die Bilder sich zunächst geben, dokumentieren sie den menschlichen Körper eigentlich als verletzlich und leidend.

 

Kerstin Drechsel

o. T.aus der Serie if you close the door (2010)
Öl und Bleistift auf Nessel

Kerstin Drechsel beschäftigt sich in ihrer Malerei mit Intimität unter Frauen, die Frauen lieben, den Grenzen von Schönheitsbegriffen, Ordnung und Unordnung sowie der Schnittstelle von Privatsphäre und Öffentlichkeit. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Ein sexistisches Klischee besagt, dass Frauen stets nach Liebe und verbindlichen Beziehungen streben. Insbesondere lesbische Frauen gelten so als „Serien-Monogamistinnen“, auch in queeren Kreisen. Anonymer Sex in der Öffentlichkeit wird zwar besonders mit schwulen Männern in Verbindung gebracht und theoretisiert, hat jedoch auch unter lesbischen Frauen eine lange Tradition. Dunkel, schummrig, reduzierte Einrichtung, die durch sexuelle Funktionalität bestimmt ist. Der Darkroom als halböffentlicher Ort birgt Potenzial für intime und erotische Begegnungen, körperliche Erfüllung und Nähe, aber auch Angst oder Einsamkeit. Wenn Menschen im Darkroom aufeinander treffen, entsteht eine besondere Form der Gemeinschaftlichkeit, eine Communitas ohne klare soziale Struktur, jedenfalls für die Dauer der Begegnung. (Viktor Turner, Vom Ritual zum Theater, 1995)

 

Sholem Krishtalka

Midnight Chemistry (2017)
Les Resposants (2017)
Gouache auf Papier

Sholem Krishtalka ist ein kanadischer Illustrator und Autor. Seine Arbeiten sind inspiriert von seinen Erfahrungen und Erlebnissen in Berlin. Seine Bilder erzählen Geschichten, die von Einsamkeit, Intimität und alltäglichen Begegnungen handeln – in satten, kräftigen Farben. Nebeneinander die Sonne genießen, die Augen geschlossen. Manchmal sind zu zweit keine Worte nötig. Der Blick ins Mobiltelefon, das eine Bein eingehüllt in rosa Bettwäsche, die dramatische Falten wirft. Der Blick ins Mobiltelefon, das Tor zur Welt? Allein im Bett mit Nachrichten einer geliebten oder begehrten Person. Ein Aufleuchten des Displays, später nicht mehr allein in der rosa Bettwäsche sein, oder das Glück anderer einsam und sehnsüchtig betrachten. Auf einer Scheibe die Spiegelung zweier Körper. Einmal mit dem Daumen auf den Kreis als Symbol für den Auslöser tippen, die Spiegelung festhalten als Erinnerung. Das Mobiltelefon als moderne Körperextension, die vielfältig in das Intimleben eingreift, festgehalten durch Krishtalkas Pinselstriche.

 

Spyros Rennt

Menergy (red light), Berlin (2018)
Touched (an abundance of limbs), Berlin (2020)
Pigmentdrucke

Spyros Rennt fotografiert hauptsächlich analog. Zu seinen Sujets gehören Porträts und die Dokumentation intimer sozialer Situationen. Seine Fotos geben intime Einblicke in den queeren Untergrund Berlins und anderer Metropolen. Vier Paar nackte Beine eng zusammengerückt, ein Hintern von Striemen geziert. Ein gesenkter Kopf, Arme, Beine, Hände ineinander verschlungen, welcher Körper fängt wo an? Tattoos, sich kräuselnde dunkle Körperhaare, eine Hand, die unter die lockere Sporthose gleitet. Sex zu dritt, mit Socken an. Zweisamkeit, Dreisamkeit, Vielsamkeit. Eine innige schwitzige Umarmung auf der Tanzfläche, die Hand ruht liebevoll auf dem Kopf des Umarmten. Eine „raue Zärtlichkeit“ durchzieht Spyros Rennts Bilder. Raue Zärtlichkeit, Intimität in privaten Wohnzimmern, gemieteten Zimmern und öffentlichen Clubs. Intimität umschließt die Art und Weise, mit der Menschen einander begegnen. So beschreibt der afroamerikanische schwule Science-Fiction-Autor und Literaturkritiker Samuel R. Delany in seinen Memoiren den Sex unter Männern an ehemaligen Cruising Spots wie den Docks an der Christopher Street als nicht nur rein sexuell, sondern als eine Form, überaus menschlich, zart und liebevoll für andere Menschen da zu sein und gegenseitig aufeinander zu achten. (Samuel R. Delany, The Motion of Light in Water 2004)

 

Rafael Medina

The end of a love affair #1, #2, #3 – Monday, 03 Feb 2020 – 07 am, Berlin (2020)
Go Bang!, Berlin (2020)
Analog 35 mm, Digitaldrucke auf Baumwollpapier

Rafael Medina ist ein brasilianischer Fotograf, der in Berlin lebt und dort das Nachtleben dokumentiert. Seine Arbeiten zeigen LSBTIQ*-Menschen und fokussieren auf Sexualität und Body-Positivity. Das rote Licht spiegelt sich auf dem regenfeuchten Boden, keine Menschenseele, wo sich sonst Massen von schwitzenden Körpern Haut an Haut zur Musik bewegen. Zu Ende die Liebesaffäre CockTail D’amore, die 2009 in der Griessmühle begann. Sie fiel den Großinvestoren und der Gentrifizierung zum Opfer. Roland Barthes schreibt vom erotischen Foto, dass es ein gestörtes, rissiges pornografisches Bild sei. Die Pornografie ist laut ihm homogen, einförmig und stellt nur das Geschlecht zur Schau, wohingegen die Erotik verdeckt, verzögert oder ablenkt. (Roland Barthes, Die helle Kammer, 1998).) Eben diesen Effekt erzeugt das Riso-Druckverfahren bei Go Bang. Schmutz und Graffiti auf den Kacheln der öffentlichen Toilette, die drei Männer wandeln den Ort um in eine neue Art von Bedürfnisanstalt. Sex, Begehren und Intimität werden traditionell ins Private verbannt, doch insbesondere schwuler Sex findet an öffentlichen Orten statt, wenn man wie Medina weiß, wo.

 

Victor Luque

Whole, Ferropolis bei Gräfenhainichen (2019)
Fotodruck auf Aludibond

Victor Luque ist einer der Fotografen, der Berlins queere Clubszene mit seiner Kamera dokumentiert. Durch seine Fotografie möchte der spanische Fotograf Stimmungen einfangen, Narrative mit offenem Ende kreieren und Fragen aufwerfen. Luques Foto des Whole-Festivals lässt Gedanken an queere Utopien aufkommen. Der kubanisch-amerikanische Queer-Theoretiker José Esteban Muñoz beschäftige sich verstärkt mit Utopien und versteht Queerness als performativ, weil sie nicht nur ein Seinszustand, sondern ein aktives Tun in Richtung Zukunft ist. Dieses Tun geschehe beispielsweise durch Proteste, Performances oder auch Partys, die sozusagen eine „Zukunft in der Gegenwart machen“. (José Esteban Muñoz, Cruising Utopia, 2009). Das WHOLE United Queer Festival ist ein queeres Festival für elektronische Musik und Performance, das durch die Kooperation von Berliner und internationalen Underground-Kollektiven wie Pornceptual oder New World Dysorder ausgetragen wird. Tanzen und feiern war und ist politischer Teil queerer Geschichte. Inmitten des treibenden, lauten Festivals hielt Luque diesen stillen intimen Moment im Gremminer See fest. Queere Utopie?

 

George Le Nonce

The Oracle (2020)
Instapoems (2020)
Audio-Gedichte

George Le Nonce ist ein griechischer Dichter, der in Athen lebt und arbeitet. Er hat drei Gedichtbände auf Griechisch veröffentlicht. Seine Gedichte bedienen sich verschiedener  Textgattungen, darunter Kurzgeschichten, konventionelle Gedichte, Theaterstücke und Essays, um Themen wie die Konstruktion des Begehrens, die Schrecken der Intimität und den Verfall des Körpers zu erforschen. George Le Nonce arbeitet derzeit an einer englischen Version seines neuesten, unveröffentlichten Werks Oracle. Oracle ist eine Sammlung von fünfzig kurzen Prosastücken und fünfzig Gedichten, die auf dem Werk von fünfzig Dichterinnen basieren. Zerbrechliche Gesichter, fluide Identitäten und unbestimmte Stimmen stecken den Rahmen für Oracle. Sein anderes unveröffentlichtes Werk Serpent ist eine Studie über sexuelles Begehren, bestehend aus 24 Gedichten, 24 quasi pornografischen Erzählungen mit jeweils 999 Wörtern und 24 kurzen Essays. Die hier gezeigten Werke, die mit der eigenen Stimme des Dichters vorgetragen werden, sind eine Auswahl aus Oracle und aus Instapoems, einer Reihe von kurzen, imaginistischen Gedichten in englischer Sprache.

George Le Nonce, The Oracle

 places

 No one was there but he had the strange sensation that the room itself was staring at him, as at a man who was taking advantage of another’s innocence.
Alan Hollinghurst, The Sparsholt Affair

cannot recall when each of the scenes unfolded don’t believe it’s old age though i
never could recall not even the year after something had happened i could always
remember details of the place insignificant details mostly i could remember the
words we spoke i still can it’s not just about the proximity why do i why did i
i mean what’s the point apart from the obvious the wish to relive the need to relieve
the current pain the paper relief of something lived in a moment unlivable i
know we will always be there we will always be i didn’t always there was a time
when i was unsure cannot recall when that time was

café hafa broken chairs we sat on them regardless you stared at the infinity
before us i stared into your eyes (the sentimentality of it all notwithstanding) you
said this is indeed the end of the world i said but of course they called it the
interzone after all that evening we were chased by a herd of young boys you said
this is like suddenly last summer but without the brutal finality hence without the
imposed madness ingrained madness only cancerous madness from within

amnésie bar on the island you always called it the island it is an island i suppose
even though it’s only a two minute walk from the mainland that dog margot that
always sat on your lap she was ancient but loved the hustle and bustle the
bartender they called the rat the three kisses he gave each of us each time the
perennial smile on your face at least i assumed it would be perennial the walk
back to the hotel across the bridge then the room that tiny room so tiny it
should have been a single a single room a cell

porta bar three stools a microscopic table and isabel pantoja’s music and to think
that wasn’t even in spain neither of us can speak spanish the night the barman
died the french woman’s face turned white i’m going to tell you she said because
you’ve known him for so many years he’s not coming to the island tomorrow as
planned and then there was no more pantoja appropriate though she would have
been the french woman played loud music hordes of tourists danced in oblivion
but they would have danced anyway we had to go this was the very first horror
we shared

that hotel in budapest in buda i believe but i could never tell which was which so
intertwined I believe it reminded us of us our room was named after a minor
german actor with a grand name maximilian i think it was grand indeed life is
a cabaret you said no matter if maximilian was helmut griem’s character or
michael york’s that is if he was the seducer or the innocent i could never recall
names anyway or traits couldn’t trace the agency of seduction we just looked
out the window and smiled by then my face reflected yours i was beginning to
get it this was forever the danube was dark day and night no difference

café bizarre bizarre indeed i think the proprietor’s name was antonio can’t be
sure though it’s been so many decades he smiled and said he was a freak and loved
it and the funny thing is that he was we loved him too we loved him all night as
a matter of fact in the back of the bar after the doors had closed the dutch bartender
watching like a hawk smoking joint after joint and i still can’t believe how young
we were how innocent how pure those public penetrations behind closed doors the
third person didn’t mean a thing the voyeur neither so inexorably pure were we

the kitchen in your friends‘ place in that village packed with guests they had to put

us up in the kitchen and a tiny little kitchen it was we would go to the beach for
privacy or hide behind trees in the village square premeditated affections on a
daily basis we said we were going for a walk but everybody knew what this was all
about privacy means hiding from those that know you strangers do not count
you can do anything before strangers and we did we were so young after all
oblivion is despite everything a young lovers’ thing

places i recall mostly details of places words the proximity of the flesh the
proximity indeed the flesh indeed there is no such thing as the soul but the flesh
is the flesh is still there

 

George Le Nonce, Instapoems

 among the ruins

 i trusted you implicitly, he said,
that’s why i followed you

i trusted you too, i said,
that’s why i sort of led the way

we were both complicit in this crime
both so naively complacent

 

apparition

 nobody saw him
noboby heard him

yet that sudden warmth in me
was unmistakable

the flood of tears I hadn’t shed
was unmistakable

oh yes he was there
of course he was there

imperceptible to the rest of the living
as lovers are

 

est-ce que vous pourriez supporter la vie que vous avez?

whether it’s the fingers or the palm of the hand
that first get that tingling feeling
i don’t know

but the sense that you hold his life in your hand
as you grab him
is as unmistakable as the impending
biological proof of the pudding

 

holiday

let’s go to the same place again
there’s comfort in familiar destinations

surprises are a risk
they can be pleasant or unpleasant

remember those sinister looks we got
at that place we’d never visited

all the unfamiliar streets and sights
all the decisions that had to be made

never again

there’s no time for that
no time for the unlived life