Aktuell 27. Oktober 2017

Objekt des Monats: November

„Wenn Frauen hassen“ – so lautete der unwiderstehliche sondern der deutsche Verleihtitel des wohl ersten „feministischen“ Westerns der Filmgeschichte. Ein Drama um zwei starke Ladies, für das B-Picture-Studio  Republic im Stil einer griechischen Tragödie mit überlebensgroßem Pathos im knalligen Trucolor-Farbverfahren inszeniert von Nicholas Ray. François Truffaut nannte den Film „La Belle et la Bête“ des Westerns, wobei die Rollenverteilung hier keineswegs eindeutig ist.

In der Hauptrolle: die Schwulen- und Lesbenikone Joan Crawford in Hosen, Kurzhaarschnitt und Kabuki-Make-up. An ihrer Seite als Titelheld „Johnny Guitar“ (so der US-Originaltitel) der erstaunlich passive Macho Sterling Hayden, der sein Schießeisen mit der Gitarre vertauscht hat. Entgegen der vollmundigen Werbung des US-Filmplakats markierte der Film nicht „Joan’s Greatest Triumph“, sondern ein weiteres Downgrade in ihrer verblassenden Filmkarriere.  Ihrer maskenhaft-maskulinen High-Camp-Phase Anfang bis Mitte der 50-er Jahre verdankt der unter die Oberfläche des Mainstream-Kinos blickende Cinéast dennoch einige Perlen des kultivierten Schund, darunter „Female on the Beach“ (1955) und „Autumn Leaves“ (1956). In „Johnny Guitar“ wird ihre bösartige Gegenspielerin „Emma Small“ verkörpert von der winzigen, energiegeladenen Mercedes McCambridge, die aus sexueller Frustration einen Hass-Feldzug gegen die Crawford anzettelt. Spätestens wenn sie krächzend und mit irrem Blick Crawfords Saloon in Flammen setzt, weiß man, warum McCambridge für die Stimme des Teufels in „Der Exorzist“ (1974) verpflichtet wurde. Beim tödlichen Showdown zieht sie dann aber doch den Kürzeren, im wahrsten Sinne … Joan und Mercedes hassten sich im wahren Leben mindestens so sehr wie ihre Filmfiguren. Während der Dreharbeiten zerstörte Crawford im Alkoholrausch die Garderobe ihrer Kontrahentin. Am Ende des Films wünscht man sich beinahe, beide Ladies hätten, statt ihren Schwanzvergleich per Coltlänge auszutragen, zusammen Crawfords Saloon wieder aufgebaut und gemeinsame Sache gegen das „Mannsvolk“ gemacht. Stattdessen watet Crawford an Haydens Arm durch einen Wasserfall ins Happy End und Peggy Lee singt den legendären Titelsong …

Der Film wurde bei seinem Erscheinen von der Kritik verrissen, von den Fans dagegen zum Kultfilm erklärt. Zuerst von den französischen Cineasten um Godard und Truffaut, später auch von Pedro Almodovar, der in „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (1987) Ausschnitte aus „Johnny Guitar“ verwendete.